Daniel Tschofenig, 23: Titelverteidiger im Gesamtweltcup
© Helge Kirchberger/Red Bull Content Pool
Skispringen

„Druck zu spüren, finde ich geil"

Kann ein Perfektionist auch einfach mal locker sein? Skispringer Daniel Tschofenig über Rituale am Balken, den Tunnelblick während des Sprungs und warum er seinen Sport so „sexy“ findet.
Autor: Werner Jessner
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Man sagt, es gäbe keinen Villacher ohne Spitznamen. Wie ist das bei dir?

Daniel Tschofenig : Ein Video-Betreuer hat letztes Jahr ein Lied geschrieben: „Der Mann mit 1000 Namen“, aber der gebräuchlichste Spitzname ist „Tschofe“. Und mein Insta-Name „Tschofenig Airlines“, den ich gemeinsam mit meinem Bruder kreiert habe, hat auch ziemlich abgehoben. In der digitalen Welt bin ich der mit der Fluglinie.

Du beschreibst dich als Perfektionisten, und wer vor Zehntausenden Menschen 250 Meter weit springt, muss das wohl auch sein. Ist unter diesen Bedingungen überhaupt Platz für Lockerheit?

Daniel Tschofenig : Am Bergisel letzte Saison bin ich oben am Balken gesessen und habe einfach mal versucht, die Atmosphäre und die Menge an Menschen bewusst wahrzunehmen.

Ich habe meinen Kollegen vor dem entscheidenden letzten Sprung gesagt: Macht ihr euch den Sieg aus. Ich bin raus.

Wie fühlt sich das an?

Daniel Tschofenig : Komisch. Du willst auf der einen Seite in der Konzentration bleiben, weil es beim Sprung um viel geht. Andererseits ist es schon sehr cool, zu sehen, was unten ­abgeht. Ich war in einem Flow-Zustand und habe geschafft, alles um mich herum ­aufzunehmen. Auch das, was man sonst ausblendet, weil man im Fokus-Tunnel ist.

Wie findest du in diesen Tunnel?

Daniel Tschofenig : Durch Rituale. Wenn ich auf den Balken rutsche, fixiere ich alles, was ich mir für den Sprung vorgenommen habe, mit zwei Schlägen auf die Brust. Wir haben oft mit Unterbrechungen zu kämpfen. Es ist unmöglich, volle Konzentration über eine Stunde aufrechtzuerhalten. Darum ist es wichtig, den Fokus schnell ein- und ausschalten zu können.

Für Daniel wäre es auch ohne Sieg eine „geniale Tournee" gewesen.

Für Daniel wäre es auch ohne Sieg eine „geniale Tournee" gewesen.

© JFK/Red Bull Content Pool

Brauchst du Nervosität vor dem Sprung?

Daniel Tschofenig : Oben zu sitzen im Wissen, jetzt performen zu müssen, finde ich extrem geil. Den Druck zu spüren. Aber es gab auch Momente wie in Willingen letzte Saison, als ich tiefenentspannt oben saß und wusste: Das gewinne ich.

Aus der letzten Saison ragen zwei Sprünge heraus: der in Bischofshofen, der dir den Sieg bei der Vierschanzentournee gebracht hat, und der Flug an deinem 23. Geburtstag in Planica zum Sieg im Gesamtweltcup mit ­fünfmal bester Stilnote.

Daniel Tschofenig : Meine Tournee war bis Bischofshofen ­genial verlaufen, aber dort fand ich im Training partout nicht rein. Im Probesprung habe ich versucht, meine Technik umzustellen, aber das hat gar nicht funktioniert. Danach habe ich zu meinen ­Coaches gesagt: Seid mir nicht böse, ich habe alles probiert, jetzt bin ich ratlos. Ich werde durchziehen, was ich bisher ­gemacht habe, selbst wenn es vermutlich nicht funktionieren wird. Okay, nach dem ersten Wettkampfsprung war ich Fünfter. Jan Hörl und Krafti (Stefan Kraft; Anm.) waren eindeutig besser. Oben im Turm habe ich ihnen vor dem entscheidenden letzten Sprung gratuliert: Macht ihr euch den Sieg aus, ich bin raus. Ich war mit mir selbst im Reinen, weil die Tournee bisher so genial verlaufen war. Mein Ziel war das Podium. Platz drei in der Gesamtwertung war für mich okay. Mit dieser Einstellung konnte ich den letzten Sprung genießen.

Daniels Höhepunkt: Gesamtsieg der Vierschanzentournee in Bischofshofen.

Daniels Höhepunkt: Gesamtsieg der Vierschanzentournee in Bischofshofen.

© JFK/Red Bull Content Pool

Prompt hast du gewonnen. Lag es auch daran, dass du den Ball quasi an deine Gegner weitergespielt hast, indem du dich selbst aus der Rechnung genommen hast?

Daniel Tschofenig : Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht an psychologische Auswirkungen gedacht – weder auf mich noch auf sie. Ich habe ­einen Perspektivenwechsel gemacht und unbewusst so viel Druck von mir genommen, dass es plötzlich funktioniert hat.

Und in Planica?

Daniel Tschofenig : Normalerweise scheint dort die Sonne, du spürst den Frühling und kannst schon fast mit kurzen Ärmeln rumlaufen. Dieses Jahr: kalt, Regen. Ich wusste, wenn ich vor Jan bin, habe ich den Gesamtweltcup fixiert. Meine Strategie war volle Attacke. Beim Absprung habe ich gemerkt, dass es sofort einhakt …

… was genau meinst du damit?

Daniel Tschofenig : Du spürst, wie die Steigphase beginnt. Du wirst leicht, die Ski drücken, du bist perfekt ausbalanciert. Alles passiert fast wie von allein: Du machst den Körper lang und versuchst, noch mehr Weite herauszuholen und bei der Landung einen Telemark in den Schnee zu klopfen. Das war der Moment, in dem alles von mir abgefallen ist. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich mich in diese Situation ­zurückversetze, schau mal! (Zeigt auf ­seinen Unterarm.) Ich hatte Geburtstag, meine Eltern waren da, Jan war einer der Ersten, die mir gratuliert haben, was ich sehr sportlich von ihm fand.

Beim Skifliegen hast du lange keine Orientierung. Ob der Sprung 190 oder 240 Meter weit geht: Da den Fokus anzupassen, ist zach.

Und die Noten?

Daniel Tschofenig : Auf die schaue ich eigentlich nie. Was ist schon der Unterschied zwischen 18,5 und 19,0? Was zählt, ist die Platzierung. Und hier stand fünfmal 20,0, die Höchstnote. Ich hielt das für einen technischen Fehler. Aber es hat gestimmt – die Krönung einer unglaublichen Saison. Der perfekte Moment, den mir niemand mehr nehmen kann. Ab jetzt kann ich gelassener sein, was meine Fähigkeiten anlangt.

In der Praxis: Wie funktioniert der Übergang zwischen Land und Luft und wieder zurück?

Daniel Tschofenig : Man sieht in der Anfahrt die Kante, aber eigentlich fokussierst du dich nicht darauf. Was beim Absprung folgt, ist ­komisch: Du springst nach oben weg, aber die Skier unter dir machen etwas völlig anderes. Auf den ersten Metern in der Luft spürst du gar nicht so viel, bis dann der Druck von unten kommt und dir ­Vertrauen vermittelt. Was dann passiert, ist wieder komisch, denn die Skier laufen auseinander, während du aber gemeinsam mit ihnen fliegst. Das geht blitzschnell, fühlt sich aber sehr seltsam an. Bei diesem Übergang kannst du viel ­Weite gewinnen oder verlieren. In der Flugphase visierst du jenen Punkt an, an dem du landen wirst. Anders ist es beim Skifliegen, wo du wegen der großen Dimensionen lange keine Orientierung hast. Ob der Sprung 190 oder 240 Meter weit geht: Da unterwegs den Fokus an­zupassen, ist schon zach.

„Auf den ersten Metern in der Luft spürst du gar nicht so viel", so Daniel.

„Auf den ersten Metern in der Luft spürst du gar nicht so viel", so Daniel.

© JFK/Red Bull Content Pool

Und der Wechsel von Luft zu Land?

Daniel Tschofenig : Macht jedes Mal den Unterschied. Du wirst keine zwei exakt gleichen Sprünge im Leben machen. Ab einem bestimmten Punkt musst du dich entscheiden: so ­viele Meter rausholen, wie geht, oder besonders schön landen, um über die Stil­wertung Punkte zu machen. Wann genau du die Skier reinholst und in eine leichte Schrittstellung gehst, ist Gefühlssache. Bei der Landung brauchst du maximale Körperspannung, um den Sprung zu ­stehen und Unvorhergesehenes auszugleichen.

Kannst du das Fliegen unterwegs genießen?

Daniel Tschofenig : Ja, wenn du in einer Phase bist, in der du weißt, dass deine Sprünge funktionieren. Wenn du in der Luft beschleunigst und keine Höhe verlierst, ist es fast wie ein Rauschzustand. Beim Golf hast du hundert beschissene Abschläge, aber einmal triffst du den Ball so gut, dass es das Verlangen triggert, das immer wieder zu schaffen. Darum bleiben viele Skispringer so lang dabei: weil sie dieses Gefühl nicht auf­geben wollen.

Wenn du in der Luft beschleunigst und keine Höhe verlierst, ist es fast wie ein Rauschzustand.
Es ist genau dieses Gefühl, das Skiflieger immer wieder erleben wollen.

Hast du in der Luft je an andere Dinge gedacht?

Daniel Tschofenig : Was es am Abend zu essen gibt oder so? Nein! (Lacht.) Eher denkst du, ob der Sprung jetzt für den Sieg reichen wird oder eben nicht. Zu jedem Zeitpunkt ist dein Fokus beim Sport. Du denkst ans Springen, aber nicht nur an den Sprung, so kann man es vielleicht sagen. Der ­Tunnelblick beginnt oben am Balken und öffnet sich unten, wenn du abschnallst und die Fans mitkriegst.

Warum liebt Österreich seine Springer so? Immerhin ist das ein Sport, den man – im Unterschied zu anderen – selbst nicht nachmachen kann.

Daniel Tschofenig : Schwierig. Ja, du kannst auf einer Piste über eine Kuppe vielleicht 15 Meter weit hupfen. Wir springen 250 Meter weit. Hobby-Skispringen gibt es nicht. Vielleicht liegt es an der Tradition. Oder ­daran, dass es spektakulär ist.

Einer von den guten Typen: Daniel Tschofenig ist reflektiert wie entspannt.

Einer von den guten Typen: Daniel Tschofenig ist reflektiert wie entspannt.

© Helge Kirchberger/Red Bull Content Pool

Oder an den guten Typen, die Ski­springen in Österreich seit jeher anzieht? Toni Innauer, Ernst Vettori, Andi Goldberger, Thomas Morgenstern, eure Generation …

Daniel Tschofenig : Ich habe schon das Gefühl, dass wir ein gutes Verhältnis zu den Fans haben und sich viele mit uns identifizieren können, weil wir auch andere Dinge im Kopf haben, obwohl es gar nicht so normal ist, was wir machen. (Lacht.) Wir sind exponierte Punkte am Himmel, bei denen man zumindest früher gesehen hat, wie sie ­arbeiten müssen, um nicht runterzufallen.

Heute nicht mehr?

Daniel Tschofenig : Die Top 50 der Welt kannst du um ein Uhr in der Früh aufwecken und sie jede Schanze runterschicken. Das gibt dem Fan die Illusion, es wäre einfach. Aber in den Klassen darunter zaubert es die Leute nach wie vor. Wie viel wir in der Luft ­arbeiten, ist von außen nicht mehr so leicht zu sehen.

Gibt es noch Sprungstile?

Daniel Tschofenig : Ja, aber es gleicht sich an. Der eine führt die Skier mehr im V, der andere mehr im H. Jan ist in der Luft durchgestreckter, ich habe mehr Hüftknick und den Kopf weiter heraußen. Es muss für dich funk­tionieren – auf der Schanze und im Kopf. Auch die Möglichkeiten zum Tüfteln am Material sind weniger geworden. Der beste Springer gewinnt, nicht jener mit dem besten Material. Das finde ich fair.

Siehst du Skispringen als ästhetischen Sport?

Daniel Tschofenig : Absolut! Bei Aufnahmen denk ich mir oft: Wie cool schaut denn das aus! Das beste Beispiel ist die Bergisel-Schanze in Innsbruck, auch wie schön die gebaut ist. Der Kessel, die Architektur. Ich finde Ski­springen extrem sexy und wahnsinnig ästhetisch.

Die Top 50 der Welt kannst du um ein Uhr nachts aufwecken und jede Schanze runterschicken. Das erzeugt die Illusion, Springen wäre einfach.

Gibt es Schanzen, auf die du dich ­besonders freust?

Daniel Tschofenig : Planica mit der Nähe zur Heimat, der Stimmung und – meiner Meinung nach – der besten Schanze. Garmisch: coole Schanze, coole Fans. Willingen: wenn es ausnahmsweise nicht regnet, weil sie ­einen ganz eigenen Charakter hat.

Was weißt du von der Olympiaschanze? (Daniel Tschofenigs Gesichtsausdruck ­ändert sich in Sekundenbruchteilen. Aus dem Happy-go-lucky-Typen wird ­schlagartig ein Profi. Alles an ihm strahlt ­Kon­zentration aus, selbst die Körper­haltung. Auch die Stimmlage ändert sich. Er ist jetzt in den Tunnel eingefahren.)

Daniel Tschofenig : Bei Olympia geht es einerseits um das ­Erlebnis, andererseits um Medaillen. ­Wobei ich vorausschicken möchte, dass – rein sportlich gesehen – der Toursieg oder der Sieg im Gesamtweltcup für mich ­mindestens gleichwertig ist, weil man über ­einen längeren Zeitraum der Beste sein muss. Ich bin sehr auf die sportliche Leistung fokussiert, und bei einem Einzel-Event kommt immer auch Glück dazu. Daher haben bei Olympischen Spielen nicht immer nur die Saisonbesten gewonnen. Aber natürlich hat Olympia einen ­besonderen Platz in meinem Herzen. Die ersten Spiele, die ich bewusst verfolgt habe, waren in Vancouver 2010. 2026 möchte ich zumindest mit einer Medaille heimfahren. Die Schanzen sind wir in ­ihrer aktuellen Form so noch nie gesprungen. Es gab einen Sommer-Grand-Prix, und das nächste Mal sehen wir sie bei Olympia wieder. Das wird spannend.

Was wird dein Saisonhöhepunkt?

Daniel Tschofenig : Es gibt zwei Highlights. Olympia hat ­emotional an Wertigkeit gewonnen, seit ich in China beobachtet habe, wie meine Mannschaftskollegen eine Team-Medaille geholt haben. Und ja, natürlich will ich den Titel bei der Vierschanzentournee verteidigen.

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Daniel Tschofenig

Der 22-jährige österreichische Skispringer Daniel Tschofenig gewinnt 2024/2025 die Vierschanzentournee. Das Finale beim vierten Springen in Bischofshofen hätte nicht spannender sein können.

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