Klettern
Der bahnbrechende Aufstieg der Klettersensation Angie Scarth-Johnson
Das australische Freeclimbing-Phänomen Angie Scarth-Johnson sprengt alle Grenzen und ist gerade dabei, den Klettersport zu revolutionieren.
Angie Scarth-Johnson wurde 2004 geboren und begann -- wie wohl die meisten von uns -- mit dem Klettern auf Bäumen. Heute, im Jahr 2023, steht die erst 19-Jährige an der Spitze des Klettersports und setzt laufend neue Maßstäbe.
Die Klettertouren, die sie heutzutage unternimmt, sind so schwer, dass sie mit ihren Leistungen nicht nur das Frauenklettern revolutioniert hat, sondern den gesamten Sport. Um es auf den Punkt zu bringen: Scarth-Johnson ist gerade dabei, einen neuen Standard im Klettern zu definieren -- und zwar geschlechterübergreifend! Wir ihr das gelingt? Das siehst du in Momentum: Angie Scarth-Johnson:
21 Min
Momentum: Angie Scarth-Johnson
Ein Jahr auf Kletter-Tour mit der Australierin Angie Scarth-Johnson, während sie neue Maßstäbe setzt.
Sechs Monate im Jahr verbringt sie in der Regel in den Blue Mountains, im australischen Kletter-Epizentrum. Das andere halbe Jahr reist sie um die Welt und besucht die aufregendsten und wichtigsten Kletterziele in Spanien, Frankreich und den USA.
Das ist ihre Geschichte!
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Frühe Anfänge
"Begonnen hat alles damit, dass ich um unser Haus herum auf Bäume und alles mögliche geklettert bin", erzählt Scarth-Johnson. Seit 2021 lebt die Australierin übrigens in Barcelona, aber ihre ersten Kletterversuche hat sie in der australischen Hauptstadt Canberra gewagt.
"Ich bin im Haus überall hinauf geklettert. Das ist lustig, denn wenn Eltern etwas vor ihren Kindern verstecken wollen, stellen sie es normalerweise irgendwo ganz nach oben, aber meine Eltern haben diese Dinge immer irgendwo ganz unten versteckt, weil ich immer zuerst oben gesucht habe."
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Der Fall
Im Alter von sieben Jahren erlebte Scarth-Johnson ihren ersten großen Rückschlag, als sie von einem Baum fiel und sich den Rücken verletzte. "Ich weiß nicht, wie hoch der Baum wirklich war, aber auf jeden Fall hoch genug, um meinen Eltern einen ordentlichen Schrecken einzujagen", lacht sie. Ihre Eltern machten sich natürlich Sorgen. Aber sie hatten auch eine Lösung. "Ich glaube, meine Eltern hatten danach wirklich Angst, dass ich mir etwas brechen oder einen schweren Unfall haben könnte, also gingen sie mit mir in eine Kletterhalle in der Nähe von zu Hause."
"Ich war immer schon sehr entschlossen", erinnert sich Scarth-Johnson an die ersten Trainingseinheiten mit älteren Kletterern in der örtlichen Kletterhalle. "Mannschaftssportarten waren noch nie so mein Ding, weil ich gerne Kontrolle darüber habe, wie ich etwas mache. Das hört sich vielleicht egoistisch an, aber ich mag diese Kontrolle einfach, denn so kann ich noch besser werden. Ich glaube, das ist auch der Grund dafür, warum ich nicht gerne bei Wettkämpfe klettere. Ich habe Schwierigkeiten damit, mich gegen andere durchzusetzen. Die beste Challenge bin ich selbst. Klettern war also immer schon der perfekte Sport für mich. Ich mochte die Idee, gegen mich selbst anzutreten."
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Der Ruf der Natur
In der örtlichen Kletterhalle kletterte sie bereits im Alter von acht Jahren mit den Erwachsenen und nach allem, was man hört, war sie dort die beste Kletterin. "Es funktionierte einfach sehr gut, also dachte ich irgendwann, dass ich vielleicht alleine trainieren sollte. Ich bin sehr stur und mag es nicht, wenn man mir sagt, wie ich etwas machen soll. Mittlerweile ist das besser geworden, aber als ich noch ganz jung war, wollte ich immer mein eigenes Ding machen und mich selbst pushen."
"Also habe ich angefangen, alleine zu klettern. Irgendwann kam ich dann zu einer Gruppe, die sich mit Felsklettern auskannte. Ich wusste gar nicht, dass es das überhaupt gibt, ich dachte, man klettert nur in der Halle", erinnert sie sich. "Sie fragten meinen Vater, ob sie mich zum Felsklettern mitnehmen könnten, weil sie dachten, dass ich gut sein könnte und es mir Spaß macht. Also zogen mein Vater und ich los mit dieser Gruppe von Leuten. Ich hatte sofort das Gefühl, dass ich dort hingehörte. Ab diesem Zeitpunkt habe ich kein einziges Wochenende verpasst."
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Auf Rekordjagd
Der Rest der Scarth-Johnson-Familie hatte bis dahin nichts mit Klettern am Hut, aber ihr Vater erkannte schnell ihr Talent und lernte, wie man richtig sichert. Ihre Mutter (Lehrerin) übernahm in der Zwischenzeit den Bildungsauftrag für die aufstrebende Kletterin und unterrichtete ihre Tochter zu Hause.
"Ich war viel mit meinen Eltern auf Reisen", erklärt sie. "Und überall bin ich geklettert." Auf einer dieser Reise, im Alter von neun Jahren, kletterte Scarth-Johnson als jüngste Person eine Route im Schwierigkeitsgrad 8b und absolvierte damit die "Swingline" in der Red River Schlucht, USA.
"Es war eigentlich ein Familienausflug nach Disneyland. Meine Eltern nahmen mich mit in die Red River Schlucht", erinnert sie sich. "Ich fand eine Route, die mir gut gefiel, und sie war zufällig im Schwierigkeitsgrad 8b. Ich habe mir nicht deswegen die Route ausgesucht, sondern einfach weil sie mir gefallen hat. Ich wusste, dass sie noch niemand geschafft hat, aber ich wollte es trotzdem versuchen. Irgendwann schaffte ich es dann tatsächlich."
Aber das war noch nicht alles. Ein paar Tage später kletterte sie ihre erste 8c+ -- die härteste Schwierigkeit im achten Grad. "Ich kehrte nach der erste Route wieder zurück. Normalerweise läuft es bei mir so ab, dass ich eine Route finde, die mir gefällt, und ich dann entscheide, ob ich sie machen will. Das kann bedeuten, dass ich vorher nach Hause zurückkomme, um zu trainieren, oder dass ich gleich dort bleibe, und solange verschiedene Techniken ausprobiere, bis ich bereit und stark genug bin. Ich glaube, genau deshalb ist jede Route für mich so wichtig, denn jede einzelne war so hart."
Die besagte Wand war nicht weniger als 20 Meter hoch und hatte eine Neigung von 45 Grad. "Die Griffe waren crimpy und die Löcher sehr klein. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich für die Route gebraucht habe. Vielleicht drei Wochen? Es kostete so viel Kraft. Bei solchen Routen hofft man einfach nur darauf, dass es irgendwann klappt."
An Tag X -- nach drei Wochen des Scheiterns -- kletterte sie die unfassbare 8c+ in nur sechs Minuten durch.
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Da geht noch mehr
Scarth-Johnson in ihrer Heimat in den australischen Blue Mountains
© Kamil Sustiak / Red Bull Content Pool
Was danach folgte, hätte niemand für möglich gehalten und ließ ihre 8b und 8c+ wie ein Kinderspiel aussehen. Zu Hause in Down Under schaffte sie als erste Australierin eine 9a. "Das war mein Lebensziel! Ich weiß noch, wie ich dachte: 'Stell dir vor, ich könnte es eines Tages schaffen und tatsächlich eine 9a klettern.' Und jetzt stehe ich bereits bei drei. Das war auf jeden Fall ein weiterer Moment, in dem ich dachte: 'Okay, da geht noch mehr.' Es war zweifellos eines meiner absoluten Highlights in meiner Karriere."
Damals war sie übrigens erst 15 Jahre alt.
Obwohl sie so jung schon so viel erreicht hat, betont Scarth-Jonson, dass sie sich nicht aktiv Ziele setzt, sondern die Ideen und Projekte einfach auf sie zukommen lässt. "Ich plane so etwas nie. Ich denke einfach über meine größeren Ziele nach und suche dann nach etwas, das dazu passen könnte."
Im Sommer 2022 hat sie zwei weitere 9a-Routen geschafft -- "Víctimas Pérez" und "Pornographie" in Spanien.
"Es ist schwer, das einem Nichtkletterer zu erklären, aber 9a ist das Level -- vor allem als Frau -- das man erreicht, wenn man Profi ist. Alles unter 9a wurde schon oft gemacht. Körperlich ist das natürlich enorm anstrengend, und du hängst die meiste Zeit nur an den Fingerspitzen. Jede Route kann im Stil anders sein, sie kann sehr technisch, ausdauer- oder kraftorientiert sein. Aber normalerweise sind solche Routen deswegen so hart, weil die Griffe sehr schlecht und klein sind und es unfassbar schwer ist, sich daran hochzuziehen. Du brauchst auf jeden Fall ein gewisses Maß an Ausdauer und Erfahrung."
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Girl Power
Für Scarth-Johnson war es nicht nur wichtig, diese Routen zu klettern, sondern auch, eine der ersten Frauen zu sein, die das geschafft haben. "Ich möchte anderen Frauen zeigen, dass sie es auch können", sagt sie. "Männer haben einen anderen Körper und mehr Kraft. Oft weiß man [als Frau] nicht, ob man die gleichen Routen physikalisch überhaupt bewältigen kann. Ich denke, es ist schön, dass Frauen jetzt sagen können: 'Okay, das ist vielleicht eine 9a, die ich versuchen kann, weil ich weiß, dass es eine andere Frau auch geschafft hat.'"
Ihre Mutter ist Spanierin und Angie wuchs deshalb in einem Umfeld mit vielen spanischen Frauen auf, was sie mental enorm gestärkt hat. "Ich glaube, in bin im Kopf sehr stark. Ich stamme aus einer Familie spanischer Frauen und habe gelernt, unabhängig zu sein, meine Meinung zu sagen und die Kontrolle über mich selbst zu haben. Das habe ich von meiner "Abuela" ["Großmutter" auf Spanisch]. Mein Umfeld hat mir beim Klettern unglaublich geholfen und mir die nötige Entschlossenheit gegeben."
Einmal abgesehen von ihrer Familie ist die amerikanische Kletterin Lynn Hill eine ihrer größten Inspirationsquellen. "Sie hat das Klettern für Frauen in einer Zeit geprägt, in der Frauen noch nicht wirklich kletterten. Sie war in einer Zeit unterwegs, in der man wahrscheinlich auf sie herabschaute und ihr nichts zutraute. Ich habe immer zu ihr aufgeschaut, weil ich das Gefühl habe, dass sie sich ihren Platz an der Spitze hart erkämpft hat. Und sie hat es mehr als verdient!"
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Kraft und Gefühl
Scarth-Johnson ist beim Klettern ganz sie selbst und kann voll abschalten. "Ich denke an nichts anderes. Klettern entspannt mich. Beim Klettern bin ich am glücklichsten."
Weil sie schon so lange klettert, hat die Australierin nicht nur eine enorme Fingerkraft aufgebaut, was für Routen im 8. oder 9. Grad wesentlich ist, sondern sie ist auch unfassbar talentiert, was das Analysieren von Routen angeht. "Ich konnte schon immer gut Routen lesen und mir vorstellen, wie man sich in der Wand bewegt. Das war für mich ganz natürlich. Außerdem bin ich ziemlich gut darin, kräftige Züge zu schaffen. Es gibt viele Dinge, die einen guten Kletterer ausmachen und du wirst nie einen Kletterer treffen, der alles hat. Jeder hat andere Qualitäten."
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Pionierin
Scarth-Johnson steht an der Spitze der Klettersports und fühlt sich aktuell stärker denn je. Sie hat ihren Platz als Vorbild für das Frauenklettern akzeptiert.
"Ich hatte viele Vorbilder beim Klettern, als ich aufgewachsen bin", sagt sie. "Deshalb wäre es schön, wenn ich für andere ein Vorbild bin, vielleicht für ein kleines Mädchen, so wie ich damals. Ich möchte zeigen, dass es möglich ist, auch aus einem nicht kletternden Umfeld zu kommen und in diesem Sport alles zu erreichen, was man will."
"Anfängern -- egal welches Geschlecht -- würde ich raten: 'Wenn du das Gefühl hast, dass du nicht mehr motiviert bist oder nicht mehr weitermachen willst, ist es gut, dich auf die Grundlagen zu besinnen, warum du etwas gerne tust - nicht nur beim Klettern, sondern bei allem', Wenn es schwierig wird, ist es manchmal sehr leicht, einfach aufzugeben. Es ist schön, wenn man sich dann wieder auf das Wesentliche besinnt und sich fragt, warum man es so liebt."