Es war einmal: die Beginner im Hier und Jetzt

„Wenn ein Gzuz auftaucht, ist das nicht für jeden einfach“ – das Älterwerden mit HipHop.
Ahnma - die Beginner © Martin Sass www.martinsass.com
Von Falk Schacht

Promotion-Rituale und Festivals sind oft nicht besonders gut kompatibel. Besonders schwierig wird der Interviewmarathon zum langerwarteten neuen Album, wenn sich der Künstler am Vorabend richtig gegönnt hat, wie man so sagt. So wie Jan Delay, der jetzt wieder Eizi Eiz heißt und am Vorabend unseres Interviewtermins auf dem splash! Festival etwas tiefer ins Glas geschaut hat. Denyo kommentiert eingangs den resultierenden Kater.

Denyo: Soviel zum Thema Authentizität und ob wir noch über das rappen, was wir auch wirklich erleben.

Wie meinst du das?
Eizi Eiz: Einige Journalisten fragen in letzter Zeit, ob das denn überhaupt noch so ist, wenn wir vom Saufen und Weggehen rappen.
Denyo: Weil wir ja jetzt so alt und seriös sind. Weil wir Väter sind. Weil man ab spätestens 35 nicht mehr weggeht …
Eizi: So gehört sich das.
Denyo: … und auch keinen HipHop mehr hört, sondern nur noch anständige Musik.

Euer Alter scheint ja ein wichtiges Thema zu sein für viele Leute?
Eizi: Lustigerweise kommen diese Fragen von denen, die so alt sind wir wir, nicht von den Jungen.
Denyo: Viele, die uns interviewen, sind zwischen 40 und 50. Die Leute altern schneller, als man denkt, auch innerlich. Daraus ergeben sich dann so komische Haltungen, und dann kommt die Frage auf: Kann man als HipHopper in Würde altern?

Kann man denn in Würde altern im HipHop? Die Frage ist doch, ob die Umwelt es zulässt, dass man in Würde altert. Jan, du läufst immer noch mit Kappe rum. Ist das akzeptabel?
Eizi:
Ja, ich kann ja mal nach Amerika gucken: Jay Z, Russell Simmons, alles cool (lacht). Meist fragen das Journalisten aus unserer Generation oder älter. Die stellen sich eigentlich selber die Frage: „Darf ich das noch?“

Sind die eifersüchtig auf euch? Ihr könnt das machen in eurem Beruf. Die würden eher aus dem Rahmen fallen.
Denyo: Ich glaube, das ist so ein standardmäßiges Erwachsenenbild, das manche haben. Wenn du ein seriöser, erwachsener Weißer bist, machst du bestimmte Sachen nicht mehr. Dann hast du nicht Spaß auf einer Party oder trinkst mal einen über den Durst, selbst wenn du 100 Babysitter organisiert hast, weil man das als Eltern nicht mehr macht. Da fängt es halt an.

Also finden die euch eher peinlich, weil ihr euch danebenbenehmt in deren Augen?
Denyo: Nee, ich glaube, das sind Projektionen. Eine unbewusste Angst, aus dem Rahmen zu fallen, nicht angepasst zu sein, nicht dem System zugehörig zu sein. Es ist ja ein superkapitalistisches System, in dem wir hier leben, in dem man zu funktionieren hat. Wenn man da ein Querschläger ist, geht das schnell schief. Ich glaube, daher kommt auch so eine Grundangst von erwachsenen Menschen.

Dafür würde sprechen, dass ihr schon vor 20 Jahren aus dem Rahmen gefallen seid. Es hat sich eigentlich gar nichts bei euch geändert. Außer dem Alter.
Eizi: Deshalb sind wir so schön darauf vorbereitet. (lacht) Auf Einschläge jeglicher Art.

Ihr habt Gzuz auf dem Album. Das scheint viele Leute aufgeregt zu haben. Es waren Sätze zu lesen wie: „Was soll dieser Türsteher-Rap?“ Wie hat ihr die Reaktionen empfunden?
Eizi: Man denkt dann so: „Hach, Mann.“ Jeder Mensch hat das gute Recht, zu sagen: „Ey, ich mag nicht, wie der Typ rappt.“ Aber ich unterstelle 80 Prozent der Kritiker, dass es nicht darum ging, wie er rappt, sondern dass sie ein Problem mit seiner Person haben, wofür er steht. Man sollte nicht mit dem Gehirn hören, sondern mit dem Bauch. Entweder du findet das geil oder nicht.

Wenn das echte Fans von euch sein sollten, haben die jemals verstanden, wofür ihr steht?
DJ Mad: Das ist das Ding mit dem Internet. Schon 2003 zum letzten Album gab es Hatereien. Die sind aber nicht bis zu dir vorgedrungen. Die haben irgendwo in einem Park in Wanne-Eickel rumgehatet und das war's. Und jetzt fliegt dir so was um die Ohren. Dabei ist die Mehrheit unserer Fans nicht so, das haben wir auf den ersten Konzerten gesehen. Wir fangen mit „Ahnma“ an und der ganze Saal hat den Part von Gzuz mitgerappt.
Denyo: Das kann man nicht so einfach beantworten. Zwischen diesem und dem letzten Album liegen 13 Jahre, das ist einfach wirklich viel. Viele Menschen altern tatsächlich, auch innerlich. Nicht jeder kann damit umgehen, sich immer wieder zu erneuern. Wir als Musiker sind nicht umsonst diesen Weg gegangen. Schon mit 14 haben wir geschaut, was denn jetzt gerade geil ist. Das inspiriert uns. Diese Grundeinstellung hat sich nicht geändert. Das war genauso, als wir „Bambule“ gemacht haben. Da haben wir auch nicht gesagt, wir machen jetzt diesen Sound, den sie 20 Jahre später „Retro“ nennen werden, und dabei bleibt es. Wir haben einfach das gemacht, was wir geil fanden. Genau so ist das jetzt auch. Für manche Fans ist die Musik eine Art Tagebuch, die erinnern sich an diese alten Zeiten, und wenn dann auf einmal ein Gzuz auftaucht, ist das nicht für jeden einfach.
Mad: Ich glaube, Gzuz repräsentiert für viele der Old-School-Golden-Era-Heads auch die Zeit, wo diese Leute ihren HipHop versaut haben. Die wollen den halt nicht in ihrer verklärten Vorstellung von HipHop haben, zu der wir nun mal gehören. Der ist ein Stachel im Fleisch.

War das für euch nicht auch so, dass etwas kaputtgegangen ist, als Aggro reinkam?
Eizi: Ich würde das nicht an Aggro festmachen. Aggro hat eher Türen geöffnet. Die Zeit vor Aggro mit dieser geplatzten Deutschrap-Blase, wo jeder Scheiß sofort gesignt wurde, das war viel anstrengender. Das hat zumindest mir HipHop versaut, nicht Aggro Berlin. Aber was das später nach sich gezogen hat, dass einfach jeder, der 500 Gramm Koks tickt, darüber rappt und seinen Kampfhund-Song macht. Überhaupt keine Skills mehr, keine Ideen mehr, keine Kreativität mehr. Kein Flash. Das war dann so low um 2008 rum.

Als ihr Teenager wart, war HipHop in Deutschland klein und es gab nur wenige HipHopper. Dann hatte man so Fantasien, wie man sich HipHop wünscht. Was ist jetzt, 20 Jahre später, davon eingetreten und was fehlt noch?
Eizi: Wir hatten immer so einen Flash vor den „Bambule“-Zeiten, dass es sein sollte wie in New York, wo du halt beim Schlachter bist und da läuft Hot 97, wo Sechsjährige anrufen und sagen, warum der eine Rapper besser ist als der andere. Oder ein Opa mit Kopfhörern in der U-Bahn sitzt und Rap hört. Letztendlich ist es jetzt so ähnlich geworden und das ist unfassbar. Das ist so krass!
Denyo: Das sollte noch weiter gehen. Es heißt ja immer, HipHop ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Stimmt nicht. HipHop ist nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen …
Eizi: Das ist auch gut!
Denyo: … HipHop ist so large, dass es keiner aus der Gesellschaft mehr ignorieren kann. Aber aus irgendwelchen komischen, vorurteilsbehafteten Gründen wird es immer noch belächelt. Ich wünsche mir halt, dass es noch mehr in der Mitte ankommt. Was nicht bedeutet, dass HipHop sich anpassen soll, sondern dass die Gesellschaft offener werden soll.
Mad: Mir tut es weh, dass die Livekunst so ein bisschen auf der Strecke bleibt. Früher war halt das A und O, was du kannst, da war unerheblich, ob du die hippsten Sneakers anhattet oder den geilsten Trainingsanzug oder die hübscheste Freundin im Arm. Da ging es darum, ob du die derbsten Tanzmoves hast oder wie du malst. Wenn ich manchmal so junge Acts auf der Bühne sehe, denke ich: „Alter, ich hab schon Zeiten gesehen, da wehte ein anderer Wind auf der Bühne. Da haste dich mit so was nicht hochgetraut.“ Ein bisschen mehr Flash könnte da guttun.
Denyo: Was ich mir auch wünschen würde: dass die Leute endlich mal nicht die Rapper so wortwörtlich nehmen, sondern die Energie dahinter. Was ist denn das, wenn jemand von Koksticken und Nutten redet? Dahinter steckt ein Befreiungsschlag. Das ist Tourette, das ist so: „Ich will hier raus, ich pass' mich nicht mehr an und ich passe hier auch gar nicht rein.“ Ich finde, dafür hätte Rap sehr viel mehr Anerkennung verdient. Das sind Ventile für eine Gesellschaft. Das ist extrem wichtig für eine Gesellschaft, dass es HipHop gibt. Das muss endlich wirklich ernstgenommen werden.

 

read more about
Zur nächsten Story