IMYRMIND – dieser infantile Modus

„Alles neu angehen, neue Geräte, neue Sounds“: mehr Konzept muss gar nicht sein
David Wegner ist IMYRMIND © Money $ex Records
Von Ralf Theil

Der Weg von Beatmacher-Anfängen im Bochumer Elternhaus hin zum Debütalbum auf einem der angesagtesten und wiedererkennbarsten Labels der jüngeren Berliner House-Geschichte ist gar nicht so weit, wie man meinen sollte. Für David Wegner alias IMYRMIND zumindest hat sich das einfach so ergeben, wie vieles, was um ihn und seine Peer-Group herum – Max Graef, Glenn Astro, Delfonic und Kollegen – eben passiert. Auf „Uniwersum Luxus“ gelingt es Wegner, den vermeintlichen Money-$ex-Records-Blueprint nicht einfach auf den Punkt zu bringen, sondern locker zu erneuern: vielleicht mehr Techno, wahrscheinlich mehr Minimalismus, ganz unbedingt aber mehr Experimente als zuvor. Anders wäre „Uniwersum Luxus“ auch nie zustande gekommen, verrät er uns.

Wo liegen deine Ursprünge als Produzent?

Der Klassiker: am Computer rumdaddeln, die ersten Versuche mit Fruity Loops bei meinen Eltern im Flur auf Computerboxen und die ganze Familie hört mit.

Im Flur?

Wir hatten einen Computer für alle. Da war ich 13 und habe angefangen, HipHop-Beats zu machen. Gleichzeitig habe ich immer auch Techno und House gehört. Mit 18 habe ich dann Konstantin (Glenn Astro, Anm. d. Verf.) kennengelernt, was wichtig war, weil wir uns gegenseitig richtig gepusht haben.

Deine ersten Releases waren ja gemeinsam mit Glenn Astro, aber erst 2012. Eure Historie reicht also weiter zurück?

Viel weiter, ja! Wir haben uns 2005 kennengelernt, bei unserer ersten Veröffentlichung waren wir schon sieben Jahre befreundet. Wir waren so'n bisschen Spätzünder, wenn man das mit Max (Graef, Anm. d. Verf.) vergleicht, der mit 19 schon das Label Box aus Holz betrieben hat. Oder Alex Seidel, der mit 16, 17 schon voll die Plattensammlung hat und Techno macht, wo du denkst, das ist so ein erwachsener Dreißigjähriger.

Haben du und Glenn Astro einen vergleichbaren HipHop-Hintergrund?

Ja, schon. Darüber haben wir uns auch kennengelernt. Er war damals weiter als ich, was Techno und House anging, er kannte viel mehr und hat schon Platten gekauft. Aber HipHop war unsere Basis.

Hat die Ruhrpott-Rap-Historie für dich noch eine Rolle gespielt?

Überhaupt nicht. Daran haben wir nie richtig Anschluss gefunden, auch wenn wir ein paar Akteure kannten. Die waren damals alle schon älter als wir und es hat sich nie ergeben. Es wäre mir auch nie in den Sinn gekommen, denen Beats zu schicken.

Spulen wir ins Jetzt vor: wie fühlt sich das gerade für dich an, was um Money $ex Records herum passiert?

Erstaunlich natürlich. Es ist so selbstverständlich geworden, weil es sich immer von selbst ergeben hat. Es gab hier ja schon diese Clique, Max mit Box aus Holz, Markus (Delfonic, Anm. d. Verf.) mit Oye Records (http://oye-records.com/) – wir sind zuerst Freunde geworden und haben dann angefangen, zusammenzuarbeiten. So ein Setting wünscht sich ja jeder Musiker, es gibt immer jemanden, der Studios kennt oder dieses und jenes Instrument hat, auf das man gerade Bock hat. Das Netzwerk ist krass, das ist schon Luxus.

Wenn du Musik machst, kannst du dann nur IMYRMIND sein? Oder denkst du immer auch für Money $ex mit?

Ich mache nicht mehr so … (überlegt) ungezwungen Musik wie früher, das kann man schon sagen. Manchmal ist das ja auch cool, wenn man etwas anfängt und merkt: Das hat jemand anders schon besser gemacht, als ich es könnte. Leute denken aber auch, du stehst für etwas ganz Bestimmtes. Jetzt beim Album war das ganz produktiv, weil es etwas gab, wogegen ich arbeiten konnte, wovon ich wegwollte, um mich der Erwartungshaltung zu entziehen.

Wie hast du das gemacht?

Als es damals mit Box aus Holz losging, fand ich das total krank, plötzlich gab es superviele samplebasierte House-Sachen auf kleinen Labels. Irgendwie war das auch cool, weil dadurch deutlich wurde, wie krass das bei den Leuten ankam. Andererseits war es irgendwann ausgereizt. Das war die Zeit, in der ich angefangen habe, an dem Album zu arbeiten, und das Gefühl hatte, da ist alles gesagt. Ich wollte etwas anderes machen, auch wenn ich noch gar nicht wusste wie. Diesen Prozess hört man der Platte an, das Experimentieren, auch mal etwas zu machen, was man vielleicht gar nicht beherrscht. Das war der Reiz an der Sache.

Eine Assoziation, die ich bei deinem Album hatte, war die zu IDM aus den Neunzigern, zu Aphex Twin meinetwegen. Diese frickelige Ästhetik, ganz kurz geschnittene Sounds … ist das überinterpretiert?

Hmm, nicht ganz. Es gab jetzt nicht die Referenz Aphex Twin, aber das war eine dieser Sachen, die ich eben noch nicht gemacht hatte. Die MPC hat zum Beispiel diese Note-Repeat-Funktion, da gibst du die Quantisierung ein, und wenn du die Taste drückst, wird der Sound in diesem Raster abgespielt. Beim Jammen macht das richtig Bock und bringt sofort eine unglaubliche Dynamik rein. Durch dieses Ausreizen sind viele Sachen entstanden.

War das von Anfang an dein Konzept?

Nein. Ich wollte ganz lange ein Konzept haben und habe mich dadurch total blockiert, weil ich meiner eigenen Erwartungshaltung nicht gerecht werden konnte. Das war ziemlich frustrierend, wahrscheinlich auch, weil ich immer die gleichen Instrumente benutzt habe. Irgendwann haben wir uns gemeinsam ein Studio eingerichtet, in das jeder sein Equipment mitgebracht hat. Das hat mich wieder in diesen infantilen Modus gebracht. Wenn man ein Gerät ausprobiert, das man nicht kennt, ist das eine neue Stufe der Begeisterung. Dadurch ist dieses ganze Gedankenkonstrukt wieder verschwunden und es ging wirklich darum, Spaß zu haben. Alles neu angehen, neue Geräte, neue Sounds.

„Humor“ ist ein Schlagwort, das immer wieder auftaucht, wenn es um euer Kollektiv geht. Was macht instrumentale Musik humorvoll?

Ich glaube, das bezieht sich weniger auf die Musik als auf das Drumherum. Die Antihaltung gegenüber dieser Selbstinszenierung um dem Image-Getue von einem Großteil der Szene. Dieses Aufblähen, dieses viel zu Seriöse. Das braucht es doch überhaupt nicht. Money $ex ist so eine Antithese dazu. Das macht vieles auch einfacher, man muss jetzt nicht nachdenken: Kann ich das bringen? Es gibt diese Zwänge nicht.

Deswegen auch Titel wie „Die, Landlord, Die“ oder „Der Angeklagtenfresser“?

Das sind keine chiffrierten Messages, das ist alles eher gedankenlos. Es gibt bei uns intern immer so ein kleines Battle, wer die abstrusesten Tracktitel hat. Den „Angeklagtenfresser“ habe ich zum Beispiel aus einem Hörspiel, das ich zum Einschlafen gehört habe. Inzwischen bin ich so konditioniert, dass ich bei so etwas denke: Yes, ich hab wieder einen Titel! (lacht)

read more about
Zur nächsten Story