Die Doppelspitze von Red Bull – BORA – hansgrohe: Evenepoel und Lipowitz.
© Maximilian Fries
Radsport

Remco Evenepoel und Florian Lipowitz: Zusammen zur Tour de France

Remco Evenepoel und Florian Lipowitz. Der eine explosiv, der andere schüchtern. Beide wollen im selben Team die Tour de France gewinnen. Wie das gehen soll? Die Geschichte einer Annäherung.
Autor: Christof Gertsch
3 min readPublished on
Ende Februar, Teide, Teneriffa. Remco Evenepoel, 26, und Florian Lipowitz, 25, fahren zum ersten Mal wirklich zusammen. Zweieinhalb Stunden sind ­geplant. Achtzig Kilometer, rauf und runter, von der Sonne in den Nebel und zurück. Nach zehn Minuten fangen sie an zu reden – über Stürze, Rennen, die Tour-de-France-Strecke im Juli. Obwohl sie sich noch gar nicht richtig kennen. Aus zweieinhalb Stunden werden drei. Dreieinhalb. Sie fahren einfach weiter und ­vergessen die Zeit.
Training am Teide, 3715m: Evenepoel (r.) und Lipowitz sind 20 Tage hier.

Training am Teide, 3715m: Evenepoel (r.) und Lipowitz sind 20 Tage hier.

© Maximilian Fries

Die Tour de France 2026 beginnt nicht mit einer normalen Etappe. Sie beginnt am 4. Juli in Barcelona mit ­einem Mannschaftszeitfahren – einer Disziplin, die im modernen Radsport fast anachronistisch wirkt. Nicht der stärkste Fahrer gewinnt, sondern das stärkste Team. Acht Fahrer, aber eine Zeit. Wenn einer zu stark zieht, zerreißt es die Kette hinter ihm. Wenn einer zu langsam ist, bremst er die anderen. Für das Team Red Bull – BORA – hansgrohe, das mit dem ­Belgier Remco Evenepoel, dem besten Zeitfahrer der Welt, und dem Deutschen Florian Lipowitz als Doppelspitze in die Tour startet, ist das eine Chance. Und genau deshalb ­fanden sich die beiden schon Ende Jänner auf Mallorca ein: um zu sehen, ob das, was im Windkanal getestet wurde und in der Theorie so elegant aussieht, auch in echt funktioniert.
Lipowitz ist introvertiert, Evenepoel liebt das Scheinwerferlicht.

Lipowitz ist introvertiert, Evenepoel liebt das Scheinwerferlicht.

© Maximilian Fries

Es funktionierte. Vier Sekunden vor dem Team Movistar gewannen sie das Mannschaftszeitfahren beim Vorbereitungsrennen Trofeo Ses Salines. Evenepoel, der Explosive, brach den Wind – 90 Sekunden lang, bei 500 bis 520 Watt, weit über der dauerhaften Schmerzgrenze. Lipowitz, der „Diesel“, hielt das Tempo, gleichmäßig, gnadenlos. Feuer und Eis, ein kleines Stückchen Perfektion. Dabei kannten sie sich damals noch kaum. Wie soll das gehen – zwei Fahrer im gleichen Team, die dasselbe wollen: die Tour de France gewinnen?
Quotation
Der eine bricht den Wind, der andere hält das Tempo. Im Team sind sie unschlagbar.
Einen Monat später, auf dem ­Teide. Der Vulkan auf 3715 Metern ist der Altar des modernen Radsports. Hier werden Opfer gebracht – Wochen ohne Familie, Tage in karger Isolation, Stunden im Sattel auf leeren Magen. In der Hoffnung, dass es sich im Juli auszahlt. Die Höhe produziert rote Blutkörperchen, natürliches Blut-­Tuning, ganz legal und sehr wirksam. Die Trainingslager wurden bewusst so organisiert, dass sie sich überschneiden, ­damit die beiden einander kennenlernen. Wirklich kennenlernen.
Das erste Mal begegnen sie sich im Hotelkeller, dann fahren sie zusammen los. Sie reden über alte Stürze, vergangene Rennen, die Strecke im Juli – und vergessen die Zeit. „Florian ist privat ein völlig anderer Mensch als in der Gruppe“, sagt Evenepoel hinterher, sichtlich überrascht. ­„Offener. ­Direkter. Fast ungebremst.“

Blitzableiter und Diesel

Doppelspitzen im Radsport sind eine heikle Angelegenheit. Vierfacher Weltmeister, zweifacher Olympiasieger, Gewinner der Spanienrundfahrt – nur ein Auszug aus Evenepoels Palmarès. Lipowitz, der beim Tour-Debüt 2025 sofort Dritter wurde, könnte sich bedroht fühlen. Tut er nicht. „Für mich ist Remco ein Blitzableiter“, sagt er. „Er zieht das Scheinwerferlicht auf sich – und lässt mich in Ruhe arbeiten.“
Quotation
Remco ist ein Blitz­ableiter. So kann ich in Ruhe arbeiten.
Florian Lipowitz
Evenepoel seinerseits sieht in Lipowitz den perfekten Partner. Er selbst müsse zu 110 Prozent in Form sein, um eine dreiwöchige Tour zu gewinnen. Lipowitz sei ein „Diesel“ – einer, der bei 90, 95 Prozent immer noch vorne dabei ist. „Natürlich werde ich zurückstehen, wenn Florian die besseren Beine hat“, sagt Evenepoel. „Das war nie eine Frage.“
Lipowitz und Evenpoel durchdringen gemeinsam den Nebel am Teide.

Lipowitz und Evenpoel durchdringen gemeinsam den Nebel am Teide.

© Maximilian Fries

Quotation
Privat ist Florian offen, direkt, fast ungebremst.
Remco Evenpoel
Dass er das ernst meint, zeigte sich Ende März bei der Katalonien-Rundfahrt, direkt nach dem Trainingslager auf dem Teide. Auf der Königsetappe ist Lipowitz besser, lässt Evenepoel hinter sich. Am nächsten Tag rast der Belgier halsbrecherisch die technische Abfahrt hinunter, arbeitet im Flachstück unermüdlich – und hilft Lipowitz damit aufs Podium. „Remco hat mir einen Riesendienst erwiesen“, sagt Lipowitz danach. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
Am 4. Juli rollen sie in Barcelona von der Startrampe. Und diesmal, wenn die Scheibenräder zu surren ­beginnen, kennen sie einander.