Alexander Horst und Clemens Doppler steigern sich mit jedem Jahr.

Je älter, desto fitter sind wir!

© Christoph Voy

Die Beachvolleyball-Vizeweltmeister ALEX HORST, und CLEMENS DOPPLER, schildern, wie sie das Älterwerden zum Besserwerden genützt haben.

THE RED BULLETIN: Sie fegen laufend deutlich jüngere Gegner vom Platz. Wissen Sie denn nicht, dass das wissenschaftlich unmöglich ist? Ab zwanzig beginnt man zu schrumpfen, ab dreißig baut man Muskelmasse ab, ab 35 lässt die Lungenkapazität nach ... 
Clemens Doppler: Der Einser­schmäh aller Fitnesscenter, der den Leuten Stress machen soll.
Alles Fake News?
Alex Horst: Irgendwann lässt die Power nach, klar. Aber keine Sorge. Wenn Sie Ihren Körper in Schuss halten, können Sie das richtig lang rauszögern.
Indem ich mehr trainiere als früher?
Doppler: Nein.
Horst: Schlauer!
Du musst nicht mehr trainieren als früher. Du musst schlauer trainieren.Alexander Horst
Ein Beispiel für schlaues Training von Doppler/Horst? 
Doppler: Wir haben zum Bei­spiel die Einheiten am Ergometer drastisch reduziert. Wir zehren von der Grundlagenausdauer, die wir uns in vielen, vielen Jahren aufgebaut haben. Stattdessen konzentrieren wir uns auf Sprung­kraft und Power.
Aber wie kann ich das auf mich übertragen, als Hobbysportler, der die letzten 15 Jahre anderes zu tun hatte, als Grundlagen- ausdauer aufzubauen?
Doppler: Das Gute am Älter­ werden ist, dass man seinen Körper immer besser kennenlernt. Man sammelt Erfahrungen und Mess­werte und vergleicht, worauf der Körper gut anspricht und worauf weniger gut. So kann man auch noch mit Mitte, Ende dreißig weiter zulegen, statt abzubauen.
Horst: Wir beide treiben das natürlich weiter. Wir trainieren zum Beispiel mittlerweile kom­plett individuell.
Doppler: ... und haben teilweise bessere Leistungswerte als mit 25.
„Im direkten Vergleich sprintet der Alex allen Jungen davon“
„Im direkten Vergleich sprintet der Alex allen Jungen davon“
Wer seinen Körper besser kennt, kennt auch dessen Schwächen besser. Was tun mit den Weh­wehchen, die ein Zwanzig­ jähriger noch nicht kennt? 
Doppler: Sie als Stärken er­ kennen.
Verzeihung, ich kann ein Zwi­cken im Knie nicht als Stärke erkennen.
Horst: Wenn du jung bist, ignorierst du im Ehrgeiz ständig deine Grenzen – und riskierst damit Verletzungen und lange Aus­fälle. Aber mit den Jahren lernst du, über welchen Schmerz du drüber gehen kannst und wann du zurücknehmen musst. Du lernst deine Schmerzen als Feedback­system nützen.
Doppler: Ich habe meine Be­schwerden mittlerweile so gut im Griff, dass ich völlig schmerz­frei bin. Früher habe ich ganze Saisonen nur überstanden, indem ich mir täglich Schmerzmittel reingepfiffen habe.
Herr Doppler, Ihr Kreuzband ist dreimal gerissen. Wirklich keine Schmerzen?
Doppler: ... weil ich mich drum kümmere. Ich verbringe Stunden am Wackelbrett mit Stabilisations­übungen für mein kaputtes Knie. Weitere Stunden beim Physio­therapeuten. Ich adaptiere be­stehende Übungen. Statt am Stand springe ich jetzt zum Beispiel beidbeinig auf den Kasten – das macht genauso explosiv und schont gleichzeitig die Gelenke.
Wir haben heute teilweise bessere Leistungswerte als mit 25.Clemens Doppler
Die schlauen Bücher sagen: Sowohl im Sport als auch im Job braucht man ab Mitte dreißig mehr Erholungszeit, damit man leistungsfähig bleibt.
Horst: Kann man nicht so sagen. Das ist für jeden komplett unter­ schiedlich.
Doppler: Bei mir gilt das Gegen­teil. Würde ich mal drei Wochen Pause mache, wäre bei mir die Luft komplett draußen. Mir wird nach einer Woche Urlaub sowieso fad. Zum Glück. Denn der Nebeneffekt ist: Wir starten fitter in die Saison als alle anderen.
Kein Europäer spielt länger auf der World Tour wie Clemens Doppler.
Kein Europäer spielt länger auf der World Tour wie Clemens Doppler.
Wer älter wird, hat wohl auch mehr Skills erworben. Wie setzt man die erfolgreich ein? 
Doppler: Je länger du eine Sache machst, desto besser weißt du, wie man sich dabei anstellt – ganz egal ob am Beachvolleyballplatz oder in einem Job. Und das ist eine Riesenchance. Weil du mehr Entscheidungen intuitiv treffen kannst – damit bleibt auch mehr Platz im Kopf, in unserem Fall konkret für taktische Manöver, für psychologische Tricks. Du kannst den Rhythmus des Spiels bestimmen, unerwartete Wen­dungen einbauen, deine Gegner beobachten und ihre Schwächen erkennen. Weil vieles bei dir eben im Routinemodus abläuft, bekommst du auch einen Blick auf die vielen kleinen Details, die den Erfolg ausmachen.
Welche Details?
Horst: In unserem Fall etwa die Aerodynamik des Balls bei unter­ schiedlichen Windbedingungen. Oder die Konsistenz des Sands.
Du machst nur das gut, was du mit Spaß machst.Alexander Horst
Stimmt es, dass Sie vor großen Turnieren die Sandverhältnisse schon im Training imitieren? 
Horst: Klar. Zusammensetzung, Körnung, Untergrund, das alles beeinflusst das Spiel. Vor den Olympischen Spielen in Rio ha­ben wir eine Probe vom Strand mitgenommen, damit wir daheim unter den richtigen Bedingungen trainieren können.
Doppler: Wenn du jung bist, reicht es, dass du höher springst und fester drauf drischt. Aber einer wie John Hyden (US-Beachvolleyball-Pro) kann auch noch mit 45 vorn mitmischen, weil er andere Stärken hat, eben in seinem Fall diese geniale Spiel­übersicht.
Auf dem Sprung zu neuen Zielen
Auf dem Sprung zu neuen Zielen
Einen Wettbewerbsnachteil gegenüber Jüngeren können Sie als Familienväter aber nicht bestreiten: Es gibt immer mehr Dinge außerhalb der Karriere, die den Fokus vom Erfolg ablenken.
Horst: Das sehe ich ganz anders. Sobald sich alles nur um deinen Job dreht, gehst du die Aufgaben zu verkrampft an. Mit Familie agierst du viel lockerer. 
Doppler: Früher bin ich vor Nervosität schon halb kollabiert, wenn ich bei einem großen Spiel auf den Platz gegangen bin. Wenn es heute im dritten Satz 13 beide steht, wird mein Puls keinen Takt schneller.
Man muss mit zunehmendem Alter wahrscheinlich immer strikter sein, auch in Sachen gesunde Ernährung?
Doppler: Davon halte ich nicht viel. Natürlich darf man sich nicht jeden Tag eine Pizza reinhauen. Aber Kohlenhydrate und Fette sind nichts Böses, eine kleine Schokolade oder ein gelegent­liches Glas Alkohol auch nicht. 
Horst: Weil du nur das gut machst, was du mit Spaß machst!

„Wien ist unser Saison-Highlight“

Von 1. bis 5. August trifft sich die Weltelite beim Beach Volleyball Major Series-Event in Wien.
Doppler und Horst beim Beach Volleyball Major Series-Event in Wien.
Doppler und Horst beim Beach Volleyball Major Series-Event in Wien.
Im Vorjahr feierten Doppler und Horst in Wien den bisher größten Erfolg ihrer Karriere – sie wurden Vizeweltmeister. Heuer wollen sie beim Vienna Major ihr Bestes geben. Pro Veranstaltungstag werden auf der Donauinsel rund 10.000 Fans erwartet.