Um den Erfolg des Bewegungstrainers Ido Portal zu verstehen, reicht ein Blick in seinen Terminkalender. Zwei Wochen vor unserem Treffen, das Anfang März in Berlin statt findet, korrigiert Portal in den USA die Wurftechnik des Pro-Baseball-Pitchers Michael Lorenzen. Eine Woche später feilt er in Bulgarien an der Choreografie einer millionenschweren Bollywood-Produktion. Mit dem zweifachen Schwimm-Olympiasieger Anthony Ervin (USA) verbindet Portal eine lange Trainingspartnerschaft. Während unseres Interviews senden sich die beiden Nachrichten via WhatsApp.
Ido Portal ist Gründer der „Movement Culture“. Statt Einzeldisziplinen wie Cross-Fit oder Yoga unterrichtet der Israeli die Vielfalt aller Bewegungen des menschlichen Körpers. Bekannt wurde Portal 2015, als er den Mixed-Martial-Arts-Fighter Conor McGregor, mittlerweile ein Weltstar, auf dessen WM-Kampf im Federgewicht vorbereitete. Portal ließ den tätowierten Iren wie eine Eidechse über Mattenböden kriechen und Spielkarten im Flug auffangen. McGregor gewann seinen Kampf durch K. o. nach 13 Sekunden in der ersten Runde.
Wenn Sie normal sein wollen, habe ich eine schlechte Nachricht für Sie: Sie sind normal. Sie sind Homer Simpson!
Spitzenathleten zahlen seither Beträge im sechsstelligen Bereich für zweiwöchige Privattrainings mit Portal. Firmen wie Google oder Facebook lassen ihn für Mitarbeitertrainings einfliegen. Sitzt man Portal gegenüber, wirkt er eher wie ein frisch geduschter Sportlehrer mit T-Shirt, Sneakers und Rucksack. Sein Alter will der ehemalige Soldat und Capoeira-Lehrer nicht verraten, dafür die Grundzüge seiner Lehre.
„Kämpfen, Tanzen, in den Supermarkt schlendern“
Das Prinzip der Movement Culture
THE RED BULLETIN: Herr Portal, Sie sind ein Weltstar der Bewegungslehre. Stimmt es, dass Sie mal aus einem Fitness-Studio geworfen wurden?
Ido Portal: Ich wurde oft aus Fitness-Studios geworfen.
Warum?
Weil ich Handstände auf Geräten mache, zum Beispiel. Ist mir in Berlin passiert. Der Mitarbeiter meinte, ich könnte mir wehtun. Dabei bin ich auf den Händen sicherer als die meisten Menschen auf den Beinen. Ich kann eine Minute lang auf einer Hand balancieren. Das schaffen die meisten Menschen auf einem Bein nicht.
Dabei geht es Ihnen nicht nur um spektakuläre Handstände. Sie unterrichten „Bewegung“ für Top-Athleten. Was machen denn die meisten Leute falsch?
Sie sehen Bewegung nicht als Übung. Sie denken nicht über ihren Körper nach, weil er ohnehin da ist, bis zu der Sekunde, in der er sie im Stich lässt. Brechen Sie sich den Knöchel, wird Ihnen Ihre Körperlichkeit sofort wieder bewusst.
Sie sind Begründer der „Movement Culture“. Was bedeutet der Begriff?
Movement Culture beinhaltet das gesammelte Wissen der menschlichen Bewegung: atmen, kämpfen, tanzen, sitzen, morgens in den Supermarkt schlendern.
Die Methode haben Sie auf einer mehrjährigen Rucksack-Weltreise entwickelt, auf der Sie bei verschiedenen Meistern gelernt haben, darunter Zirkusartisten, Yogis, Kampfsportler oder Tänzer. Wie haben Sie sich Ihre Trainer ausgesucht?
Nach Themen. Das Thema Balancieren wollte ich zum Beispiel bei einem Handstand-Meister lernen. Einem Mann, der sein ganzes Leben dem Thema Handstand gewidmet hatte. Ich dachte, er habe die Antwort auf die Balance-Frage. Was ich stattdessen herausfand: Er hatte die Antwort auf die Handstand-Frage. Sobald er auf seinen Füßen balancieren musste, war er nicht mehr sattelfest. Ich will Bewegung als Ganzes verstehen, das treibt mich an. Die Spezialisten haben mich überraschend oft enttäuscht.
Gab es auch Lehrer, die Sie positiv überrascht haben?
Affen und Kleinkinder.
Wie bitte?
Wenn Affen im Zoo aus einer Behausung ausbrechen oder Kleinkinder zum ersten Mal aufrecht gehen, müssen sie ihr Bewegungswissen in einem völlig neuen Kontext anwenden. Das ist Bewegung in ihrer rohen Form – extrem spannend. Erwachsene hingegen wollen sich meist spezialisieren. Sie wollen etwas verbessern, was sie ohnehin schon können.
Dieser Muskel neben meinem Ellenbogen: Den gibt es im Anatomiebuch so nicht.
Es muss doch einen Erwachsenen geben, der als Vorbild für ein Allround-Bewegungstalent taugt?
Jackie Chan vielleicht. Er kann kämpfen, tanzen, turnen und singen, und das bis ins hohe Alter. Und natürlich Charlie Chaplin.
Ein Komiker?
Chaplin war Akrobat, Teufelskerl und Stuntman in einer Person. Sein Spiel war extrem physisch. Er konnte auf mehrere Arten ausdrucksstark gehen und Gefühle nur mit seinen Gesichtsmuskeln ausdrücken. Schauspieler von heute sollten mehr Bewegung trainieren, genauso wie Hobbysportler und Büromenschen.
„Man kann sogar Haare trainieren“
Von Bewegungen, die die Sinne aufwecken
Was würde ich in Ihren Kursen lernen?
Bewegungen, die Sie noch nicht kennen. Sehen Sie diesen Muskel neben meinem Ellenbogen? (Portal zeigt auf einen murmelgroßen, festen Knubbel.) Das ist der Pronator teres, der Muskel der Einwärtsdrehung. In Anatomiebüchern sieht der nicht so aus. Die Leute nutzen ihn nur selten, aber er macht schnell. (Portal führt einen blitzschnellen Schlag mit der linken Hand aus. Man hört ein kurzes Zischen – ffft! –, wie Luft, die entweicht, wenn man kurz und fest auf eine Radpumpe drückt.)
Wie kriege ich den?
Versuchen Sie, fest zugeschraubte Flaschen aufzudrehen. Eine andere Übung mit großer Wirkung: Ziehen Sie sich einen Haargummi über Daumen und kleinen Finger und versuchen Sie, ihn ohne die Hilfe der anderen Hand abzustreifen. Ich arbeite in meinen Kursen mit jedem Teil des Körpers, mit den Ohren, den Augen, den Haaren ...
Charlie Chaplin ist ein Vorbild. Er war Akrobat, Stuntman und Teufelskerl in einer Person.
Man kann Haare trainieren?
Sie schließen die Augen. Ein Übungspartner bewegt seine Hand knapp über Ihren Armrücken. Sie würden sofort beginnen, Ihre Haare als Sensoren zu nutzen, um die Position der fremden Hand zu erahnen.
Und was habe ich davon?
Eine neue Sinneswahrnehmung. Etwas, was Sie jederzeit hätten machen können, aber noch nie gemacht haben. Dasselbe gilt für Ängste: Wenn Sie sich bei einer Übung unwohl fühlen, gehe ich genau in diese Richtung.
Hört sich nicht nach Spaß an.
Spaß ist kein guter Leitfaden fürs Leben. Etwas Neues zu entdecken ist viel stärker. Mein Lieblingsphilosoph Slavoj Žižek sagt: „Warum soll ich Spaß haben, wenn ich neugierig sein kann?“
Zahlen Ihnen Spitzensportler deshalb so viel Geld? Weil Sie ihnen völlig neue Dinge beibringen? Es gibt Videos, in denen Sie Mixed-Martial-Arts-Welt-meister Conor McGregor mit Spielkarten bewerfen.
Er hat dabei gelernt, wie man schnell von Plan A auf Plan B wechselt und wenn nötig auf Plan C. In Mixed-Martial-Arts-Kämpfen wissen Sie nie, ob Sie Ihr Gegner schlagen, werfen, kicken oder würgen will. Wenn ich Spielkarten auf Sie werfe, machen Sie eine Prognose über die Flugrichtung. Aber Karten ändern ihre Flugrichtung ständig. Also müssen auch Sie Ihren Plan ständig ändern.
Sie haben McGregor auch wie eine Eidechse über den Mattenboden kriechen lassen. Diese „Animal Moves“ kennt man ja aus der Fitness-Welt.
„Animal Moves“, haha. Ein sexy Begriff. Es ging nicht um die Eidechse.
Spaß ist kein guter Leitfaden fürs Leben. Warum soll ich Spaß haben, wenn ich neugierig sein kann?
Sondern?
Ich will den Kämpfer mit dem Boden vertraut machen. Gegen einen MMA-Kampfer, der auch ein guter Ringer ist, kann der Boden zum Feind werden. Und das Letzte, was Sie brauchen, ist ein weiterer Feind im Ring. Durch die Kriechbewegungen verwandle ich den Boden in einen Freund.
„Unser Hirn ist eine Waffe“
Welche Bewegungen uns klüger machen
Unter Ihren YouTube-Videos ist mir eines besonders aufgefallen: Sie rollen mit Ihren Schülern über eine Wiese, wie Kleinkinder beim Spielen ...
... weil Spielen ein ganz essenzieller Teil unseres Lebens ist. Der Spieltrieb sitzt so tief in uns drinnen, dass wir ihn nicht entfernen können. Der Kollege im Büro, der mit dem Kugelschreiber klickt? Das ist sein Körper, der schreit: „Lass uns spielen! Lass uns spielen!“ Aber die meisten Leute antworten: „Nein, ich bin ein seriöser Erwachsener.“
Ich würde gern spielen. Aber wenn ich im Park über die Wiese rolle, rufen die Passanten einen Krankenwagen.
Das ist schade. Weil wir uns damit durch die Augen der Gesellschaft beurteilen. Das hält uns davon ab, unseren Leidenschaften zu folgen. So werden Menschen depressiv. Ich glaube aber, dass wir mittlerweile einen Punkt erreicht haben, an dem immer mehr Leute sagen: „Pfeif drauf, was die anderen sagen!“
Lassen Sie mich raten: Sie unterstützen diese Einstellung.
Ich sage: „Sei der Verrückte.“ Conor McGregor ist ein Verrückter, Elon Musk ist ein Verrückter. Wenn Sie normal sind, habe ich schlechte Nachrichten für Sie.
Die wären?
Sie sind normal! Sie sind Homer Simpson! Sie haben ein Problem, wenn Sie nicht auf dem Boden rollen wollen.
Die positiven Auswirkungen von Bewegung auf unser Gehirn sind immer wieder Thema Ihrer Videos. Welche Bewegungen helfen, uns schlauer zu machen?
Alle Bewegungen, die Sie neu lernen müssen. Werden Sie zum Anfänger! Unser Gehirn ist eine mächtige Waffe. Es baut ständig neue neurologische Verbindungen, wenn es neue Dinge lernen muss.
Es würde mich also klüger machen, wenn ich – nach dreißig Jahren Pause – wieder wie ein Kind über die Wiese rollen würde?
Klingt romantisch, aber so einfach ist es nicht.
Schade.
Ich könnte Ihnen allerdings fünfzehn verschiedene Arten zu rollen beibringen und wie man sie miteinander verbindet. Ihr Gehirn braucht einen Langzeitplan, der die Komplexität Ihres Körpers respektiert. Dann funktioniert es.
Und wenn ich nicht so lange warten will?
Nehmen Sie ein Blatt Papier und schreiben Sie eine kurze Geschichte, während Sie laut von zwanzig rückwärts auf null zählen. Eine sehr gute Übung, um verschiedene Informationsströme gleichzeitig zu handhaben – hilft Ihnen auch beim Sport. Falls Ihnen das zu einfach ist: Schreiben Sie über ein spezielles Thema und zählen Sie in Dreierschritten von hundert auf null.
Instagram: @Portal.Ido
Einfach beweglich
Drei Trainingsgeräte, auf die Ido Portal schwört
1. Tennisbälle
Dein bester Trainingspartner, wenn du allein trainierst: Tennisbälle hüpfen, man kann sie jonglieren oder gegen die Wand boxen. Außerdem sind sie gratis. Ich stehle alte Bälle immer von den Plätzen.
2. Gymnastik-Ringe
Der Inbegriff von Oberkörpertraining. Du kannst unter oder über ihnen arbeiten. Sie drehen sich 360 Grad, immer zu deinem schwächsten Punkt hin. Die Ringe wollen dir stets eins auswischen – und machen dich dadurch noch stärker.
3. Holzstock
Stöcke greifen sich gut. Perfekt zum Balancieren oder um seinen Partner zu zwingen, Stockhieben auszuweichen. Das Ausweichen trainiere ich mit Mixed-Martial-Arts-Profis – oder mit meiner 67-jährigen Mutter.