HipHop aus Österreich ist der neue heiße Scheiß, das wissen inzwischen die Feuilletons der lokalsten Lokalzeitungen. Egal ob Yung Hurn, Crack Ignaz, Money Boy, RAF Camora oder Nazar: Sogar in Deutschland gilt in der Wahrnehmung der Medien HipHop made in Austria als Retter des deutschsprachigen Raps. Bilderbuch haben Sex wieder in die Popmusik gebracht, warum sollte das also nicht auch im HipHop funktionieren?
Fundamentale Beats
Diese Hochphase des österreichischen Raps kommt aber nicht aus dem Nichts: Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder Artists, die den heimischen HipHop weitergedacht haben. Wir haben mit einigen Protagonisten aus dem österreichischen HipHop gesprochen, um herauszufinden, wie der Status Quo ist: Gibt es so etwas wie eine heimische Szene? Und, wenn ja, wo genau findet man sie eigentlich?
Checkst du ihren Flow?
Die Anfänge und die Entwicklung von so etwas wie einer HipHop Szene hat das österreichische Magazin The Message in einer großen Serie nachgezeichnet – eine Entwicklung, bei der die Menschen rund um das Magazin aber nicht nur Berichterstatter, sondern durch die dazugehörigen Parties auch aktive Mitgestalter einer kleinen subkulturellen Szene waren. Musikalisch haben Acts wie die Waxolutionists oder Schönheitsfehler in der Hauptstadt Pionierarbeit geleistet –auch was die Artists außerhalb der Stadtgrenzen betraf: So veröffentlichten Texta ihre erste EP auf dem Label Duck Squad von Schönheitsfehler.
Stahlstadt statt Donaustadt
Eben diese Texta dominierten aber mit Acts wie Jack Untawega (der im Moment offensichtlich wieder einen Namenswechsel von Kroko Jack auf Wossamau durchmacht), Def Ill und Average das Geschehen. Besonders die gute Vernetzung von Texta und das internationale Booking in der Kapu haben maßgeblich zu dieser ersten Hochphase des heimischen HipHops beigetragen. Und viele der Protagonisten sind sich einig: Das bleibt so.
Mittlerweile ist es jedoch um Linz ein wenig ruhig geworden, den Schwung, den der Release von "Extra Ordinär" von Kroko Jack, eines der besten heimischen HipHop Alben des letzten Jahres, bringen hätte können, hat weder ihm selbst noch der Stadt einen Auftrieb gegeben. Nichtsdestotrotz sind mit Chakuza und Stickle zwei ursprüngliche Linzer nach wie vor groß im Game – sie verbringen aber mittlerweile die meiste Zeit in Berlin. Auch RAF Camora, der erfolgreichste österreichische Rapper, hat seinen Hauptwohnsitz in die deutsche Hauptstadt verlegt:
Versager mit Zukunft?
Im Jahr 2009 ging das Album "Versager ohne Zukunft“ von Kamp & Whizz Vienna in der deutschsprachigen Rapszene durch die Decke – endlich war wieder mal ein Export aus Österreich ganz oben. Die JUICE schrieb damals über Kamp:
In einem gelangweilten bis verzweifelten Flow trägt er präzise Mehrfachreime mit einer derartigen Selbstverständlichkeit vor, dass einem oberflächlich gar nicht auffällt, wie kunstvoll und lyrisch er seine Reimfäden über das erdige Soundbett spinnt.
Dieser gelangweilte und verzweifelte Flow hat sich bis heute durchgezogen, hört man in die Tracks des aktuellen Überfliegers Yung Hurn hinein. Macht diese sprachliche Eigenheit den Erfolg aus? Und wie nehmen die Artists selbst diese Entwicklung wahr?
Sie schauen
"Wenn ich in Deutschland bin, fragen die Leute immer, was in Wien geht und sind super interessiert daran," sagt T-Ser. In der äußeren Wahrnehmung gibt es also tatsächlich so etwas wie einen Hype. Das hat zu einem großen Teil mit der Person Yung Hurn zu tun. Das legendäre Interview im Schweizer Fernsehen, die Unnahbarkeit gegenüber den meisten Medien, sein Instagram, die Intonation der reduzierten Sprache: Die nihilistische Inszenierung ist die Antithese zur BIO-zertifizierten Gesellschaft und wird daher vom Feuilleton mit Freude aufgenommen. Ein bisschen Wiener, ein bisschen Koks, ein bisschen Superstar – die Geschichte kommt einem bekannt vor.
Die Problematik zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bringt T-Ser aber in seinem zweiten Satz auf den Punkt:
Das Ding ist aber: Wien ist die zweitgrößte deutschsprachige Stadt und war bis vor kurzem was HipHop betrifft völlig hinten nach. Jetzt holt Wien langsam auf – aber ehrlicherweise muss man sagen: Eigentlich müsste viel mehr gehen. Langsam entwickelt es sich in die Richtung, wie es schon längst sein sollte.
Auch wenn die öffentliche Wahrnehmung einen großen Aufschwung sieht, dann liegt das nicht daran, dass die Strukturen so gut wären, dass junge Künstler auf einen fahrenden Zug aufspringen könnten. Ganz im Gegenteil: "Ich wünsche mir aber auf jeden Fall mehr Plattformen, wo man als Österreicher gleich etwas hat, wo man raufgehen kann und neue Künstler entdecken kann. Das fehlt in der österreichischen Musikcommunity schon noch stark, denke ich – das gehört gepusht," bestätigt auch Meydo. Das, was in den neunziger Jahren als DIY Projekt begonnen hat, ist also nach wie vor ein DIY Ding.
Welcome to the Internet
Eine Sache, die diese Entwicklung beschleunigt und vor allem vereinfacht hat, ist der technische Fortschritt: Es war noch nie so einfach, selbst zu recorden, Videos zu produzieren und die vorhandenen Plattformen zur Selbstpromotion zu nützen: "Mittlerweile leben wir in einer Zeit, wo man es einfach selber machen kann," bestätigt Meydo.
Auch Mavi Phoenix hat das Internet Türen geöffnet, die ihr sonst vermutlich verschlossen blieben wären – und es hat ihr die Möglichkeit gegeben, ihren ganz eigenen Stil zu finden: "Es ist so einfach, weil man durch das Internet alles hat, was man braucht. Man kann überall hineindiggen und alles sampeln – jeder von uns hat schon so viel Musik aus den unterschiedlichsten Genres in seinem Leben gehört und ich glaube, das beeinflusst den eigenen Stil schon sehr."
Das Internet ermöglicht also nicht nur eine DIY-Attitude, sondern beschleunigt die Veränderung innerhalb der Kultur, wie Skero passend bemerkt: "HipHop war noch nie eine Konstante und geht immer mit der Zeit und verändert sich. Es verändert sich aber nicht nur die Musik, sondern die gesamte Kultur: "Das Publikum wird direkt von den Künstlern versorgt und die Medien können nur schauen, was im Moment en vogue ist und dann darauf reagieren. Das hat die Musiklandschaft sehr stark verändert."
Das gesamte mediale Echo ist generell nur dann groß, wenn es wieder einmal eine Debatte über Antisemitismus oder Frauenfeindlichkeit im Rap gibt. Szenemagazine leisten nach wie vor großartige Arbeit, müssen sich aber auch zunehmend mit weniger Clicks auseinandersetzen.
Der Künstler ist also Musiker, Videoproduzent, Vertrieb, Labelboss und Influencer in einem? Es wäre absurd zu denken, dass dies nachhaltig möglich ist, wie Money Boy bestätigt: "Ich habe das am Anfang ein wenig verabsäumt, Connections und ein Team aufzubauen – in der Musik heutzutage macht nämlich nicht ein Künstler alles alleine. Dahinter stehen Producer, Leute, die mitschreiben, Videoproduzenten. Alles selbst zu machen geht nicht."
Vorbilder? Fehlanzeige.
Das Internet hat zwar vieles verändert, aber nicht die Beziehung zwischen den Künstlern, von denen mittlerweile aber die Anzahl stark gewachsen ist. Als T-Ser vor einigen Jahren begann, war von einer Szene noch überhaupt keine Rede: "Als ich angefangen habe, gab es gar nichts." Mittlerweile schaffen es aber einige Rapper, ihren eigenen Hype zu kreieren – "Es passiert etwas," wie Meydo im Interview nicht müde wird zu betonen.
Es sind aber nicht nur strukturelle Probleme, die man kritisieren kann, sondern auch ein Problem innerhalb der Community: Man kennt sich zwar in Österreich, weil der Markt ohnehin nach wie vor sehr überschaubar ist, meint Skero – eine wirklich produktive Zusammenarbeit zwischen den Künstlern gibt es aber noch nicht.
Laut T-Ser liegt das auch an den fehlenden Vorbildern im österreichischen HipHop:
In Österreich ist das hart. Wenn man in Deutschland ist, spürt man schon, dass es so Leute gibt wie Sido, Kool Savas oder Samy Deluxe, die auch schon seit mittlerweile zehn Jahren Mentoren für andere Leute sind und Talente fördern. Das hattest du in Österreich nie. Das fehlt auf jeden Fall – daher wäre es eh wichtig, dass die Leute in Österreich ein bisschen mehr connecten und zusammenhalten und sich mehr pushen.
Blickt man auf die langjährige Geschichte des HipHops in Österreich zurück und bedenkt, welche Künstler bereits seit den Neunzigern beständig aktiv sind, dann steckt die Antwort auf die von T-Ser angesprochene Problematik in seinem letzten Satz: Wenn es ein bisschen mehr Zusammenhalt geben würde, dann hätten Talente vielleicht auch in Österreich die Chance, auf einen Pool an Wissen zurückzugreifen und so etwas wie Vorbilder zu finden.
Die Blaupause, wie so eine Zusammenarbeit aussehen könnte, beschreibt Money Boy:
Ich finde, am besten funktioniert das in Atlanta – das ist auch die Nummer 1 HipHop City. Dort arbeiten alle miteinander zusammen: Die sind in den selben Studios, die featuren sich alle gegenseitig – das ist mein Vorbild, das wäre der Idealfall. Ich glaube aber schon, dass sich in Wien eine Szene bildet. Ich glaube zwar nicht, dass alle connected sind und aufeinander zugehen – aber wenn man das machen würde, dann wäre es auf jeden Fall der richtige Schritt einfach alle Ressourcen zu bündeln.
Die nächste Gang der Stadt
Trotz aller struktureller Schwierigkeiten und den noch nicht ausreichend vorhandenen Beziehungen innerhalb der Community scheint aber dennoch etwas zu passieren. Meydo ist der Meinung, dass man merkt, dass sich österreichische HipHop Artists inzwischen immer mehr trauen und arbeitet an Tracks, Videos und Vlogs, Mavi Phoenix nimmt Popmusik als Klammer und verwebt sie mit HipHop Elementen, Money Boy hat zwei neuen Alben am Start, mit denen er den Markt überfluten will, T-Ser ist mit seiner Crew die ganze Zeit am arbeiten, Nazars hat soeben sein neues Album releast und Skero hat immer ein paar Töpfe am Herd stehen. Und das sind nur ein paar Namen aus einer breiten Masse von österreichischen HipHop Artists.
Meydo meinte im Interview, dass er nicht genau benennen kann, wie ihn Wien beeinflusst, sondern dass es eher ein Gefühl ist. Kann man jetzt von einer österreichischen HipHop Szene sprechen? Vermutlich nicht mit einem idealtypischen Bild der Vernetzung von Künstlern im Kopf – vielleicht ist auch der Begriff der Szene ein Gefühl, das sich langsam ausbreitet. "Es passiert," sagt Meydo. Was genau passiert, weiß vielleicht noch niemand so genau. Aber ein Gefühl ist da.
Alle Interviews für diese Geschichte wurden am Red Bull Music Festival Wien geführt – eine große Doku über dieses Festival gibt es hier zum Nachschauen:
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