Sie ist beim Three Peaks Bike Race 2021 mit deutlichem Abstand schnellste Frau, und nur vier Männer kommen vor ihr ins Ziel. Dabei fährt Kesenheimer zu diesem Zeitpunkt erst seit einem Jahr Ultraradrennen. Dass sie so schnell so gut ist, ist ganz schön abgefahren – Zufall ist es aber keiner. Kesenheimer, die eigentlich aus Baden-Württemberg kommt und seit sieben Jahren in Innsbruck lebt, wächst in einer sportlichen Familie auf. Mit achtzehn läuft sie die ersten Marathons, später macht sie Triathlons. Am Rad sitzt sie, seit sie denken kann. Doch erst in den österreichischen Alpen kommt sie so richtig in Fahrt. „Hier hab ich gemerkt, dass ich ganz gut im Radfahren bin, vor allem wenn es hoch raufgeht.“ Und weil sie schon immer kompetitiv war, will sie ihr Können bei Radrennen beweisen.
Jana hat Ausdauer, früher lief sie Marathons und nahm an Triathlons teil.
Kesenheimer macht beim Mondsee 5 Seen Radmarathon, dem Alpengiro, der Dolomitenradrundfahrt mit. Ihr großes Ziel ist aber der Ötztaler Radmarathon, ein Klassiker über 227 Kilometer und über vier Alpenpässe. „Ich wollte als jüngste Fahrerin unter die Top Ten kommen“, sagt die heute Dreißigjährige. Sie bereitet sich akribisch vor, trainiert hart. Und stürzt dann zwei Wochen vor dem Start schwer.
Kesenheimer rollt eine Abfahrt hinunter, die Autokolonne vor ihr löst sich nur langsam auf, sie ist 50 Stundenkilometer schnell, sonst hätte sie an dieser Stelle fast doppelt so viel Geschwindigkeit drauf. Plötzlich verkantet sich ihr Vorderrad im rissigen Asphalt. Kesenheimer wird über den Lenker katapultiert. Mit dem Kinn voran landet sie auf dem Boden. Ihr Kiefer: dreimal gebrochen. Ihr Fahrrad: Schrott.
Als Jana Kesenheimer nach 7 Tagen, 21 Stunden und 37 Minuten in Barcelona ankommt, ist sie gerädert, aber glücklich. Sie hat gerade das Three Peaks Bike Race 2021 überstanden. Eine Tortur. 2670 Kilometer und 31.810 Höhenmeter ist sie von Wien in die Hauptstadt Kataloniens geradelt ...
„Die Zeit danach war hart“, sagt Kesenheimer. „Es hat gedauert, bis ich wieder ohne Panik bergab fahren konnte.“ Gleichzeitig habe sie eine große Erleichterung verspürt. Ihr sei bis dahin gar nicht bewusst gewesen, wie viel Druck sie sich selbst gemacht hatte. „Ich bin erschrocken, dass dieser Freizeitsport so einen enormen Stellenwert für mich hat.“ Sie beschließt, den „Ötzi“ erst einmal sein zu lassen. Sie verwirft ihre Trainingspläne und macht nur mehr das, worauf sie gerade Lust hat: Radfahren. Aber anders.
Kesenheimer erinnert sich daran, wie sie nach ihrem Bachelor gemeinsam mit einer Freundin 2500 Kilometer nach Lissabon geradelt ist. Drei Wochen hatten die beiden fürs Bikepacking eingeplant, nach zwölf Tagen sind sie angekommen. Das will sie machen! Doch lange hält sie nicht durch, bis auch daraus ein Wettrennen wird. „Ich hab in allem, was ich mache, den Anreiz, es auf die Spitze zu treiben“, gesteht Kesenheimer. In dem Fall sogar wortwörtlich: Sie meldet sich zu ihrem ersten Ultracycling an, bei dem es drei Gipfel zu überwinden gibt, besagtem Three Peaks Bike Race.
Ultracycling ist eine brutale Disziplin. Wer schon einmal vom Race Across America gehört hat, weiß, warum. Die Athleten fahren bei den Bewerben tausende Kilometer am Stück und müssen oft zigtausende Höhenmeter überwinden. Pausen? Beschränken sich auf wenige Minuten. Mehr als drei, vier Stunden Schlaf pro Nacht sind auch nicht drin (Laut Jana ist der Schlafentzug „der ekligste Teil“). Dieser Sport ist nicht nur körperlich, sondern auch mental extrem fordernd. Die Rennen, in denen Jana startet, sind außerdem self-supported. Heißt: Sie ist dabei völlig auf sich allein gestellt. Hilfe ist keine erlaubt, nicht einmal, wenn was kaputtgeht. Sogar die Route muss sie sich zu großen Teilen selbst zusammenstellen, nur einige Checkpoints sind von den Veranstaltern vorgegeben. Obwohl die Events erbarmungslos sind, ist ein Hype um sie entstanden. Immer mehr Menschen stehen am Start. Man könnte meinen, die haben alle ganz schön ein Rad ab. Und Kesenheimer?
Jana am Start vor dem Schloss Schönbrunn in Wien. Ziel: Nizza.
Sie wird in kürzester Zeit zu einem Star der Szene...
Jana Kesenheimer:Das Besondere ist, dass es keine extrinsische Motivation gibt. Es geht nicht darum, am Siegerpodest zu stehen, denn es gibt keins. Es geht nicht darum, ein Preisgeld zu gewinnen, denn es gibt keins. Es ist auch destruktiv, sich mit anderen zu vergleichen. Man muss versuchen, bei sich zu bleiben. Das alles hat zur Folge, dass man Ultrarennen wirklich von sich aus machen wollen muss – und es auch mögen muss, ein bisschen zu leiden.
Man muss also masochistisch sein.
Jana Kesenheimer:Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. Ich glaube, das kennen viele: Wie zufrieden man sich fühlt, wenn man körperlich an die Grenzen geht, um ein Ziel zu erreichen, ohne dass es gefährlich wird. Das ist, was man psychologisch als Masochismus bezeichnen würde.
Mit den mentalen Aspekten des Radfahrens kennt sich die Dreißigjährige gut aus. Als Psychologin an der Uni Innsbruck hat sie unter anderem dazu geforscht, obwohl ihr eigentliches Kernthema die Umweltpsychologie ist. Doch ihr Hobby lässt sie auch im Job nicht los. Jana hat zum Beispiel herausgefunden, dass Radfahren einen selbsttherapeutischen Effekt haben kann. Doch das weiß sie selbst eh am besten.
Jana empfiehlt Podcasts und Snacks, um Ultracycling erträglicher zu machen.
Als Kesenheimer fünfzehn ist, entwickelt sie eine Essstörung. Es fängt harmlos an, zur Fastenzeit verzichtet sie auf Süßigkeiten. Irgendwann isst sie gar nichts mehr. Ihr Dickkopf, der bei den Langstreckenrennen Janas große Stärke ist, wird ihr in diesem Fall zum Verhängnis. „Ich hatte mir das in den Kopf gesetzt, ich mochte diese Macht über meinen Körper“, sagt sie. Zwei Jahre lang leidet sie als Teenager unter einer Anorexie. Sie schafft es allein raus, auch weil sie erkennt, dass dieses zwanghafte Verhalten sie nicht weiterbringt – vor allem nicht im Sport.
Sie schafft es allein aus der Anorexie, auch weil sie erkennt, dass dieses zwanghafte Verhalten sie nicht weiterbringt – vor allem nicht im Sport.
Jana Kesenheimer:Ich hab es geschafft, die destruktive Energie in etwas Positives umzuwandeln. Beim Ultraradsport kann ich diese Persönlichkeitsfacette ausleben, sodass es ein Stück weit gesund ist, sozial verträglich und mir was bringt. Ich sehe sie jetzt als etwas Gutes. Nicht als etwas Krankhaftes.
Wie geht es dir heute mit dem Thema Essen?
Ich habe durch die Ultras gelernt, dass ich gut zu meinem Körper sein und mit meinen Kräften haushalten muss. Deswegen würde ich mir heute nie mehr etwas verbieten. Bei den Rennen geht es ja auch darum, möglichst viel zu essen.
Die besten Snacks to go?
Jana Kesenheimer:M & M’s. Die gehen immer. Am besten in der 400-Gramm-Packung.
Doch der Extremsport hinterlässt andere Spuren. Seit einem Bewerb im Frühjahr sind zwei ihrer Finger taub. Dass man Ultrarennen nur im Kopf gewinnt – für Jana eine schwierige Aussage. Es sei trotz allem „eine krasse Belastung für den Körper“.
Manchmal sei es schwierig, sich bei Laune zu halten, sagt Jana.
Bei dem einzigen Rennen, das sie bisher abbrechen musste, geht gleich am ersten Tag ihr Umwerfer kaputt. Kesenheimer ist, wieder einmal, stur und denkt sich, dass sie einfach dagegentritt, wenn sie in einen neuen Gang wechseln will. Optimal ist das nicht. Am zweiten Tag bekommt sie eine schlimme Knieentzündung, weil sie nicht richtig schalten konnte. Nur ungern hört sie auf. Danach liegt sie flach. Zumindest weiß sie seither: Aufhören ist eine Option.
Wie oft denkst du dir in einem normalen Rennen, jetzt reicht’s?
Jana Kesenheimer:Es gibt mehrere Phasen, in denen ich infrage stelle, warum ich das mache. Es fühlt sich manchmal super grotesk an, weil man selbst ans Limit geht und nicht schläft, aber das normale Leben für andere ja trotzdem stattfindet. Das Rennen findet nur in meinem Kopf statt, und da ist es manchmal total schwierig, sich bei Laune zu halten. Irgendwann kommt einem alles sinnlos vor.
Und dann?
Jana Kesenheimer:Ich hab die Erfahrung gemacht – und das kennt sicher auch jeder, der schon einmal eine 100-Kilometer-Tour gefahren ist –, dass es wieder besser wird. Zum Durchhalten braucht man Tricks.
Beim Transcontinental Race 2024 fährt Jana in elf Tagen quer durch Europa.
Jana Kesenheimer:Ich hör gerne Podcasts, die mich ablenken. Mit True Crime klappt das ganz gut. Ich hab auch gelernt, dass man sich bei einem Ultra von Tag zu Tag hangeln muss. Mir hilft es, ein Ziel zu visualisieren und mir vorzustellen, wie das dann wohl ist, zum Beispiel das erste Croissant in Frankreich zu essen. Also das sind immer emotionale Ziele.
Diese Taktik hat sie weit gebracht. 2022 gewinnt sie mit einem Tag Vorsprung auf die zweitschnellste Frau das Trans Pyrenees, 35.000 Höhenmeter vom Atlantik ans Mittelmeer und zurück. Im selben Jahr hat sie mit 28 Stunden und 42 Minuten auf circa 450 Kilometern und 10.000 Höhenmetern auch die beste Zeit beim Dead Ends & Cake in der Schweiz. Sie wird Gesamtfünfte. Am Talent und an ihrem Dickschädel allein liegt das natürlich nicht.
Als Training sitzt Jana so gut wie jeden Tag am Rad. So kommt sie auf mindestens 300.000 Höhenmeter im Jahr. Ein- oder zweimal pro Woche macht sie Krafttraining. Auch zur Physiotherapie geht sie, um sich vorzubereiten. Übers Jahr verteilt nimmt sie an drei, vier Ultrarennen teil. Mehr wäre zu viel, dann könne sie nicht mehr 100 Prozent geben. Außerdem gehen ja so schon ihr gesamter Urlaub und der Großteil ihrer Freizeit fürs Radfahren drauf. Einfach einmal nichts tun und drei Tage am Meer liegen – das hat Jana schon lange nicht mehr gemacht. Radmarathons übrigens auch nicht. Nur den Ötzi hat sie 2021 nachgeholt. Sie kommt unter die Top Ten. „Jetzt muss ich ihn zum Glück nie wieder fahren“, sagt Jana. Sie kann sich ganz aufs Ultracycling konzentrieren. Da wartet eine ganz besondere Herausforderung: The Transcontinental Race.
Sind wir bald da? 2020 braucht Jana eine Woche von Wien nach Nizza.
Es ist das Self-supported-Ultrarennen schlechthin. Einmal quer durch Europa. Die Strecke führt heuer von Roubaix in Frankreich nach Istanbul. Geschätzte 4000 Kilometer, 45.000 Höhenmeter. Dieses Rennen hat Jana einst motiviert, nach Lissabon zu radeln. Dass sie selbst nun am Start steht, kann sie fast nicht glauben. „Ich hab echt volle Ehrfurcht vor diesem Rennen“, sagt sie. Aber: Sie ist zuversichtlich. Ihre bisherigen Erfolge haben sie selbstbewusst gemacht. Das TCR geht sie an wie jedes andere Rennen auch. „Wenn ich im Ziel bin, und ich hab so viel gegeben, wie ich überhaupt nur kann, dann bin ich total fein mit mir.“ Läuft alles nach Plan, rechnet Kesenheimer im Vorfeld, würde sie elf Tage unterwegs sein. Dann müsse es aber schon wirklich glatt laufen.
Am Ende braucht sie elf Tage, drei Stunden und 57 Minuten. Jana ist die schnellste Frau. Wieder mal.