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Zu Beginn des neuen Jahrtausends sorgte die Ankündigung eines neuen Shooters für Aufsehen. Mit einem postapkalyptischen Setting, einer intensiven Horror-Atmosphäre und frischen Ideen wollte sich Stalker: Shadow of Chernobyl von der Shooter-Konkurrenz absetzen.
Doch der ursprüngliche Release im Jahr 2003 und einige weitere geplante Termine verstrichen. 2007 erschien das Werk der ukrainischen Entwickler von GSC Game World dann endlich und mauserte sich trotz anfänglicher Probleme zu einem der besten Shooter aller Zeiten.
Stalker: Shadow of Chernobyl – Geschichte trifft Science-Fiction
In einer Zeit, in der Spiele in einem postapokylptischen Szenario noch relativ rar gesät waren, traf Stalker: Shadow of Chernobyl genau den Nerv der Spieler. Nach etlichen Releaseverschiebungen sollte das Actionspiel im „Jahr der Shooter“ 2007 also endlich seinen Siegeszug antreten.
Wie sollte ein vermeintlich kleines Spiel wie Stalker: Shadow of Chernobyl da bestehen können? In dem es sich spielerisch und atmosphärisch von der Konkurrenz abhebt. Aus der ursprünglichen Idee der Entwickler, einen Shooter rund um Zeitreisen und Aliens zu entwickeln wurde im Laufe der problembelasteten Entwicklung ein fortschrittliches Actionspiel, das reale Ereignisse um das 1986 havarierte Kernkraftwerk von Tschernobyl mit Science-Fiction-Elementen kombinierte.
Reinrassige Shooterelemente mit einer Prise Rollenspiel zu garnieren und das Ganze noch dazu in eine offene Welt zu verfrachten, war für damalige Verhältnisse ziemlich ambitioniert. Vielleicht eine Spur zu ambitioniert, denn zum Release lief Stalker: Shadow of Chernobyl nicht wirklich sauber.
Dass das Spiel ein prägender Meilenstein des Shooter-Genres geworden ist, haben die Macher zum Teil auch den Fans zu verdanken, die dank der offenen Struktur des Spiels regelmäßig umfangreiche Modifikationen beisteuerten, die teilweise sogar als offizielle Patches in den Titel übernommen wurden.
Brutal, verstörend und unglaublich atmosphärisch
Stalker: Shadow of Chernobyl ist uns vor allem deshalb im Gedächtnis geblieben, weil es viele Dinge anders macht, als man es von Shooter gewohnt war (und auch heute noch ist). Da wäre beispielsweise die unglaublich dichte Atmosphäre.
Gerade in den düsteren Katakomben wird einem angst und bange, wenn verstörende Soundeffekte der Mutanten, stimmige Umgebungsgeräusche und kluge Licht- und Schatteneffekte Hand in Hand gehen. Anders als in Fallout 3 und Konsorten trefft ihr in Stalker zudem nicht nur vereinzelt auf Feinde, während ihr das Ödland erkundet. Die Gefahr lauert auf Schritt und Tritt.
Man hat regelrecht das Gefühl, dass jegliche Bedrohungen der verstrahlten Ukraine geradezu darauf warten, dass ihr die sicheren Unterschlüpfe verlasst um die Todeszone zu erkunden. Das nackte Überleben ist nicht bloß eine Grundidee, sondern ein zentrales Spielelement. Draußen im Ödland gibt es keine Ruhepausen. Ihr kämpft pausenlos darum, am Leben zu bleiben. Die zickigen, unpräzisen Waffen und komplizierten Magazinwechsel sind keine nervige Designentscheidung, sondern tragen zur perfekt durchdachten Stimmung des Spiels bei.
Wenn eine Horde Mutanten im Eiltempo auf euch zurast und euer Gewehr mal wieder klemmt, geht euch jedenfalls mächtig die Pumpe. Es ist eben keine heile, bunte Heititeiti-Shooter-Welt, in der alles glatt läuft. Die Waffen haben, wie auch die Welt und ihre Bewohner, ihre besten Zeiten längst hinter sich.
Die Welt erzählt die besten Geschichten
Es sind nicht unbedingt das abwechslungsreiche Missionsdesign oder die weitläufige Welt, die uns das Spiel oft nur vorgaukelt, weswegen sich der Titel fest in unsere Erinnerung eingebrannt hat. Stalker: Shadow of Chernobyl erzählt in seiner Bildsprache die Geschichte einer längst vergessenen Zivilisation in einer lebensfeindlichen Welt, in der es keine Gesetze gibt.
Wenn ihr auf eurer Reise auf ein Camp anderer Stalker trefft, die am Lagerfeuer sitzend ihr musikalisches Talent zum Besten geben oder ihr den Gefechten der verschiedenen Fraktionen in einer verfallenen Ruine beiwohnt, sorgt das für zahlreiche Gänsehautmomente. Begleitet vom peitschenden Wind und der spärlich einsetzenden Musik entfaltet der Shooter eine unglaublich dichte Atmosphäre, die euch auch nach zig Spielstunden in der Todeszone immer vom vorgeschriebenen Pfad abkommen lässt, um auch wirklich alle Geheimnisse der Welt zu entdecken.
Open-World-Fans kennen das Problem: Der Weg zum nächsten Missionsziel ist selten so geradlinig, wie er auf der Karte dargestellt wird. Hier gibt es noch eine Ruine, dort wartet noch ein optisch ansprechender Bereich. Und am Ende warten sogar ganze sieben verschiedene Enden darauf, von euch entdeckt zu werden.
Schönheit und blanker Horror liegen hier nah beisammen. Dank der ambitionierten „A Life“ genannten künstlichen Intelligenz gleicht kein Spieldurchgang dem anderen. Das für damalige Verhältnisse innovative System erlaubte es NPCs und Feinden, relativ frei durch die Welt zu wandern. Unabhängig davon, was ihr als Spieler gerade tut. Ursprünglich sollte es sogar möglich sein, dass andere KI-Stalker eigenständig Missionen absolvierten und sogar das Spiel vor euch beenden konnten.
Obwohl das im finalen Spiel nicht ganz so weit ging, wie es die Entwickler ursprünglich geplant hatten, sorgte das für ein ganz neues Spielgefühl, dank dem sich Stalker: Shadow of Chernobyl jedesmal anders anfühlt.
Das nahezu perfekte Zusammenspiel aus einer glaubhaften, lebendigen und detailverliebten Welt sowie der mysteriösen Handlung macht das Game zu einem einzigartigen Erlebnis und klugen Genremix, der Shooter bis heute maßgeblich beeinflusst hat.
Wer Stalker bisher nicht gespielt hat, sollte sich den Erstling, das Prequel Clear Sky und das nicht minder gelungene, allerdings deutlich entschlacktere Call of Pripyat trotz der angestaubten Technik noch einmal zu Gemüte führen um zu sehen, wo viele Elemente moderner Shooter ihren Anfang fanden. Und immerhin wurden die Arbeiten an Stalker 2 ja mittlerweile wieder aufgenommen, auch wenn es noch ein Weilchen dauern könnte, bis ihr Hand an den waschechten Nachfolger legen könnt.



