Christin posiert nahe der Karibik­insel Bonaire vor einem Schiffswrack.
© Carlos Coste
Freediving

Im Portrait: Freitaucherin Christin Gerstorfer

Die „tiefste Österreicherin“ zu werden ist ihr großer Wunsch. Acht nationale Apnoe-Rekorde hält die 25-jährige Niederösterreicherin, deren fabelhafte Karriere durch eine TV-Serie begann.
Autor: Klaus Haselböck
7 min readPublished on
Wenn Christin Gerstorfer zum Meeresboden blickt, ist ein weißes Seil ihr Ariadnefaden in der Unendlichkeit des Blau. Eine Tiefe von 63 Metern möchte sie heute auf Basis eines einzigen Atemzuges erreichen.
Christin Gerstorfer

Ist

auch Unterwasser­model und Freedive-Instruktorin

Bietet

mentales Training für Führungskräfte an

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Die Stunden davor hat die Niederösterreicherin, die im Rahmen des Freediving World Cup auf den Philippinen zu einem Rekordversuch antritt, nach ­einem klar abgesteckten Protokoll verbracht: eine ­Banane zum Frühstück, um auf Touren zu kommen, danach stretchen, den ganzen Tauchgang visualisieren und das Trommelfell sanft auf den Druck in der Tiefe vorbereiten. Im Wasser schließlich entspanntes Hängen in fünfzehn Meter Tiefe, um das Meer zu spüren und den Puls zu beobachten, wie er sich verlangsamt. Nach einem lockeren Tauchgang auf dreißig Meter und ruhigen Atemzügen hängt sie ihren Karabiner in das Seil ein. Die Kampfrichter und Sicherungstaucher machen einen Check, und bevor es für Christin in die Tiefe geht, erinnert sie sich selbst: „I am a Mermaid.“
Quotation
Dort unten in der Tiefe bin ich mein Chef.
Christin Gersthofer
„Unterwasserschwimmen“ war vor gut hundert Jahren schon eine olympische Disziplin. Heute ist das Spiel, mit einem Atemzug möglichst tief oder weit zu kommen respektive eine maximale Zeitspanne unter Wasser zu bleiben, ein etablierter Wettkampfsport mit stetigem Zulauf. In einem knappen Dutzend klar reglementierter Disziplinen werden Apnoe-Cham­pions gekürt und Bestleistungen gewürdigt.
Christin erlebt das Wasser des steirischen Duisitzkarsees wie eine Umarmung

Christin erlebt das Wasser des steirischen Duisitzkarsees wie eine Umarmung

© Marko Mestrovic/Red Bull Media House Publishing

Christin tritt im Modus „Constant Weight“ an: Das Seil, an dem 63 Meter weiter unten ihr Umkehrpunkt markiert ist, darf nicht zur Fortbewegung genutzt werden. Der Bleigurt erleichtert zwar das Abtauchen, er muss aber wieder mit an die Oberfläche. Dank der 70 mal 70 Zentimeter großen Monoflosse aus Carbon kann sie mit wellenförmigen Bewegungen rasant an Tiefe gewinnen. Vor allem ist das markante Blatt eine Reminiszenz an ihre frühe Kindheit und der Grund, warum sie heute auf den Philippinen taucht: Mit drei Jahren sah Christin eine TV-Serie über Meerjungfrauen, und deren quirlige Eleganz unter Wasser begeisterte sie dermaßen, dass sie früh schwimmen und schnorcheln lernte. Ihr Umfeld bekam eine Ahnung, wo sie ihre Zeit eines Tages verbringen wollte: „Ich war schon damals lieber unter als über Wasser.“

Sehnsucht schlägt Ehrgeiz

In der Schulzeit mutierte Christin dennoch zur „Land­bewohnerin“: Tennis und Tanzen, Reiten und Klavierspielen sorgten für soliden Takt, dazu kamen Wettbewerbe und Turniere am Wochenende. Die leistungsorientierte Ärztefamilie, in der sie aufwuchs, förderte und forderte sie. Die Erwartungen der Eltern waren hoch, ihre eigenen noch höher: Ein Zweier konnte keine Note sein, mit der sie zufrieden war. Fleiß und Struktur, Ziele und Planung wurden für sie genauso zur Selbstverständlichkeit wie dadurch provozierte permanente Bauchschmerzen. Der „Little Mermaid“ drohte die Luft auszugehen, sie wollte zurück in ihr Habitat: „Freitauchen war der erste Sport, der von mir selbst kam, nach dem ich Sehnsucht ­hatte“, resümiert Christin heute. Während Gleich­altrige in Videospiel-Welten versanken, legte sie im Neufelder See, dreißig Kilometer von ihrer Heimatstadt Baden entfernt, das Gesicht auf die Wasseroberfläche. Genau wie sie es sich von den Pros abgeschaut hatte, blies sie die Luft durch den Schnorchel aus, um ihre Atemfrequenz zu beruhigen. Waren Entspannung und Fokus deckungsgleich, glitt sie hinab in das Dunkel. „Inmitten des Sees fand ich meinen Platz. Dort konnte ich abschalten, mich entspannen und fühlte mich gleichzeitig am lebendigsten. Kurzum: Dort unten in der Tiefe bin ich mein Chef.“
Auf den ersten Blick ist Apnoetauchen ein simpler Sport: Neoprenanzug, Flossen, Maske, Schnorchel und ein Bleigurt. Vorbereitung und hinunter, hinauf und Nachbereitung. Gerade wegen dieser Einfachheit entscheiden Nuancen, ob man sich aus vier ­Metern japsend zur Oberfläche zurückrettet oder souverän aus 60 Meter Tiefe heraufcruist. Jede verspannte Muskelfaser wird zum Sauerstofffresser, bei einer schlechten Körperlage verpuffen die stärksten Flossenschläge, und ohne den richtigen Druckausgleich wird die Tiefe zur undurchdringlichen Wand.
Christin verbessert mit 47 Metern ihren Rekord im Tauchen ohne Flossen.

Christin verbessert mit 47 Metern ihren Rekord im Tauchen ohne Flossen.

© Laura Mommicchi

Das professionelle Rüstzeug holte sich Christin auf der Antilleninsel Bonaire: Mit im Gepäck war die Monoflosse, die der russische Rekordhalter Alexei Moltschanow konzipiert und die Christin von ihrer Mutter zum 16. Geburtstag bekommen hatte. Mit ihr erkundete sie die Unterwasserwelt der Karibikinsel – und fand Freitauch-Weltmeister Carlos Coste. Nach etwas Smalltalk und Atemübungen in Costes Haus erreichte Christin problemlos 30 Meter Tiefe und holte sich den Respekt des Champions, der sie unter seine Fittiche nahm. Carlos forderte Christin. Je länger sie im Meer waren und je tiefer er sie tauchen ließ, desto mehr Volumen schien ihre Lunge zu bekommen und desto stärker lebte ihre Verbundenheit zum Wasser auf. „Sie macht es einfach und probiert nicht rum“, so Eugen Göttling, einer der besten österreichischen Freitaucher, über seine Trainingspartnerin. „Ihre Einstellung reißt mit. Sie ist furchtlos, fast übermütig und tougher als mancher männliche Athlet.“
Eugen war es auch, der ihr sagte: „Du hast Potenzial für Rekorde.“ – „Nicht schon wieder Wettkämpfe“, meldete sich in der erwachsenen Christin eine zaghafte Stimme und erinnerte an den Druck der Jugend. Eigentlich wollte sie Apnoe-Instruktorin werden, um den Zauber weiterzugeben und den Sport in Österreich größer zu machen. Allerdings schienen die ­nationalen Rekorde sehr greifbar und triggerten ihren Competition-Mode. Christin atmete durch: „Diesmal mache ich das nur für mich.“

45 Meter tief in den Tümpel

Im Herbst 2022 trat Christin Gerstorfer in einem Steinbruchsee bei Leipzig zu ihrem ersten Rekordversuch an – und das gleich in der härtesten Freitauch-Disziplin: Bei „Constant Weight No Fins“ ­arbeitet man sich ohne Flossen nach unten und schwimmt wieder zurück an die Oberfläche. Fünfundvierzig Meter nahm sie sich vor. „So ein düsteres Wasser habe ich noch nie gesehen“, beutelt es ihre Mutter bei der Erinnerung daran. „Aber was kann sich eine Mutter mehr wünschen als eine Tochter, die ihren Traum lebt und glücklich ist?“
Quotation
Ich bin es mir schuldig, mein Talent zu nutzen.
Christin Gerstorfer
Die Medizinerin verwandelte ihre ursprüngliche Sorge in Umsorge und war als Notärztin vor Ort. Christin holt sich ihr Vertrauen hingegen aus harten Fakten: „Das Reglement macht Wettkämpfe extrem sicher, deshalb kann ich mich voll darauf einlassen.“ Sogar diesem Tümpel in Nordsachsen konnte sie ­Positives abgewinnen: „Ich habe mich in der Tiefe so geborgen, so glücklich gefühlt. Es war wie eine Umarmung.“ Der erste Rekord ließ eine neue Tür aufgehen. „Etwas zu schaffen, was vor mir noch ­keine Österreicherin gemacht hat, ist eine starke Motiva­tion.“ Christins grüne Augen leuchten, und die silberne Flosse, die an ihrem Hals baumelt, scheint als Zustimmung einen Schlag abzugeben.
Nach dem Bachelor in Tourismus-Management flog sie 2023 auf die Philippinen, um selbst eine dieser gefeierten Apnoe-Instruktorinnen zu werden. Danach werkte sie als Unternehmensberaterin, ehe sie für weitere Wettkämpfe nach Asien zurückkehrte: „Ich bin es mir schuldig, mein Talent auch zu nutzen.“
Beim World Cup 2024 taucht Christin aus 63 Meter Tiefe auf.

Beim World Cup 2024 taucht Christin aus 63 Meter Tiefe auf.

© Laura Mommicchi

Prophezeite Rekorde

In dieser Klarheit tauchte Christin zu ihrem Rekordversuch ab: Mit rhythmisch-kraftvollen Bewegungen der Monoflosse brach sie auf den ersten Metern den Auftrieb ihres Körpers und des Neoprenanzugs. Geschwindigkeit bedeutet unter Wasser Stabilität, und auf gut zwanzig Sekunden harter Arbeit folgte das ersehnte Gefühl der Grenzenlosigkeit: Während eine Hand am Seil entlangglitt, schloss Christin die Augen, ging in den Freefall über und segelte in die Tiefe. Der Tiefenmesser, zusätzlich zum Handgelenk in der Kopfhaube platziert, kündigte akustisch den Umkehrpunkt ihrer Reise an. Der Druck beträgt dort sieben Bar – zum Vergleich: ein Autoreifen ist mit zweieinhalb Bar gut gefüllt – und wird körperlich spürbar. War es bei ihrem Rekord im Steinbruchsee dort längst zappenduster, so mischt sich im Pazifik in sechzig Meter Tiefe das Dunkel erst langsam ins Blau, und mit rund 26 Grad Celsius ist die Temperatur noch moderat. Ohne einen Atemreiz zu spüren, pushte sich Christin mit der Monoflosse der Oberfläche ent­gegen. Im letzten Viertel des zwei Minuten langen Tauchgangs begann der Auftrieb zu greifen und trug sie sanft der Sonne entgegen. Per Handzeichen und mit den Worten „I’m okay“ bestätigte Christin, dass sie bei Bewusstsein und der Tauchgang damit gültig war. Im Übermut fügte sie noch hinzu: „I am a Mermaid.“
Diese 63 Meter, aufgestellt nach den Regeln der Organisation CMAS – auch im Freitauchen gibt es konkurrierende Verbände –, sind einer von acht natio­nalen Superlativen der jüngsten Apnoe-Rekordhalterin Österreichs. Zwei Bestleistungen fehlen ihr noch, damit sie zur besten Österreicherin in allen Disziplinen wird. Ihr Trainingspartner Eugen traut Christin bereits Tiefen jenseits der achtzig Meter zu – was den Sprung an die Weltspitze bedeuten würde. Dort sieht sie auch Alessia Zecchini, mit 123 Metern Monofin-Weltrekordhalterin. Im Mai sagte ihr die um sieben Jahre ältere Italienerin: „Christin, ich habe dich ­tauchen gesehen. Du bist so stark und noch so jung. Du wirst locker dort hinkommen, wo ich jetzt bin.“
Beim Gedanken daran packte die selbstsichere Freitaucherin ein kurzer Drehschwindel: „Wenn ich von solchen Tiefen höre, frage ich mich: Wie machen die das? Das müssen Götter sein!“ Allerdings konnte sich Christin vor drei Jahren ihre Rekorde auch nicht vorstellen, und bei so viel Meerjungfrauen-Power hat ihre Karriere vielleicht gerade erst begonnen.