Road to nowhere
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Radsport

Mentale Tricks der Spitzensportler

Extremsportler meistern extreme Herausforderungen. Sie sind extrem hart zu sich selbst. Jahrelanges Training, Entbehrungen, Strapazen – um die Grenzen des Machbaren schier unendlich auszudehnen.
Autor: Günter Baumgartner
6 min readPublished on
Eines der wichtigsten Puzzleteile dabei ist das Mindset, die Hartnäckigkeit und die Fähigkeit, Weiten, Höhen, Strecken, Gefahren sowie extreme Strapazen mental so zu verarbeiten, ohne bis kurz vor dem langersehnten Ziel zu verzweifeln.
Michael Strasser über sein neues Projekt "Ice2Ice"

Michael Strasser über sein neues Projekt "Ice2Ice"

© Chris Wisser

Willkommen in der Welt von Michael Strasser. Er ist das perfect match auf diese „Stellenbeschreibung“. Der 36-jährige Niederösterreicher ist Extremsportler mit Leib und Seele, als wenn diese gewisse sportliche Verrücktheit etwas ganz Normales wäre. Es liegt wohl an der Definition von Normalität. In der Wirtschaft gibt es den geflügelten Begriff „Machbarkeitsstudie“. Bei uns würden alle Alarmglocken schrillen, wenn das Ziel der Radtour erst nach 23.000 Kilometern erreicht wäre, Michael Strasser steigt gefühlt erst dann aufs Rad, weil es sich vorher erst gar nicht lohnt, in die Pedale zu treten.
Okay, zugegeben: Michael Strasser durchbricht im Training nicht ständig die 1.000 Kilometer-Grenze. Aber der mehrfache Weltrekordhalter trainiert jeden Tag dafür, dass er ready ist für seine Challenges wie sein letztes Rekord-Projekt „ICE 2 ICE“.

50 Min

Ice 2 Ice

Nach 84 Tagen auf dem Fahrrad von Alaska bis nach Feuerland hat Michael Strasser einen neuen Weltrekord aufgestellt.

Englisch

Abseits der physischen Belastung ist der Kopf in Extremsituationen der wichtigste „Muskel“, die mentale Stärke die entscheidende Komponente, um ans Ziel zu kommen. „Man muss sich die mentale Stärke, sein eigenes Mindset, step by step erarbeiten“, erklärt Michael Strasser. „Ich habe zwölf Jahre darauf hingearbeitet, ‚Ice2Ice‘ zu schaffen. Ich habe mich mehr als ein Jahrzehnt lang herangetastet, um gewappnet zu sein, was mich auf diesen 23.000 Kilometern alles erwartet.“
„Ich stelle mir einen erfolgreichen Wettkampf vor bei dem ich ein Erfolgserlebnis hatte. Parallel dazu höre ich Songs, die mich motivieren und an Highlights erinnern, wie zum Beispiel ‚And we danced‘ von Macklemore.“
Alisa Buchinger, Karate

Mehr als die Summe der einzelnen Teile

Michael Strasser hat sich bereits mit vielen Mentalcoaches ausgetauscht und hat herausgefunden, dass er sich in seinem Leben intuitiv bereits sehr viele Mental-Strategien und Mental-Techniken zurechtgelegt hat, um seine Ziele zu erreichen. Sein wichtigster Ansatz bei all seinen extremen Projekten ist es, die Teilbereiche und Tagesziele in Etappen zu unterteilen. Er versucht, sich unvorstellbare Größen mental in kleine Teile zu unterteilen, die man sich vorstellen und vor allem einordnen kann.
Wenn eine Idee nicht zuerst absurd erscheint, taugt sie nichts.
Albert Einstein
„Das ist das Um und Auf. Ich fahre keine 300 Kilometer an einem Tag, ich zerlege es mir im Kopf auf drei Teilstücke. Somit fahre ich nur drei Mal 100 Kilometer. Diese Strecke kann ich fassen und habe mental einen Bezugspunkt zu meinem Training.“ Außerdem arbeitet sich der Extremsportler mit einem Belohnungssystem: „Nach je 100 Kilometern versuche ich mich zu belohnen, zum Beispiel mit einem Energieriegel. Ich versuche mir quasi so selbst die Karotte vor die Nase zu halten“.

Den Körper überlisten

Viele Grenzen oder scheinbare Extrembedingungen sind nur imaginär. Denn der Menschen kann sich schnell an die Gegebenheiten einstellen, wenn er dazu bereit ist. „Ich war vor wenigen Wochen am Baikalsee Radfahren. Das ist für Körper und Geist bei -20° C mitten auf einer Eisfläche in Sibirien eine ganz neue Dimension. Das ist so abartig kalt. Aber für die Einheimischen ist die Kälte völlig normal, sie haben sich mit den Gegebenheiten arrangiert.“
„Ich habe keine fixen Rituale vor einem Wettkampf. Denn mir ist extrem wichtig, verschiedene Handlungsmöglichkeiten parat zu haben und flexibel zu bleiben.“
Viktoria Wolffhardt, Wildwasserkajak
So trainiert Michael Strasser Ausnahmezustände, die ihn auf seinen Extremradtouren fordern könnten. „Ich bin überzeugt davon, dass man so viele Eventualitäten wie möglich in der Praxis simulieren sollte. Denn wenn man für ein Problem noch keinen Lösungsweg im Kopf parat hat und abrufen kann, wird dich dies in Extremsituationen im Kopf überfordern und kann oft das Ende des Rennens bedeuten.“
Die letzten Tage eines Extremrennens sind natürlich immer besonders hart. Oder auch besonders einfach. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es sehen will. „Einerseits gehe ich im Kopf jeden Tag meine imaginäre Fragenliste durch: Welches Körperteil tut mir weh, kann ich daran sterben oder sind es einfach ‚nur‘ Schmerzen? Mit einer gebrochenen Hand würde ich weiterfahren, denn es hindert mich nicht, mein Ziel zu erreichen. Aber das schafft der Körper nur, wenn der Kopf das zu 100% will.“
„Im Training visualisiere ich entscheidende Situationen eines Wettkampfs wie die entscheidende Attacke, das letzte Schießen oder den Zielsprint und spüre in mich hinein, ob ich der Situation gewachsen bin!"
Julian Eberhard, Biathlon

Motivation

Wer Michael Strasser ein bisschen kennt, der weiß, dass Musik eine sehr wichtige Rolle spielt, egal ob er sich pushen oder das System runterfahren will. „Musik funktioniert bei mir total gut. Ich habe mir zahlreiche Playlists vorbereitet, je nach Situation“, erklärt Michael Strasser. „Viele Songs von Parov Stelar setzen so viel Energie in mir frei – bei dieser Musik kann ich einfach nicht ruhig sitzen, damit kann ich mich perfekt motivieren.“
Michael mit Freundin und Team

Michael mit Freundin und Team

© Christoph Wisser

Aber nicht nur seine intrinsische Motivation, seine hohe Grund-Motivation bringt Michael Strasser ans Ziel. Auch die Einflüsse von außen spielen im Kopf eine große Rolle, die er in kurzen Schwächephasen immer wieder visualisiert. „Man darf die Relation nie vergessen. Der Sport, den ich ausüben darf, ist ein Privileg. Weil ich gesund bin. Weil es durch meine Partner finanziell möglich ist. Diese Privilegien sind für mich eine große Motivation, denn wie viele Leute haben die Chance, sowas machen zu dürfen, wie ich es mache? Da hätte ich so ein schlechtes Gewissen, wenn ich leichtfertig so ein Projekt wie das ‚Ice2Ice‘ abbrechen würde.“
„Ich verbinde Tricks sehr stark mit Musik. Das hilft mir extrem. Da gibt’s sicher vier bis fünf Songs, die etwas ‚wilder‘ sind, bei denen ich sogar aufpassen muss, dass sie mich nicht zu sehr pushen.“
Clemens Millauer, Snowboard
Auch in seinen Vorträgen spricht Michael Strasser viel über Rückschläge, Schwierigkeiten und die unbequemen Dinge, um dann zu erörtern, wie man damit umgeht und wie man sich selbst aus dem Schlamassel zieht. „Ich könnte stundenlang nur geniale Fotos zeigen, über meine Erfolge und Rekorde und den positiven Aspekten philosophieren. Nein, das mache ich nicht. Ich zeige bewusst Rückschläge und unbequeme Situationen für mich, für das Team. Denn mir ist wichtig den Menschen mitzugeben: Der wahre Schlüssel des Erfolgs ist jener: Von Rückschlägen darf man sich nicht entmutigen lassen, sondern muss im physisch und psychisch ready sein, um Lösungen zu finden.“
„Intrinsisch: von innen her, aus eigenem Antrieb; durch in der Sache liegende Anreize bedingt“
DUDEN

Das tiefe Loch

Motivationslöcher hängen sehr oft mit Unterernährung zusammen, ist sich Michael Strasser sicher: „Wenn ich unterwegs bin mit unerfahrenen Radfahrern, kann ich fast die Uhr danach stellen, dass nach etwa 90 Minuten die Stimmung und Motivation innerhalb der Radgruppe immer schlechter wird. Klar, weil ungefähr so lange der Kohlenhydratspeicher des Körpers voll ist. Danach bekommt man Hunger und hier beginnen oft die ersten Motivationsprobleme – der Beginn in das Abdriften in ein ausgewachsenen Motivationsloch. Und wenn der Hungerast mal „Hallo“ gesagt hat, lässt er sich nicht gleich durch einen Powerriegel vertreiben.
Extrem-Radfahrer Michael Strasser stärkt sich vor dem Start zu einer neuen Etappe von Ice2Ice.

Eine letzte Stärkung, bevor es wieder auf die Straße geht.

© Samuel Renner

Keine Scham vor dem Unmöglichen

„Wenn eine Idee nicht zuerst absurd erscheint, taugt sie nichts.“ Einem Albert Einstein widerspricht man nur ungern. Dieser Leitsatz ist elementar für den Lebensweg von Michael Strasser. „Vor zwölf Jahren war es für mich eine Herausforderung, die rund 120 Kilometer rund um den Neusiedlersee zu fahren“, sagt der 36-Jährige. „Bevor ich die Afrika-Durchquerung gemacht habe, konnte ich mir nicht vorstellen, wie ich das schaffen soll. Man muss diese extremen Situationen kennenlernen, meistern und seine Learnings daraus ziehen. Nur so kann man reinwachsen, den eigenen inneren Schweinehund bezwingen und Lösungen finden, wie man es schaffen kann.“
"Du brauchst immer ein Ziel vor Augen und es muss dir Freude machen, darauf hinzuarbeiten."
Andreas Goldberger, ehemaliger Skispringer

Teil dieser Story

Michael Strasser

Ein Triathlet und Spezialist für Langstreckenradfahren mit der Ausdauer und mentalen Stärke, um einige der beeindruckendsten Ausdauerrekorde der Welt aufzustellen.

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Ice 2 Ice

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