League of Legends
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Von Leidenschaft zum Meilenstein: Wie aus Gaming-Mods Esport-Größen wurden

Manche Gaming-Mods werden zu Legenden der Szene. Andere schaffen völlig neue Genres.
Autor: Matthias Regge @PrinnyDood
8 min readPublished on
Die Welt des Esport ist faszinierend. Es gibt Spiele, die mittlerweile mit dem einzigen Zweck geschaffen werden, in die Blase des elektronischen Sports einzudringen. Viele versuchen die magische Formel zu knacken, die ein Spiel zu mehr macht, als zum Beispiel nur einem weiteren Shooter. Sie versuchen herauszufinden, was die Quelle dieses Funken ist, der das Feuer in den Spielern entzündet. Die Antwort ist simpel: Es ist Leidenschaft. Und das ist auch der Grund, warum die drei wichtigsten Esport-Genre unserer Zeit ihren Ursprung dort haben, wo die Szene nur so vor Passion strotz - In der Community für Game-Modding.

Defense of the Ancients (Warcraft 3) schuf das MOBA

Das Ur-DOTA war ein Warcraft 3-Mod

Das Ur-DOTA war ein Warcraft 3-Mod

© Activision Blizzard

Defense of the Ancients (kurz: DOTA) war von Anfang an einer der beliebtesten Mods für das Echtzeit-Strategiespiel Warcraft 3 und ein Dauerbrenner auf LAN-Parties und Online-Sessions. Das Prinzip ist simpel: Ihr wählt einen von zahlreichen Helden aus, die alle mit ihren eigenen Eigenschaften und Fähigkeiten ausgestattet sind, und kämpft euch mit vier Mitstreitern aus einem Basislager heraus durch Horden von Gegner. Das Ziel: In das gegnerische Lager eindringen und deren Hauptgebäude zerstören. Auf dem Weg zum Sieg stehen Kämpfe mit den gegnerischen Helden, aufleveln des eigenen Charakters, zurückdrängen der feindlichen Fußsoldaten und Kaufen von neuen Gegenständen auf dem Plan. Der hohe Wiederspielwert und die strategische Tiefe waren Aushängeschilder des Mods, die ihn zu einem echten All-Star gemacht haben. DOTA wurde schnell Teil der PC-Popkultur; der schwedische Elektro-Musiker Basshunter hat dem Mod sogar einen Song gewidmet.
Der erste Stand-Alone-Durchbruch der DOTA-Formel kam in Form von League of Legends im Jahr 2009. Mit all seinen spielerischen Qualitäten litt der Defense of the Ancients aber dennoch unter den Umständen, dass es trotz allem nur eine Modifikation von Warcraft 3 war. Dies führte zu einigen Kinderkrankheiten. Da Warcraft 3 ein Strategiespiel war, das euch die Kontrolle über mehrere Einheiten zur selben Zeit gegeben hat, war es logischerweise möglich diese Einheiten zu aus- und abzuwählen. Dies war auch in DOTA möglich, selbst wenn ihr dort nur eine einzige Einheit kontrollieren konntet.
Das Lösen dieser kleinen Probleme und das entschlacken des Spielsystems mit einem einfacheren Item-Shop und einem etwas fokussierteren Spielprinzip lies die Massen auf League of Legends aufspringen. Der Umstand, dass der Titel zudem Free-to-Play war (und bis heute ist), hat den Einstieg noch einmal vereinfacht. Das Spiel wurde nicht nur ein Erfolg, sondern ein Massenphänomen, dass bis heute anhält. Im Fahrtwasser von League of Legends gab es zahlreiche andere Spiele, die versucht haben auf dem DOTA-Prinzip aufzusetzen. Manche mit mehr, die meisten mit weniger Erfolg. Schlussendlich war dies die Geburt des MOBA (Multiplayer Online Battle Arena)-Genres.
2011 wurde verkündet, dass der Altmeister auch etwas von neu gebackenen Genre-Kuchen abhaben möchte. Unter dem Banner von Valve, wurde der Steam-Exklusivtitel DOTA 2 angekündigt. Fans zelebrierten die Rückkehr von Charakteren, die sie schon im Original-Mod gespielt hatten. Natürlich ohne ihren entsprechenden Warcraft-Look.
Andere nennenswerte MOBAs der letzten Jahre, die ohne DOTA nicht existiert hätten, sind Blizzards Heroes of the Storm, Heroes of Newerth und das 3rd-Person MOBA Smite.

Team Fortress (Quake) schuf den Hero Shooter

Quake und Doom gehörten zu den ersten Spielen, die eine lebhafte Modding-Szene hatten. Unter anderem dank der Geburt der Multiplayer-Variante “Deathmatch”. Spieler bauten neue Karten und Modi. Quake erhielt so unter anderem Team Fortress. TF bot seinen Spielern Ziel-basierte Matches, die Zusammenarbeit in den Vordergrund und einzelne Abschüsse in den Hintergrund stellten. Zudem erweiterte es den Titel um ein Klassensystem. Spieler konnten aus einer Reihe unterschiedlicher Rollen wählen, die ihrem Spielstil entsprechen und das Team auf ihre eigene Weise unterstützen konnten.
Dank seiner großen Popularität wurde der Mod dann 1999 in der Form von Team Fortress Classic für den Ego-Shooter Half-Life konvertiert. Online-Gaming war zu dieser Zeit in seiner vollen Blüte und Half-Life war die Speerspitze einer neuen Welle von Multiplayer-Erfahrung. Es war der perfekte Sturm, der Team Fortress Classic, und andere Half-Life-Mods wie Counter-Strike, mit einer wahren Flut an Spielern versorgte.
Counter-Strike ist in diesem Kontext noch einmal besonders zu erwähnen. Denn hier handelt es sich ebenfalls um einen Titel, der als Mod geboren, dann zu einem eigenständigen Spiel und letztendlich zu einem Eckpfeiler des Esports wurde.
Half-Life-Entwickler Valve hatte ebenfalls Interesse an dem Mod ihres Grundspiels und plante die Umsetzung eines offiziellen Nachfolgers. Der erste Trailer zu Team Fortress 2 zeigte unter dem Untertitel Brotherhood of Arms einen klassischen Militär-Look. Besondere Features über die zu dieser Zeit gesprochen wurde waren, dass sich der Kopf eines Charakters passend zur Blickrichtung des Spielers dreht und Münder sich synchron zum Voice-Chat bewegen.
Das finale Team Fortress 2 erscheint 2007 als Teil der Valve-Compilation The Orange Box. Der Stil war meilenweit von dem entfernt, was erste Promo-Materialien vor einigen Jahren präsentiert hatten. Verworfen war der dreckige, reale Militär-Look. Stattdessen setzte Valve auf ausdrucksstarke Cartoon-Optik mit Charakter-Klassen, die nur so vor Persönlichkeit strotzen. Gewagt, aber eine gute Entscheidung, da der Titel dadurch aus der grauen Masse an Military-Shootern hervorstechen konnte. Später wechselte der Titel auf ein Free to Play-Modell und erlebt seit dem eine große Beliebtheit auf Steam.
Was Team Fortress 2 trotz seiner neuen Optik behalten hatte, ist das Klassenbasierte Gameplay, dass Team-Arbeit und Koordination verlangt. Spieler sollen ihre passende Rolle finden und dann dafür einsetzen können, das eigene Team zum Sieg zu führen. Aus diesem Grund kann man diese Reihe aus Spielen, die durch den Quake-Mod losgetreten wurde, als die Geburt des Hero-Shooters bezeichnen. Ein weiterer, früher Vertreter war der Wolfenstein-Mod Enemy Territory.
Der Hero-Shooter, der sich zum heutigen Tag der größten Beliebtheit erfreut ist Blizzards Overwatch. Auch hier liegt der Fokus auf den unterschiedlichen, ausgeprägten Persönlichkeiten, welche die Charakter-Auswahl füllen. Die Optik ist bunt, überzogen und nimmt sich selbst nicht immer ganz ernst. Mit seinen zahlreichen Spielmodi und regelmäßigen Updates ist es momentan die Spitze der Evolution von dem, was Fans einst als Modifikation von Quake geschaffen haben.

DayZ (ArmA 2) schuf Battle Royale

Der ArmA-Mod DayZ war der Großvater des Battle Royale

Der ArmA-Mod DayZ war der Großvater des Battle Royale

© Bohemia Interactive

2012 entsteht mit DayZ ein Mod für die Militär-Simulation ArmA 2 (ArmA steht für Armed Assault), der Steam und Twitch im Sturm erobert. Spieler werden ohne Ausrüstung in eine mit Zombies infizierte, offene Welt geworfen und müssen um ihr Überleben kämpfen. Dabei war einer der spannenden Mechaniken die zufällig über die Karte verstreuten Gegenstände und Waffen, die ihr unter dem Druck der nahenden Untoten sammeln müsst. Doch die NPC-Zombies sind nicht die einzige Bedrohung. Auch andere Spieler sind auf der Suche nach Rüstung und Schusswaffen, um sich zur Wehr setzen zu können. Man weiß nie was hinter der nächsten Ecke, oder in der Ruine im Tal vor einem, warten wird. Dieser Nervenkitzel war der Schlüssel, der viele Shooter-Freunde immer wieder in die Welt von DayZ hat eintauchen lassen.
DayZ: Battle Royale wurde als Mod zu einem Mod entwickelt. Sein Schöpfer: Brendan Greene, später vor allem unter seinem Gamertag “PlayerUnknown” bekannt. Greene erweiterte DayZ um einen Modus, der einen stärkeren Fokus auf die PvP-Komponente des Ausgangs-Mods legt. Damit traf er den Geschmack der Spieler. DayZ: Battle Royale erfreut sich während seiner Alpha-Phase großer Beliebtheit. Leider stellt er das Projekt ein, nachdem DayZ im Jahr 2013 als eigenständiges Spiel umgesetzt wird.
Greene setzte seine Mod-Entwicklung auf Basis des dritten Teils der ArmA-Reihe fort. Unter dem Titel PlayerUnkown’s Battle Royale schuf er das, was man heute als Blaupause für seinen Überraschungshit PUBG betrachten kann. Dieser Mod war es auch, was Battle Royale als Genre zum ersten Mal in den Blickpunkt der Massen gebracht hat. ArmA 3 wurde zu einem Bestseller auf Steam, Käufe getrieben von dem Wunsch der Spieler PUBR erleben zu können. Ein Trend, der an dieser Stelle aber noch nicht stoppen sollte.
Der nächste Schritt kam 2017, als das eigenständige Produkt PlayerUnknown’s Battleground (aka. PUBG) das Licht der Gaming-Welt erblickte. Trotz seiner fragilen Engine und rauen Kanten wurde das Spiel zu einem unglaublichen Erfolg und löste das MOBA-Genre an der Spitze der Streamer-Popularität ab. Battle Royale wurde zu einer Bewegung, die kaum aufzuhalten war. Innerhalb von einem Jahr schuf PUBG neue Zuschauerrekorde auf Twitch und zementierte seinen Platz im Walk of Fame des Gamings. Später machte der Titel auch einen Sprung auf mobile Plattformen und die Xbox One.
Allerdings hatte der Hype-Zug für das Battle Royale-Genre gerade mal den Bahnhof verlassen. Der Survival-Shooter Fortnite fügte Ende 2017 den kostenlosen Spielmodus Fortnite: Battle Royale hinzu. Während Fortnite zuvor nur moderaten Erfolg erzielen, aber eine treue Fanbase genießen, konnte, half ihm dieser neue Free to Play-Modus den Durchbruch in den Mainstream zu ebnen. Es entbrannte ein Glaubenskrieg unter Gamern. PUBG gegen Fortnite. Während PUBG seine Spieler mit dem tieferen Gameplay fesselte, konnte Fortnite sein Publikum durch ein stabileres Spielerlebnis und runderes Gesamtpaket begeistern. Die Möglichkeit kostenlos einzusteigen war eine weitere, große Hilfe.
Mittlerweile ist Fortnite ein Teil der Pop-Kultur. Es ist Teil von Blockbuster-Kinofilmen, Fortnite-Spielzeuge stehen in Regalen der Läden und Kinder tanzen die ikonischen Emote-Tänze auf Pausenhöfen. Mit seiner Präsenz auf PC, Konsolen und Mobil-Geräten haben Millionen von Spielern jederzeit Zugriff auf eines der größten Gaming-Phänomene aller Zeiten. Und alles hatte seinen Anfang mit der Leidenschaft eines Spielers, der ein Spiel um etwas erweitert hat, dass die Welt in dieser Form noch nicht kannte.
Wer weiß, was die Zukunft des Esports für uns bereithält. Wie man an diesen Beispielen sieht, sind wir immer nur einen engagierten Game-Mod von etwas entfernt, was die Szene auf den Kopf stellt. Manchmal braucht es einfach nur einen Leidenschaftlichen Fan, um etwas zu schaffen, was die Gaming-Landschaft essenziell verändert.