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Alpines Skifahren
Hirscher Blog: Don't call it a comeback!
„Beim 82. Hahnenkamm-Rennen werde ich als Vorläufer die Streif in Angriff nehmen! Dabei gilt, freie Fahrt statt Zick-Zack-Gehacke und für mich vor allem: Spaß haben, nicht schnell sein!“
Hey Leute,
Es gibt Neuigkeiten! Große Neuigkeiten, oder sollte ich sagen steile?! Beim 82. Hahnenkamm-Rennen werde ich als Vorläufer die Streif in Angriff nehmen – endlich! Denn diese Erfahrung die fehlt mir noch. Ich bin zwar den Super-G in Kitzbühel mehrmals gefahren, aber die komplette Abfahrtslänge noch nie. Das wird sich dieses Wochenende ändern!
3 Min
Begleite Marcel Hirscher bei seinen Vorbereitungen auf die Streif
Das Erlebnis Streif ist für Ski-Legende Marcel Hirscher "das letzte große Abenteuer zwischen den Stangen", das ihm noch fehlt. Wir haben ihn bei den Vorbereitungen darauf hautnah begleitet.
Was mich an meinem Streif-Abenteuer am meisten begeistert? Abgesehen vom puren Speed der Streif und dem gelebten Rhythmus bei der Abfahrt begeistert mich besonders der Kontrast zwischen dem Rennfahren und dem Tiefschnee-Skifahren, dem ich zuletzt vermehrt nachgegangen bin. Aber eins nach dem anderen…
In Kitzbühel gilt: Freie Fahrt statt Zick-Zack-Gehacke
Das Skifahren macht noch immer einen großen Teil meines Lebens aus. Ich würde sogar sagen, das Skifahren macht mir mehr Spaß denn je! Ich gehe dann Skifahren, wenn es mir taugt, wenn ich Freude darauf und Lust habe – am liebsten im Tiefschnee ; ). Als Hobby-Sportler bin ich da vollkommen frei in meinen Entscheidungen...
So frei, dass ich mir gedacht habe: Eigentlich könnte ich wenigstens einmal in meinem Leben die Streif in rennähnlichem Tempo hinunterfahren. Das wäre cool! Und wann wäre der Zeitpunkt besser als jetzt? Gesagt – getan. Wobei es nicht ganz so einfach war…
Fangen wir vorne an: Dadurch, dass ich nicht mehr so sehr im Renntraining bin und ich auch körperlich nicht mehr in meiner damaligen Top-Verfassung bin, war es notwendig, mein Streif-Projekt im Vorfeld genau abzustecken und sich langsam heranzutasten. Keine kleine Herausforderung, aber eine sehr schöne, die ich jetzt erleben und meistern will. Zudem ist es ein großes Privileg für mich als Technik-Experte, den Abfahrtssport jetzt, nach meiner aktiven Karriere, mit etwas mehr Zeit intensiver kennenlernen zu dürfen. Das macht große Freude.
Statt im Backcountry stand ich bei meinem ersten Test also plötzlich auf der Ski-Rennstrecke schlechthin. In meinem Kopf habe ich das sofort mit dem Motocross fahren verglichen, das ich in meiner Freizeit betreibe: Von der Cross-Maschine im Wald wechselst du auf das MotoGP-Bike und fährst am Red Bull Ring! Oder, um beim Skifahren zu bleiben: Mit einem Mal komme ich vom Zick-Zack-Gehacke des Slaloms, wo es um Zentimeter geht, zur gefühlt freien Abfahrt, wo es um Meter geht. Dieses Gefühl, den Ski frei zu geben und im Fluss der Elemente und der Natur zu sein, das ist schon toll und jeden Aufwand wert.
Auf langen Latten zum nächsten Traum
Jetzt also Abfahrt! Was bedeutet das überhaupt? Für mich als Ex-Slalom-Fahrer stehen die Tore bei der Abfahrt als reine Markierungen da, die mir zeigen, wo es ungefähr lang gehen soll – den Rest gibt allein die Strecke vor. Die Abfahrt ist somit kein Hindernislauf, wo du immer Sorge haben musst, ob du überhaupt durchkommst, sondern vom Feeling viel angenehmer, da bist du Teil der Strecke, nicht ihr Gegner.
Lange Rede, kurzer Sinn: die Streif runterzufahren ist super spannend für mich! Derart lange Streckenabschnitte durchzufahren, das ist für mich eine große Veränderung. Du musst dich auf ganz andere Sachen konzentrieren als im Slalom. Um bei der Umstellung kein Detail zu verpassen, habe ich mir die Streif zu Beginn in drei Abschnitte aufgeteilt:
- Start und Startschuss
- Mittelteil mit Seidelalm
- Hausbergkante mit Zielschuss
An diese drei Abschnitte habe ich mich zuerst einzeln herangetastet. Am Ende habe ich sie alle aneinandergehängt, um mir einen weiteren Traum zu erfüllen.
Sprung ins Glück: Wer bis hier kommt, hat die Streif fast geschafft.
© Samo Vidic / Red Bull Content Pool
Zurück zu alten Mustern – aber nur kurz!
Besonders erstaunlich war, wie schnell ich in Vorbereitung auf mein Streif-Abenteuer zurück in den exakt selben alten Mustern wie zu Weltcup-Zeiten war, sogar das Set-Up war dasselbe, sprich: 5:30 Wecker, lange Anfahrt, vor Ort, Aufwärmen, Vorbereiten, Training, Druck, Stress, am Nachmittag nach Hause fahren, ausradeln, Konditionstraining, Therapie, Essen, Schlafen, Repeat. Und hier muss ich ehrlich sein, so schön diese Erfahrung wieder ist: Dieses tägliche Prozedere noch einmal zu erleben, hat mir gezeigt, wie zufrieden ich mit meiner Entscheidung bin, nicht mehr aktiv am Rennzirkus teilzunehmen.
Wie damals waren auch dieses Mal in meinem Team dabei: Mein Papa Ferdl, mein Physio Alexander Fröis und mein Kondi-Trainer Gernot Schweizer. Neu mit dabei waren mein Bruder und die gesammelte Van Deer Crew. Letztere, auch das hat mein kurzes Abfahrts-Abenteuer gezeigt, hat bezüglich unserer Abfahrts-Ski noch einiges an Arbeit und Tests mit Athleten vor sich. Aber auch hier muss ich, als frisch gebackener Ski-Bauer sagen: an den eigenen Skier zu feilen ist eine große, aber tolle Herausforderung, die mich erfüllt und auch ein bisschen stolz macht. Dass wir die Courage hatten, diesen Schritt zu gehen, finde ich toll. Jetzt heißt es auch hier im Team die Extrameile zu gehen, um für jede Disziplin den perfekten Ski stellen zu können.
In diesem Sinne verabschiede ich mich und freue mich sehr, am Freitag im Rahmen des 82. Hahnenkamm-Rennens auf den langen Latten einem weiteren Traum entgegenzurasen. Wobei – und das meine ich vielleicht das erste Mal in meinem Leben wirklich ernst – dieses Mal stehe ich am Start um Spaß zu haben, nicht um schnell zu sein.
Genießt das Wochenende in Kitzbühel!
Euer Marcel.
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