Chaos, Superkräfte und Zerstörung: So abgefahren ist RAGE 2

© Bethesda
Autor: Philipp Briel
Die Postapokalypse wird bunt. RAGE 2 inszeniert ein unglaublich abgefahrenes Actionfeuerwerk.
Da ist es nun endlich. Das Spiel, an dem die schwedischen Open-World-Profis von Avalanche und die Shooter-Veteranen von id Software so lange gearbeitet haben. Bereits vor knapp einem Jahr konnte ich mir den abgefahrenen Open-World-Shooter RAGE 2 im schwedischen Stockholm genauer anschauen, jetzt ist das Spiel endlich fertig.
Bereits im Vorfeld lief die Marketing-Maschinerie auf Hochtouren. Völlig verrückte Trailer und coole Ideen wie ein PC im Dreamcast-Look gaben sich die Klinke in die Hand. Mit Hinblick auf die finale Fassung wird schnell klar: RAGE 2 lebt von Chaos, Zerstörung und einer gehörigen Prise Humor. Ein Actionfeuerwerk, das sich gewaschen hat.

Abgedrehte Action

Nein, RAGE 2 macht keine halben Sachen. Ab der ersten Minute geht im neuen Open-World-Shooter die Post ab. Explosionen so weit das Auge reicht, während gewaltige Mutanten mal eben die komplette Szenerie in Schutt und Asche legen. Die meiste Zeit seid ihr tatsächlich damit beschäftigt, euch mit der Waffe im Anschlag den durchgeknallten Feinden zu erwehren.
Die Nanotritenfähigkeiten sorgen für frischen Wind
Die Nanotritenfähigkeiten sorgen für frischen Wind
Dass hier Entwickler id Software seine Erfahrungen aus Shooter-Klassikern wie DOOM oder Quake einfließen ließ, wird an allen Ecken und Enden spürbar. Das sorgt dafür, dass ihr es in RAGE 2 tatsächlich mit dem bislang besten Spiel der Avalanche Studios zu tun bekommt. Alle Waffen überzeugen mit ordentlich Wumms, während sich das Gunplay überragend anfühlt und wohlige Erinnerungen an das Remake von DOOM weckt. Mit rotem Lebenssaft geizt das Spiel dabei in bester id-Manier natürlich ebenfalls nicht.
Für die verrücktesten Momente im Spiel sorgen dann allerdings die übermenschlichen Nanotritenfähigkeiten, mit denen aus eurem wahlweise männlichen oder weiblichen Ranger kurzerhand ein Ödland-Superheld wird.
Mit dem Dash erhaltet ihr mehr Kontrolle beim Springen, während ihr mit dem Slam den Boden unter euch zum Beben bringt. Wer schon immer mal den inneren Darth Vader herauskitzeln wollte, wirft seine Gegner mal eben mit einer kinetischen Druckwelle zurück. Dass dabei alle Körperteile am dafür vorgesehenen Platz bleiben, ist nicht garantiert.
Schaltet ihr dann nach einer schnellen Abfolge von Ausschaltungen auch noch in den Overdrive-Modus, kennen Chaos und Anarchie kein Halten mehr, denn ihr werdet kurzerhand zu einem Ein-Mann (oder Frau)-Abrisskommando.
Für noch mehr Chaos und Zerstörung sorgen zudem die aberwitzigen Cheat-Codes, die einfach während des Spiels freigeschaltet werden und beispielsweise eure Widersacher unter Strom setzen oder explosive rote Fässer vom Himmel regnen lassen. Kann man mal machen.

Schnell, schnörkellos und einfach fesselnd

Tatsächlich sind es vor allem die intensiven Feuergefechte, in denen RAGE 2 alle Regler auf Anschlag dreht. Wenn ihr mit der glühenden Schrotflinte im Anschlag in einem engen Korridor gegen schier endlose Horden duchgeknallter Mutanten kämpft, entfesselt der Open-World-Shooter einen Adrenalinrausch, der seinesgleichen sucht.
Im Kombination mit dem coolen Gegnerdesign, den mitunter knallbunten Effekten und den spannenden Fähigkeiten habt ihr fast schon das Gefühl, eine Comic-Variante von DOOM zu spielen. Euch mit einem Doppelsprung in schwindelerregende Höhen zu katapultieren und dann mit dem Slam alles unter euch zu begraben macht jedenfalls ziemlich Laune.
Satte Farben lockern das sonst so trostlose Ödland auf
Satte Farben lockern das sonst so trostlose Ödland auf
Während dabei der Kombozähler in die Höhe schnell, ergibt sich ein unglaublich motivierendes, fast schon arcadiges Spielgefühl, das euch zum Experimentieren mit den Fähigkeiten einlädt. Wie wäre es damit, eine Gruppe von Feinden mit dem Schwerkraft-Vortex in die Luft zu wirbeln und dem bunten Treiben dann mit einer Railgun oder gravitongeladenen Pfeilen ein jähes Ende zu bereiten?
RAGE 2 nimmt sich selbst nicht allzu ernst und das ist verdammt gut so. Egal ob es die stark überzeichneten Charakte oder die (pseudo-)coolen Oneliner des Protagonisten sind: Offenbar hatten die Entwickler eine Menge Spaß bei der Arbeit und lassen euch daran teilhaben.

Auf der Jagd nach den Archen

Doch der Singleplayer-Shooter RAGE 2 ist nicht bloß knall, bumm, peng. Für das Design der Welt zeigen sich die Open-World-Profis von Avalanche verantwortlich, die bereits mit Just Cause 4 oder Mad Max ihr Können unter Beweis gestellt haben – zumindest, was das Design einer stimmigen Kulisse betrifft.
Dementsprechend führt euch auch RAGE 2 in eine offene, jederzeit frei begeh- oder befahrbare Welt, die glücklicherweise im Vergleich zum Vorgänger deutlich abwechslungsreicher ausfällt und ganz ohne Ladezeiten auskommt. Von saftigen Wäldern über dichte Sümpfe bis hin zu den obligatorischen Wüsten und Städten deckt der Shooter fast die komplette Palette an Umgebungen ab, die in Design und Farbgebung mitunter stark an die Borderlands-Spiele oder Far Cry: New Dawn erinnern. Architektonische Meisterwerke oder besonderes interessante Punkte sucht ihr in der Welt allerdings vergebens.
Lediglich die Archen stechen hier und da aus der Umgebung hervor, zu denen sich ein Abstecher eigentlich immer lohnt. Immerhin winken darin neue Fähigkeiten und besonders fette Wummen. Zumal das erstklassige Gunplay von RAGE 2 in den engeren Gebieten oder Banditenlagern deutlich besser zur Geltung kommt, als in der etwas uninspirierten Open World, die lediglich mit den hinlänglich bekannten Aufgaben daherkommt.
Wer aber bei den Genrekollegen schon eine wahre Freude damit hat, feindliche Lager auszuhebeln oder Konvois in die Knie zu zwingen, kommt auch mit RAGE 2 voll auf seine Kosten. Einen Innovationspreis gewinnt das Spiel allerdings nicht. Will es auch gar nicht.

Wenn RAGE auf Mad Max trifft

Intensiv spielen sich abermals die Kämpfe gegen besonders große Feinde, die bereits den Vorgänger ausgezeichnet haben. Auch diesmal stellt ihr euch wieder gigantischen Mutanten oder Robotern von der Größe eines Einfamilienhauses im direkten Duell. Wenn so ein wuchtiges Monstrum mit Schmalzlocken und Ziegenbart versucht euch zu zerquetschen, geht euch jedenfalls mächtig die Pumpe.
Die Kämpfe gegen besonders große Gegner haben es in sich
Die Kämpfe gegen besonders große Gegner haben es in sich
Glücklicherweise stattet ihr Walker im Verlauf des Spiels in umfangreichen Talentbäumen mit neuen Fähigkeiten aus die es euch erlauben, mehr Munition mitzuführen oder euren Schaden mit bestimmten Waffen erhöhen. Sogar eure Offroad-Karosse namens Phönix könnt ihr mit verschiedenen Upgrades ausstatten.
Nach einem intensiven Scharmützel gibt es kaum etwas entspannteres, als an Bord eines Monstertrucks oder Raptor-Motorrads über die staubigen Straßen des Ödlandes zu heizen. Ja, RAGE 2 wartet mit einer Fülle cooler Vehikel auf, denn nahezu alles was herumsteht und noch über Reifen verfügt, könnt ihr auch benutzen. Trotz recht schwammiger Steuerung macht die Erkundung in den motorisierten Gerätschaften eine Menge Spaß. Sogar einen Gyrokopter zum schnellen Überbrücken großer Entfernungen und verschiedene Sportwagen, die ihr auf dafür vorgesehenen Rennstrecken voll ausfahren dürft, gibt es im Spiel.
Ein Fotomodus mit allerlei Rahmen und Stickern darf nicht fehlen
Ein Fotomodus mit allerlei Rahmen und Stickern darf nicht fehlen
Vor allem der abgedrehte Humor macht RAGE 2 aber so besonders, der sogar in deutscher Sprache nichts von seinem Charme eingebüßt hat. Kenner des Vorgängers freuen sich beispielsweise über ein Wiedersehen mit dem verrückten Doktor Antonin Kvasir, während die herrlich arcadigen Arenakämpfe von Mutant Bash TV unter der Leitung der Blut trinkenden Domina Desdemonya stehen. Auch eine Anspielung auf den amtierenden US-Präsidenten hat es ins Spiel geschafft, aber wo ihr diesen Charakter findet, wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. Auch beim herrlich verrückten Gegnerdesign haben sich die Macher selbst übertroffen, das sorgt in Kombination mit den coolen Sprüchen und stellenweise witzigen Dialogen mitunter für einige Lacher.

Fazit zu RAGE 2

Tatsächlich erfindet RAGE 2 das Rad nicht neu. Das war aber abzusehen und gar nicht die Intention des Spiels. Das, was das Spiel macht, macht es allerdings ziemlich gut. In der schnörkellosen Daueraction spielt sich der Open-World-Shooter am besten und weckt wohlige Erinnerungen an die Genreklassiker von id Software. Mit Shotgun und Nanopfeilen durch die Gegnerhorden zu mähen ist ein großer Spaß. Besonders wenn wir die Schießeisen mit den coolen Nanotritenfähigkeiten verbinden, fühlen wir uns fast schon wie ein echter Superheld.
Der mitunter aberwitzige Humor und die schicke Optik trösten über die uninspirierte offene Welt und die lahme Story hinweg, denn sind wir mal ehrlich: Wer RAGE 2 spielt, will wuchtige Waffen, jede Menge Explosionen und coole Action haben und genau das bietet der Shooter zur Genüge.
RAGE 2 bietet kernige Shooter-Action und krachende Explosionen.
RAGE 2 bietet kernige Shooter-Action und krachende Explosionen.