Music

Mimu Merz: „Im Transit fühl ich mich am wohlsten“

Autor: Manuel Kurzmann
Die Sängerin/Klangarchitektin über Filament, Reisen im Schneckenhaus & den hinichen Karpfen am Kamp.
Filament = Mimu Merz und Lukas Lauermann
Filament = Mimu Merz und Lukas Lauermann
Filament = Eine Faser beliebiger Länge/Materie. Oder eine großräumige fadenförmige Struktur im Universum. Oder Materieströme auf der Sonne. Oder ein Wort mit vielen Bedeutungen.


Filament = ein neues, hochtalentiertes Duo aus Wien, bestehend aus:

  • Mimu Merz, Sängerin, Songwriterin, Illustratorin, Media Artist, sprich Multitalent. Ihr Zugang zur elektronischen Musik ist liebevoll-verspielt und ihre Stimme vermag zu verzaubern. Ihr Debütalbum „ Elegies in Thoughtful Neon“ wurde 2013 von den Kritikern gefeiert. 2014 wurde Mimu als einziger Österreich-Participant zur Red Bull Music Academy in Tokyo eingeladen.
  • Lukas Lauermann, herausragender Cellist, der durch seine Zusammenarbeit mit Acts wie Soap&Skin oder Der Nino aus Wien, so wie als Bandmitglied von A Life, A Song, A Cigarette über die Genregrenzen hinaus bekannt ist.

Zusammen kreieren sie einen Sound, der dem Namen ihres Projekts gebührt. Sie verflechten Cello-Klänge und die facettenreiche Stimme von Mimu mit Elektronik. Klänge werden Eins, wie Fasern unterschiedlicher Form und Struktur, die sich zu einem Fadenwerk verbinden. Filament. 

Am 3. Oktober treten Mimu und Lukas im Rahmen der Red Bull Music Academy Night @ Waves Vienna im Porgy & Bess auf.
Wir haben vorab mit Mimu im Café Jelinek gequatscht.


Es ist gar nicht so leicht, einen Interview-Termin mit dir vereinbaren, weil du ständig unterwegs bist, New York, Japan, was weiß ich...
Mimu Merz: Haha, ja. Ich bin in den letzten Jahren echt zum Vagabundieren gekommen. Daran ist die Red Bull Music Academy nicht ganz unbeteiligt, weil ich danach noch zwei Monate in der südlichen Hemisphäre unterwegs war. Seither kann ich's schon gar nicht mehr lassen – dabei war ich früher voll der Hosenscheißer...


Hattest du Angst vorm Fliegen?

Nein, vorm Verloren gehen. Ich nenn‘s immer Schwellenangst, also die Angst, über die Türschwelle hinaustreten. Das hat sich aber aufgelöst. Man muss eh nur den ersten Schritt machen.


Ich hatte als Kind Angst vor Rolltreppen. Also vorm Runterfahren, weil ich dachte, ich kippe kopfüber in den Tod...

Haha, mein Hund hat das auch. Man muss ihn tragen, wenns halt echt nicht anders geht, manchmal pinkelt er dann vor Aufregung ein bisschen. Sonst ist er aber ganz okay – zumindest ist er sehr freundlich.
Mimu im Interview
Mimu im Interview
Wie geht es einem dabei, aus der Ferne zu beobachten, was zuhause in Wien passiert?
Als ich kürzlich in New York war, haben mich die aktuellen Ereignisse schon sehr gefesselt und auch traurig gemacht – Stichwort „Refugees Welcome“. Trotzdem gibt es auch viele gute Dinge hier, für die ich immer wieder gerne zurückkomme. Ich sag immer, im Transit fühl ich mich am wohlsten, aber das wär ohne diese Homebase alles gar nicht möglich. Wien ist zum Arbeiten super, aber irgendwann muss man wieder raus.
Wie sehr haben dich deine Reisen als Künstlerin verändert?

Puh, diese Antwort würde sehr viel Selbsterkenntnis erfordern. Ich glaub, ich bin jemand, der sich sehr aus sich selber nährt. Ich schleppe mich in meinem Schneckenhaus herum und versuche, einen passenden Umgang mit neuen Situationen zu finden. Auch bringt mir das Reisen meine Muttersprache näher – irgendwie braucht's wohl den Abstand, um damit arbeiten zu können. Ja, so entstehen neue Werke, darum ist das Reisen für mich so wichtig. 


Kommen wir zu Filament. Viel gibt es von euch ja noch nicht zu hören...
Es ist auch ein sehr neues Projekt. Wir hatten vergangenes Wochenende in Segovia (Spanien; Anm.) erst unser viertes Konzert, glaub ich. 


Als ich mich durch eure Session Recordings durchgehört habe, hatte eure Musik eine fast hypnotische Wirkung auf mich. Man sitzt da, lauscht, starrt an die Wand, denkt an nichts und wundert sich, weil 12,22 Minuten einfach so verflogen sind.

Ach, das ist schön. Sowas hört man gerne.
Du bist beim Red Bull Music Academy Bass Camp 2013 zum ersten Mal gemeinsam mit Lukas auf einer Bühne gestanden, als Opener von Cinematic Orchestra. War das der ausschlaggebende Punkt für eine weitere Zusammenarbeit?
Ja, das war der Grundstein. Die Red Bull Music Academy hat mich damals angesprochen und gesagt: „Hey, da gibt’s diese Sache, interessiert?“ Ich hab dann Ritornell dazu geholt, und die dann den Lukas. In der Vorbereitung auf dieses Konzert war eigentlich sehr bald klar, dass es für uns beide sehr angenehm ist, zusammenzuarbeiten und wir auf der gleichen Wellenlänge sind. Ich sag immer scherzhaft und total Macho-mäßig: Ich hab den Lukas behalten (Lacht).
Es ist schwer, euch musikalisch einzuordnen. Wie würdest du Filament beschreiben?
Unsere Musik ist irgendwo zischen einem greifbaren, narrativen Moment und dem Experimentellen. Ich nenns gern: Ambient Singer/ Songwriting.
Wie lange hat es gedauert, diesen Sound zu definieren?

Gar nicht lang, weil Lukas und ich sehr ähnliche ästhetische Vorstellungen haben. Außerdem sind Stimme und Cello in sich gar nicht so unverwandt. Wir hatten beide ähnliche Bedürfnisse, etwa in dem, was wir überwinden wollten – zum Beispiel die Monophonie, die beide Klangerzeuger zu einem gewissen Grad in sich tragen. Oder diverse Frequenz-Umfänge: Meine Stimme ist natürlich irgendwo in der Mitte, ich würde aber z.B. urgern live die ärgsten Bässe mit ihr produzieren. Die Frage ist: Wie kriege ich sie dorthin?


Wie kriegst du sie dorthin?

Durch Prozessierung. Wir kommen mit unseren im Grunde traditionellen Mitteln – Stimme und Cello – also aus einem durchaus üblichen Kontext und alles, was Filament ist, begründet sich in den deren Erweiterungen: Looping, Reverbs, Autotune, Pitching usw... Das Wichtigste ist aber, dass sich alles sehr gut und logisch anfühlt.


Filament_03
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Ihr habt kürzlich auf Facebook sehr nette Fotos von einer Aufnahmesession irgendwo am Land gepostet. Wo war das?

In Gars am Kamp, in einer Spiegelfabrik, die seit Jahren leer steht und wo ein paar Leute Studio- und Session-Places reingebaut haben. Wir waren mit Peter Kutin (Shrack/ Ventil) dort. Es ist ein hervorragender Rückzugsort, der Kamp fließt vorbei, wunderschön. Letztes Mal lag da so ein fetter, hinicher Karpfen am Ufer, den wohl ein Otter oder sowas angenascht hat. Der hat gestunken. Das holt dich aus dem Stadtleben raus (Lacht). 


Wie wichtig ist dir eine gewisse Wohlfühlzone zum Musik machen?
Kommt immer drauf an. Prinzipiell brauche ich Spannungen, um Dinge zu konzipieren. Sonst habe ich nicht viel, worüber ich reden kann. Fürs Aufnehmen braucht es aber auf jeden Fall eine gewisse Intimsphäre und Rückzugsmöglichkeit. 


Und Live?

Da ist Ruhe gar nicht so toll. Meine besten Konzerte hab ich gespielt, wenn ich irrsinnig erschöpft oder wahnsinnig wütend war. Das ist super, weil dann scheißt man auf alles und geht so richtig aus sich raus.
Filament_04
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Wie viel Electronic-Knowledge hat Lukas in die Band mit eingebracht? Oder kommt er eher aus der klassischen Schule?

Lukas ist sehr vielseitig. Seine Solo-Sachen gingen bereits in diese Richtung. Jeder ist für sein technisches Setup selbst verantwortlich – was zählt sind die Ergebnisse. Und auf Basis klanglicher Erfordernisse wird das gemeinsame Live-Setup ständig um Funktionen erweitert. Das Bedürfnis, die Möglichkeiten seines Instruments zu erweitern, war bei ihm also ebenso schon vorgegeben. 


Wie konkret wird für euch schön langsam das Thema Recording?

Da haben wir uns gestern auch schon darüber unterhalten, völlig paniert im Flugzeug (Lacht). Es gibt mehrere Möglichkeiten... Bei unserer Musik ist es irgendwie logisch
, dass man Live-Sessions macht. Haben wir auch gemacht und ist total in Ordnung für mich. Ich glaube, je weiter das Projekt fortschreiten wird, desto mehr spannende musikalsche Momente werden sich rauskristallisieren, die dann ausproduziert werden. Jedoch auf Basis von Live-Recordings. Weil so funktioniert Filament einfach.


Ihr habt aber noch keine konkreten Zeitpläne, oder?

Ich glaube, dass es im nächsten Jahr passieren wird. Dieses Jahr möchte ich mich noch aufs Spielen konzentrieren. Aber 2015 ist ja eh schon fast wieder vorbei.


Was erwartet jene Leute, die euch bei der Red Bull Music Academy Night zum ersten Mal Live sehen werden?
Schwer zu sagen. Ich bin andersrum eher immer überrascht wenn Leute, die gar nix erwartet haben, mir nachher erklären, wie es war (Lacht). Was ich bisher so an Feedback bekommen habe: Dass es durchaus abstrakt ist, dass es sich zeitweise sehr auf eine Sound-Ästhetik konzentriert, aber durchaus mit griffigen Elementen verwoben ist, an denen sich die Leute wieder anhalten können. Ich hab gemerkt, dass unsere Musik verschiedenste Altersgruppen anspricht und auch verschiedene musikalische Backgrounds, was mir irrsinnig taugt. Ich glaube, dass wir eine sehr eigene Ästhetik gefunden haben. Was hilft, ist zu kommen, und sich‘s anzuschauen.