Local Brands: Silbaerg – Boards aus dem Erzgebirge

Vom Uni-Projekt zur eigenen Snowboardbrand. Silbaerg Chef Jörg Kaufmann erzählt wie das geht.
Joerg Kaufmann © Mario Klein
Von Andi Spies

Im Jahr 2011 wurde die Snowboardbrand silbaerg aus einem Uni-Projekt heraus in Chemnitz geründet. Seither tüfteln Dr. Jörg Kaufmann und sein Team an ausgefallenen Boardkonstruktionen und neuen Materialien für den Snowboardbau. Wir sprachen mit Jörg über die innovative Brand aus dem Erzgebirge.

Hallo Jörg. Erzähl doch mal wie es mit silbaerg losging.
Ich bin seit 1994 auf dem Snowboard unterwegs und habe auch schon öfters über eine eigene Snowboardmarke nachgedacht. Als ich dann 2006 am Institut für Strukturleichtbau der Technischen Universität mit meiner Doktorarbeit angefangen habe und mich intensiv mit Faser-Kunststoff-Verbunden beschäftigte, lag es nahe, Berufung mit Leidenschaft zu verbinden. Das erste Ergebnis lag dann 2010 vor, wir waren ein Team von sechs Mitarbeitern und Studenten, hatten diverse Prototypen entwickelt sowie den ISEA Young Investigator und den ISPO BrandNEW Award gewonnen. Da war es nur naheliegend silbaerg zu gründen und den Traum der eigenen Snowboardmarke wahr werden zu lassen.

Carvomat Pro Carbon, Jibomat, Carvomat WMN © Silbaerg

Was macht die Produkte von Silbaerg so besonders?
Alle aus dem silbaerg Team sind richtige „Nerds“ und wenn wir nicht für unsere Leidenschaft arbeiten, dann forschen und entwickeln wir an der Technischen Universität Chemnitz an Innovationen und Produkten für die Luftfahrt, den Automobilbau oder an anderen Themen aus der Sportbranche wie etwa Mountainbikes. Dadurch haben wir einen sehr großen Background in Materialwissenschaften sowie in der Forschung und Entwicklung, den wir gezielt mit unserer Leidenschaft, dem Snowboarden, kombinieren.

Welche Technologien sind so entstanden?
Aus diesem Zusammenspiel ist im Rahmen meiner Doktorarbeit die A.L.D.-Technologie entstanden, aus der ich ein „mitdenkendes“ Snowboard entwickelt habe. Fährt man mit einem silbaerg Snowboard in die Kurve drückt sich die Kante aktiv in den Schnee und vergrößert spürbar den Kantenhalt. Bei einem Boardslide verhält sich es genau anders herum, die Kanten werden leicht vom Rail angehoben und der Rider kann nicht so schnell verkanten.

Hört sich nach Zauberei an – wie funktioniert das?
Diese „Verformung“ basiert auf einem physikalischen Effekt der Faser-Kunststoff-Verbunde, der schon lange bekannt ist, jedoch bisher nicht gezielt und kontrolliert einsetzbar war. Es stecken also sechs Jahre Forschung in unseren Snowboards und unsere Kunden bekommen eine echte technische Innovation!

Jörg Kaufmann beim Product Testing. © Silbaerg

Woran tüftelt ihr gerade?
Aktuell forschen wir intensiv an der Verbesserung der Nachhaltigkeit von Snowboards, um sie umweltfreundlicher zu machen. Aus diesem Grund achten wir schon jetzt auf eine regionale Fertigung mit kurzen Lieferwegen. Die Fasern für unsere A.L.D.-Technologie beziehen wir aus Deutschland und fertigen das „Innenleben“ der Snowboards, die A.L.D.-Technologie in Handarbeit in Chemnitz. Gepresst werden die Snowboards anschließend bei GST in Österreich. Durch diese kurze Prozesskette können wir den CO2-Ausstoß pro Snowboard sehr gering halten und gleichzeitig Premiumqualität liefern. Natürlich werden unsere Boards so etwas teurer als die der anderen Marken - aber ein Premiumprodukt hat einfach seinen Preis und macht dafür auch länger Spaß als günstigere Ware aus Fernost.

Was ist dein Erfolgsrezept bzw. wie hast du es geschafft dich am Markt zu behaupten?
Oh, das ist eine schwierige Frage... ich denke das Wichtigste ist Authentizität und Ehrlichkeit. Das ganze silbaerg Team lebt und liebt Snowboarden und weiß somit genau worauf es ankommt. Mit diesem Rezept bauen wir Snowboards, die für uns die besten der Welt sind. Ich denke, dass macht unseren Erfolg aus.

Thomas Wolf © Florian Trattner

Es gab doch sicher auch Rückschläge in eurer Entwicklung? Wie sahen die aus?
Na klar gab es Rückschläge. In allen gängigen Lehrbüchern zu Faser-Kunststoff-Verbunden steht, dass die sogenannten anisotropiebedingten Koppeleffekte (Anisotropic Layer Design = A.L.D.= der wissenschaftliche Begriff der hinter der Technologie steckt), nicht angewendet werden soll oder kann. Diese Effekte sind sehr komplex und gelten als so gut wie unbeherrschbar. Zwei Monate vor der Einreichung der Produkte zum ISPO BrandNEW Award hatten wir den ersten Termin zur Musterfertigung bei GST. Da die Prozesse bei GST anders sind als bei der Prototypenfertigung an der Hochschule hat es uns alle Boards komplett krumm gezogen. Wir standen in der Fertigung und dachten, „das war’s, fünf Jahre Arbeit für’n Arsch“. Also haben wir alles auf Anfang gesetzt und in zwei Monaten 24/7-Arbeiten das Innenleben der Boards am Computer komplett neu entwickelt. Am Tag der Deadline des ISPO BrandNEW-Awards haben wir früh morgens bei GST die neuen Boards gepresst und sind damit direkt nach München gefahren, um alles rechtzeitig abzugeben. Das war schon eine sehr spannende Zeit.

Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei dir heute aus?
Ich stehe um sieben auf, Frühstücke und checke danach die silbaerg E-Mails. Danach gehe ich an die Uni. Dort kümmere ich mich um mein Tagesgeschäft, halte Vorlesungen, betreue studentische Arbeiten und forsche natürlich. Am Nachmittag und am Abend kümmere ich mich dann wieder um silbaerg.

Teststand in Andermatt © Silbaerg

Würdest du dich auch heute noch mal zur Gründung einer eigenen Snowboardfirma entscheiden?
Auf jeden Fall. Ein eigenes Unternehmen zu haben ist eine riesige Herausforderung, mit der du jeden Tag wächst. Es gibt unendlich viele Probleme die es zu bewältigen gibt. Das und die langen Arbeitstage sind oft sehr anstrengend... aber wenn du dann mal die Zeit hast mit deinen eigenen Snowboards fahren zu gehen, ist das verdammt viel Belohnung. Aber das schönste ist das Feedback von unseren Kunden, die super begeistert sind von unseren Produkten. Kunden glücklich machen, das ist der Grund, warum ich wieder gründen würde.

Wer die Boards von silbaerg selbst testen will, findet alle Termine der aktuellen Testtour hier.

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