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Faker: Die Legende der Legenden
Er gilt als „Michael Jordan des E-Sports“: Faker ist der beste „League of Legends“-Spieler aller Zeiten. Dabei musste der südkoreanische Star und fünffache Weltmeister einige Rückschläge einstecken.
Die Geschichte des größten E-Sportlers unserer Zeit beginnt 2013.
Die Geschichte seines Games noch etwas früher. Veröffentlicht wurde „League of Legends“ im Jahr 2009, und bereits 2011 fand die erste Weltmeisterschaft statt. Die Zahl der Leute, die „League of Legends“ – kurz: „LoL“ – spielten, wuchs dramatisch schnell (aktuell: rund 160 Millionen; Anm.). Erste Stars kristallisierten sich heraus, aber ihren Hero hatte die Szene noch nicht gefunden. Das änderte sich eben am 6. April 2013 bei einem Turnier in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.
Favorit auf den Sieg des Champions Spring Tournament war „CJ Blaze“, ein beliebtes lokales Team, dessen bester Spieler war der 20-jährige Kang „Ambition“ Chan-yong.
In „LoL“ kann jeder Gamer aus mehr als 160 Spiel-Charakteren, den sogenannten Champions, wählen. Bei einem „LoL“-Match kämpfen zwei Fünferteams um die Kontrolle über ein imaginäres Schlachtfeld, dessen Hälften durch drei Wege, die Top-, Middle- und Bottom-Lane, verbunden sind. Ziel ist es, den „Nexus“ (das Hauptgebäude) des gegnerischen Teams zu zerstören. Der Spieler in der mittleren Lane, der „Mid-Laner“, ist dabei immer einer der Besten seines Teams – und Ambition galt als Koreas stärkster Mid-Laner.
Gegen Ambitions Truppe CJ Blaze trat an diesem Tag ein neues Team an, „SK Telecom T1 #2“. Ihr Mid-Laner gab dabei sein Profi-Debüt, wenngleich er alles andere als ein No-Name war: Monatelang hatte er unter dem Spielernamen GoJeonPa Ranglisten angeführt. Wer sich hinter dem Namen verbarg, wusste niemand, in den Foren wurde lebhaft spekuliert. Die Aufregung war groß, als sich herausstellte, dass hinter dem Namen ein unscheinbarer Sechzehnjähriger namens Lee Sang-hyeok steckte. Er ging in sein erstes Profi-Match mit einem neuen Namen: Faker.
Es dauerte gerade einmal sechs Minuten bis zu dem Moment, der in die „LoL“-Annalen eingehen sollte. Ambition hielt kurz inne, um seinen wichtigsten Champion weiterzuentwickeln (die „LoL“-Spielcharaktere erreichen während einer Partie immer höhere Levels und neue Fähigkeiten; Anm). „Während dieser Evolution gibt es eine kleine Pause“, erklärt einer der Kommentatoren des legendären Abends. „Die Pause ist zu kurz, als dass man sie als Gegner nutzen könnte. Dachte man. Bis es eben Faker an diesem Tag als Erster tat.“ Im Bruchteil dieser einen Sekunde verwandelte Faker seinen eigenen Champion weiter – und konnte Ambition dadurch leicht eliminieren.
Ein Genie-Blitz.
17.000 Fans in Berlin: Faker und sein Team SKT T1 bei der „LoL"-WM 2015.
© Wojciech Wandzel/Riot Games
Anschließend schaltete Faker zwei der verbleibenden vier gegnerischen Spieler in weniger als 30 Sekunden aus. Sein Team SKT T1 siegte 2:0 gegen CJ Blaze. „Ich war zornig – und zugleich beeindruckt“, erinnert sich Fakers Gegner Ambition heute. „Fakers 3000ster Kill, sein 4000ster, sein 5000ster … niemand wird sich an sie erinnern. Aber den ersten? Den vergessen die Leute nicht. Danke, dass du mich als Ersten umgebracht hast, Faker!“
Weniger als sechs Monate später gewann SKT T1 das größte aller Turniere, die League of Legends Worlds, die Weltmeisterschaft. Im Staples Center in Los Angeles, vor den Augen von Millionen von Online-Zuschauern. „In diesen Monaten des Jahres 2013 legte Faker den Grundstein für sein Vermächtnis“, sagt Eefje „Sjokz“ Depoortere, die Moderatorin der Worlds 2013. Sie erzählt darüber im Film „T1 Rose Together“, der dieses Jahr anlässlich der Aufnahme von Faker in die Hall of Legends veröffentlicht wurde, das „LoL“-Pendant zur Rock & Roll Hall of Fame.
Während eines Spiels führt ein Spieler vielleicht 100 Aktionen pro Minute aus - Faker 500.
Fakers Einfluss auf „LoL“ und den gesamten E‑Sport ist schwer in Worte zu fassen – schlicht aufgrund der Menge und der Dimension seiner Erfolge. Nach den Worlds 2013 gewannen er und SKT T1 auch 2015 und 2016. Sie sind damit das bisher einzige Team in der Geschichte des Games mit drei Titeln. Faker holte Gold bei den Asienspielen 2022 und gewann den E-Sports World Cup 2024. Er ist der erste Spieler mit 1000, 2000 und 3000 Kills in der LCK (der koreanischen Profiliga), und er hält den Rekord für die meisten Kills in WM-Spielen. 2017 wurde Faker bei The Game Awards zum besten E-Sport-Athleten gekürt; 2019 reihte ihn „Forbes“ unter die „30 under 30 Asia“. Aber es sind die Titel, die ihm seine Rivalen, Fans und die Medien verliehen haben, die am meisten Eindruck machen: „Michael Jordan des E-Sports“ nennen sie ihn, „den unbesiegbaren Dämonenkönig“, sogar „Gott“.
Im Jahr 2020 twitterte ESPN-E-Sport-Autor Tyler Erzberger ein Bild: Oscar-Preisträger Bong Joon-ho, Premier-League-Stürmer Son Heung-min, die K-Pop-Gruppe BTS und Faker. Bildunterschrift: „The Elite 4 of South Korea“. „Die anderen Leute in diesem Tweet sind internationale Superstars“, sagte Faker. „Es ist ein gutes Gefühl, in einem Atemzug mit ihnen erwähnt zu werden. Ich bin auch in Übersee ein bisschen berühmt.“
Was Faker so besonders macht, ist seine Fähigkeit, nicht nur zu erkennen, was andere schlicht übersehen, sondern es auch eiskalt und blitzschnell auszunutzen. Im E-Sport gibt es den Begriff „Meta“, most effective tactics available, die effektivste verfügbare Taktik. Die besten „LoL“-Spieler sind Genies im Einsatz dieser Strategien. Aber derjenige zu sein, der sie entdeckt, das erfordert ganz besondere Fähigkeiten.
In „LoL“ gibt es mehr als 160 spielbare Charaktere: Magier, Auftragsmörder, Kämpfer, die in der Nähe gefährlich sind, andere auf Distanz, solche, die brutal austeilen, solche, die massiv einstecken können. Jeder hat seine eigenen, einzigartigen Fähigkeiten, Spielstile, Stärken und Schwächen, und alles wird noch komplexer, wenn der eigene Champion gegen verschiedene gegnerische antritt. „Faker hat 83 einzigartige Champions gespielt – deutlich mehr als jeder andere Mid-Laner“, sagt David „Phreak“ Turley, Lead Gameplay Designer von „LoL“. „Dieser Mann spielt praktisch alles. Und oft auch noch als Erster.“
Professionelle „League of Legends"-Spieler hören im Schnitt mit 23 auf. Faker ist 28.
Um Fakers Talent für „LoL“ zu verstehen, hilft es, sich anzusehen, wo er herkommt. Lee Sang-hyeok wurde 1996 geboren und wuchs in Seouls Gangseo-Distrikt auf, wo er nach der Scheidung seiner Eltern von seinem Vater Lee Kyung-joon und seinen Großeltern großgezogen wurde. Sein Vater beschreibt ihn als introvertiertes Kind. Er lernte schnell, brachte sich selbst Fremdsprachen bei, löste Rubik’s Cube, liebte Videospiele. „Mein Einstieg war der gleiche wie bei allen anderen Kindern: PlayStation und andere Konsolen“, erinnert er sich in einem selbst verfassten Artikel für „The Players’ Tribune“ aus dem Jahr 2016. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, wettbewerbsmäßig zu spielen.“ 2004, er war damals acht Jahre alt, kaufte ihm sein Vater einen PC, und er wurde ein Fan von „StarCraft“, dem damals populärsten E‑Sport-Game in Korea.
2011 entdeckte Faker „LoL“, „das hat mich auf den Weg zum wettbewerbsmäßigen Spielen gebracht“. Er spielte das Game im Format Solo-Queue, bei dem ein einzelner Spieler auf Gegner trifft, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt werden. Das zwang ihn dazu, sich an immer wieder neue Herausforderungen anzupassen und unterschiedliche Champions in den verschiedenen Konstellationen zu meistern. „Ich wurde immer besser und besser – und plötzlich hatte ich Matches gegen Koreas beste Spieler“, sagt er.
Ende 2016 war Faker die Nummer eins in der Welt. Zwei Jahre zuvor hatte ihn ein chinesisches Team abwerben wollen, der Vertrag war mit einer Million US-Dollar dotiert. Er lehnte ab. „Ich möchte in Korea bleiben und wieder die Weltmeisterschaft gewinnen“, sagte er. Jedes Jahr wurden die Angebote krasser: Im Jahr 2020 boten ihm die USA zehn Millionen Dollar; 2022 lockte China mit zwanzig Millionen Dollar. Er lehnte ab.
Fakers Aufstieg verlief nicht so geradlinig, wie man das vermuten könnte. Beim Finale der Weltmeisterschaft 2017 traf SKT T1 auf Samsung Galaxy, das Team, das sie im Finale 2016 besiegt hatten, und Ambition – Fakers berühmter Debüt-Kill – war ihr Anführer. Mit drei Siegen in Folge gelang Ambition die Revanche. Es war Fakers erste Niederlage in einem WM-Finale, und zum ersten Mal sahen die Fans, dass auch der vermeintlich unsterbliche Dämonenkönig verwundbar ist.
„Ich stand direkt neben ihm“, erinnert sich Teamkollege Bae „Bang“ Jun-sik. „Er hat nicht nur geweint, er hat geschluchzt, er war am Boden zerstört. Es tat weh, einen Teamkollegen so zu sehen.“
Es war der Beginn einer schwierigen Phase für den Spieler, der eigentlich als unantastbar galt. Nach durchwachsenen Leistungen in den Playoffs im Frühjahr 2018 wurde Faker im Sommer auf die Ersatzbank gesetzt. SKT T1 schied bei den LCK-Finals aus und schaffte es nicht einmal, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. In den folgenden beiden Sommern wurde Faker erneut zugunsten jüngerer Spieler ausgewechselt. Im Jahr 2020 konnte sich das Team, das mittlerweile nur noch T1 hieß, erneut nicht für die Weltmeisterschaft qualifizieren. Faker war damals 24 Jahre alt.
Die Lebenserwartung einer professionellen „LoL“-Karriere ist überraschend kurz: Das Durchschnittsalter beim Karriereende sind 23 Jahre. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist die enorme Geschwindigkeit, mit der sich das Game entwickelt: Riot Games aktualisiert etwa alle zwei Wochen den Spielcode, fügt neue Charaktere hinzu und ändert die Attribute der bereits existierenden. Das zwingt die Spieler zum rasend schnellen Lernen immer neuer Metas.
Burnout ist Teil der „LoL“-Realität. Während herkömmliche Athleten täglich bis zu acht Stunden trainieren, ergab eine Analyse von Fakers Tagesablauf im Jahr 2019 ein Ausmaß von 13 Stunden – eine Mischung aus Scrims (Trainingsspielen), Solo-Queue-Sessions und persönlichem Training. Der Rest des Tages? Essen, Schlafen und nur eine einzige Stunde Freizeit. „Er sprach auch beim Essen über das Spiel“, sagt ein ehemaliger Teamkollege. „Sogar im Urlaub hat er gespielt, anstatt einfach abzuhängen.“
Und dann ist da noch der körperliche Aspekt. E‑Sport mag nicht so fordernd erscheinen wie Fußball, Tennis oder Formel 1 – alles Sportarten, bei denen Athleten weit über dreißig in der Weltklasse mithalten können –, aber die Belastungen sind weit größer, als der Laie vermuten würde. Die Hände und Handgelenke von „LoL“-Spielern werden durch eine Vielzahl von Mikrobewegungen belastet. Während eines Spiels führt ein normaler Spieler vielleicht 100 Aktionen pro Minute (APM) aus; bei Faker wurden fast 500 APM gemessen, da er die Maus und die Hotkeys nicht nur benutzt, um seinen Charakter zu bewegen, sondern auch, um mit der Kamera im Spiel herumzuspringen, seine Mitspieler abzuchecken und alles aufzunehmen, was ihm einen Vorteil verschaffen könnte. Viele Spieler scheiden wegen chronischer Verletzungen aus – Nacken- und Rückenschmerzen, Probleme mit Sehnen, chronisches Kribbeln oder Taubheit in Gelenken oder Funktionsstörungen von Muskeln, hervorgerufen durch die Kompression von Nerven. Wohl auch aus diesem Grund gibt es keine aktiven „LoL“-Profis, die älter sind als dreißig.
Zu Beginn der Saison 2021 beschloss Faker, sich drei Wochen lang auf die Bank zu setzen – einfach weil er eine Pause brauchte. Er wollte reflektieren, zur Ruhe kommen, ein wenig Abstand gewinnen, auch von sich selbst. „Ich hatte ein starkes Ego“, erinnert er sich. „Jetzt bin ich objektiver, flexibler und reifer geworden.“ In diesem Jahr verlor T1 erneut bei den Weltmeisterschaften. Faker war da, aber der weinende Junge von 2017, der war nicht mehr da.
Faker und seine Jungs waren die Favoriten bei den Worlds 2022 – ohne Erfolg
© Colin Young-Wolff/Riot Games
Es gibt ein ikonisches Bild vom Finale der Worlds 2022. Es ist so eindrucksvoll, dass es bei den E-Sports Awards als Foto des Jahres ausgezeichnet wurde. Auf der Bühne des Chase Center in San Francisco starrt Faker nach einer Niederlage auf seinen Teamkollegen Ryu „Keria“ Min-seok, der noch immer vor seinem Computer sitzt. Keria, den Kopf in beide Hände gestützt, ist untröstlich.
Dabei war 2022 ein Jubiläumsjahr für Faker: Sein Einstieg in den Profi-E-Sport lag genau ein Jahrzehnt zurück. Zu Beginn der Saison erreichte Faker als erster Spieler in der LCK 2500 Kills, er wurde der zweite in der „LoL“-Geschichte mit mehr als 1000 Profispielen. Um ihn hatte sich ein fester Stamm von Spielern etabliert: Choi „Zeus“ Woo-je, Moon „Oner“ Hyeon-jun, Lee „Gumayusi“ Min-hyeong, Keria. Aus den Initialen der fünf, angeordnet in ihrer Reihenfolge auf der Map, bauten die Fans einen eigenen Namen: ZOFGK, mit dem F für Faker im Mittelpunkt.
Fakers fassungsloser Blick auf seinen schluchzenden Teamkollegen Keria
© Colin Young-Wolff/Riot Games
Die Frühjahrssaison beendete ZOFGK ungeschlagen: 18:0 Punkte. Vor dem Worlds-Finale erwarteten 76 Prozent der Fans einen Sieg von T1. Gegner war ein koreanisches Außenseiterteam namens DRX. „Wir waren überheblich“, erinnert sich Oner. Was folgte, war eine Lektion in Demut. Als die Niederlage feststand, lehnte sich Faker in seinem Stuhl zurück. Die 14.000 Zuschauer vor Ort und die Millionen an den Streams sahen kurz Ärger in seinem Gesicht aufflackern, der aber schnell von Gelassenheit abgelöst wurde. „Pech gehabt, Jungs, wir haben es gut gemacht“, sagte Faker in sein Mikrofon. Dann blickte er zu seinem Team. Mit 26 Jahren war er der Älteste – Zeus und Oner waren noch Teenager, Gumayusi und Keria waren gerade 20 Jahre alt. Als Keria in Tränen ausbrach, wurden auch Fakers Augen feucht – in diesem Moment entstand das ikonische Foto.
„Meine Mannschaftskameraden waren untröstlich“, erinnert sich Faker. „Ich habe versucht, den Blick auf die nächste Saison zu richten und mich auf die Betreuung unserer Spieler zu konzentrieren.“
Sieben Monate später verschoben sich die Prioritäten. „Es begann im Frühsommer. Ich spürte plötzlich ein Taubheitsgefühl und Kribbeln in meinem Arm und in den Fingern, zuerst nur ein paar Minuten, aber dann immer länger und länger, bald hielten die Taubheit und das Kribbeln den ganzen Tag an.“
Faker unterzog sich einer MRT-Untersuchung seiner Hand. „Es gab keine eindeutige Diagnose“, sagt er. „Also konnte es auch keine zielgerichtete Behandlung geben.“ Faker nahm sich eine Auszeit, um sich zu erholen. Niemand war sich sicher, ob er überhaupt jemals wieder professionell spielen würde.
Die Situation wurde noch schwieriger, weil die überraschende Niederlage gegen DRX innerhalb von T1 nachwirkte. „Wir zweifelten sehr an uns“, berichtet Faker. „Es war kein Vertrauen mehr im Team, keine Kommunikation.“ Als Ersatz für den verletzten Faker wurde ein blutjunger Neuling geholt, Yoon „Poby“ Sung-won. „Poby war erst 17 Jahre alt und besetzte nicht irgendeinen Platz, sondern einen heiligen Gral“, sagt Caster Jun. „Die Mitte von T1 – er saß auf der Position von Faker.“
„Meine Mannschaftskameraden waren untröstlich", erinnert sich Faker. „Ich habe versucht, den Blick auf die nächste Saison zu richten und mich auf die Betreuung unserer Spieler zu konzentrieren."
Sieben Monate später verschoben sich die Prioritäten. „Es begann im Frühsommer. Ich spürte plötzlich ein Taubheitsgefühl und Kribbeln in meinem Arm und in den Fingern, zuerst nur ein paar Minuten, aber dann immer länger und länger, bald hielten die Taubheit und das Kribbeln den ganzen Tag an." Faker unterzog sich einer MRT-Untersuchung seiner Hand. „Es gab keine eindeutige Diagnose", sagt er. „Also konnte es auch keine zielgerichtete Behandlung geben." Faker nahm sich eine Auszeit, um sich zu erholen. Niemand war sich sicher, ob er überhaupt jemals wieder professionell spielen würde.
Die Situation wurde noch schwieriger, weil die überraschende Niederlage gegen DRX innerhalb von T1 nachwirkte. „Wir zweifelten sehr an uns", berichtet Faker. „Es war kein Vertrauen mehr im Team, keine Kommunikation." Als Ersatz für den verletzten Faker wurde ein blutjunger Neuling geholt, Yoon „Poby" Sung-won. „Poby war erst 17 Jahre alt und besetzte nicht irgendeinen Platz, sondern einen heiligen Gral", sagt ein Reporter. „Die Mitte von T1 – er saß auf der Position von Faker."
Menschliche Gehirne faszinieren mich. Vielleicht werde ich nach meiner Karriere Forscher.
Poby hatte offensichtlich mit den enormen Erwartungen zu kämpfen. T1 verlor in der Sommerwertung Platz um Platz, lag auf Rang fünf – hinter Platz sechs zurückzufallen, würde die Höchststrafe bedeuten, das Verpassen der Qualifikation für die Worlds. Die Stimmung innerhalb des Teams war so angespannt, dass Gumayusi sogar therapeutische Unterstützung in Anspruch nehmen musste. Einunddreißig Tage nach seinem Rückzug kehrte Faker zurück in die Mitte von ZOFGK. Er nahm den Kampf um die Qualifikation für die WM auf – nicht, ohne Poby zu erwähnen, seinen jungen Ersatzmann. „Er wurde in eine extrem schwierige Lage gebracht“, sagte er. „Poby hat alles gegeben. Ich bin ihm sehr dankbar.“
Keine der Worlds seit 2011 wurde mit solcher Bedeutung aufgeladen und mit so viel Spannung erwartet wie die Worlds 2023. Sie fanden in Südkorea statt, der Heimat der besten „LoL“-Spieler. Sieben Mal hatte ein koreanisches Team den Summoner’s Cup gewonnen, China folgte mit drei Titeln. 2014 und 2018 hatten die Worlds in Südkorea stattgefunden, und beide Male hatte sich Faker nicht qualifiziert.
Nun war er dabei, nun kämpfte er um den Titel. Im Halbfinale war T1 das einzige koreanische Team unter chinesischen Herausforderern. Am 19. November 2023, im Gocheok Sky Dome in Seoul, vor den Augen von mehr als 6,4 Millionen Fans, cruiste ZOFGK im großen Finale zum Sieg.
Ein Jahrzehnt nach seinem ersten Triumph machte sich Faker zum einzigen Spieler, der den Summoner’s Cup zum vierten Mal in die Höhe stemmen konnte. Im Moment des Triumphs sagte er nur fünf Worte: „Unser Team ist so gut.“
Fünf Mal Weltmeister - das gab’s noch nie: T1 (Faker, Zeus l. und Keria r.)
© Colin Young-Wolff/Riot Games
Vier Wochen später trat T1 zum nächsten Contest an, diesmal ging es spielerisch zu. Im Berliner Velodrom fand zu Ehren der Weltmeister eine Exhibition statt, Red Bull League of Its Own. Einige der besten Profimannschaften Europas waren gekommen, um T1 ihren Respekt zu erweisen und gegen sie anzutreten (einem Team gelang es tatsächlich, die Weltmeister zu schlagen).
In einer Pressekonferenz unmittelbar nach den Worlds 2023 hatte Faker schon die Frage beantwortet, die alle interessierte. „Ich habe nicht vor, mich zurückzuziehen. Ich werde weiterhin für T1 spielen“, sagte er. „Meine Karriere ist ein großes Privileg. Sie hat mir die Gelegenheit gegeben, zu lernen und mich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln.“
Dieses Durchhaltevermögen machte sich bezahlt: Am 2. November 2024 holten sich Faker und T1 in der O₂ Arena in London gegen jede Wahrscheinlichkeit den fünften Worlds-Titel – und das nach einer mehr als schwierigen Saison und vor der größten Zuschauerzahl der Gaming-Ära: 6,94 Millionen.
Faker ist mittlerweile 29 Jahre alt – doch er prägt den Sport nach wie vor. Was Faker nach seiner aktiven Karriere tun möchte, darüber hat er schon 2017 einmal gesprochen. „Ich werde definitiv auch danach mit dem E-Sport verbunden bleiben“, sagte er. „Abgesehen davon möchte ich in einem Bereich arbeiten, der mit Wissenschaft und mit Menschen zu tun hat – am liebsten mit den Gehirnen von Menschen. Sie faszinieren mich.“
Faker ist überall
Keine Weltmeisterschaft ohne offizielle Hymne: In diesen vier dazugehörenden Musikvideos war Faker als Comic-Figur dabei.
„Heavy Is the Crown", ft. Linkin Park (2024)
Fakers Team gewann 2023 den Titel. Im Video der Worlds 2024 traten alle fünf Spieler auf, als Endgegner in einem epischen Kampf, der in der „LoL"-Welt spielt.
„Ignite", ft. Zedd (2016)
Faker ist zu sehen, wie er rohen Brokkoli isst – eine Anspielung auf die Worlds 2015, als ein Fan sagte, sein Haar sehe aus wie das Gemüse. Und darauf, dass er versprach, einen Stängel davon zu essen, würde er gewinnen. Er tat beides.
„Rise", ft. The Glitch Mob, Mako and The Word Alive (2018)
Ambition, Fakers legendärer Gegner, kämpft um den Sieg bei den Worlds 2017. Wer erwartet ihn am Ende? Natürlich der unsterbliche Dämonenkönig, Faker himself.
„Gods", ft. NewJeans (2023)
Ein eingängiger Song der K-Pop-Gruppe, der auf dem legendären Zusammentreffen der alten Schulfreunde Deft und Faker im Jahr 2022 basiert. Faker verliert – wie im echten Leben.
„T1 Rose Together": Der Film über das Jahr 2023 des Teams; redbull.tv. Red Bull League of Its Own findet am 15. Dezember in der Accor Arena in Paris statt.
1 h 21 Min
T1 Rose Together
Verfolge die emotionale Reise des legendären koreanischen Esports-Teams von der Niederlage bei den LoL World Finals bis zum triumphalen Sieg.
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