Motorsport-Legende Gustl Auinger am Red Bull Ring
© Philip Platzer / Red Bull Content Pool
MotoGP

Gustl Auinger im Interview: Ist Pedro Acosta der neue Marc Marquez?

Österreichs Motorsport-Legende analysiert das Ausnahmetalent „seines“ Rookies, sieht die MotoGP am Belastungslimit und würde die Fans notfalls auch anschwindeln, um den Motorsport sicherer zu machen…
Autor: Eugen Waidhofer
5 min readPublished on
Gustl Auinger hat 5 WM-Läufe in der 125ccm-Klasse gewonnen. Als Riding Coach im Red Bull MotoGP™ Rookies Cup gibt er seine Erfahrung an die künftigen Champions weiter, die im Rahmen der Motorrad-WM in Österreich zweimal am Red Bull Ring an den Start gehen werden. Sein Tipp für den neuen Superstar Pedro Acosta: keine Rennklasse überspringen! Sein Tipp für alle anderen Rookies: Stürze sind die schlechteste Möglichkeit, um rennfahrerische Grenzen zu definieren.
Pedro Acosta ist einer deiner „Jungs“ und derzeit richtig erfolgreich unterwegs. Wie viel Freude macht es dir, ihn in der Moto3 siegen zu sehen?
Es macht mir generell eine unglaubliche Freude, wenn es einer meiner Jungs nach vorne schafft, weil wir sie ja jeden ein Stück des Weges begleitet haben. Pedro hat jetzt einen Einstieg gemacht, der es in die Geschichtsbücher schafft. Aber das ist immer ein bisschen zweischneidig, weil zu schnell zu erfolgreich sein, muss nicht ideal sein. Da gibt es auch viele Schattenseiten. Aber ich weiß, dass Pedro ein sehr gutes Umfeld hat. Dieses Umfeld hat ihn genau darauf vorbereitet, wo er jetzt ist, und dieses Umfeld wird ihn auch weiter begleiten.
Fans und Experten feiern Pedro bereits als den neuen Marc Marquez. Siehst du das auch so?
Ich würde einfach sagen: Er gehört in die Kategorie „Ausnahmetalent”. Ich vermeide es zu vergleichen, denn Pedro muss seinen eigenen Weg finden. Er muss jetzt jedes Wochenende der beste Pedro sein, den es je gegeben hat, das ist das allerwichtigste. Er hat einen ersten Schritt gesetzt, aber es müssen noch viele folgen.
Quotation
Pedro hat jetzt einen Einstieg gemacht, der es in die Geschichtsbücher schafft. Aber das ist immer ein bisschen zweischneidig, weil zu schnell zu erfolgreich sein, muss nicht ideal sein.
Gustl Auinger
Wann hast du erstmals erkannt, dass Pedro ein Ausnahmetalent ist?
Sein großes Talent habe ich erst in diesem Jahr wirklich gesehen, beim sensationellen Start in die heurige Saison. Aber schon im vergangenen Jahr hat er mich mit seiner Art beeindruckt, wie er an den Motorsport herangeht. Wie er den Red Bull MotoGP™ Rookies Cup dominiert hat, habe ich ihn gefragt “Wie machst du das?” Und er hat geantwortet: „Ich gewinne das Rennen schon vor dem Start!“
Gustl Auiniger als Riding Coach im Red Bull Rookies Cup

Gustl Auiniger als Riding Coach im Red Bull Rookies Cup

© Gold & Goose/Red Bull Content Pool

Pedro Acosta ist 17 Jahre alt, hat den Red Bull MotoGP™ Rookies Cup überlegen gewonnen, führt überlegen in der Moto3 und es ist nicht ausgeschlossen, dass er schon nächstes Jahr in der MotoGP fährt. Was würdest du dazu sagen?
Ich arbeite mittlerweile seit 15 Jahren, seit es den Red Bull MotoGP™ Rookies Cup gibt, mit sehr jungen Menschen zusammen und ich weiß: In diesem Alter ist nichts selbstverständlich, man muss mit Richtungsänderungen rechnen und daraus lernen. Marc Marquez hat alle Klassen durchfahren und ich würde es als ganz wichtig sehen, wenn Pedro das auch macht und Erfahrungen sammelt.
Pedro hat im Red Bull MotoGP™ Rookies Cup die Rennen anfangs dominiert bis die anderen mitbekommen haben, wie er das macht und dann haben sie ihm ordentlich zugesetzt. Sein Vorsprung in der Gesamtwertung war aber bereits so groß, dass nichts mehr passieren konnte. Ähnlich läuft es jetzt in der Moto3. Er hat die Konkurrenz zu Beginn dermaßen überrascht, dass er Rennen, die nicht so gut laufen, locker wegstecken kann. Aber er hat jetzt schon zweimal gelernt: Heute gewinne ich, aber morgen vielleicht ganz wer anderer.
Wenn man die Gesamtwertungen in den kleineren Klassen sieht, muss man sagen: KTM scheint derzeit vieles richtig zu machen?
KTM hat die Zeit, in der sie in der MotoGP sind, wirklich fantastische Entwicklungsarbeit geleistet – das Team hat die Schritte in einer sehr beeindruckenden Zeitfolge gemacht. Aufbauend auf den Red Bull MotoGP™ Rookies Cup gibt es jetzt eine super Struktur in allen 3 Klassen. Wir haben bei den Rookies jedes Jahr wirklich sehr gute Talente und mir persönlich ist es fast zu wenig, wenn nur KTM davon profitiert. Es wäre mir wichtig, wenn auch die anderen Hersteller genau schauen, was hier passiert.
Gehören Stürze und Verletzungen eigentlich zu diesem Job dazu? Oder kann ein junger Fahrer seine Grenzen auch anders erfahren?
Zu sagen, Stürze und Verletzungen sind ein Teil des Jobs, ist ein sehr gefährlicher Weg. Das hat jetzt auch Marc Marquez eingesehen. Er ist als fescher Bub gestartet, respektlos, mit viel Risiko. Mit einer lächelnden Miene hat er erklärt, dass Stürze einfach dazugehören, weil man sonst sein Limit nicht findet. Jetzt sagt Marc in Interviews, dass Stürze sehr viel Selbstvertrauen kosten. Mit den dramatischen Unfällen von Jason Dupasquier und Hugo Milan hat uns der Motorsport brutal gezeigt, dass man Stürze niemals auf die leichte Schulter nehmen darf. Deswegen darf es nicht sein, dass ein junger Fahrer sagt „Mir ist es egal, ich schmeiß so oft um, bis ich es kapiere…“ Das geringste Verletzungsrisiko hast du, wenn du nicht stürzt. Die Entwicklung dauert vielleicht ein halbes Jahr länger, aber dafür behalten die Fahrer ihre Gesundheit und das ist mehr wert.
Gustl Auinger im Einsatz als ServusTV-Experte

Gustl Auinger im Einsatz als ServusTV-Experte

© Gold & Goose/Red Bull Content Pool

In der MotoGP leiden junge, durchtrainierte Fahrer an Abnützungserscheinungen. Wird die Belastung zu groß?
Die Motorräder haben 300 PS, fahren mehr als 360 km/h, ein einziges Hinterrad überträgt diese Kraft auf den Asphalt – das ist für mich unvorstellbar. Ich würde sagen, die Belastung ist absolut am Limit, auch körperlich. Wie man dagegen steuert, darfst du niemals einen Fahrer, ein Team oder einen Hersteller fragen. Das müssen sehr schlaue Leute innerhalb der Organisation entscheiden, die quasi von oben herab die Entwicklung und die Richtung dieses Sports sehen. Auf jeden Fall müssen wir verhindern, dass erst etwas getan wird, wenn es zu spät ist.
Glaubst du, dass die MotoGP mit weniger Leistung und Geschwindigkeit auch noch ein Spektakel wäre?
Natürlich, aber dafür müsste ich wahrscheinlich lügen. Die Zuschauer merken den Unterschied überhaupt nicht, wenn sich die Rundenzeit um eine Sekunde ändert. Das Spektakel wäre auf jeden Fall gleich. Ich dürfte den Fans aber nicht sagen, dass es keine 300 PS mehr gibt, sondern nur noch 198.

Teil dieser Story

Red Bull MotoGP™ Rookies Cup

Up-and-coming racing phenoms compete to prove themselves ready to take a step up to the next level of MotoGP™.

47 Stopps

Red Bull MotoGP™ Rookies Cup

Der Red Bull MotoGP™ Rookies Cup kehrt für zwei Rennwochenenden nach Spielberg zurück.

Spielberg bei Knittelfeld