“Money Boy ist alles andere als dumm!”

Prof. Dr. Peter Vitouch muss es wissen. Er hat Money Boys Diplomarbeit betreut.
Moneyboy - ErisguterStudent.
Moneyboy - ErisguterStudent.
Von Daniel Köhler

Dass Sebastian Meisinger, dem geneigten Hypevolk als Moneyboy bekannt, einen akademischen Abschluss an der Universität Wien erlangt hat, ist bekannt. Doch es ist wie bei Loch Ness: Gesehen hat das Monster noch niemand. Bis jetzt.

#MONEYBOYLEAKS: In einer deutschlandweiten Kooperation sind Noisey, redbull.com/music und das Splash Mag im Zuge einer investigativen Recherche auf die Abschlussarbeit von Money Boy gestoßen. Die Arbeit gibt uns Einblick in eine geheime Welt. Sie identifiziert den Boy als gebildeten Mann mit Hochschulabschluss und sein Handwerk beherrschenden Wissenschaftler. In der Serie #MoneyBoyLeaks nähern wir uns dem wohl bizarrsten wie konsequentesten Pop­-Phänomen der letzten Jahre.

Hier: Das Interview mit Moneyboys Diplomarbeitsbetreuer
Noisey: Die besten Zitate aus Moneyboys Diplomarbeit
Splash Mag: Erste Rückschlüsse aus Moneyboys Diplomarbeit

Das Thema war seine Idee. Moneyboys Diplomarbeit.


Wir sprechen also mit dem Mann, der den akademischen Weg des alpenländischen Ali G maßgeblich begleitet hat: Prof. Dr. Peter Vitouch, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Wien und Moneyboys Diplomarbeitsbetreuer.


Herr Professor: Welche Erinnerungen haben Sie noch an ihren ehemaligen Studenten Sebastian Meisinger, genannt Moneyboy?

“Ich kann mich noch an unsere ersten Begegnungen erinnern. Er war natürlich schon immer eine, nennen wir es spezielle, Person. In meinen Erinnerungen habe ich ihn als sehr groß und ein bisschen ungelenk abgespeichert. Und er hat damals schon sehr interessante Kappen getragen.”

Das Thema der Arbeit “Gangsta Rap in Deutschland” war vermutlich seine Idee. Wie haben Sie damals auf diesen Vorschlag dieses schlacksigen Jungen reagiert?

“Offen, so wie man auf Vorschläge eben reagiert. In den Gesprächen wurde auch sehr schnell klar, dass hier ein seriöses Forschungsinteresse auf eine persönliche Begeisterung traf. Natürlich sind da auch meine Ideen eingeflossen, das aber mehr im empirischen Bereich der Arbeit. Ich möchte aber festhalten, dass mein Betreuungsaufwand bei dieser Arbeit nicht besonders hoch war..”

Ihre eigene Expertise in der Causa Gangstarap würden sie rückblickend wie einschätzen?

“Ich hatte mit deutschem Gangstarap wirklich nichts zu tun. Ich wusste Einiges über den amerikanischen Gangsterrap, zum Beispiel dass die Menschen sich dort gegenseitig dezimieren. Und dann natürlich die gescheiterten Zensurversuche einer Tipper Gore. Aber viel mehr wusste ich nicht. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive sind die Wechselwirkungen zwischen gewalttätiger Sprache, und eventuellem Handeln der Nutzer, aber durchaus interessant für mich gewesen.”

Moneyboy hat in seiner Erhebung zwei Gruppen gebildet, und Ihnen jeweils unterschiedlich aggressive Songs von Massiv, Bushido und Azad vorgespielt. Danach mussten sie einen Fragebogen zu Hip Hop in Deutschland ausfüllen. 62 Fragebogen kamen dabei herum: Ein normaler Wert?

“Ja, das ist ein normaler Wert. Sie dürfen nicht vergessen, dass es hier nicht um eine statistisch repräsentative Arbeit ging. Eine Gruppenarbeit folgt anderen Kriterien. Grundsätzlich gilt: Keine Diplomarbeit kann die komplette Wahrheit erheben, somit kann auch die Arbeit von Moneyboy nicht mit diesem Anspruch behandelt werden. Innerhalb seiner Diplomarbeit war der Datensatz ausreichend und viel wichtiger, er wurde fachgerecht erhoben und interpretiert.”

Wir empfehlen den Arousal und Excitation-Transfer.
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In Deutschland werden nur Magisterarbeiten, die mindestens die Note Zwei erhalten, in Universitätsbibliotheken aufbewahrt. Trifft das auch auf Österreich zu?

“Auf Österreich trifft das nicht zu. Ich muss auch zugeben, dass mir seine Arbeit jetzt nicht mehr en detail parat ist. Aber es ist unstrittig, dass es sich dabei um eine seriöse und experimentell gestützt Abschlussarbeit handelt. Ich weiß auch nicht mehr genau wie ich die Arbeit bewertet habe. Aber es wird schon ein ‘Gut’ gewesen sein.”

Haben Sie die Wege von Moneyboy danach verfolgt? Es war ja schwer in den letzten Jahren an ihm vorbei zu kommen.

“Ach, ich bin damals ganz gut an ihm vorbeigekommen. Allerdings hatte ich damals eine Zeit, in der hauptsächlich weibliche Mitarbeiterinnen bei mir beschäftigt waren. Eines Tages stand eine von Ihnen mit einem breiten Grinsen im Gesicht in meiner Tür und meinte: ‘Herr Professor, vielleicht wollen Sie das ja auch sehen’. Sagen wir es so: Ich war einigermaßen überrascht. Aber sie hatten Recht: Ich wollte das wirklich sehen. Und wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich auch gerne darüber mit Ihnen sprechen.”

Nichts leichter als das. Was fasziniert den Kommunikationswissenschaftler in Ihnen am Phänomen Moneyboy?

“Ich möchte vorab sagen, dass ich Moneyboy für alles andere als dumm halte. Das darf man ihm nicht unterstellen, auch wenn seine Produktionen da gerne einen anderen Eindruck vermitteln. Moneyboy beliefert die Population mit den besten Versatzstücken aus seiner Erfahrung im wissenschaftlichen und privaten Umgang mit Rap. Und das funktioniert. Er wirft seinem Publikum genau das vor was sie brauchen, akzeptieren oder wollen. Das ist eine bemerkenswerte publizistische Leistung.”

Das, oder man sieht es als mehr oder minder grandiose Persiflage.

“Das stimmt. Diese Betrachtungsweise ist ebenfalls zulässig. Er fuchtelt hier und da zwar mit einer Pistole herum, aber das ist im Kontext vermutlich harmlos zu bewerten. Ich könnte mir auch vorstellen, dass er den Markt damit entlarven wollte, oder weiterhin entlarven will. Das würde ich ihm zutrauen.”


Seine Diplomarbeit handelt ja von der Wirkung von Rapmusik auf die Rezipienten. Ich habe Ihnen den Song “Masturbiert” geschickt. Wie sieht eine denn eine wissenschaftliche Annäherung an diesen Song aus?

“Natürlich muss diese Antwort jetzt, mangels Überprüfung, fiktiv bleiben. Aber ich denke, dass er mit diesem Song durchaus auch vorhandene Probleme Jugendlicher aufgreift. Jugendliche, die Probleme mit dem anderen Geschlecht haben. Ich habe selbst zwei Söhne, ich weiß welche Probleme da auf einen jungen Mann zukommen. Und Moneyboy bietet mit diesem Song ein Ventil für die Gefühlslagen dieser jungen Männer. Ob er das so gewollt hat? Das müssen Sie Ihn fragen.”


Was ist Ihnen bei dem Song “Der Louis-Store war zu” durch den Kopf gegangen, Herr Vitouch?

“Ja, das ist natürlich der pure Hohn! Sein einziges Problem im Leben ist, dass dieser scheiß Louis Vuitton-Store zu ist! Konsequenter kann man die Konsumgesellschaft nicht auf die Schippe nehmen. Ob das jetzt formal gelungen ist oder nicht, ist eine andere Frage.”

Welche körperlichen Reaktionen kann die Musik von Moneyboy, ihrer Ansicht nach, denn auslösen? Innerhalb der Szene reicht das Spektrum von Lach- bis Wutanfall.

“Ich stelle mir eine deutliche, physiologische Aktivierungssteigerung vor. Also erhöhter Puls, Schweißentwicklung an den Händen und eine Reaktion der Pupillen. Die Frage ist jetzt: Amüsieren sich die Leute, oder ärgern sie sich. Dazu würde ich die Methode des ‘Lauten Denkens’ verwenden. Was ich aber schon jetzt feststellen kann: Moneyboy lässt die Leute sicher nicht gleichgültig.”
 

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