Segeln

Die Magie der Befreiung

© Anders Overgaard
Sie ist die Stradivari der klassischen Segelyachten. Er ist ein Tsunami-Überlebender. Gemeinsam kreuzen der Skipper Gerald Rainer und seine 94 Jahre alte "Mary Rose" durch die Wellen der Karibik.
Autor: Alexander Macheck (Text) und Anders Overgaard (Fotos)veröffentlicht am
Eine Story aus: "Organics. The Lifetime Magazine"
Es gibt Fragen, die beantworten sich von selbst - etwa die nach der Wahl von Gerald Rainers Segelstammrevier an diesem Sonntag im Februar: Ein strahlend blauer Himmel spannt sich über tief türkisfarbenes Wasser, das zum offenen Meer hin in ein sattes Blau ausläuft.
Die Luft hat 30 Grad Celsius und wird moderat durchweht vom Passat, der mit 26 Stundenkilometern aus Ostsüdost über die Segel der „Mary Rose“ streicht und den 29 Tonnen schweren Zweimaster mühelos durch die Wellen vor der Südspitze Antiguas in der Karibik zieht. Die Karibik ist ein Paradies für Segler. Und Antigua ist ihre Perle.
Heimathafen in der Karibik: die „Mary Rose“ nach dem Auslaufen vor Antigua
Heimathafen in der Karibik: die „Mary Rose“ nach dem Auslaufen vor Antigua
Gerald Rainer steht rechts hinter dem Steuerrad und meditiert, so wie das Seeleute seit Jahrhunderten tun: Sein Blick wandert im Kreis - von den Segeln über das Meer, den Windanzeiger, den Geschwindigkeitsmesser, den Kompass, die Tiefenanzeige und wieder zurück und weiter im Kreis. Seit Stunden geht das so, im stetigen Rhythmus der atlantischen Welle, die das Schiff und den Segler langsam hebt und senkt und hebt und senkt, bis der Mann und das Boot eins sind mit der Natur.
Gerald Rainer lenkt das Boot ohne Druck, seine Handgriffe haben den Charakter eines Angebots.
Steuern wie ein Gentleman
Ab und zu korrigiert der Österreicher den Kurs, mit zwei Fingern nur, ohne Druck auf das Steuerrad, es wirkt eher wie ein Angebot oder eine höfliche Frage an das Boot, denn die „Mary Rose“ ist ein Schoner aus dem Jahr 1926 - einer Zeit, in der man Segelyachten nicht baute, um ihnen einen menschlichen Willen aufzuzwingen, sondern um sie freizulassen. „‚Mary Rose‘ hat Charakter“, unterbricht Gerald Rainer sein Schweigen am Ruder. „Sie ist geradlinig, zielstrebig und lässt sich nicht manipulieren.“ Sein Blick geht nach vorn. Neben dem Bug bricht eine Welle mit karibischer Nonchalance. „Dafür verzeiht ‚Mary Rose‘ die meisten Fehler und korrigiert sie großzügig.“
Die „Mary Rose“, der letzte Schoner des legendären Yachtkonstrukteurs Nathanael G. Herreshoff, pflügt seit 94 Jahren mit ungebrochener Kraft durch die Wellen des Atlantiks.

Auf einmal galoppiert sie davon

Gerald Rainer brauchte Jahre, um dieses Schiff zu Siegen bei Regatten zu führen. Fünfzehn Jahre segelt er nun schon mit der „Mary Rose“, „oder sie mit mir, wer weiß?“. Fünfzehn Jahre des Erforschens, des Scheiterns und des oft überraschenden Gelingens in Momenten, in denen plötzlich etwas passiert, was bis dahin noch nie geschehen ist.
Gerald Rainer, 68, und „Mary Rose“, 94, ein Dreamteam in der Karibik: „Ich segle mit ihr seit fünfzehn Jahren – oder sie mit mir, wer weiß?“
Ein Mann, sein Schiff und die Grenzenlosigkeit des Meeres
Und plötzlich passiert etwas an Bord, was noch nie geschehen ist.
Diese Augenblicke sind magisch. In ihnen zeigt sich jedes Mal eine wohlkalkulierte Absicht des legendären Schiffsentwerfers und -bauers Nathanael Greene Herreshoff - eine von vielen Eigenheiten, die vor Generationen in Vergessenheit gerieten und nun von Gerald Rainer wiederentdeckt werden.
So wie die, dass die „Mary Rose“ am schnellsten ist, wenn Gerald Rainer das Steuerruder nicht exakt auf Kurs ausrichtet, sondern ganz leicht angewinkelt. „Du musst das Steuerrad sozusagen auf fünf nach zwölf Uhr drehen“, sagt er, „da entsteht ein Wirbel hinten am Schiff, und ‚Mary Rose‘ galoppiert davon wie ein Araberhengst.“
Oder das Boot so schräg in die Wellen zu segeln, dass das Wasser seitlich über die Deckskante zu fließen beginnt. Auf anderen Schiffen würde das Panik auslösen. Doch auf der „Mary Rose“ stellt sich etwas völlig Unerwartetes ein: Die Seitenkante schneidet wie eine scharfe Klinge in die Wellen und hält das Boot mit ungeahnter Stabilität und Geschwindigkeit auf Linie. Mehr noch: Die „Mary Rose“ lässt sich auf diese Weise auch wesentlich steiler gegen den Wind segeln. Bei Regatten ist das ein beträchtlicher Vorteil.

Pfeifen ist verboten auf dem Boot

So gewinnt Gerald Rainer nicht nur Rennen, sondern zum Beispiel auch Stabilität, wo Instabilität zu befürchten war. So verwandelt sich die Angst vor dem Kentern plötzlich in ein Gefühl tiefer Sicherheit. Verborgene Eigenschaften wie diese fand und findet der Skipper viele auf seinem Boot, weil er bereit ist, „darauf zu hören, was ‚Mary Rose‘ sagt“.
Von Anfang an sei das so gewesen, erinnert sich Gerald Rainer. „Schon bei der ersten Ausfahrt entstand ein innerer Dialog mit diesem Schiff. Ich hoffe, das klingt nicht zu esoterisch.“
Die Luft hat 30 Grad Celsius und wird moderat durchweht vom Passat, der mit 26 Stundenkilometern aus Ostsüdost über die Segel der „Mary Rose“ streicht.
Sailor's Paradise
Nun, richtige Seeleute sind abergläubisch, pfeifen nicht an Bord (bringt Sturm), kratzen nicht am Mast (lockt den Klabautermann an), schütten den ersten Schluck aus der Pulle stets über Bord (besänftigt Neptun) und wissen, dass Schiffe eine Seele haben, die mit den Jahren immer lauter spricht.
So begab es sich etwa im November 2010 - die „Mary Rose“ hatte damals schon 84 Jahre in den Spanten und lag damals noch vor Bristol, Rhode Island -, dass sie bei üblem Wetter von ihrem Liegeplatz ausbrach und führerlos durch die Bucht auf das felsige Ufer zutrieb, als sie plötzlich ohne jedes menschliche Zutun eine elegante 90-Grad-Wende fuhr, um exakt in der Mitte zwischen zwei scharfkantigen Felsen hindurchzuschippern und ganz sanft auf der einzigen Sandbank weit und breit zu stranden. Dort lag sie dann, ebenso sicher wie gänzlich unbeschädigt - und starrte mit dem Bug auf wessen Haus? Auf das des verstorbenen Nathanael Greene Herreshoff, ihres Schöpfers. Genau auf jenes Gebäude, in dem sie erdacht, geplant und zusammengebaut worden war.
Bitte nicht am Mast kratzen. Sonst kommt der Klabautermann!
An Land mag man über solche Geschichten milde lächeln. Auf See hingegen gilt so etwas als Beleg sagenhafter Qualitäten - wie auch die Umstände, die dazu führten, dass Gerald Rainer und „Mary Rose“ zusammenfanden.

Bruno Kreisky war beeindruckt

Gerald Rainer wuchs am Traunsee im oberösterreichischen Salzkammergut auf und hatte schon in seiner Kindheit zum Segeln gefunden. Zunächst heimlich, gegen das Verbot der Eltern, die sich sorgten, dass dem Buben etwas zustoßen könnte. „Offiziell war ich bei einem Freund lernen“, erzählt er, „in Wahrheit war ich jede freie Minute auf dem Wasser.“ Lachend fügt er hinzu: „Sie können sich vorstellen, wie meine schulischen Leistungen ausgesehen haben.“
Aber am Ende ist doch etwas geworden aus ihm. Rainer studierte Jus, absolvierte eine diplomatische Ausbildung, erdachte ein Konzept zum Thema Ökologie und Ökonomie, das dem damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky so imponierte, dass er ihn beauftragte, den ersten Ökofonds der Republik unter der Patronanz des Umweltministeriums zu gründen und zu managen, später wechselte Gerald Rainer in die Finanzwirtschaft. Er arbeitet bis heute als Berater überdurchschnittlich vermögender Menschen.
Ein solcher, wenn auch kein Kunde Gerald Rainers war der Vorbesitzer der „Mary Rose“ - ein New Yorker Anwalt. Er hatte sich gleich zwei klassische Segelyachten gekauft und mit deren Restaurierung die finanzielle Leidensfähigkeit seiner Familie ein wenig überspannt. Da die Ehefrau des Anwalts, eine leidenschaftliche Bridge-Spielerin, auf eine entsprechende Anzahl von Spieltischen und die damit verbundenen Ausmaße des Salons bestand, trennte sich der Advokat von der kleineren der beiden Yachten. So kam es, dass der „nur“ 26 Meter lange Zweimaster „Mary Rose“ im Schaufenster eines Yachtbrokers in Maine aufkreuzte. Preis, wie üblich, „auf Anfrage“.

„Mister America’s Cup“ vermittelt

„Die wär doch was für dich“, meinte Dennis Conner. Conner ist als vierfacher Gewinner des America’s Cup, des nach einhelliger Meinung bedeutendsten Segelwettbewerbs, nicht nur ein Schiffsexperte, sondern wusste auch um die Liebe seines Freundes Gerald Rainer für historische Yachten. „Mary Rose“, der letzte Schoner aus der Feder von Nathanael Greene Herreshoff. Kein Mensch hat so viele America’s-Cup-Siegeryachten entworfen wie dieser Mann. Nathanael Greene Herreshoff ist eine Legende. Und die „Mary Rose“ sein Vermächtnis.
Die Stradivari der Meere: 24 Holzsorten sind in der ‚Mary Rose‘ verbaut.
„Die ‚Mary Rose‘ ist die Stradivari der klassischen Segelyachten“, sagt Gerald Rainer. 24 unterschiedliche Holzsorten sind in ihr verbaut, wegen ihrer unterschiedlichen Eigenschaften an ganz bestimmten Stellen eingesetzt. Allein die beiden Masten - der hintere, höhere misst 27 Meter - sind Beispiele hoher Schiffsbaukunst. Zu Beginn mit versetzten Holzlatten zu einem langen Quader verleimt, werden ihre Ecken der Länge nach so oft beschnitten, dass nach und nach aus den 4 Kanten 8, dann 16, 32 und 64 Ecken werden, bis am Ende die Anzahl der Ecken so hoch ist, dass der Mast perfekt rund geschliffen werden kann.
"Mary Rose" hat Charakter. Sie ist geradlinig, zielstrebig und lässt sich nicht manipulieren.

Er überlebte die Katastrophe — an den Stamm einer Palme geklammert

„Ehrlich gesagt“, erzählt Gerald Rainer, „hatte ich meine Zweifel, dass ich mir das Schiff leisten kann.“ Aber, so erinnert sich der leidenschaftliche Segler an seine Kindheit, „meine Mutter hat immer zu mir gesagt, wenn du dir etwas wirklich vorstellen kannst, dann kannst du es auch erreichen“. Also ließ er dem Besitzer der „Mary Rose“ über seinen Anwalt ein „aus meiner Sicht in seiner Höhe vermutlich lächerliches Kaufangebot“ zukommen und verabschiedete sich zu einem Tauchurlaub auf die Malediven.
Als die Verhandlungen in die heiße Phase kamen, musste der New Yorker Anwalt verblüfft zur Kenntnis nehmen, dass er es offenbar mit einem außerordentlich kaltblütigen Gegenüber zu tun hatte. Über Gerald Rainers Anwalt machte er ihm eine Menge Gegenangebote, aber der Interessent reagierte auf absolut keines von ihnen. Weil die Zeit - auch aus steuerlichen Gründen - drängte, wechselte die „Mary Rose“ ihren Besitzer schließlich zu den Konditionen, die Gerald Rainer ursprünglich vorgeschlagen hatte.

Eine Nacht veränderte sein Leben

Was der Verkäufer zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Der Österreicher wusste nicht einmal etwas von der Existenz von Gegenangeboten, sein Anwalt hatte vergeblich versucht, ihn telefonisch zu erreichen. Gerald Rainer war nämlich in jenen Tsunami geraten, der in der Nacht zum 26. Dezember 2004 nicht nur über die Küste Thailands hereinbrach, sondern auch die Malediven überflutete. Rainer überlebte die Katastrophe als einer von ganz wenigen Menschen - an den Stamm einer Palme geklammert, ohne Handy, ohne Dokumente, mit nichts außer den Kleidern, die er am Leib trug.
So kamen Gerald Rainer und die „Mary Rose“ zusammen.
Der Kaufpreis? Darüber will der Segler „lieber nicht“ reden. Auch die Bezeichnung „Besitzer“ lehnt er ab. „Die ‚Mary Rose‘ hatte schon viele Eigner und wird nach mir hoffentlich noch viele haben“, sagt er. „Sie ist ein Stück Seefahrtsgeschichte. Und ich habe die Ehre, sie eine Zeitlang zu begleiten und dafür zu sorgen, dass es ihr gut geht.“
Zeit für das Captain’s Dinner.
Der Abend senkt sich über die Insel
„Caretaker“ nennt man das. Und diese Pflicht hat es bei einer klassischen Holzyacht in sich. Rainer beschäftigt einen Kapitän und dessen Frau, die sein Boot permanent in Schuss halten und die Reparaturen koordinieren. Alle Arbeiten werden gemäß den originalen Konstruktionsvorgaben von 1926 erledigt. Allein in der jüngsten Restaurierung stecken nicht weniger als 10.000 Arbeitsstunden.
Was man davon hat?
Antworten über sich, das Meer, die Natur und die Welt. Denn es gibt Fragen, die beantworten sich nicht von selbst und schon gar nicht bei der ersten Begegnung. Für die brauchst du Zeit und auch das Talent, den Dingen ihren Lauf zu lassen, damit sie in jener Schönheit erblühen, von der du nicht wusstest, dass sie genau hier für dich bereits existiert
Das Logbuch der „Mary Rose“ (deutsch und englisch)

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