Motorbike Enduro
The Girl on a Bike: Enduro-Fahrerin Vanessa Ruck
Schmerz, Härte, Glück. Die Britin Vanessa Ruck ist eine der besten Rallyefahrerinnen der Welt. Auf ihre Art: Unter dem Label „The Girl On A Bike“ zeigt sie, wie sie auf der Enduro ihr Leben neu tunte.
Vanessa Ruck klappt ihr Helmvisier hoch, atmet tief durch und blickt zurück auf das breite Flussbett. Es führt derzeit nur wenig Wasser, kein Problem für Rucks Enduro-Bike. Doch Islands Flüsse sind tückisch, sie werden aus Gletschern gespeist, die über aktiven Vulkanen liegen. Das Schmelzwasser fließt da nicht gleichmäßig ins Tal, sondern lässt die Strömung abrupt stärker werden. Jederzeit also hätte eine Welle sie vom Bike werfen können, und dennoch sagt Ruck: „Für Enduro-Fahrer ist Island phänomenal. Du musst ständig improvisieren, weil das Terrain so ungleichmäßig ist. Das fordert dich dermaßen heraus, dass du die faszinierende Landschaft nur wie einen Hintergrundfilm wahrnimmst.“ Dabei gebe es hier einfach alles: scharfkantiges Vulkangestein, weichen Sand und Asche. „Ständig stellt dich etwas Neues auf die Probe – und das liebe ich.“
Normalos würde dieses Gelände zur inneren Raserei bringen. Vanessa Ruck nur zur äußeren, und in der fühlt sie sich rundum wohl. Island – das ist zwar hartes Training, aber dennoch auf eine ganz eigentümliche Art paradiesisch.
Vanessa ist 37 Jahre alt und eine der bekanntesten Rallyefahrerinnen Englands. Auf Instagram nimmt sie Hunderttausende auf ihre Reisen mit. Sie hält Vorträge und spricht darüber, wie sie ihre Karriere entwickelt hat – und welche gewaltigen Rückschläge sie verkraften musste auf ihrem holprigen Weg zur Wellness. Nur drei Monate vor ihrem Trip durch Island war sie etwa in Marokko unterwegs. Bei der Morocco Desert Challenge legte sie 3000 Kilometer unter gleißender Sonne zurück. Nicht einmal die Hälfte der Teilnehmer und nur eine Handvoll Frauen schaffen es bei diesem Wettbewerb bis ins Ziel – Ruck gehörte dazu. Sie erzählt von 52 Grad Lufttemperatur und Wüstensand, der einem die Haut aufbrennt. Und auch von den Menschen, die von solchen Rallyes nicht mehr zurückkamen. „Geistig habe ich schon einen Abschiedsbrief verfasst, den ich bei einer Panne in mein Handy diktiert hätte“, sagt sie. „Wenn ich wo liegengeblieben wäre, hätte mir niemand rechtzeitig helfen können.“ Auch wenn Liegenbleiben für eine wie sie keine Denkoption ist. Nicht mehr. Nicht, nachdem sie so mühevoll aufzustehen lernen musste.
Das Terrain ist hart und weich zugleich – hier musst du immer improvisieren.
Es passierte Jahre vor ihrem ersten Rennen, als Motorräder in ihrem Leben eigentlich noch keine besondere Rolle spielten. Damals, Anfang 2014, war sie Marketingchefin eines großen Unternehmens. Sie war ehrgeizig, arbeitete lange und holte sich zum Ausgleich Adrenalinschübe beim Wakeboarden, Kitesurfen, Radfahren oder Klettern. Im März 2014 sollte sich alles verändern. Damals war Ruck 27 und wollte auf ihrem Fahrrad zum Wakeboarden fahren, als ein Auto eine rote Ampel überfuhr und vor ihr ausscherte. Sie konnte nicht ausweichen und prallte mit voller Wucht auf das Fahrzeug – Schulter und Hüfte wurden wie von einem gewaltigen Geschoss getroffen. Jahrelang folgte ein operativer Eingriff dem anderen.
Das Weiß der gerinnenden Zeit
„Ich konnte nicht aufstehen und verbrachte unendlich viel Zeit damit, immer nur auf dasselbe langweilige Stück Weiß meiner Schlafzimmerdecke zu starren“, sagt Ruck. „Mein Mann musste mir die Haare bürsten und die Socken anziehen. Es war so zermürbend, mich immer wieder unters Messer legen zu müssen. Immer, wenn ich glaubte, endlich Fortschritte zu machen, lag ich bald wieder aufs Neue im Krankenbett oder humpelte auf Krücken.“ Ruck schlitterte in eine Depression, kombiniert mit einer Anpassungsstörung. „Im Grunde heißt das, dass ich mich nicht länger als ich selbst wahrnahm. Ich sprach über mich in der dritten Person: Das hier war nicht Vanessa – Vanessa, das war jener starke, fitte Mensch vor dem Unfall. Doch ich fühlte mich einfach nur gebrochen und erbärmlich.“ Ruck wusste, dass sie die Sportarten, die sie früher geliebt hatte, nicht mehr ausüben konnte. Aber Motorradfahren, das schien irgendwann machbar.
Damals musste sie einen Vollzeitjob mit ihrer Rehabilitation unter einen Helm bringen, und als Pendlerin würde ihr ein Motorrad wertvolle Zeit verschaffen: Ende 2014 kaufte sie sich eine Suzuki Bandit 600 für die Straße. Zu früh, denn seelisch war sie noch nicht bereit dafür. „Ich weiß nicht, ob du schon einmal unter einem Motorradhelm geweint hast. Es ist wirklich unangenehm“, sagt sie. „Man kommt mit den Handschuhen nicht zu den Augen, das Visier beschlägt sich, aus all dem entsteht echte Hilflosigkeit.“ – Ruck kann heute darüber lachen. Damals bekam sie Panikattacken allein schon bei dem Gedanken, sich auf ein Bike zu setzen. „Ich saß einfach nur so in meiner Einfahrt. Ich war auf einer anderen Art von Bike fast ums Leben gekommen – warum um alles in der Welt sollte ich jetzt noch einmal aufsteigen?“
Aber Ruck war hartnäckig und überwand so ihre Angst. „Die Autofahrerin, die mich angefahren hatte, hatte meinen Körper verändert“, sagt sie, „aber sie hatte keine Macht über meine Zukunft. Ich bin mit der Einstellung aufgewachsen, dass man aus einem Sturz lernt und weitermacht, anstatt sich zu beklagen. Ich wusste, dass es mit jedem Mal etwas leichter werden würde, auf ein Motorrad zu steigen.“
Aus „leiderfüllt“ wurde „leicht“, aus „leicht“ wurde „lustvoll“: Nach einigen Monaten merkte Ruck, wie gut ihr diese neue, motorisierte Mobilität tat. Es war eine ganz andere Art, sich Adrenalinkicks zu holen. Bald erweiterte sie ihren Fuhrpark um eine Harley-Davidson für den Straßenverkehr. Darauf folgte ein Scrambler-Geländebike. Und schließlich eine Enduro für die wirklich schwierigen Terrains. „Viele Leute fragen mich, warum ich nicht wieder mit Kitesurfen oder Wakeboarding angefangen habe“, agt sie. „Am Anfang war es wohl ein Abwehrmechanismus. Ich wollte mich nicht mit der Person vergleichen, die ich früher gewesen war. Mein ganzer Körper tat weh und funktionierte nicht mehr wie früher. Motorradfahren war dagegen etwas völlig Ungewohntes – und dann wurde ich fast süchtig nach diesem Thrill.“
Als sie körperlich nicht in der Lage war, zu fahren, fand sie Trost darin, ihre Motorräder in der Garage zu pflegen. Gesten, die zu einem Symbol für ein besseres Leben wurden, für eine Zukunft, an der sie arbeiten konnte. Vanessa Ruck entwarf eine Website mit dem Namen „The Girl On A Bike“. Dort teilt sie bis heute Details über ihre Rehabilitation und ihre zunehmend abenteuerlichen Motorradtouren, die sie bisher in 29 Länder geführt haben.
Diese Autofahrerin verletzte meinen Körper, aber Macht über mein Leben hat sie keine.
Als sie körperlich nicht in der Lage war, zu fahren, fand sie Trost darin, ihre Motorräder in der Garage zu pflegen. Gesten, die zu einem Symbol für ein besseres Leben wurden, für eine Zukunft, an der sie arbeiten konnte. Vanessa Ruck entwarf eine Website mit dem Namen „The Girl On A Bike“. Dort teilt sie bis heute Details über ihre Rehabilitation und ihre zunehmend abenteuerlichen Motorradtouren, die sie bisher in 29 Länder geführt haben.
„Soziale Medien können toxisch, negativ und ungerecht sein“, sagt Vanessa. „Deswegen neigen die Menschen auch dazu, die Tiefpunkte ihres Lebens zu verbergen. Ich wollte aber alles offenlegen.“ Auf Instagram findet man Bilder, wie sie nach einer Operation im Bett liegt und nicht aufstehen kann. Gleich daneben aber ein Beitrag, in dem sie lächelt, auf dem Motorrad, in Siegerpose. Es sind Fotos von Rennen und Bikertreffen, die ihr Halt im Leben gaben und geben. Und Rucks Offenheit kam gut an, ihre Followerzahl wuchs stetig. Im Jahr 2019 entschied sie sich, ihren Job aufzugeben und als „The Girl On A Bike“ Geld zu verdienen.
„Schließlich hatte ich zur Arbeit pendeln und dreimal die Woche zur Reha gehen müssen. Hydro-, Physio- und Stoßwellentherapie, Osteopathie und Akupunktur – das hat mich wirklich gefordert“, erzählt sie. „Mein Mann Alex und ich haben durchgerechnet, dass wir 13 Monate gut über die Runden kommen würden, wenn ich meinen Job kündigen würde. Das war genau die Zeit, die ich für die Reha brauchte. Außerdem wollte ich sehen, was ich mit ‚The Girl On A Bike‘ erreichen kann. Aber ich hätte mir nie ausgemalt, wie viele Menschen aus meinem Kampf Energie schöpfen würden – fast genauso wie ich selbst.“
Ein Tanz unterm Vulkan
Jetzt, beim Training in Island, donnert Rucks Motorrad über den groben schwarzen Sand, eine Mischung aus Vulkanasche und zerkleinertem Lavagestein. Nach mehr als sieben Stunden Fahrt zeigt ein Fluss an, dass die Etappe nun langsam zu Ende geht. Ruck hat Schmerzen in der Hüfte, aber sie fühlt sich fit. Sie ist müde, aber zufrieden. Dabei fährt sie erst seit etwas mehr als zwei Jahren Rennen. Ihr Weg in den Hard-Enduro-Sport begann im Jahr 2021 bei den Red Bull Romaniacs.
Unglaublich, wie viele Menschen aus meinem Kampf Kraft schöpfen.
Das Rennen in den rumänischen Karpaten gilt als der anspruchsvollste Event überhaupt. 150 Racer gingen an den Start, nur 91 kamen durch, eine davon war Ruck, immerhin auf Platz 57. Der Achtungserfolg motivierte sie, an ihrer allerersten Rallye, der Qatar International Baja, teilzunehmen. Im Frühjahr 2022 startete Ruck bei der Tunisia Desert Challenge, einem achttägigen Event, das sie stärker beanspruchte als alle vorherigen Herausforderungen.
„Es war ein technisch anspruchsvolles Gelände, und die Navigation war unheimlich schwierig“, schildert sie. „Ich habe eine Nacht in den Dünen verbracht, nachdem die Elektronik meines Motorrads versagt hatte. Ich musste ein Lagerfeuer entfachen. Das mag romantisch klingen – doch in der pechschwarzen Nacht irgendwo in der Wüste festzusitzen, ewig von jeglicher Zivilisation entfernt, ist furchteinflößend. Am nächsten Tag gab auch noch die Kupplung meines Motorrads den Geist auf, und ich saß siebeneinhalb Stunden in der brennenden Mittagshitze fest.“ Erst dann wurde sie von einem Helikopter ausgeflogen. „Ich war wirklich an meine Grenzen gegangen, erhielt drei Infusionen und jede Menge Schmerzmittel.“ In der Nacht darauf wachte sie dann aus einem Albtraum auf, in dem sie noch ein drittes Mal in der Wüste feststeckte, und dachte: „Das war’s, ich bin am Ende. Ich habe mir zu viel zugemutet.“ Aber als sie aus dem Bett hochschreckte, hatte sie nur diesen einen Gedanken: „Wo ist mein Bike?“ Ruck konnte die Rallye fortsetzen und überquerte schließlich als erste Frau (auf dem 35. Platz) die Ziellinie. „Das Rennen zu beenden war die größte Bestätigung für mich. Zum ersten Mal war es meine eigene Entscheidung, wie viel ich aushalten musste. Das hat mir eine Menge von jener Kraft zurückgegeben, die ich nach meinem Unfall verloren hatte. Es war ein unglaubliches Gefühl.“
So verloren, so geborgen
Rucks Entscheidung, sich all diesen gefährlichen und schmerzhaften Herausforderungen zu stellen, scheint für Außenstehende schwer nachvollziehbar. „Ja, diese Rennen sind brutal“, gibt sie zu. „Ich finde, die Wüste hat etwas Sadistisches – und dennoch: Ich liebe das Adrenalin und die Endorphine, wenn ich auf meinem Motorrad sitze. Ich glaube, das Geheimnis liegt darin, dass ich mich dabei so im Moment verliere.“ Geborgen in der Verlorenheit. In solchen Phasen sei sie gar nicht fähig, so etwas wie Schmerz zu fühlen. „Aber wenn ich am Abend vom Bike steige, rammt mich die Realität wieder wie ein Güterzug. Viele verstehen das nicht. Aber sie leben ja auch nicht in meinem Körper.“
Das Nachtlager der Gruppe, eine Blechhütte, erscheint am Horizont. Etwas später setzt sich Vanessa auf einen Felsen, beobachtet, wie die Sonne glutrot versinkt. Um sechs Uhr früh wird sie aufstehen, um vor der nächsten Etappe noch ein Stück zu joggen. Doch jetzt kann sie sich entspannen, richtig entspannen. „Es ist nicht das Hilton“, sagt sie mit Blick auf den Blechverschlag, „aber heute Nacht werde ich gut schlafen.“ Vanessa Ruck weiß: Wer ganz in sich ruht, braucht kein Hotel.