Bike
Fünffache Weltmeisterin. Worldcup-Gesamtsiegerin. Eine Ikone im Mountainbike-Downhill-Sport. Wenn der Druck steigt und alle hinsehen – kehrt Vali Höll zurück zu ihrem Ursprung, dorthin, wo alles begann. Saalbach und das Glemmtal, ihre Heimat, ist für Vali Höll mehr als nur eine Location auf dem Worldcup-Kalender. Es ist der Ort, an dem sie Radfahren lernte, stürzte, wieder aufstand – und den Grundstein für eine Weltkarriere legte. Es ist ein Ort, der für sie beides ist: Bühne und Rückzugsort. Willkommen in der Welt von Valentina 'Vali' Höll!
01
MTB-Star gewährt Einblicke
Extrem erfolgreich und doch voller Selbstzweifel, voller Humor, aber nicht immer in der Stimmung, ihn zu zeigen, ehrgeizig, aber meistens eher zurückhaltend. So widersprüchlich lässt sich Vali Höll beschreiben. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die den Downhill-Mountainbike-Worldcup wie keine andere beherrscht. Ähnlich wie bei der Formel 1 gibt es auch hier verschiedene Stopps auf der ganzen Welt. Einer dieser Stopps liegt in Leogang, im Salzburger Pinzgau. In der Heimat von Valentina Höll.
"Die Challenge Downhill-Mountainbiken: Du kämpfst allein gegen die Stoppuhr – und jede kleine Unaufmerksamkeit wird hart bestraft."
Mehr über Valentina 'Vali' Höll
Dort, wo ihre Karriere begann, trifft sportlicher Ehrgeiz auf persönliche Erinnerungen. Zwischen vertrauten Gesichtern, großem Druck und dem Traum vom Hattrick zeigt sich: Hinter der schnellen, starken Athletin steckt ein Mensch mit Zweifeln, Tiefgang – und unerschütterlicher Hingabe an ihren Sport. Doch hier kennt man sie nicht nur als Ausnahmetalent, Profisportlerin und mehrfache Weltmeisterin. Hier kann sie auch einfach 'Vali' sein.
Vali Höll "daheim" in Leogang: Erfolgsdruck vs. "Heldinnenstatus"
© Bartek Wolinski/Red Bull Content Pool
Leogang ist ein ganz spezieller Weltcup-Stopp für die Salzburgerin. Es ist ein Ort, der für sie beides ist: Sowohl Bühne als auch Rückzugsort. Denn hier ist sie nicht nur der Mountainbike-Topstar, sondern hier ist auch ihr Zuhause, wo sie ganz sie selbst sein kann. Auf der anderen Seite des Berges im Glemmtal, genauer gesagt in Saalbach-Hinterglemm, lernte sie zwischen Almen, Wiesen und Wanderwegen Radfahren, stürzte, rappelte sich auf und gewann ihr erstes Rennen. Damals noch gegen Jungs – eine eigene Mädchen-Kategorie gab es nicht. Sie setzte sich durch, fuhr als Juniorin in den Weltcup, gewann Rennen, Titel – und den Gesamtweltcup.
02
Extremsport auf zwei Rädern ohne Motor
Vali Höll übt einen Extremsport aus, wahrscheinlich den extremsten auf zwei Rädern ohne Motor. Das Downhill-Mountainbiken lässt sich am ehesten mit der alpinen Skiabfahrt vergleichen: allein gegen die Stoppuhr. Mit dem Unterschied, dass ein Lauf mit drei bis fünf Minuten fast dreimal so lang ist und die Strecken oft durch dichten Wald führen und mit riesigen Sprüngen und scheinbar unfahrbaren Steinpassagen gespickt sind. Trotz dieser enorm anspruchsvollen Strecken – die viele stellenweise nicht einmal hinunterlaufen würden – brettern die Fahrerinnen mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 70 Kilometer pro Stunde herunter: Es wird hier um jeden Sekundenbruchteil gekämpft. Jede kleine Unaufmerksamkeit wird hart bestraft – denn wer stürzt, bezahlt mit Schürfwunden, Prellungen oder sogar Knochenbrüchen.
Aber wer denkt, dass Frauen in diesem Sport entschärfte, vereinfachte Bedingungen vorgesetzt bekommen, der irrt: Männer und Frauen fahren dieselbe Strecke. Der Downhill-Sport ist hart. Es benötigt viel Kraft, um den Stößen entgegenzuwirken, starke Ausdauer, um die lange Laufzeit durchzuhalten, präzise technische Abstimmungen am Bike für die Laufruhe – und außergewöhnliches Talent, um zu gewinnen.
"Eine Athletin zu sein bedeutet mehr als nur am Wettkampftag zu siegen."
Oft entscheiden kleinste Nuancen zwischen Sieg und Niederlage. Zwischen Jubel und Enttäuschung. Doch ist ein Renntag nur ein Mosaikstein im großen Ganzen Sportler:innenleben. Eigentlich geht es um mehr als die Summe der einzelnen Teile. Es geht um mehr als um Siege. Es geht um die Hingabe, für ein Ziel sein ganzes Leben zu opfern. Weiterzumachen trotz Schmerzen, Zweifel zu überwinden und extreme Belastungen durchzustehen. Es fällt leicht, Vali Höll für ihre Erfolge zu bewundern – für ihre Titel, ihren Speed und ihren Style auf dem Bike. Doch was die 23-Jährige besonders macht, sind nicht nur ihre Fähigkeiten auf dem Mountainbike. Es ist ihre Haltung. Die Bereitschaft, den Sport an erste Stelle zu setzen. Für sie bedeutet "Athletin sein" mehr als nur am Wettkampftag die schnellste Fahrerin zu sein. Es bedeutet, täglich und immer wieder aufs Neue sein Bestes zu geben, 100 Prozent abzurufen, wenn es darauf ankommt: für sich selbst, das Team und die Fans.
03
Heimweltcup als emotionale Achterbahnfahrt
Ein Heimweltcup ist für Vali Höll immer etwas Besonderes: Freunde, Familie, Medien, Fans – alles ist nah, alle schauen auf den großen Star der Mountainbike-Szene. Nach Hause zurückzukehren ist zwar immer eine kleine Insel der Erholung, doch mit dem Leistungsdruck wachsen auch die Selbstzweifel. Denn die Erwartungshaltung an die beste Downhill-Mountainbikerin der Welt ist riesig. Erwartet wird der Sieg, nichts anderes. 2025 lag der Fokus auf dem Hattrick – drei Jahre in Folge ein Sieg auf derselben Strecke in Leogang. Das wäre historisch – für den Mountainbikesport, für die Region rund um Leogang und besonders für Vali. Schließt sich hier der Kreis, am Ort, wo ihre Karriere – und auch ihr Leben – begann?
04
"It is what it is."
Leogang, 7. Juni 2025 – fein abgestimmte Abläufe bestimmten den Rhythmus von Vali Höll: Alles ist getaktet – Frühstück, Training, Warm-up, Warten auf dem Gipfel. Vor dem Start: totale Konzentration. Vali Höll war im Flow, schaltete die Außenwelt aus. Im Race Run zählt die Balance zwischen Kontrolle und Risiko, zwischen Fokus und Intuition, zwischen äußerem Druck und innerem Willen.
Parallel sammelten sich im Tal mehrere tausend Fans im Zielgelände. T-Shirts, Caps und Banner zeigten klar, dass die Lokalmatadorin der große Star ist, viele Supporter hat – und nur ein Sieg sie zufriedenstellt. Vom Berg hallten Jubelrufe und das laute Dröhnen von Motorsägen herab. Auf einem riesigen Bildschirm ließ sich das Rennen live verfolgen und Zwischenzeiten verschiedener Streckenabschnitte ablesen, Kommentatoren waren vor Ort und analysierten die technischen Feinheiten der Fahrerinnen. Als Siegerin des Qualifikationslaufs startete Vali Höll als Letzte. Es schien alles angerichtet zu sein für ein großes Finale vor den Augen ihrer Fans. Die vor ihr fahrende Konkurrentin lieferte einen soliden, schnellen Lauf – volle Power, kompromisslos nach vorne. Diese Zeit würde schwer zu schlagen sein, aber wer, wenn nicht der Salzburger Mountainbike-Star kann das schaffen? Um 14:41 Uhr war es dann so weit: Vali Höll ging an den Start. Sie sah voll konzentriert aus, selbstbewusst, in ihrem Element. Im Zielbereich wurde es still und alle Augen waren wie gebannt auf den Bildschirm gerichtet. Ihre Mama und Oma flüsterten kaum noch, ihr Papa war fokussiert und voller Zuversicht. Dann erreichte sie die erste Zwischenzeit: 2,78 Sekunden vorn. Erster Jubel brach im Zielbereich aus – ein Wechselbad aus Anspannung, Freudentränen und nervöser Erwartung folgte.
"Am Ende will ich einfach wissen, dass ich alles gegeben habe – für mich.“
Vali Höll fuhr in den letzten Abschnitt ein, die Schlüsselstelle der Strecke: ein extrem steiles Waldstück, das keine Fehler verzeiht. Sie fuhr sauber – aber würde das für den Sieg reichen? Auf der Zielgeraden empfing sie rot-weiß-roter Rauch, tausende Stimmen jubelten ihr zu. Doch Vali Höll jubelt nicht – sie steht im Ziel und ihr Blick sagte mehr als Worte. Für den Sieg – und damit den ersehnten Triple – reichte es dieses Jahr nicht. Platz drei mit 2,4 Sekunden Rückstand. Ein Wimpernschlag, der über den Unterschied zwischen Siegestaumel und erneuten Selbstzweifeln entscheidet. Vor allem vor den Augen ihrer Familie und ihrer Freunde hätte sie sich natürlich ein besseres Ergebnis gewünscht.
„It is what it is.“ So kommentierte Valentina Höll kurz nach dem Rennen ihr Ergebnis beim Heim-Weltcup in Saalfelden-Leogang. Über die Jahre wurde der Satz für sie zu einem Mantra – und zum Titel ihrer Dokumentarserie. Denn über Niederlagen darf man nicht zu lange nachdenken. Es ist ein Satz, der viel sagt – und doch so wenig. Vielleicht, weil das, was in ihr vorgeht, schwer in Worte zu fassen ist.
Doch viel Zeit, darüber nachzudenken, hat Valentina 'Vali' Höll in dieser Saisonphase nicht – denn bereits zwei Wochen später wartete der nächste Worldcup auf sie. Der dritte Platz daheim in Leogang, auf ihrem Hausberg, mag für die beste Downhill-Mountainbikerin der Welt enttäuschend sein. Doch Rang drei unterstreicht auch die Stärke der internationalen Konkurrenz – und zeugt von den Feinheiten dieses brutalen Sports und vom Wandel in einem brutal anspruchsvollen Sport, der jeder Athletin alles abverlangt.