Tauchen

Anna von Boetticher: Die Eiskönigin

© Tobias Friedrich
Autor: Sabrina LuttenbergerThe Red Bulletin
Die deutsche Apnoetaucherin Anna von Boetticher hat die Unterwasserwelt eines zugefrorenen Fjords in Ostgrönland erkundet. Hier sind die atemberaubenden Bilder der spektakulären Expedition.

Augen auf und durch

Anna von Boetticher bei der Erforschung eines Eisbergs in zwölf Meter Tiefe. Seine Oberfläche war ganz glatt und glasklar, erinnert sie sich. Überall fanden sich kleine Durchgänge, die sich betauchen lassen, wenn man genügend Mut und keine Pressluftflasche auf dem Rücken hat.
Anna von Boetticher beim Tauchen
Augen auf und durch

Eisriesen Welt

Auf dem Weg nach unten dauert es nicht lange, bis Eisberge und Eisschollen die Sicht nach oben versperren. Das ist nicht nur psychologisch unangenehm. Es verhindert auch die Benützung des sonst üblichen Sicherungsseils.
Anna von Boetticher beim Tauchen
Eisberge und Eisschollen versperren die Sicht nach oben.

Tauchplatz am Fjord

Verborgene Wasserfläche: das Eis vor Tasiilaq, Ostgrönlands größter Stadt (2000 Einwohner), mit dem dreieckigen Hauptloch und drei kleineren Löchern als Notausstiegen für Taucher. Als von Boetticher einmal die Orientierung verlor, war sie dafür dankbar.
Tauchen in Ostgrönland
Das dreieckige Hauptloch und drei kleinere Löchern als Notausstiege
Guter Tipp für Grönland: erst im letzten möglichen Moment ausziehen!
Anna von Boetticher in Grönland
Guter Tipp für Grönland: erst im letzten möglichen Moment ausziehen!
Von Boetticher beim Versuch, ihre gefrorenen Füße mit warmem Wasser aufzutauen:
Anna von Boetticher taut ihre Füße mit warmem Wasser auf
Anna beim Versuch, ihre gefrorenen Füße mit warmem Wasser aufzutauen
Jetzt heißt es schnell sein: Das Eisloch friert bei minus 27 Grad immer wieder zu.
Anna von Boetticher im Eisloch
Das Eisloch friert bei minus 27 Grad immer wieder zu.

Reine Nervensache

Von Boetticher leuchtet sich den Weg durch einen Unterwasser-Canyon. Etwa 20 Meter lang ist die Schlucht im Fjord vor Tasiilaq – und weit weg vom Eisloch. Es ist eine riskante Aktion, bei der sich die Taucherin ganz auf ihre Erfahrung und mentale Stärke verlassen muss.
Anna von Boetticher in der Schlucht im Fjord vor Tasiilaq
Etwa 20 Meter lang ist die Schlucht im Fjord vor Tasiilaq
Sie kann die Luft 6:12 Minuten lang anhalten. Länger als jeder andere in Deutschland. Wenn Anna von Boetticher, 49, jedoch gerade nicht unter Wasser ist, sprudelt es dafür nur so aus ihr heraus. Dann erzählt sie mit Begeisterung (und eigentlich auch ohne Luft zu holen) von der Faszi­nation für das Tauchen, die sie schon im Pool ihrer Eltern verspürt hat. Und wie sie zufällig zum Apnoetauchen, also dem Tauchen ohne Pressluftflasche, gekommen ist.
Quotation
Man muss sich selbst fordern. So lernt man, Ruhe zu bewahren.
Gerade einmal zehn Jahre ist das her. Seitdem hat sie un­glaubliche 33 deutsche Rekorde sowie einen Weltrekord aufgestellt und drei Bronzemedaillen bei Weltmeister­schaften gewonnen. Von Boetticher gehört damit zu den besten Apnoesportlern überhaupt, obwohl sie – statt für Wettkämpfe zu trainieren – viel lieber an ungewöhnlichen Orten taucht. So wie dieses Jahr in Grönland, wo sie sich mit Tauchpartner und Fotograf Tobias Friedrich tief in einen zugefrorenen Fjord wagte.
Anna von Boetticher in Grönland
Einmal probiert, nie wiederholt: Umziehen auf dem Eis. Viel zu kalt
The Red Bulletin: Frau von Boetticher, Sie können überall auf der Welt tauchen – und fliegen ausgerech­net an einen eiskalten Ort. Warum?
Anna von Boetticher: Schon als Kind hatte ich eine Sehnsucht nach den wilden Orten dieser Welt. Und ich habe mich auch schon immer gefreut, wenn es geschneit hat. Ich liebe Schnee! Der Zeitpunkt, nach Grönland zu reisen, war außerdem genau richtig. Ich hatte eine harte und turbulente Zeit hinter mir und das Bedürfnis nach Ruhe im Kopf. Die finde ich am besten in den Extremen der Natur. In Grönland, in dieser monochromen, sehr reduzierten Welt, der ich mich sowohl körperlich als auch geistig aussetzen musste, stand einfach alles andere still.
Ihr Basislager hatten Sie in Tasiilaq aufgeschlagen, einem Ort, der sechs Monate im Jahr vom Eis ein­geschlossen ist. Im Grunde unvorstellbar, dort tauchen zu gehen. Was war für Sie eigentlich die größte Herausforderung bei der Expedition?
Für mich war es vor allem die Frage, wie ich mich bei minus 27 Grad Außentemperatur warm halten kann. Darauf habe ich mich akribisch vorbereitet. Ein Beispiel: Vor dem Apnoetauchen ist es besser, wenn man nichts im Magen hat. Ich wusste aber, das funktioniert nicht, wenn ich sieben Stunden in der Kälte stehe und nicht frieren will. Ich musste also unfassbar viel und energie­reich essen: Erdnussbutter, Haferflocken, Zucker. Und ich hatte Lagen um Lagen an Kleidung an. Es ging auch darum, sehr genau einschätzen, wie lange ich im Wasser bleiben kann. Das war schon alles sehr extrem und an der Grenze von dem, was man sich zumuten kann.
Anna von Boetticher im Eis
Das Wasser auf Brille und Anzug gefriert nach dem Auftauchen sofort zu Eis.
Aber geht es beim Apnoetauchen nicht genau darum: Grenzen zu überschreiten?
Natürlich will ich den einen Meter mehr schaffen, und klar ärgert es mich, wenn ich nicht besser als letztes Mal und tiefer als alle anderen getaucht bin. Aber man muss ehrlich zu sich sein: Wie ist mein körperlicher Zustand, wie sind die äußeren Umstände, und wie reagiere ich dar­auf? Dann erst kann ich eine objektive Entscheidung tref­fen, die nicht von Gefühlen oder meinem Ego getrieben wird. Diese Kontrolle zu haben ist eines der Geheimnisse des sicheren und erfolgreichen Apnoetauchens.
Angenommen, ich bin bereit, über meine Grenzen hinauszugehen. Wie gelingt mir der letzte, der entscheidende Schritt?
Das ist ganz viel Selbsterfahrung und ein Verständnis dafür, was im Körper passiert. Beim Apnoetauchen überwindet man jedes Mal den Urinstinkt des Atmenwollens: Muss ich wirklich schon atmen, oder ist das ein Fehl­alarm? Wie wenn die Beine nach zwei Stockwerken weh tun, man aber trotzdem noch in die vierte Etage geht.
Okay, aber beim Treppensteigen fällt es mir leichter, mich zu überwinden. Da kann ja eigentlich nicht viel schiefgehen. Notfalls setze ich mich halt hin.
Im Grunde ist es dasselbe Erlebnis wie beim Luftanhalten: zu merken, dass man einen Instinkt überwinden kann und dass in diesem Moment sowohl körperlich als auch geistig viel mehr möglich ist, als man gedacht hat. Beim nächsten Mal stelle ich mich einer neuen Situation dann schon mit mehr Selbstvertrauen.
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Das war an der Grenze von dem, was man sich zumuten kann.
Was, wenn ich trotzdem nervös bin oder vielleicht sogar Angst habe – wie kann ich im entscheidenden Moment ruhig bleiben?
Zu einem gewissen Grad bringt man die Ruhe mit. Aber jeder Mensch kann dazulernen. Dafür muss man sich eben ab und zu fordern und sich neuen Dingen aussetzen. Dabei lernt man, mit dem Gefühl des Unwohlseins, das wir alle haben, klarzukommen und trotzdem aktiv zu handeln. Wer sich bewusst mehr Stresssituationen aus­ setzt, wird also irgendwann mehr Ruhe bewahren.
Sie bleiben also immer ganz cool?
Beim Apnoetauchen hatte ich tatsächlich noch nie Panik. Ich habe schon immer mit sehr viel Ruhe auf Probleme unter Wasser reagiert, ich bin beim Tauchen mental sehr stark. Interessanterweise überträgt sich das auf mein restliches Leben. Ich habe durchaus Angst, aber ich hebe sie mir für später auf. Übrigens habe ich auch mal einen psychologischen Test gemacht – ich bin ganz durch­schnittlich, was das angeht. Ich habe normale Angst.
Anna von Boetticher im Eismeer
Anna von Boetticher im Eismeer
Sie stellen sich ja auch oft neuen Herausforderungen – als Trainerin für die Bundeswehr etwa.
Stimmt. Ich arbeite unter anderem mit den Kampf­schwimmern und Minentauchern zusammen. Eine riesige Herausforderung und eine Zusammenarbeit auf sehr hohem Niveau. Da geht es auch genau darum: Wie lernt man den Panikinstinkt zu beherrschen, der einem diktieren will, wie man reagieren soll?
Und was lernen Sie dabei?
Für mich ist beeindruckend, mit wie viel Ruhe die Aus­bilder und Soldaten vorgehen. Dort gibt es eine beson­dere Art, die Leute zu fordern und zu unterstützen. Der Ausbilder steht am Beckenrand und verzieht kaum eine Miene, sagt nichts, und trotzdem wissen alle, was angesagt ist. Das habe ich mir abgeschaut: über die Art, wie ich mich verhalte, zu beeinflussen, wie viel Druck ich aufbaue – ganz ohne Worte.
Anna merkt sich prägnante Stellen im Eis
Anna merkt sich prägnante Stellen. So findet sie wieder nach oben.
Gibt es eigentlich etwas, was Sie nach all den Tauchgängen noch überrascht?
Das Erlebnis der Unterwasserwelt ist jedes Mal intensiv und wunderschön und anders. Es ist schwierig, das mit irgendetwas zu vergleichen. Man gehört da als Mensch nicht hin, kann sich aber trotzdem so weit anpassen, um dort etwas Zeit zu verbringen. Das fasziniert mich immer wieder.
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