Marteria: seine 21 besten Songs

Im Mai kommt mit „Roswell“ endlich ein neues Marteria-Album – Anlass für einen kleinen Rückblick
Green Berlin: Marteria
Green Berlin: Marteria © Paul Ripke
Von redbull.com

Die Situation ist klar: Marteria ist einer der größten deutschen Popstars der letzten Jahre, war maßgeblich daran beteiligt, Rap wieder salonfähig zu machen und hat mit den Krauts eines der innovativsten Songwriting- und Produktionsteams der letzten Dekade im Rücken. Und gerade deshalb ist sein Katalog so vielseitig, dass es locker für drei, vier Künstler reichen würde. (Sein Alter Ego Marsimoto zählen wir für diese Liste wohlgemerkt gar nicht erst mit!) Zwischen humorvoller Straßenrap-Brachialität und weit ausholendem Pop-Pathos vergehen dabei oft nur Atemzüge, wie unsere Auswahl unten ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit zeigt.

Am 26.5. erscheint Marterias neues Album „Roswell“. Wie und wo „Aliens“ seinen Platz in der stetig anwachsenden Diskographie von Marteria finden wird, wird erst die Zeit zeigen. Bis dahin lassen wir die aktuelle Single außer Konkurrenz laufen und machen einen gewaltigen Schritt in die Vergangenheit zu …


Marsimoto – Soundcheck

Ja, okay, diesen einen Marsimoto-Track schmuggeln wir in die Liste. Einerseits, weil er 2006 wahrscheinlich für große Teile der diensthabenden Deutschrap-Generation die erste Begegnung mit dem jungen Rostocker Marten Laciny darstellt, und andererseits, weil es kaum einen programmatischeren Einstieg in dessen Werk geben dürfte. Der Hang zum verkifften Unfug stand dem Alter Ego damals deutlich besser, während Marterias unverstellte Stimme noch eine Weile mit der Suche nach der eigenen Rap-Identität verbringen sollte.

 

Keine isst

Ein Jahr später erschien „Base Ventura“, das erste Marteria-Album, das gerade auf Songs wie „Keine isst“ anklingen ließ, was da an Potenzial schlummerte: Storytelling, Absurdität und Kalauer, aber immer mit ganz viel Menschlichkeit – und nerdige HipHop-Referenzen, die der Song überhaupt nicht zum Funktionieren braucht, die dem Hörspaß aber noch eine zusätzliche Dimension geben können.

Wretch 32 ft. Marteria – Traktor (2011)

Nicht ganz klar, was sich seitdem bei Wretch 32 getan hat, aber das ist ein goldener Moment aus dem Jahr 2011: Marteria, wie ein eher zusammenhangloses nationales Rap-Feature auf internationalem „Produkt“ platziert, passt Faust-aufs-Auge-mäßig zu dengelnder britischer Clubmusik, heizt mit Vintage-Trecker durch die Hafencity und hat sichtlich Spaß mit Kollege Wretch – wenn es doch nur immer so einfach sein könnte.

OMG!

So klingt hingegen (ein paar Jahre später) eine richtige Marteria-Single: Sinnsuche und große Fragen, verpackt in Wortspielchen, Tattoo-taugliche Lines und Harmonien für ausverkaufte Stadien. Vielleicht textlich ein bisschen zu gewollt, um zu den ganz großen Favoriten zu gehören, aber dafür eine mustergültige Kreuzung aus Radio-Ohrwurm, der sich gar nicht mehr nach Rap anfühlt, und Aufschrei-Moment in so ziemlich jedem DJ-Set. Besser kann man auch kaum demonstrieren, welchen Stellenwert die Krauts als Produktionsteam in Marterias Karriere einnehmen, Oh Em Geh!

John Tra Volta

Keine richtige Ahnung warum, aber dieser minimal knisternde Klotz voller abstrakter Elektrizitäts-Gleichnisse bleibt ein Lieblingsmoment auf „Zum Glück in die Zukunft 2“ – weil es eben nicht immer die Hits für die großen Hallen sein müssen. Strom.

Chefket ft. Marteria – Was wir sind

Momente einer Jungsfreundschaft: Chefket, der Marteria lange auf Tour begleitet, buchstabiert „kongenial“ für einen Song, der das Zeug zum ewigen Geheimtipp in dieser Liste hat – locker, selbstbewusst und positiv. Auch so ein Kollaboalbum, das wir nie bekommen werden.

Zum König geboren

Marten singt den Blues – thematisch arg nah an „Endboss“ und letztendlich ins Album-Bonusmaterial verbannt, aber mit schriller Mundharmonika und schlauer Songstruktur war „Zum König geboren“ schon 2009 ein wegweisender Beitrag zum Bundesvision Song Contest. Für Meck-Pomm holte Marteria dann nur den 12. Platz – vorerst. Die Krone kam ja später.

Max Herre ft. Marteria – Kahedi Dub

„Für immer der kleine Junge vom Bolzplatz“: Marten und Max blicken zurück auf ihre Anfänge, (fast) Reggae-Style, 2012.

Bengalische Tiger

Jetzt wird Goethe zitiert, also Faust hoch. (R)evolution und Pyro. Funktioniert übrigens auch in ganz, ganz klein.

Sekundenschlaf ft. Peter Fox

Logischer Schulterschluss, nachdem Marteria dem hochgeschätzten Peter Fox schon das Produktionsteam The Krauts abgeworben hat – und was für ein Song das geworden ist. Zeit ist knapp? Zeit ist ewig.

Big Bang

Nüchtern betrachtet war „Big Bang“ nur ein Lückenfüller zwischen „ZGIDZ“ und „ZGIDZ2“, ein großer Teaser, der keinem der beiden Alben fehlt, ein wild dahergestyltes Etwas mit – mal wieder – scharfem Video und Neon-Dünenbuggy im Einkaufszentrum. Ein beachtlicher Knall war's allemal.

Casper ft. Marteria – So perfekt

Habt ihr vor lauter Casper-Konzerten auch schon fast vergessen, dass Marteria auf der Albumversion von „So perfekt“ ist? Ganz ehrlich? Wir auch. Fast.

Kreuzberg am Meer

Es war ein hedonistischer Sommer, den Marteria, Miss Platnum und Yasha 2012 auf ihrer gemeinsamen EP „Lila Wolken“ besangen – nur konsequent, Peter Foxens „Haus am See“ gefühlsmäßig ins urbane Berlin zu verlegen, wo die Kinder „Baklava Baklava Kuchen“ spielen und der Döner am Baum wächst. Auch hier: durchaus Wortspielgrenzfälle, aber so angenehmer und dabei auch noch clubbiger Lokalpatriotismus, wie man ihn eben auch mindestens seit „Stadtaffe“ nicht mehr gehört hatte.

Endboss

Einer der Gründe, warum „Zum Glück in die Zukunft“ insgeheim in unser aller Köpfe das erste richtige Marteria-Album ist, ist „Endboss“, die Autobiografie-Aufarbeitung, die nicht nur perfekt den Hauptdarsteller etabliert, sondern auch bis in alle Ewigkeit jede Deutschrap-Party auf Vordermann bringen wird. Gelernt: „Shall we play a game?“ hat man immer sofort mit „Ja“ zu beantworten, ein Witz übers Schauspielstudium taugt locker zum Mitgröl-Moment, und: HipHop kann einen C-Part vertragen.

Kids (2 Finger an den Kopf)

Wenn das mal kein Instant-Klassiker vom Block war. Tausendfach reproduzierte Hook (inkl. Dende-Freiwald-Cosign!) und eine unaufgeregt fühlbare Peter-Pan-Geschichte über das mulmige Gefühl, wenn alle um einen herum plötzlich erwachsen werden, nur man selbst nicht. Irgendwer muss sich ja schließlich Wu-Tang auf den Arsch tätowieren.

Haftbefehl ft. Marteria – Ich rolle mit meim Besten (Babo RMX)

… und wenn jetzt noch jemand vom Erwachsenwerden spricht, wird er auch gleich auf der Ladefläche vom Defender verstaut. In Einzelteilen, passt besser. Für die überfällige Haftbefehl-Kollabo (vorher gab es „nur“ ein Marsi-Feature auf „Blockplatin“) lässt Marteria Poesie und Gefühl mal außen vor und macht Heckmeck mit Baba Haft und Marsi-Cameo. Nix mehr Welpenschutz.

Welt der Wunder

Ist das nun der ultimativ auf die Spitze getriebene Kitsch in Wort, Bild und Ton? Oder geht da der innere Musikkritiker mal eben beiseite und macht Platz für die wohlige Gänsehaut, die „Welt der Wunder“ immer noch auszulösen vermag? Die Antwort sollte klar sein. Eine Großtat.

Mein Rostock

„Ich zieh' los und such' mein Glück/Doch dein Licht zieht mich zu dir zurück/Mein Rostock“ – hach, muss Liebe schön sein.

Verstrahlt

Riesendurchbruch, Übersingle, die erste vieler Hymnen, eh klar. Vielleicht auch Krypto-Drugtalk, Eskapismus (raus hier!) als vertrautes Leitmotiv und geschickt inszeniertes Yasha-Showcase. Egal was und wie kalkuliert, „Verstrahlt“ war 2010 ein entscheidender Wendepunkt für Marterias Karriere, für deutschen Rap und für deutsche Popmusik zugleich. Marteria mag noch bessere Songs im Repertoire haben, aber keiner hat so viel verändert wie „Verstrahlt“.

Louis/Gleich kommt Louis

„Wann ist ein Mann ein Mann?“ Vom Kind zum Mann mit Kind – das Song-Doppel aus „Louis“ und dem Prequel „Gleich kommt Louis“, verteilt auf zwei Alben, zeigt eindrucksvoll: Marteria ist nie so gut, wie wenn es ihm wirklich, wirklich wichtig ist. Das große Glück und die nicht minder großen Ängste. Wir hoffen auf ganz viel mehr davon auf „Roswell“.

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