Cari Cari sind mehr als eine Band: Cari Cari ist ein Synonym für das Gefäß, in dem Alexander und Stephanie ihren kreativen Output konzentrieren und damit einen ganz eigenen Kosmos erschaffen. Von der Musik über das visuelle Auftreten bis zum Merchandise: Cari Cari machen es selbst.
Mit "ANAANA" kommt nun am 2. November ihr Debütalbum auf den Markt – fast fünf Jahre nachdem der erste Song den Weg auf YouTube (und in Hollywood-Serien) geschafft hat. In der Zwischenzeit ist aber viel passiert – Cari Cari haben neue Menschen kennengelernt, neue Orte gesehen und neue Erfahrungen gemacht.
Wir haben Alexander und Stephanie zum Interview getroffen und mit ihnen über ihre Reise zu diesem ersten Album gesprochen. Weil Reisen generell ein Thema ist, das die Bandgeschichte von Cari Cari dominiert, haben wir sie gebeten, jeden der 10 Songs des Albums mit Reisebildern und Momenten zu illustrieren und kurz zu beschreiben.
Ein Foto vom Videodreh – direkt vom Mars!
Wenn ihr in der Retrospektive das letzte Jahr betrachtet, das mit Sicherheit das stressigste und aufregendste in der Cari Cari Bandgeschichte war: Gibt es wichtige Stationen oder Momente, die euch in Erinnerung bleiben?
AK: Wenn man sich Momente rauspicken möchte, bleiben da vor allem Live-Momente übrig wie die Show im Sonnenuntergang am Primavera in Barcelona vor 5000 Menschen und dem dazugehörigen Statement vom Rolling Stone, dass wir die Entdeckung des Festivals waren. Auf der anderen Seite war für mich die Zeit im Studio besonders, weil wir uns als Band dabei so weiterentwickelt haben.
Es bleiben aber auch extrem viele stressige Momente übrig: Zeiten, in den wir jeden Tag von 8 Uhr morgens bis 3 Uhr morgens gearbeitet haben und zeitgleich das Mapache-Video geschnitten, neue Songs aufgenommen und von anderen Songs den Mix gemacht haben. Nach diesen zwei Wochen gab es einen Moment, wo Steffi auf der Couch im Studio gesessen ist und ohne Grund zum Weinen begonnen hat (beide lachen).
SML: Wenn deine Sinne die ganze Zeit so penetriert werden, ist das furchtbar anstrengend. Man muss sich dauernd entscheiden: Hört sich das besser an, oder doch das andere? Schaut das besser aus, oder doch das andere? Man kann so etwas ja nicht rational, aus dem Bauch heraus, entscheiden. Und irgendwann weiß man solche Sachen einfach nicht mehr. Da bin ich dann kurz verzweifelt.
AK: Vielleicht war das der prägendste Moment (lacht).
Anaana, das Wort aus der Maori Sprache. Das Bild entstand kurz vor dem Aufstieg zum Tongariro Crossing in Neuseeland (Vulkanüberquerung).
Seid ihr da nicht selbst daran schuld, weil ihr alles selbst machen wollt?
AK: Absolut. Wir wollen es ja eigentlich gar nicht, sondern versuchen, Dinge aus der Hand zu geben. Aber gerade bei visuellen Dingen ist das extrem schwierig. Das heißt nicht, dass wir besser sind als andere, sondern dass wir eine ganz genaue Vorstellung davon haben, wie Sachen auszusehen haben. Andere Sachen, wie zum Beispiel den Mix, den machen wir eh nicht selbst, sondern jemand anderer im Studio. Aber man muss auch bei diesen Sachen trotzdem dabei sein und mehr oder weniger Regie führen. Wir holen uns Leute dazu, die gut sind und die uns Input geben, aber trotzdem halten wir die Fäden in der Hand und sorgen am Ende, dass alles zusammenläuft und in den Cari Cari Kosmos passt.
Seid ihr beide euch echt immer 100% einig? Hat sich das so entwickelt, dass ihr einfach ohnehin im Vorhinein wisst, wie etwas aussehen soll, oder wird dann einfach so lange diskutiert, bis ihr euch einig seid?
AK: Weder noch, eigentlich. Es ist nicht so, dass wir hergehen und sagen: Das ist es. Es ist mehr so ein innerliches Gefühl, dass wir beide spüren, wenn es soweit ist. Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten, aber bei den grundlegenden Fragen gab es noch nie eine Situation, in der wir eine konträre Meinung hatten. Es gibt eigentlich kaum Kompromisse: Entweder wir finden es beide wirklich gut oder wir machen es noch einmal anders.
Backstage vor unserer Show am Primaverasound 2018. Dort haben wir Mapache das erste Mal live gespielt.
Ihr macht ja wirklich alles selbst – sogar die Typographie für die Videos wird selbst gestaltet. Was sind da eure Inspirationsquellen?
SML: Es läuft immer darauf hinaus, dass ich eine Filmidee habe oder mir denke, ein Song könnte zu einem alten Film passen. Dann schau ich mir diesen Film an und entdecke oft Kleinigkeiten im Film, die mich dann inspirieren.
AK: Es ist als Musiker ja immer schwer zu sagen, wann ein Song fertig ist. Bei uns ist dieser Punkt oft, wenn wir ein Video und eine Stimmung dazu sehen. Für uns hört Cari Cari nicht bei der Musik auf, sondern wir gehen gerne darüber hinaus. Ob das jetzt eine Idee für das Video ist, oder die Illustrationen von der Steffi: Mit Cari Cari können wir in so vielen Bereichen arbeiten, die wir gerne machen.
Es gibt keinen Cari Cari Text ohne auf Quentin Tarantino einzugehen und den Fokus auf alte Filme und die roughe Ästhetik zu benennen. Dann macht ihr am Album zwei Songs mit den Titeln "Do Not Go Gentle Into That Good Night" und "Dark Was the Night, Cold Was The Ground" – damit schreibt ihr euch weiter in bestehende Geschichten und Traditionen ein. Aber ihr nehmt diese Geschichten und dreht sie völlig zu eurer eigenen um. Ist das auch ein spielerisches Element, das Locken auf eine falsche Fährte?
AK: Wir lieben es schon, uns Anleihen zu nehmen. Ich komme eigentlich aus der elektronischen Musik und betrachte das ein bisschen so wie Sampeln. Bei "Do Not Go Gentle Into That Good Night" war es so, dass der Text und die Musik schon fertig waren, aber dem Song noch ein Titel gefehlt hat. Und diese Zeile von Dylan Thomas beinhaltet genau das, was das Lied aussagen soll und es gibt dem Song damit auch noch eine zweite Ebene. Das ist auch genau unser Ansatz: Den Sound und die Ästhetik, die wir so lieben, zu nehmen, zu sampeln und ins 21. Jahrhundert zu holen.
In der Wüste Norddänemarks.
Durch diese Überraschungen und Brüche ergeben sich auch schöne Momente beim Hören. Auch bei "After the Goldrush" – wo ich mir dachte: Wow, jetzt haben sie einen perfekt produzierten elektronischen Track hineingeschmuggelt.
AK: "After the Goldrush" ist ein Beispiel, wo wir uns sogar selbst gesampelt haben: Das Bassriff am Anfang ist zwar auf Band augenommen worden, der Song danach aber komplett am Computer entstanden. Lustigerweise könnte man "After the Goldrush" wieder als eine Neil Young Referenz verstehen – was es aber nicht ist. Es geht eher um die Zeit nach dem Brexit. Wir sind fünf Tage nach dem Brexit nach London gezogen und das Ziel war, diese Stimmung einzufangen. Und wir hatten das Gefühl, dass es sich so auch nach dem Goldrausch angefühlt haben muss: Vorher lebte man im Überfluss, aber jetzt zerbricht dieses Bild.
Wenn der Goldrausch nicht der echte Goldrauch ist, dann könnte man das auch auf die Wörter "Anaana" und "Mapache" übertragen: Es sind beides Wörter, die eine Bedeutung und eine Übersetzung haben – aber in eurer Verwendung wirken sie so, wie wenn sie für den Laut, für den Schrei stehen, der sie eigentlich sind. Die Stimme ist bei euch nicht nur da, um einen Text zu transportieren, sondern wird selbst zum Instrument.
AK: Absolut! Das liegt oft daran, dass wir zu zweit sind. Wir merken oft, dass es noch etwas braucht, um das musikalische Bild fertigzumalen und bei uns ist eben die Stimme noch verfügbar. Manchmal geht es dabei nicht nur um die tiefgehende Bedeutung, sondern nur um das Gefühl, das das Wort vermittelt. Was ich gut finde, ist, wenn es auf mehreren Ebenen funktioniert: Wenn man das Hirn ausschalten kann und es einfach genießen kann, aber trotzdem in der Auseinandersetzung mit dem Text, die verschiedenen Bedeutungsebenen entdecken kannst.
Ein Foto aus Japan. Dort haben wir das Musikvideo zu Nothing's Older Than Yesterday gedreht. Das Foto haben wir auch als Cover für die Single verwendet.
SML: Und es ist auch irgendwie wieder eine Anleihung an Ennio Morricone. Ich habe vor kurzem auf YouTube eine Aufnahme entdeckt, in der das dänische Staatsorchester ein "The Good The Bad The Ugly" Gesamtkonzert gespielt hat und da habe ich zum ersten Mal gesehen, wie eine Frau nur für die komischen Töne und Geräusche zuständig war. Das war so geil zu sehen: Eigentlich klingen die Sounds wie ein Instrument, aber diese Frau hat einfach alles mit ihrer Stimme gemacht.
Das Spiel mit der Sprache wird auch beim Songtitel "Mechikko" sichtbar – wenn quasi der reale Ort in seine Aussprache übersetzt wird. Sind die Orte, die euch für das Album beeinflusst haben, auch oft die Vorstellung davon, was ein Ort sein kann? Ob es jetzt die Küste Jamaikas oder eben Mexiko ist.
AK: Du hast dir genau die richtigen zwei Beispiele herausgegriffen: Während "After the Goldrush" sehr von realen Erfahrungen geprägt ist, geht es manchmal natürlich darum, eine Stimmung einzufangen. Und wenn ich von der "Coast of Jamaica" singe, dann sagt das natürlich viel mehr aus als ein allgemeiner Text über Strände und Kokosnüsse. In der Reduktion liegt die Kraft: Alles, was dazugehört, wird in einer Phrase zusammengefasst. Eine reine Beschreibung der Gegebenheiten wär zu flach.
Boiling Heat.
Neben Tarantino kommt auch das Reisen als Inspirationsquelle in jedem Text über Cari Cari vor. Könntet ihr bewusst eure Songs an gewissen Plätzen verorten, die euch dazu inspiriert haben?
AK: Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Meistens ist es bei uns so, dass wir eine Grundstruktur von einem Lied haben und diese dann mit uns auf unseren Reisen herumtragen. Dann findet man sich einfach einmal in einem Café in Belgrad wieder und hört ein neues Wort. Oder man ist in Neuseeland und schnappt "ANAANA" auf und merkt, wie das Wort etwas mit einem macht. "Mapache" ist dafür eigentlich das beste Beispiel: Bei diesem Song war eigentlich schon alles da: Riff, Gesang, Text – aber es hat sich noch nicht komplett angefühlt.
Dann waren wir in London auf Besuch bei Freunden. Eines Abends, als wir vom Pub nach Hause gekommen sind, hat der spanischen Mitbewohner mit seiner Freundin gekifft und war mega stoned. Er hat dann allen Leuten im Raum Tiernamen gegeben und als ich ihn gefragt hab, wie er seine Freundin nennt, meinte er nur: "Mapache, the Raccoon!" In diesem Moment wussten wir beide: Das ist genau der Klang, der uns für diesen Song noch gefehlt hat.
Wie kann ich mir euer Leben auf Tour vorstellen: Ist das ähnlich zu einer Reise, die man privat unternimmt, oder geht es tatsächlich nur darum, von einem Ort zum nächsten zu gelangen, um dort einen Gig zu spielen?
AK: Wir versuchen so gut wie möglich das Erstere. Natürlich, wenn wir zu zweit unterwegs sind, dann ist es am leichtesten, weil man auf keinen Rücksicht nehmen muss. Wie zum Beispiel unsere Tour durch Australien: Da waren wir zwei Monate unterwegs und haben 10 Auftritte gespielt. Da waren immer wieder 1-2 Wochen dazwischen, wo wir Zeit zum Entspannen und Surfen hatten. Es gibt aber auch Monstertouren, wo wir in ein paar Tagen tausende Kilometer zurücklegen und kaum Zeit für irgendetwas haben.
Camden Lock, von Primrose Hill kommend. Das Lied entstand während unserer Zeit in London und handelt vom Post-Brexit Blues.
Wenn ihr zu zweit auf einer Reise seid: Wie darf ich mir Cari Cari als Touristen vorstellen?
AK: Die besten Reisen passieren dann, wenn man ab und zu ein Konzert spielt, wie wir das in Australien gemacht haben. Während der zwei Monate, die wir dort verbracht haben, waren wir immer mit Locals unterwegs. Dieser Kontakt mit Einheimischen ist manchmal auf Reisen schwierig. In Australien haben wir aber bei den Promotern auf der Couch geschlafen und sie haben uns ihr Auto gegeben, damit wir touristenfreie Orte entdecken konnten.
Ansonsten leben wir auf unseren Reisen ein bisschen von Tag zu Tag. Wir schauen uns am Vorabend an, was wir am nächsten Tag machen. Sehenswürdigkeiten sind aber nicht unser Fokus: Ich finde es viel interessanter herauszufinden, wie die Leute in andern Ländern ticken und was in ihrem Leben wichtig ist. Das ist viel mehr wert, als zum Eiffelturm zu gehen und ein Foto zu schießen, das ich auf Google 100x besser finde.
Live-Studioperformance in Albanien im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Wir haben diese Nummer performed.
Ihr seid schon viel herumgekommen – was sind eure besten drei Packtipps für Menschen, die zum ersten Mal auf eine längere Reise – zum Beispiel nach Australien – gehen?
SML: Einen Hüttenschlafsack (lacht).
AK: Das ist voll schwierig, weil wir total überpackt waren. Ich hatte sogar mein Skateboard mit. Eigentlich sind wir sehr schlecht im Packen.
SML: Eine GoPro vielleicht auch – damit haben wir so viel gefilmt!
AK: Genau, oder einfach irgendeine Kamera, die schnell bereit ist, um Momente einzufangen. Was noch? Eine Zahnbürste?
SML: Ohne wär es blöd, ja (lacht).
Gut, einigen wir uns auf Hüttenschlafsack, Kompaktkamera und Zahnbürste. Zum Abschluss des Reisethemas: Ganz am Anfang ist eure Musik schon weit gereist – bis nach Hollywood in die Serie "Shameless" – ist das eigentlich nach wie vor ein Thema, wenn ihr im Ausland spielt, oder ist das Kapitel endlich abgeschlossen?
AK: Es ist schon ein Thema und wir werden auch oft von verschiedenen Agenturen angeschrieben, ob wir nicht Lieder für Serien schreiben können. Das ist auch unserer Musik geschuldet: Sie passt einfach gut dazu. Es wäre aber schwierig, uns darauf zu reduzieren. Es ist eine Facette von Cari Cari und wird oft erwähnt, weil es halt ein guter Aufhänger ist, aber es ist nur ein Aspekt von dem, was wir machen wollen.
Kurz vor dem Rückflug von unserer Australientournee. Dort haben wir Camoubee das erste Mal live gespielt. Es ist damit das Lied, das wir am längsten mit uns mittragen.
Wenn die Musik am Anfang international viel stärker angekommen ist, als im eigenen Land: Ist es dann auch eine Genugtuung, wenn ihr jetzt mit den aktuellen zwei Songs auf die Nummer 1 der FM4 Charts geklettert seid?
AK: Es ist schön, aber wir waren nie verbissen, das zu schaffen. Es ist alles zu dem Zeitpunkt passiert, der auch gut für uns war. Und ich glaube, wir haben auch die Zeit gebraucht. Man kann so etwas eh nicht steuern – wir haben unsere Musik an Blogs ausgeschickt und am Anfang haben es halt amerikanische Blogs aufgegriffen. Jetzt freut es uns, dass es auch in Österreich angenommen wird. Je mehr Leuten unsere Musik gefällt, desto besser.
Mit "Mapache" und "Summer Sun" wart ihr wieder auf zwei ganz unterschiedlichen Orten: Im Western und am Mars. Wie sehen die Pläne für 2019 aus – wo geht die nächste Expedition von Cari Cari hin?
AK: Wir haben ein, zwei Videos am Schirm, die wir machen möchten – und die wieder ganz wo anders hingehen (lacht). Und wir werden vermutlich die YouTube Serie Cari Cari Ragazzi wieder weiterführen. Vielleicht im Ausland auf Tour gehen. Vielleicht die Australien-Doku endlich schneiden (lacht). Ich habe nicht das Gefühl, dass uns fad wird. Es sind neue Lieder schon wieder in der Pipeline und wir haben auch schon wieder Lust auf das Studio. Es bleibt jedenfalls spannend.
Ein Foto aus Portugal, nach unserer Artist Residency.
Cari Cari gehen mit dem neuen Album auch auf Tour – bei folgenden Österreich-Terminen könnt ihr das Duo erleben:
- 2. November 2018: Ahoi Pop Festival, Linz
- 3. November 2018: Kammgarn, Hard
- 10. November 2018: Flex, Wien
- 23. November 2018: Bühne Mayer, Mödling
- 29. November 2018: Cinema Paradiso, St. Pölten
- 6. Dezember 2018: PPC, Graz
- 8. Februar 2019: Rockhouse, Salzburg
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