Man sagt, es gäbe keinen Villacher ohne Spitznamen. Wie ist das bei dir?
Ein Video-Betreuer hat letztes Jahr ein Lied geschrieben: „Der Mann mit 1000 Namen“, aber der gebräuchlichste Spitzname ist „Tschofe“. Und mein Insta-Name „Tschofenig Airlines“, den ich gemeinsam mit meinem Bruder kreiert habe, hat auch ziemlich abgehoben. In der digitalen Welt bin ich der mit der Fluglinie.
Du beschreibst dich als Perfektionisten, und wer vor Zehntausenden Menschen 250 Meter weit springt, muss das wohl auch sein. Ist unter diesen Bedingungen überhaupt Platz für Lockerheit?
Ich habe meinen Kollegen vor dem entscheidenden letzten Sprung gesagt: Macht ihr euch den Sieg aus. Ich bin raus.
Wie fühlt sich das an?
Komisch. Du willst auf der einen Seite in der Konzentration bleiben, weil es beim Sprung um viel geht. Andererseits ist es schon sehr cool, zu sehen, was unten abgeht. Ich war in einem Flow-Zustand und habe geschafft, alles um mich herum aufzunehmen. Auch das, was man sonst ausblendet, weil man im Fokus-Tunnel ist.
Wie findest du in diesen Tunnel?
Durch Rituale. Wenn ich auf den Balken rutsche, fixiere ich alles, was ich mir für den Sprung vorgenommen habe, mit zwei Schlägen auf die Brust. Wir haben oft mit Unterbrechungen zu kämpfen. Es ist unmöglich, volle Konzentration über eine Stunde aufrechtzuerhalten. Darum ist es wichtig, den Fokus schnell ein- und ausschalten zu können.
Aus der letzten Saison ragen zwei Sprünge heraus: der in Bischofshofen, der dir den Sieg bei der Vierschanzentournee gebracht hat, und der Flug an deinem 23. Geburtstag in Planica zum Sieg im Gesamtweltcup mit fünfmal bester Stilnote.
Meine Tournee war bis Bischofshofen genial verlaufen, aber dort fand ich im Training partout nicht rein. Im Probesprung habe ich versucht, meine Technik umzustellen, aber das hat gar nicht funktioniert. Danach habe ich zu meinen Coaches gesagt: Seid mir nicht böse, ich habe alles probiert, jetzt bin ich ratlos. Ich werde durchziehen, was ich bisher gemacht habe, selbst wenn es vermutlich nicht funktionieren wird. Okay, nach dem ersten Wettkampfsprung war ich Fünfter. Jan Hörl und Krafti (Stefan Kraft; Anm.) waren eindeutig besser. Oben im Turm habe ich ihnen vor dem entscheidenden letzten Sprung gratuliert: Macht ihr euch den Sieg aus, ich bin raus. Ich war mit mir selbst im Reinen, weil die Tournee bisher so genial verlaufen war. Mein Ziel war das Podium. Platz drei in der Gesamtwertung war für mich okay. Mit dieser Einstellung konnte ich den letzten Sprung genießen.
Prompt hast du gewonnen. Lag es auch daran, dass du den Ball quasi an deine Gegner weitergespielt hast, indem du dich selbst aus der Rechnung genommen hast?
Und in Planica?
… was genau meinst du damit?
Du spürst, wie die Steigphase beginnt. Du wirst leicht, die Ski drücken, du bist perfekt ausbalanciert. Alles passiert fast wie von allein: Du machst den Körper lang und versuchst, noch mehr Weite herauszuholen und bei der Landung einen Telemark in den Schnee zu klopfen. Das war der Moment, in dem alles von mir abgefallen ist. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich mich in diese Situation zurückversetze, schau mal! (Zeigt auf seinen Unterarm.) Ich hatte Geburtstag, meine Eltern waren da, Jan war einer der Ersten, die mir gratuliert haben, was ich sehr sportlich von ihm fand.
Beim Skifliegen hast du lange keine Orientierung. Ob der Sprung 190 oder 240 Meter weit geht: Da den Fokus anzupassen, ist zach.
Und die Noten?
Auf die schaue ich eigentlich nie. Was ist schon der Unterschied zwischen 18,5 und 19,0? Was zählt, ist die Platzierung. Und hier stand fünfmal 20,0, die Höchstnote. Ich hielt das für einen technischen Fehler. Aber es hat gestimmt – die Krönung einer unglaublichen Saison. Der perfekte Moment, den mir niemand mehr nehmen kann. Ab jetzt kann ich gelassener sein, was meine Fähigkeiten anlangt.
In der Praxis: Wie funktioniert der Übergang zwischen Land und Luft und wieder zurück?
Man sieht in der Anfahrt die Kante, aber eigentlich fokussierst du dich nicht darauf. Was beim Absprung folgt, ist komisch: Du springst nach oben weg, aber die Skier unter dir machen etwas völlig anderes. Auf den ersten Metern in der Luft spürst du gar nicht so viel, bis dann der Druck von unten kommt und dir Vertrauen vermittelt. Was dann passiert, ist wieder komisch, denn die Skier laufen auseinander, während du aber gemeinsam mit ihnen fliegst. Das geht blitzschnell, fühlt sich aber sehr seltsam an. Bei diesem Übergang kannst du viel Weite gewinnen oder verlieren. In der Flugphase visierst du jenen Punkt an, an dem du landen wirst. Anders ist es beim Skifliegen, wo du wegen der großen Dimensionen lange keine Orientierung hast. Ob der Sprung 190 oder 240 Meter weit geht: Da unterwegs den Fokus anzupassen, ist schon zach.
„Auf den ersten Metern in der Luft spürst du gar nicht so viel", so Daniel.
© JFK/Red Bull Content Pool
Und der Wechsel von Luft zu Land?
Macht jedes Mal den Unterschied. Du wirst keine zwei exakt gleichen Sprünge im Leben machen. Ab einem bestimmten Punkt musst du dich entscheiden: so viele Meter rausholen, wie geht, oder besonders schön landen, um über die Stilwertung Punkte zu machen. Wann genau du die Skier reinholst und in eine leichte Schrittstellung gehst, ist Gefühlssache. Bei der Landung brauchst du maximale Körperspannung, um den Sprung zu stehen und Unvorhergesehenes auszugleichen.
Kannst du das Fliegen unterwegs genießen?
Ja, wenn du in einer Phase bist, in der du weißt, dass deine Sprünge funktionieren. Wenn du in der Luft beschleunigst und keine Höhe verlierst, ist es fast wie ein Rauschzustand. Beim Golf hast du hundert beschissene Abschläge, aber einmal triffst du den Ball so gut, dass es das Verlangen triggert, das immer wieder zu schaffen. Darum bleiben viele Skispringer so lang dabei: weil sie dieses Gefühl nicht aufgeben wollen.
Wenn du in der Luft beschleunigst und keine Höhe verlierst, ist es fast wie ein Rauschzustand.
Hast du in der Luft je an andere Dinge gedacht?
Was es am Abend zu essen gibt oder so? Nein! (Lacht.) Eher denkst du, ob der Sprung jetzt für den Sieg reichen wird oder eben nicht. Zu jedem Zeitpunkt ist dein Fokus beim Sport. Du denkst ans Springen, aber nicht nur an den Sprung, so kann man es vielleicht sagen. Der Tunnelblick beginnt oben am Balken und öffnet sich unten, wenn du abschnallst und die Fans mitkriegst.
Warum liebt Österreich seine Springer so? Immerhin ist das ein Sport, den man – im Unterschied zu anderen – selbst nicht nachmachen kann.
Einer von den guten Typen: Daniel Tschofenig ist reflektiert wie entspannt.
© Helge Kirchberger/Red Bull Content Pool
Oder an den guten Typen, die Skispringen in Österreich seit jeher anzieht? Toni Innauer, Ernst Vettori, Andi Goldberger, Thomas Morgenstern, eure Generation …
Ich habe schon das Gefühl, dass wir ein gutes Verhältnis zu den Fans haben und sich viele mit uns identifizieren können, weil wir auch andere Dinge im Kopf haben, obwohl es gar nicht so normal ist, was wir machen. (Lacht.) Wir sind exponierte Punkte am Himmel, bei denen man zumindest früher gesehen hat, wie sie arbeiten müssen, um nicht runterzufallen.
Heute nicht mehr?
Gibt es noch Sprungstile?
Ja, aber es gleicht sich an. Der eine führt die Skier mehr im V, der andere mehr im H. Jan ist in der Luft durchgestreckter, ich habe mehr Hüftknick und den Kopf weiter heraußen. Es muss für dich funktionieren – auf der Schanze und im Kopf. Auch die Möglichkeiten zum Tüfteln am Material sind weniger geworden. Der beste Springer gewinnt, nicht jener mit dem besten Material. Das finde ich fair.
Die Top 50 der Welt kannst du um ein Uhr nachts aufwecken und jede Schanze runterschicken. Das erzeugt die Illusion, Springen wäre einfach.
Was weißt du von der Olympiaschanze? (Daniel Tschofenigs Gesichtsausdruck ändert sich in Sekundenbruchteilen. Aus dem Happy-go-lucky-Typen wird schlagartig ein Profi. Alles an ihm strahlt Konzentration aus, selbst die Körperhaltung. Auch die Stimmlage ändert sich. Er ist jetzt in den Tunnel eingefahren.)
Bei Olympia geht es einerseits um das Erlebnis, andererseits um Medaillen. Wobei ich vorausschicken möchte, dass – rein sportlich gesehen – der Toursieg oder der Sieg im Gesamtweltcup für mich mindestens gleichwertig ist, weil man über einen längeren Zeitraum der Beste sein muss. Ich bin sehr auf die sportliche Leistung fokussiert, und bei einem Einzel-Event kommt immer auch Glück dazu. Daher haben bei Olympischen Spielen nicht immer nur die Saisonbesten gewonnen. Aber natürlich hat Olympia einen besonderen Platz in meinem Herzen. Die ersten Spiele, die ich bewusst verfolgt habe, waren in Vancouver 2010. 2026 möchte ich zumindest mit einer Medaille heimfahren. Die Schanzen sind wir in ihrer aktuellen Form so noch nie gesprungen. Es gab einen Sommer-Grand-Prix, und das nächste Mal sehen wir sie bei Olympia wieder. Das wird spannend.