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Dominic Thiem: "Das nächste große Ziel sind die French Open"

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Tennis-Österreich feiert 25 Jahre nach Thomas Muster seinen zweiten Grand-Slam-Sieger. Dominic Thiem spricht im Interview über Drucksituationen, die Final-Nervosität und sein nächstes Ziel.
Autor: Günter Baumgartnerveröffentlicht am
Hi Dominic. WOW! Herzlichen Glückwunsch zum absoluten Meilenstein in deiner Tennis-Karriere. Der erste Grand Slam Sieg – was spielt sich in deinem Kopf gerade ab?
Dominic Thiem: Ich hatte jetzt ein paar Tage zum Nachdenken und Reflektieren. Es ist nicht weniger schön als kurz nach dem Triumph, aber es fühlt sich eigentlich noch besser an, seitdem die ganze Müdigkeit rausgeschlafen ist. Und mittlerweile traue ich mich auch an das Match gegen Sascha Zverev zurückdenken. Das war in den ersten Tagen nach diesem Final-Krimi gar nicht möglich, weil es einfach so spannend und so viel Drama war. Ich hatte irgendwie das Gefühl, wenn ich daran zurückdenke, könnte ich die Partie vielleicht doch noch verlieren. Aber das ist jetzt zum Glück auch vorbei – und es ist immer noch ein richtig gutes Gefühl.
Du hast die jahrelange Dominanz der Big 3 gebrochen – seit den US Open 2016 (Stan Wawrinka) hat niemand außer Novak Djokovic, Rafa Nadal oder Roger Federer ein Grand Slam gewonnen. Jetzt stehst du an ihrer Stelle – wie fühlt sich das an?
Dominic Thiem: Es fühlt sich richtig gut an, dass ich der erste 'neue' Grand-Slam-Sieger seit einer gefühlten Ewigkeit bin. Aber dass ich die Dominanz gebrochen hätte, würde ich so nicht sagen. Novak, Rafa und Roger sind weiterhin die Favoriten in jedem Turnier wo sie antreten. Schon nächste Woche bei den French Open in Paris sind Nadal und Djokovic die, die es zu schlagen gilt.
Lass uns kurz teilhaben an deiner Erfolgs-Reise in Flushing Meadows: Wie waren für dich die vergangenen Wochen?
Dominic Thiem: Das ganze Turnier, das Drumherum war natürlich außergewöhnlich und gewöhnungsbedürftig. Die US Open 2020 waren ein ganz besonderes Grand-Slam-Turnier. Eine leere Anlage in Flushing Meadows, komplett ohne Zuschauer und die 'Bubble' mit den vielen Corona-Tests, die alle drei Tage gemacht wurden. Der Tagesplan spielte sich zwischen Hotel und Tennis-Anlage ab. Ich habe nicht mal New York gesehen, kein einziger kurzer Trip in die Stadt. Der volle Fokus lag auf Tennis, teilweise war es sogar etwas zu fokussiert ohne Chance, den Kopf freizubekommen. Das war schon sehr fordernd, denn man hat nie raus dürfen. Mental waren es für mich und mein Team vier extrem fordernde Wochen. Das macht den Sieg heuer fast noch ein bisschen besonderer, weil die Rahmenbedingungen so einzigartig waren.
Rückblickend gesehen: Ab welchem Zeitpunkt hast du daran mehr als nur geglaubt, dass es genau jetzt passieren kann, die US Open zu gewinnen?
Dominic Thiem: Den Glauben daran, dass ich ein Grand Slam Turnier gewinnen kann, hab ich auch schon lange vor den US Open gehabt. Darum war natürlich auch der Druck, den ich mir selber gemacht habe, sehr hoch. Und den Glauben, dass der Grand-Slam-Sieg genau bei den US Open passieren kann, hatte ich das ganze Turnier über. Natürlich hat sich die Ausgangslage geändert, als Novak Djokovic aus dem Turnier draußen war. Weil genau ab jenem Zeitpunkt war glasklar: Es wird einen neuen Sieger geben. Und mir war klar: Der Spieler, der dem großen Druck am besten standhält, wird den Grand Slam Titel gewinnen.
(lacht) Im Finale bin ich mit dem Druck nicht so gut umgegangen. Aber ich konnte die Partie dann doch noch drehen, einfach unfassbar.
Dominic Thiem liegt auf dem Boden nach seinem letzten Punktgewinn bei den US Open 2020
Endlich geschafft! Dominic Thiem gewinnt die US Open 2020
Ab der Disqualifikation von Novak Djokovic warst du in der Öffentlichkeit in der Favoritenrolle. Wie hast du es geschafft, diesen Druck von dir wegzuhalten und bei dir zu bleiben?
Dominic Thiem: Ich habe gewusst, dass die Chance groß ist, die US Open 2020 zu gewinnen, wenn ich richtig gut spiele und meine Topform abrufen kann. Im Viertelfinale und Halbfinale habe ich es noch gut ausblenden können, dass die Chance genau jetzt am Größten ist einen Grand Slam zu gewinnen. Das Finale war für mich im Kopf dann richtig schwierig. Ich glaube, ich war noch nie so nervös und angespannt vor einem Match. Zum Glück konnte ich genau rechtzeitig das Ruder noch herumreißen und gegen Alexander Zverev nach einem harten Kampf in fünf Sätzen gewinnen.
Dominic Thiem nach einem Aufschlag bei den US Open 2020
Dominic Thiem US Open 2020
Was sind deine nächsten Ziele?
Dominic Thiem: Das ist ganz einfach zu beantworten: Die French Open, die ab dem Wochenende starten! Es ist für mich vielleicht sogar ein gewisser Vorteil, dass das nächste Grand Slam so kurz nach den US Open stattfindet. Weil jetzt habe ich meinen Final-Sieg bei einem Grand Slam geschafft und so ist ein ganz großes Thema in meiner Karriere endlich 'abgehakt'. Ab sofort gilt die volle Konzentration meinem Spiel auf Sand und den French Open. Mein Ziel ist es, dass ich ab der ersten Runde wieder zu 100% frisch in das Turnier starten kann.
Porträt von Dominic Thiem
Porträt von Dominic Thiem
Kann sich Rafa schon warm anziehen für die French Open – weil auch die Temperaturen nicht mehr so heiß sein werden wie sonst im Sommer?
Dominic Thiem: (lacht) Die Temperaturen sind auch der einzige Grund, warum er sich warm anziehen kann... Natürlich war jeder ein bisschen neugierig, wie Rafa beim Masters-Turnier in Rom spielt. Wenn er bei den French Open gut in Form ist, ist er immer Topfavorit in Roland Garros. Allein schon deshalb, weil er das Turnier bereits zwölf Mal gewonnen hat. Aber ich würde mich natürlich auf ein Duell gegen ihn sehr freuen.
Dominic Thiem streckt den Pokal bei den US-Open in die Höhe
Dominic Thiem US Open 2020
Dominic, was willst du deinen Fans noch mitgeben, die in Österreich mit dir mitgezittert haben und teilweise die Nacht zum Tag gemacht haben, um deine Matches live bei ServusTV oder im Livestream zu verfolgen?
Dominic Thiem: Zuerst einmal möchte ich allen Tennis-Enthusiasten, die mit mir mitgezittert haben, ein riesiges Dankeschön aussprechen. Die Fans, die mitten in der Nacht wach waren und die sicherlich den ein oder anderen Arbeitstag für mich geopfert haben. Die Fans zuhause sind immer sehr wichtig für mich. Bei den heurigen US Open waren sie vielleicht noch ein Eitzerl wichtiger, weil im Arthur-Ash-Stadion Stadion im Hinterkopf zu haben, dass zuhause sehr viele vor dem TV mitfiebern, hat definitiv geholfen, den Turniersieg zu holen.