KitschKrieg und Trettmann: die Operation

»Da ist Leid, da sind Abgründe. Und die sind wunderschön.« Trettmann, Fiji Kris & Fizzle im Gespräch
Trettmann, Fizzle und Fiji Kris in Kreuzberg © www.awhodat.com
Von Stephan Szillus

2016 war das Jahr von KitschKrieg und Trettmann. Die KK-Gang, bestehend aus Fiji Kris, Fizzle und °awhodat°, produzierte ein paar der größten kleinen Hymnen des Jahres, etwa »Ein Messer« für die übertalentierte Hamburger Rapperin Haiyti. Vor allem aber der Leipziger Trettmann erfand sich auf dem melancholischen Trap-Gedonner so überzeugend neu, dass seine Reichweite explodierte.

Nun erscheint die dritte KitschKrieg-EP binnen weniger Monate, für das Jahresende ist noch eine Vinyl-Edition der Trilogie angedacht, bevor es an die Produktion des großen Trettmann-Soloalbums geht. Stephan Szillus traf die KitschKrieger Fizzle und Fiji Kris und Trettmann, den Lieblingssänger deines Lieblingsrappers, während der Arbeit an »KitschKrieg 3« in den Red Bull Studios Berlin zum Update.

KitschKrieg existiert ja in dieser Form erst wenige Monate. Wie ist dieses Team entstanden?

Trettmann: Fizzle und ich kennen uns schon lange. Er hat damals den ersten Dancehall-Remix für mich gemacht. Der Kontakt ist nie abgebrochen. Und vor zwei Jahren habe ich zum ersten Mal einen Song auf einem Symbiz-Riddim aufgenommen, der über das Label von Fizzle erschienen ist. Danach sind die irgendwie nicht mehr abgehauen, hatten plötzlich einen neuen Namen und °awhodat° an Bord. Seitdem läuft die KitschKrieg-Operation und macht mich glücklich.

Wenn jetzt die dritte KitschKrieg-EP innerhalb weniger Monate erscheint, könnte man meinen, dass dahinter ein ausgeklügelter Masterplan steckt …

Trettmann: Dass die erste EP so gut ankam, beflügelt einfach. Ich mache seit 20 Jahren Musik und komme aus der Dancehall-Nische. Innerhalb von einem halben Jahr habe ich meine Zuhörerschaft vervierfacht. Unabhängig vom Zuspruch haben wir unseren Sound einfach gefunden. Natürlich ist alles weiter in Entwicklung. Den großen Masterplan, dieses Jahr drei EPs zu machen, gab es nicht, aber wir arbeiten hart und ballern raus. Außerdem gab es noch die Bonus-EP zu Bonez und RAFs „Palmen aus Plastik“-Album, also haben wir eigentlich schon vier EPs dieses Jahr. Hättest du mir das Anfang des Jahres gesagt, hätte ich laut gelacht.

Was sind eure gemeinsamen musikalischen Wurzeln?

Fizzle: Wir kommen alle aus der Soundsystem-Kultur und sind durch diese Schule von Reggae, Dancehall, Grime und artverwandter Musik gegangen. Das ist unser gemeinsamer Nenner, auf den wir uns immer zurückziehen können. Die Basis aus all unseren Vorprojekten. Man ist halt beeinflusst von karibischer Musik. Aber Soundsystem ist für mich nicht nur mit Jamaika verbunden, sondern auch mit England. In London gehen sie sehr offen an die Sache ran und haben keine Scheuklappen. Grime oder Bashment, das ist kein großer Unterschied für mich.

Fiji Kris: Dancehall, Bashment, Bassmusik … die Verschmelzung der Stile wird in anderen Ländern und Szenen nicht so verkopft diskutiert. Mit Symbiz bin ich viel durch internationale Clubs getourt und habe auf Festivals in verschiedenen Ländern gespielt. Da begreift man auch die Funktionalität dieser Musik.

Trettmann in den Red Bull Studios Berlin © www.awhodat.com

Trettmann: Ich war noch nie in UK, aber ich erkenne mich in dieser Verschmelzung der Stile wieder. Meine Sozialisation war ganz klar Jamaika. Über zwei Dekaden hinweg bin ich immer wieder hingefahren. Ich habe aber auch viel amerikanische Musik gehört, bin mit Soul aufgewachsen, durch die Plattensammlung meiner Mutter.

Fiji Kris: Im jamaikanischen Dancehall gab es auch immer schon einen Austausch mit HipHop und R&B. Das Konzept „Two turntables and a mic“ ist ja recht universell übertragbar. Und man kann darauf lokal ein eigenes Ding aufbauen. Wir haben keinen Bock auf diese Realness-Debatten und hinterfragen den eigenen Geschmack nicht zu sehr. Unser Rezept lautet: Einfach machen, Produktivität hochhalten und eine Community aufbauen.

Wie sieht eure Zusammenarbeit im Studio konkret aus?

Fizzle: Wir machen das schon seit vielen Jahren und haben dabei unsere Fähigkeiten geschärft. Man weiß im Team schon genau, wer welche Stärken hat und muss sie nur gut zusammensetzen. Wir stellen uns zur Vorbereitung so bekloppte Fragen wie: Stell dir vor, du gehst mit einem Künstler vom Kaliber Skepta ins Studio. Was dann? Was musst du tun, um vor solchen Leuten bestehen zu können? Da muss man ehrlich zu sich sein. Wir sind seit mehreren Monaten wie in einem Trainingsmodus und arbeiten sehr hart an uns. Wir trainieren, um dieses Pensum schaffen zu können, was nötig ist, um jetzt mal fünf Schritte zu überspringen und etwas von echtem Wert zu hinterlassen.

Fiji Kris: Gutes Teamwork bedeutet auch, dass man so viel Vertrauen in die Fähigkeiten der anderen hat, dass man Bereiche, in denen man weniger stark ist, loslassen kann. Im Urban- oder HipHop-Segment ist man als Producer gewohnt, alles von Anfang bis Ende selbst am Laptop zu machen. Eine Kollaboration gerät dann schnell zum Kompromiss. Wir arbeiten anders. Wir schreiben den Song mit dem Künstler zusammen im Studio, kümmern uns anschliessend um die passende Visualisierung und Verpackung des Ganzen. Massives Shoutout an °awhodat° an dieser Stelle, unser weibliche David Lynch und die Erfinderin der Schwarzweißfotografie!

Fizzle und Fiji Kris tun Studiodinge © www.awhodat.com

KitschKrieg steht für mich für einen zeitgemäßen Sound aus einem Club-Kontext, der aber stets von einer gewissen Melancholie durchzogen wird. Woher kommt die?

Fiji Kris: Ich mochte bei Trettmann früher schon am Liebsten die Songs, bei denen eine bestimmte Traurigkeit durchschimmerte. Mich berührt Musik, die nicht aus so einem privilegierten, langweiligen Hintergrund kommt. Da muss eine Dringlichkeit vorhanden sein. Deswegen mag ich es auch so, mit Haiyti zu arbeiten. Du spürst einfach, das ist echt – da ist Leid, da sind Abgründe. Und die sind wunderschön.

Trettmann: Nenn es Soul oder Blues. Darauf lässt sich das alles zurückführen, egal wie du es nennst. Das ist auch die Musik, mit der ich aufgewachsen bin und die mir am meisten zusagt.

Fizzle: Ich co-signe Fijis Antwort. Außerdem weine ich gerne und viel. (Gelächter)

Ihr werdet vor allem sehr positiv in der deutschen HipHop-Szene rezipiert. Wie sieht eure Verbindung zu dieser Welt aus?

Trettmann: Als ich für einen Soundclash letztes Jahr mal Dubplates von deutschen Rappern angefragt habe, spürte ich erst, wie groß die Unterstützung aus dieser Szene für meinen Sound war. Die kannten alle meinen Stuff und ließen mich wissen, dass sie ihn feiern.

Fizzle: Wir bekommen wirklich sehr positives Feedback aus der Rap-Szene. Im deutschen HipHop registriert man halt, wenn einer gut texten kann. Das war der Punkt, für den Tretti seinen Respekt bekommen hat. Die ganzen Rapper haben das immer erkannt. Und jetzt, wo er Produktionen hat, die seinen textlichen und gesanglichen Qualitäten etwas mehr Platz lassen, wird das nochmal deutlicher wahrgenommen. Und musikalisch sind die Grenzen auch schwimmender geworden.

Fiji Kris: Ich war früher ein richtiger HipHop-Fascho. Und ich mag deutschen Rap heute primär deswegen, weil sich darin mittlerweile eine eigene kulturelle Identität entwickelt hat. Wir sehen es so: Es gibt genreübergreifend Scheiß-Musik und geile Musik. Und auch in jedem Hype-Genre gibt es gute Songs, die einen berühren und mitnehmen.

Gute Aussichten: Trettmann © www.awhodat.com

Und wie ist das Feedback aus der Reggae-Community? Anders gefragt: Gibt's die überhaupt noch?

(Gelächter)

Fiji Kris: Das hast du gesagt!

Fizzle: Seien wir ehrlich: Das ist eine sehr kleine Szene, die sich primär um sich selbst dreht. In dieser winzigen Szene gibt es nur wenige musikalisch offene Leute. Von der traditionellen Reggae-Soundsystem-Szene werden wir größtenteils ignoriert. Die haben einen sehr engen Kosmos und sind damit überfordert, dass Trettmann die Schublade verlassen hat.

Trettmann: In Jamaika läuft alles gleichberechtigt: HipHop, R&B, Reggae, Dancehall. Nur in Deutschland wird so ein Genre-Ding draus gemacht. Hier spielt ein Soundsystem wirklich die ganze Nacht nur Reggae. Das muss man sich mal vorstellen! Unfassbar.

Fiji Kris: Im Reggae gibt es derzeit keine nachwachsende Generation. Das kann wieder kommen, aber momentan hören die Kids halt Rap. Vielleicht ändert sich das auch gerade wieder durch den Hype um „Palmen aus Plastik“, man wird es sehen. Ich fände es jedenfalls cool, wenn da was ginge.

read more about
Zur nächsten Story