The Surge 2 vom deutschen Entwickler Deck 13 mischt die klassische Soulslike-Formel mit einem Sci-Fi-Setting und frischen Ideen
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Sci-Fi-Keilerei trifft Samurai: The Surge 2 vs Sekiro

The Surge 2 heißt die neue Soulslike-Hoffnung aus Deutschland. Wie schlägt sich das knüppelharte Action-RPG gegen Sekiro: Shadows Die Twice?
Autor: Philipp Briel
8 min readPublished on
Fans von Soulslike-Spielen kommen in diesem Jahr voll und ganz auf ihre Kosten. Nach dem herausragenden Sekiro: Shadows Die Twice, das im Frühling dieses Jahres dem Greifhaken zu einem neuen Höhenflug verhalf und diversen mehr oder weniger gelungenen Indie-Games wagt sich das deutsche Studio von Deck 13 mit The Surge 2 ebenfalls an das Genre knüppelharter Action-Rollenspiele. Was das Game auf dem Kasten hat und wie es sich im Vergleich mit dem feudalen From Software-Abenteuer schlägt, klären wir an dieser Stelle.

The Surge 2: Willkommen in der Postapokalypse

Während es in Sekiro: Shadows Die Twice aufgrund des Settings im feudalen Japan des 16. Jahrhunderts eher gediegen zur Sache geht, verschlägt es euch in The Surge 2 ins Jericho City der nahen Zukunft. Statt mit Katana und Shuriken fiesen Dämonen den Garaus zu machen, kämpft ihr im Nachfolger des recht durchwachsenen Action-RPGs aus dem Jahr 2017 gegen technisch aufgepimpte Menschen und fiese Roboter.
Im Vergleich zum Titel von From Software, der eines der ersten Highlights des Jahres 2019 markierte, setzt The Surge 2 dabei nicht auf einen vorgefertigten Helden, sondern gibt euch in einem umfangreichen Editor die Möglichkeit, selbst an eurem Alter Ego zu schrauben. Von den Augen über die Haare, dem Bart bis zum Outfit könnt ihr euren Recken ziemlich stark individualisieren. Nur über einen Namen und eine Stimme verfügt euer Charakter dabei nicht. Macht aber auch nix, denn im Spiel wird zuerst draufgehauen, bevor ihr Fragen stellt.
Unser Held im Kampf gegen eine humanoide Gegnerin. In der postapokalyptischen Welt von The Surge 2 geht es heiß her

Die Kämpfe sind wuchtig inszeniert

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Gnadenlose Kämpfe mit einer gehörigen Portion Taktik

The Surge 2, gerne mal als „Sci-Fi-Soulslike“ betitelt, weist tatsächlich einige Parallelen zu Dark Souls oder eben Sekiro auf. Die größte Gemeinsamkeit neben den Speicherpunkten in Form von Buddha-Statuen (hier: Ruhepunkten) oder den "Seelen", die ihr bei eurem Ableben verliert und erneut einsammeln müsst, liegt dabei in den gnadenlosen, knüppelharten Kämpfen.
Bereits Sekiro: Shadows Die Twicebestrafte Anfängerfehler im März äußerst gnadenlos und das, obwohl die Scharmützel auf dem Papier fairer waren, als seine Vorbilder. Auf dem Papier, denn unter der Haube schlummerte eine fiese Mechanik, die Sekiro noch anspruchsvoller machte, als seine Genrekollegen.
Auch beim Spielen von The Surge 2 solltet ihr euch vor allem zu Beginn darauf einstellen, regelmäßig das Zeitliche zu segnen. Beide Spiele setzen in ihrem Kämpfen dabei vor allem auf Blocks und Paraden, in denen das richtige Timing über Sieg und Niederlage entscheidet. Im Sci-Fi-Abenteuer hört das System auf den Namen „multidirektionales Kontern“ – eure Gegenangriffe müssen also nicht nur im richtigen Moment ausgeführt werden, sondern auch in die Richtung, aus der der feindliche Angriff kommt.
Unser Held erkundet Jericho City. Die abwechslungsreiche Welt ist über diverse Abkürzungen miteinander verbunden

Ruhige Momente warten mit beeindruckenden Szenen auf

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Das geht nach etwas Eingewöhnung allerdings hervorragend von der Hand. Zumal ihr eure wuchtigen Äxte oder Lanzen nun auch im Fernkampf durch verschiedene Drohnen unterstützt, was in enorm dynamischen und abwechslungsreichen Scharmützeln resultiert.
Wo wir schon bei den Kämpfen sind: The Surge 2 setzt auf eine Weiterentwicklung des innovativen Kampfsystems aus dem Erstling. Ihr fixiert also einen Feind dank Lock-On und könnt dann verschiedene Trefferzonen einzeln anvisieren und sogar fließend zwischen den Körperstellen hin- und herwechseln. Da euch das Game durch unterschiedliche Farben anzeigt, wie stark die Rüstung eures Kontrahenten in einem jeweiligen Bereich ist, macht ihr so die Schwachstellen aus und fügt besonders hohen Schaden zu.
Die wuchtigen Kämpfe präsentiert das Game mit jeder Menge rotem Lebenssaft, während ihr euch mit chirurgischer Präzision durch eure Feinde schnetzelt. Da ihr Angriffe zudem horizontal und vertikal ausführen könnt und euch leichte und schwere Angriffe zur Verfügung stehen, ergibt sich ein unglaublich taktisches Kampfsystem, das wie ein gutes Prügelspiel ausschweifende Kombos belohnt – gerade im Techtelmechtel mit mehreren Gegnern sorgt das für Dynamik und Spannung.
Vor allem die in mehrere Phasen unterteilten Duelle gegen humanoide Bosse erinnern stark an die rhythmischen Tänze aus Kontern, Paraden und Ausweichschritten, die Sekiro so einzigartig gemacht haben. Variantenreicher fallen vor allem die Bosskämpfe gegen fette Roboter und Cyborgs aus, in denen viele verschiedene Taktiken zum Ziel führen.
Bereits der Vorgänger überzeugte mit intensiven Kloppereien, da ist es umso erfreulicher, dass sich die Entwickler bei Teil 2 auf diese Stärke konzentriert und die Optionen deutlich ausgebaut haben. Vielschichtigere Kämpfe hat jedenfalls kein Soulslike-Titel zu bieten.
Unser Held ist von Gegnern umringt. Eine Situation die trotz herausragendem Kampfsystem in Sekiro: Shadows Die Twice nur schwer zu meistern ist

Von Feinen umzingelt - in Sekiro fast immer aussichtslos

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Eine offene Welt, wie sie mir gefällt?

Machen wir uns Nichts vor: So ein Soulslike-RPG spielt doch eigentlich niemand wegen der Story oder? Gerade From Software versteht sich auf äußerst kryptische Hintergrundgeschichten, die euch selbst nach dem Studieren optionaler Hinweise in der Spielwelt mit etlichen Fragezeichen zurücklassen.
Auch Sekiro: Shadows Die Twice ist da nicht groß anders und hat mit der Rettung des göttlichen Erben aus der Gefangenschaft storytechnisch nicht allzu viel zu bieten. Das sieht auch bei The Surge 2 nicht wirklich besser aus, immerhin verfrachtet euch das Game auf direktem Wege in die Metropole Jericho City, in der die Regierungstruppen der A.I.D. gegen einen religiösen Kult kämpfen. Warum? Das ist euch spätestens nach drei bis vier Spielstunden bereits ziemlich egal.
Unser Held im Kampf gegen einen Cyborg. The Surge 2 flechtet seine intensiven Kämpfe in eine abwechslungsreiche Welt ein.

Pew Pew. Mit Brutzel-Laser wird sogar im Wald gekämpft

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Immerhin liefert die Geschichte genug Ansatzpunkte, um die offene und abwechslungsreiche Welt von Jericho City zu erkunden. Statt verruchter Tempelanlagen und düsterer Höhlen oder immer gleicher Industriekomplexe (ja, wir meinen dich The Surge 1) hat die dystopische, vom Cyberpunk inspirierte Spielwelt nämlich eine Menge zu bieten.
Vom düsteren Stadtzentrum über deutlich farbenfrohere, freundlichere aber nicht minder gefährliche Gebiete wie Gideon’s Rock oder den Hafen hat The Surge 2 im direkten Vergleich mit seinem Vorgänger also deutlich mehr zu bieten. Dank leichtem Metroidvania-Ansatz motiviert die Erkundung, doch die Abwechslung eines Sekiro erreicht der Titel zu keinem Zeitpunkt. Die Welt des feudalen Japans beeindruckt jedenfalls deutlich mehr als Jericho City, zumal das From Software-Abenteuer auch aus technischer Sicht deutlich mehr zu bieten hat.
Natürlich ist die Welt genretypisch mit etlichen freischaltbaren Abkürzungen und sogar recht fair platzierten Speicherpunkten gestickt. Ganz so gnadenlos soulslike ist das Game also nicht mehr, eine entspannte Sightseeing-Tour solltet ihr dennoch nicht erwarten.
Dank frischem Infusionen-System regeneriert ihr eure Lebensenergie beziehungsweise die Heiltränke anders als in Sekiro nicht mehr nur an den Speicherpunkten. Stattdessen füllt ihr eure Akku-Anzeige mit erfolgreichen Treffern und dürft euren Exo-Anzug dann wieder aufladen. Zumindest in den Kämpfen könnt ihr euch so also deutlich leichter am Leben halten – Risiken werden belohnt, das System gefällt.

Der Loot-Shooter… ohne Shooter

Während ihr euch in Sekiro: Shadows Die Twice das gesamte Abenteuer über auf dieselben Waffen und Gadgets verlasst, setzt The Surge 2 auf Abwechslung. Ob man das jetzt mag oder sich lieber 30 Stunden lang auf seine Katana-Skills eingroovt, muss vermutlich jeder Spieler für sich entscheiden.
Die Beute und Ausrüstung in The Surge 2 fallen jedenfalls ziemlich variantenreich aus, doch das Game setzt nicht bloß auf schiere Masse statt Klasse. Indem ihr eure Widersacher ihren Rüstungsteilen beraubt, schaltet ihr Blaupausen für neue Rüstungen, Waffen oder Upgrades frei. Die sammelbaren Ressourcen nutzt ihr dann, um euer Equip ordentlich aufzumotzen.
Ja, das war schon im Vorgänger so. Doch diesmal wurde das System deutlich aufgewertet, zumal alle verschiedenen Waffenklassen – darunter fette Zweihänder oder besonders flinke Einhandwaffen – mit verschiedenen Movesets und Angriffskombinationen aufwarten. Das lädt zum Experimentieren ein und sorgt für Varianz.
Vor allem für Jäger und Sammler hat The Surge 2 eine Menge zu bieten. Dank Blaupausen schustert ihr euch unzählige neue Helme, Rüstungen oder Waffen zusammen, die in bester Loot-Shooter-Manier mit unterschiedlichen Werten und Resistenzen aufwarten. Wer das bereits in The Division 2 oder Borderlands 3 mochte, wird mit dem Entwickeln seines Charakters jedenfalls eine wahre Freude haben.
Die Ausrüstung in The Surge 2. Das Equip liegt in verschiedenen Seltenheitsstufen mit unterschiedlichen Statistiken vor

Item-Stats, verschiedene Seltenheitsstufen - alles vorhanden

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Wer ist hier der Boss?

Kein Soulslike ohne fette Bossgegner. Ja, das Thema haben wir zuvor bereits angesprochen und ja, die Bosskämpfe sind eines der spielerischen Highlights von The Surge 2. Begegnungen, die uns dauerhaft im Kopf bleiben, gibt es allerdings nahezu nicht.
Hier inszeniert Sekiro die deutlich packenderen Duelle - General Gyobu Masataka Oniwa, der Wächteraffe oder Isshin Ashina beispielsweise. Diesen spielerischen wie inszenatorischen Highlights hat das Sci-Fi-Soulslike kaum etwas entgegenzusetzen, Höhepunkte wie Spinnen-Roboter Little Johnny sind trotz abwechslungsreicher Bossfights (zu) rar gesät.
Das Studieren der Obermotze und Experimentieren mit Taktiken beherrscht The Surge 2 allerdings fast genauso gut wie seine Vorbilder. Zumal das Game seine überschaubare Handlung immer wieder mit gelungenem schwarzen Humor oder witzigen Anspielungen auf die Popkultur spickt.
Im Vergleich zu Sekiro seid ihr beim Abenteuer von Deck 13 nicht ganz auf euch alleine gestellt. Eine aktive Internetverbindung vorausgesetzt, findet ihr in der Spielwelt optionale Hinweise anderer Spieler, die euch vor Fallen warnen oder auf hochwertige Beute aufmerksam machen. Ein echtes Zusammenspiel ist allerdings nicht möglich, dennoch ein schönes Feature, dank dem man sich nicht ganz so alleine fühlt.
The Surge 2 ist nicht perfekt, hat seine Ecken und Kanten. Dennoch haben die Entwickler die größten Fehler des Vorgängers konsequent ausgemerzt und ein gleichermaßen spannendes wie motivierendes Action-RPG erschaffen, das sich in einigen Punkten gekonnt von der klassischen Soulslike-Formel abhebt. Nach dem hervorragenden Sekiro: Shadows Die Twice kommen hartgesottene Genrefans also bereits in den Genuss des nächsten Highlights.
In Sekiro: Shadows Die Twice fliegen die Funken. Die intensiven Kämpfe meistert das Soulslike mit Bravour.

So ein brennendes Schwert macht schon einiges her.

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