Einer von sieben!

Hirscher Blog: 7 Gesamtweltcuptitel, 2 Olympiamedaillen & große Emotionen!

© ServusTV / Neumayr / Leo

„Von ganz unten, wieder nach ganz oben – was für eine Saison! Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen und den Winter Revue passieren zu lassen.“

Hi Leute, 

die Saison ist nun mit dem letzten Rennwochenende in Åre zu Ende gegangen und ich bin überwältigt, wie dieser Winter für mich gelaufen ist. Der Sieg im Riesentorlauf war mein 13. Erfolg insgesamt in dieser Saison und eine Rekordmarke.

Noch vor fünf Monaten spukten Gedanken wie „ist die Saison vorüber, bevor sie angefangen hat?“, „wird Olympia ein Thema sein?“ oder „ist das jetzt mein Karriereende?“ in meinem Kopf herum und mein Team und ich haben zu diesem Zeitpunkt nicht einmal zu träumen gewagt, dass wir in diesem Winter so erfolgreich sein könnten. Als die Genesung dann wie gewünscht voranschritt und ich die ersten Schwünge ohne Schmerzen fahren konnte, legten wir die Strategie für den Winter fest: jeden Tag, jedes Rennen und jedes Ergebnis so zu nehmen, wie es ist und gnadenlos ans Limit zu gehen. Diese "egal-was-passiert"-Mentalität, die jegliches Risiko rechtfertigte, hat mir nun am Ende meine beste Saison mit 13 Siegen, zwei Olympiamedaillen und drei Kristallkugeln eingebracht – ein Traum, der aufgrund der Leichtigkeit, die ich Rennen für Rennen an den Tag legen konnte, Realität wurde. Niemand hat von mir in dieser Saison etwas erwartet – nicht die Medien, nicht die Öffentlichkeit, nicht das Team und nicht einmal ich selbst – und das nahm extrem viel Druck, der nach dem letzten Winter bestimmt da gewesen wäre. Ich bin mir sicher, dass diese Saison ohne die Verletzung, die mich aus der Bahn zu werfen gedroht hat, ganz anders verlaufen wäre. Klingt komisch, ist aber so. Der Knöchelbruch hat sehr viel Positives beigetragen zu dem großen Ganzen!

Auch das Duell mit Henrik Kristoffersen, das dieses Jahr beherrschte, war am Ende ein großer Faktor. Wir pushten uns gegenseitig zu Höchstleistungen und wuchsen beide an dieser Aufgabe! Er ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Skifahrer der Zukunft, obwohl man mit solchen Annahmen immer sehr vorsichtig sein muss, weil schnell wieder jemand da sein kann, der auch ihn fordert! Die Dichte im Skisport ist sehr hoch und wenn ich an die letzten Jahre denke, hatte ich immer Gegner, die mich an meine Grenzen brachten und gegen die ich mit dem Messer zwischen den Zähnen durch die Rennen musste. Ich denke da zum Beispiel an Ted Ligety, der in Höchstform einfach einen extrem schnellen Schwung gefahren ist und an dem ich mir immer wieder die Zähne ausgebissen habe. Auch Alexis Pinturault fordert immer vollen Fokus und ist wohl einer der härtesten Gegner im Riesentorlauf. Im Slalom sind unter anderen Henrik und Felix Neureuther zwei Kandidaten, die immer um den Sieg mitfahren, aber genau das verhilft zu Wachstum. Mein Wille zum Sieg steht über allem, und egal wie viele Siege schon neben meinem Namen stehen, ich möchte einfach die schnellste Zeit fahren!

Am Saisonanfang hat zugegeben nicht gleich alles geklappt und ich hatte mit vielen Rückschlägen zu kämpfen, doch als ich dann in Levi bei meinem ersten Weltcuprennen nach dem ersten Durchgang auf Rang vier lag, fing alles an in den Flow zu kommen. Dort habe ich gemerkt, dass ich vorne mitfahren kann und dieser Moment hat sich ganz stark bei mir eingebrannt. Zu versuchen, einen schönsten Moment zu definieren ist in diesem Jahr beinahe unmöglich, weil jeder Sieg etwas Besonderes ist. In Kranjska Gora zum Beispiel, war die Freude besonders groß, weil da feststand, dass ich den Gesamtweltcup ein siebtes Mal in Folge für mich entscheiden konnte, aber auch die beiden Olympiasiege werde ich nie vergessen. Bei den Spielen war der Druck in diesem Jahr extrem, weil ganz Österreich von mir erwartet hat, dass ich mit Edelmetall um den Hals nach Hause zurückkehre. Es hieß also angreifen und das von Anfang an! Der erste Sieg in der Kombination war natürlich überraschend, auch für mich, und dann im Riesentorlauf noch einmal ganz oben zu stehen war gigantisch und wir alle hatten eine Riesenfreude daran. Es gab sehr, sehr viele schöne Momente in diesem Winter, mehr als 15!

Was die Zukunft angeht, kann ich jetzt noch nicht sagen, wie es weitergeht! Soviel kann ich zu den Spekulationen rund um einen verstärkten Fokus auf die Speed Disziplinen sagen: um in der Abfahrt und dem Super-G Erfolg zu haben, braucht es eine Menge Zeit und Erfahrung und die habe ich nicht. Mich an diese beiden Disziplinen, die eigentlich ja komplett andere Sportarten im Vergleich zum Slalom und Riesentorlauf sind, heran zu tasten, würde mit Sicherheit ein, zwei Jahre dauern, was mit sehr spärlichem Erfolg vorübergehen, und frühestens im darauf folgenden Jahr, oder später Früchte tragen würde. Die Strecken kennen zu lernen, Kilometer auf den langen Skiern zu machen und sich mit dem Tempo anzufreunden klingt spannend, und reizt mich auch, aber ich will mich dieser Aufgabe zu diesem Zeitpunkt nicht mehr stellen. Es geht darum, Spaß am Skifahren zu haben und damit ist auch die Frage nach den bleibenden Herausforderungen beantwortet. Nach einem Rennwinter wie diesem, freu ich mich auf Entspannung und darauf, die Seele baumeln zu lassen – erst dann, werde ich wieder ins Konditionstraining einsteigen, die ersten Schwünge machen und schauen, ob ich Spaß daran finde. Es geht mir gar nicht darum, neue Ziele und Herausforderungen zu suchen, die Freude am Skifahren reicht mir und wenn die da ist, dann steht einer weiteren Saison nichts im Wege.

Bevor es in den wohlverdienten Urlaub geht, bin ich am Montag noch mit Snowboard-Olympiasiegerin Julia Dujmovits und meiner Kollegin Michaela Kirchgasser bei „Sport und Talk aus dem Hangar-7“ bei Servus TV zu Gast (Anm. der Redaktion 21.15 Uhr)dann geht es am Donnerstag auch schon nach Kanada zum Heliskiing und danach hoffe ich auf warmes Wetter und viel Sonne, damit ich meine Badehose bald auspacken kann. Das Ziel ist, für eine Zeit lang richtig abzuschalten und auf der faulen Haut zu liegen. Bin gespannt wie lange das funktioniert, weil ich doch einen sehr ausgeprägten Bewegungsdrang hab!

Ich möchte mich noch abschließend bei meinem großartigen Team bedanken, das die ganze Saison über volle Einsatzbereitschaft gezeigt und hervorragende Leistungen geboten hat. Ohne diese Menschen würde ich nicht dort stehen, wo ich heute bin – ein riesengroßes Danke dafür! Ich möchte auch Johann Strobl kurz hervorheben, der für viele Jahre mein zweiter Servicemann war und sich nun beruflich verändern wird.

In diesem Sinne: Danke für eine unvergessliche Saison!

Euer Marcel