Graves aus League of Legends trainiert für seinen Beach-Body
© Riot
Games

Effektive Trainingsmethoden im Esport: So sieht die Zukunft aus

Sportliches Training hat im Esport ein größeres Potential, als nur Ausgleich vom Sitzen zu sein. Die Sport- und vor allem auch Trainingswissenschaft muss sich aber erst noch darauf einstellen.
Autor: Felix Wachholz
6 min readPublished on
Körperliches Training kann nachweislich weit mehr als nur Ausgleich zum Sitzen zu sein! Physischer Sport funktioniert als Methode zur Verbesserung der im Esport immens wichtigen kognitiven Leistungsfähigkeit.

Koordination, Ausdauer und Kommunikation

Zudem ist es im Esport auf professionellem Level nicht ausreichend nur eine gute Fitness zu haben, eine gute Ausdauer für lange Matches mitzubringen, Überlastungsverletzungen vorzubeugen, oder dem Stress im End-Game gewachsen zu sein. Es geht auf motorischer Ebene auch um hohe koordinative Anforderungen, die sich die Esportler und Gamer in den Spielen, neben den taktischen und kommunikativen Vorgehensweisen, antrainieren. Kann sich das explizite „out-Game-Training“ dieser Fähigkeiten auch lohnen, wie läuft so etwas in „klassischen Sportarten“ ab?
Konzentration trifft auf Tempo: Genji aus Overwatch

Konzentration trifft auf Tempo: Genji aus Overwatch

© Blizzard

Nehmen wir König Fußball. Früher wurde einfach Fußball gespielt, um besser zu sein als andere Mannschaften. Mittlerweile hat jede professionelle Fußballmannschaft einen Athletiktrainer, Torhüter haben eigene Tormann-Trainer und so weiter. Es werden spezifische Fertigkeiten wie Dribbling, Passen, Schießen trainiert, um ganz gezielte neue Reize zu setzen, die durch das bloße Spielen ab einem gewissen Punkt nicht mehr erreicht werden können.
Der Esport bietet gleiches Potential, die koordinativen Fähigkeiten auch außerhalb des eigentlichen Games zu trainieren, nur wird dem bisher nur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zudem bietet der Sport für den Esportler weitere Vorteile in der Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit, der Reaktion, der Kommunikation und eben der generellen Fitness hinzu. So kann der Sport helfen, sich spezifisch zu verbessern und als Nebeneffekt dafür sorgen, dass Esportler lange konzentriert bleiben können, um beispielsweise 300-400 Aktionen pro Minute mit Maus, Tatstatur oder Controller durchzuführen.

Neuroathletiktraining als Schlüssel

Eine Möglichkeit sich diesem Ansatz zu nähern ist das sogenannte „Neuroathletik-Training“. Was sich sehr komplex und neu anhört, ist letzten Endes die nächste Stufe des klassischen Athletiktrainings, nur wird ein besonderer Fokus auf das Gehirn und das Nervensystem gelegt.
Ein schönes Beispiel in diesem Zusammenhang ist das periphere Sehen. Kurz umschrieben ist damit die Fähigkeit gemeint, Dinge im Blickfeld wahrzunehmen, die nicht im direkten Fokus liegen, sondern umgangssprachlich im Augenwinkel ablaufen. In vielen Sportarten ist das periphere Sehen enorm wichtig, um sich zu orientieren oder ein Verständnis für eine Situation zu bekommen. Auch im Esport ist das periphere Sehen von hoher Bedeutung, denn die Augen sind neben dem gehörten Input für die Esportler die wichtigste Informationsquelle. Es macht Sinn, sich dieser Fähigkeit anzunehmen und sie gesondert zu trainieren.
Straßenkämpferin Chun-Li verpasst keinen Leg-Day

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© Capcom

Die genannten Informationen müssen nun auch verarbeitet werden und in Bewegungsoutput, sprich den Klick auf die Maus, umgewandelt werden. Hier bietet sich ebenfalls wieder sportliches Training an, denn es konnte gezeigt werden, dass sich Sport positiv auf die Leistung des Gehirns auswirken kann, sprich dass Informationen schnell und besser verarbeitet werden können. Die Kommunikation zwischen Teams kann auf diese Weise ebenfalls gestärkt und beschleunigt werden, weil die gehörten Informationen effizienter verarbeitet werden und schneller in eine Aktion umgewandelt werden können.

FPS, MOBA, Battle Royale: Alle profitieren vom Sport

Selbst wenn alle Spiele unterschiedliche Anforderungen haben, sie alle können von spezifischem, körperlichem Training profitieren. So hilft es Gamern bei CS:GO eine schnelle Reaktionsfähigkeit, eine gute Aufnahme und Verarbeitung von Team-Speak-Anweisungen und gutes peripheres Sehen zu haben. Hearthstone-Gamer müssen vor allem ihre Konzentration lange aufrecht halten können, Stress aushalten und auf lange Sicht planen können, ein gutes neuronales System ist dafür Voraussetzung und wird durch körperliches Training begünstigt. Umgekehrt wirken sich manche Esport-Titel wie LoL auch positiv auf Bereiche im Gehirn aus und verbessern die Vernetzung. Es muss angefangen werden, sich mit den Anforderungen einzelner Games auseinanderzusetzen und darauf aufbauend zielführende Trainings zu konzeptionieren und nicht „nur“ 3x die Woche ins Fitnesscenter zu gehen.
Auch Lord Tachanka hat sein Gemüse brav aufgegessen

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© Ubisoft

5 Übungen für Gamer und Esportler

1. FingerRow
Ziel: Steigerung der Konzentration unter Belastung, Verbesserung der Fingerkoordination
Ablauf: Eine simple, aber effektive Übung ist die FingerRow. Dabei tippt ihr mit eurem Daumen auf den Zeigefinger, dann auf den Mittelfinger, Ringfinger, kleinen Finger und wieder zurück, Ringfinger, Mittelfinger und Zeigefinger und wieder von vorne. Beginnt zunächst langsam und versucht immer Fehler zu vermeiden. Steigern könnt ihr, indem ihr schneller werdet, nicht mehr hinschaut oder beide Hände gleichzeitig trainiert. Um einen Effekt für die Konzentration zu erzielen führt die Übung über einen längeren Zeitraum, z.B. mit 3 Minuten aus. Wenn ihr dabei auch noch locker auf der Stelle lauft bewegt ihr euch gleichzeitig. Perfekt auch in einer Spielpause oder beim Warten auf die nächste Lobby durchzuführen.
2. Dehnen der Unterarme
Ziel: Ausgleich für die Fingermuskulatur, verbessern der neuronalen Leitfähigkeit
Ablauf: Viele wissen nicht, dass die Muskulatur der Finger nicht in den Fingern selbst, sondern in den Unterarmen liegt. Ihr könnt sie dehnen, indem ihr aufsteht und eure Hände mit dem Handrücken nach oben und den Fingerspitzen zu euch zeigend auf euren Tisch legt. Manche werden bereits jetzt eine Dehnung spüren. Verstärken könnt ihr das, indem ihr euch mit dem Oberkörper vom Tische wegbewegt, dabei aber die Handflächen den Kontakt mit dem Tisch halten lasst.
3. Peripheral Chartboard
Ziel: Verbesserung der Wahrnehmung
Ablauf: Das Chartboard findet ihr hier, ihr könnt euch aber auch selber eins erstellen. Wichtig ist, dass die Zeichen in der Mitte kleiner sind als die Äußeren. Haltet das Chart vor euch oder hängt es an eine Wand, fokussiert den mittleren Punkt und lest im Uhrzeigersinn und von außen nach innen so schnell wie möglich alle Zeichen laut vor. Varianten wären gegen den Uhrzeigersinn, mehrere Chartboards hintereinander und unter Zeitdruck. Seid fair, lasst den Fokus immer in der Mitte!
4. Skill-Training nach Belastung
Ziel: Stärken der Skills in Stresssituationen
Ablauf: Sucht euch sportliche Übungen oder lasst sie euch sagen, die für euch Sinn machen. Z.B. wenn ihr einen stärkeren Rumpf haben wollt, bieten sich SitUps oder Planks an. Ihr könnte aber auch Liegestütze oder Skippings machen, wichtig ist, dass ihr die Ausführung richtig macht! Lasst euch im Zweifelsfall von Trainern beraten. Die Idee ist nun, dass ihr die Übung für 30 Sekunden durchführt und direkt im Anschluss ein Skill-Spiel eures Games macht. Bei FIFA könnt ihr in den Skill-Modus gehen und Abschlüsse üben, bei Apex könnt ihr im Trainingsmodus auf Punktejagd gehen und bei RocketLeague könnt ihr Trainings-Packs benutzen. Durch die Vorbelastung wird es euch schwerer fallen, genau zu sein, aber genau das ist hier der Trainingsreiz. Also dranbleiben!
5. Königsdisziplin: Jonglieren
Ziel: Verbesserung der Hand-Augen-Koordination
Ablauf: Auch wenn es komisch klingt: Jonglieren macht für Esportler viel Sinn: Ihr müsst euch konzentrieren und eure Hand-Augen-Koordination profitiert auch davon. Schaut euch am besten YouTube-Tutorials an und lasst euch nicht entmutigen, man lernt es schneller als man denkt.