2025 rennt gut für Julia Mayer. Sie holt den ersten Platz beim Traunsee Halbmarathon im Juni, in Amstetten den österreichischen Meistertitel über zehn Kilometer und den Sieg beim Halbmarathon in Graz – jeweils mit neuem Streckenrekord. Bei der Leichtathletik-WM in Tokio im September schafft sie es auf den 33. Platz, sie ist die elftbeste Europäerin. Und beim Marathon in Valencia im Dezember, wo sie auf den 14. Platz läuft, unterbietet sie ihre eigene Bestmarke um 35 Sekunden. Die zwei Stunden, 26 Minuten und acht Sekunden, die sie braucht, sind neuer österreichischer Rekord.
Keine andere Frau aus Österreich ist die 42,195 Kilometer jemals schneller gelaufen als sie. Und das, obwohl Anfang des Jahres noch völlig unklar ist, ob die 33-Jährige überhaupt an Bewerben teilnehmen wird. Denn ausgerechnet der Moment ihres bis dahin größten Erfolgs – ihre Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 – stürzt sie in ein tiefes Loch. Es ist ein Wendepunkt in ihrer Karriere. Julia vergeht die Lust am Laufen.
Es war verrückt. Ich bin gleich im ersten Jahr Staatsmeisterin geworden.
Dabei hat alles so unbeschwert angefangen, wenn auch recht spät. Denn erst vor sechs Jahren wird Julia professionelle Langstreckenläuferin. Da ist sie 27 Jahre alt und hat schon eine andere Sportlerinnenkarriere hinter sich. Als Fußballerin kickt sie bereits als Siebenjährige im Verein und als Erwachsene in der Zweiten Liga. „Ich war aber nicht so erfolgreich, dass ich damit Geld hätte verdienen können“, sagt Julia, die aus dem kleinen niederösterreichischen Ort Bad Fischau-Brunn kommt. Also studiert sie nebenher Sport und Deutsch auf Lehramt und unterrichtet schließlich an der Sportmittelschule in Wien-Favoriten. Sie trainiert auch eine Jugendmannschaft, eine Dreifachbelastung, die ihr zu viel wird. Julia beschließt, dem Fußball einen Korb zu geben und sich ganz auf ihren Beruf zu konzentrieren. Das klappt so semi. Denn ihr fehlt einfach was: der Sport.
Erfolge in laufender Tour
Dass Julia sich fürs Laufen entscheidet, ist wenig überraschend. Erstens kann sie das nebenbei machen, sie läuft zur Arbeit und wieder heim. Zweitens liegt ihr das Laufen. Ein bisschen liegt es ihr auch im Blut. Sowohl ihr Papa als auch ihr Opa sind leidenschaftliche Läufer. Zum Spaß macht sie dann 2017 beim Vienna Night Run mit – und wird einfach so Dritte. Für die ehrgeizige Sportlerin ist das so etwas wie der Startschuss zur Karriere als Profiläuferin. Sie will herausfinden, wie viel Potenzial in ihr steckt und tut sich mit einem Trainer zusammen. Halbprofessionell sei das noch gewesen, sagt sie.
Doch Julia ist schnell „schnell“. Sie sagt: „Es war verrückt. Ich bin gleich im ersten Jahr Staatsmeisterin geworden.“ Mittlerweile hat sie 22 Staatsmeisterinnen-Titel. Sie hält in Österreich die Rekorde auf der Halbmarathon- und eben der Marathondistanz. Und auch international kann Julia mithalten. Schon 2023 nimmt sie an der WM in Budapest teil. Das ist insofern beeindruckend, als die Leistungsdichte beim Laufen extrem hoch ist, die Unterschiede in den Zeiten nur minimal ausfallen und die Zeitlimits, um sich zu qualifizieren, umso strenger. Aber Julia hat das Zeug. Das zeigt sie 2024 auch beim Wings for Life World Run, wo sie mit 38,1 gelaufenen Kilometern den 58. Platz weltweit belegt.
2020 war sie sogar die beste Österreicherin – im ersten Pandemiejahr fand der Wings for Life World Run erstmals ausschließlich über den App Run statt. Vor allem aber hat sie einen starken Willen. Denn Julia, die ab 2020 als Lehrerin karenziert ist und Heeressportlerin wird, lernt schnell, was so ein Profileben mit sich bringt: richtig viel Eintönigkeit.
Einen Monat Mensch sein
Laufen, dehnen, essen, ruhen. Einmal am Vormittag. Einmal am Nachmittag. Und das jeden Tag. Mehr Routine geht nicht. Für Abwechslung in Julias Alltag sorgen eigentlich nur die Trainingseinheiten, hier zwölf Intervalle mal tausend Meter, da locker auf 33 Kilometern. Ausnahmen? Gibt’s keine. „Wenn man es hart ausdrücken will“, sagt Julia, „hab ich ein Verbot, außergewöhnliche Dinge zu machen.“
Was allerdings für die Spitzensportlerin als außergewöhnlich gilt, ist für alle anderen das Normalste auf der Welt. Ins Kino gehen oder auf einen Kaffee mit Freundinnen. Auch Geburtstagspartys, Hochzeitsfeste und Familienfeiern sind tabu. Zu wichtig ist die Regeneration. Zeit, in der sich Julias Körper erholen kann. Einzig im Urlaub darf sie die Couch gegen Gesellschaft tauschen. „30 Tage im Jahr kann ich leben wie ein normaler Mensch“, sagt sie. Ihr Umfeld versteht das zwar, einfach ist es für Familie und Freunde trotzdem nicht. Auch Julia fällt der Verzicht nicht immer leicht. Aber sie weiß: Will sie noch schneller werden (ja!), geht es nicht anders. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass sie innerhalb von nur vier Jahren von null auf Olympische Spiele beschleunigt hat.
Nach Paris ist vor Los Angeles
Am 11. August 2024 steht Julia am Start des olympischen Marathons in Paris – und gleichzeitig an ihrem Ziel. Einmal Olympiateilnehmerin sein, das wollte sie als Läuferin unbedingt erreichen. Julia ist auch erst die dritte Österreicherin, die das schafft. Vor ihr waren es 2008 Eva-Maria Gradwohl und Andrea Mayr, die 2012 und 2016 teilnahmen. Julia ist viel nervöser als sonst. „Bei anderen Marathons ist es im Endeffekt wurscht, wenn im Rennen was passiert und du nicht ins Ziel kommst. Bei den Olympischen Spielen wäre das richtig bitter gewesen.“ Doch sie kämpft sich durch. Auf den letzten Metern: nur mehr Emotionen. Julia rennt mit Tränen in den Augen über die Ziellinie. Sie holt den 55. Platz, übertrifft damit ihre Erwartungen. Sie ist überglücklich. Doch bevor sie erfasst, was ihr da gelungen ist, holt sie die Realität ein.
Mit dem Erfolg in Frankreich haben sich die Zielsetzungen verschoben. Bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles ist Dabeisein nicht mehr alles. Julia möchte es in die Top 30 schaffen. Das Training geht nicht nur weiter, es wird noch härter. Schon seit einiger Zeit feilen sie und Coach Vincent Vermeulen, der sie seit 2020 betreut, an Julias Lauftechnik, jetzt noch intensiver. Es geht darum, Schrittlänge und Schrittfrequenz zu verbessern, damit sie noch effizienter laufen kann. Es dauert selbst für Spitzensportlerinnen Monate, um solche Veränderungen zu verinnerlichen. Für Julia, die schnelle Fortschritte gewohnt ist, fühlt sich das wie Stillstand an: „Das war ein Wahnsinn, Laufen hat keinen Spaß mehr gemacht, es war nur mehr anstrengend.“
Der 33-Jährigen wird auf einmal bewusst, wie viel Arbeit vor ihr liegt. „Ich hatte keinen Bock mehr“, sagt Julia, die im September 2024 ernsthaft überlegt, alles hinzuschmeißen. Was sie lange motiviert hat – besser zu werden –, daran zerbricht sie nun. Und es kommt noch schlimmer.
Auf einmal blieb die Luft weg …
Der Grund, warum Julia läuft und läuft und läuft, ist das Gefühl, das ihr das Laufen gibt. Beim Laufen kann sie abschalten. Ist sie allein unterwegs, hört sie Musik und in sich rein. Sie kann in Ruhe nachdenken. „Laufen ist einfach das Beste, was ich für mich selbst tun kann“, sagt sie. Selbst harte Trainings geben ihr deshalb Kraft. Normalerweise. Aber nach den Olympischen Spielen ist plötzlich alles anders. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Julia eine Panikattacke, ausgerechnet beim Laufen.
Sie bekommt auf einmal keine Luft mehr. Kann sich nicht mehr auf den Beinen halten, muss sich auf den Boden legen. Sie weiß nicht, was los ist, aber als sie in den Tagen danach neue Anläufe nimmt, kommt immer wieder Panik auf. Julia fällt in ein Loch. Das ist ihr mentaler Tiefpunkt. Sie vertraut sich schließlich ihrem Partner und auch ihrem Trainer an. Vermeulen war schon ihr Physiotherapeut, als sie noch Fußball spielte. Er kennt Julia schon lange und sehr gut. Doch nicht einmal er weiß, dass sie aufhören will. Trotzdem ist es ein Gespräch mit ihm, irgendwann Anfang 2025, das Julia wieder Hoffnung gibt.
Vermeulen erinnert Julia daran, was sie schon erreicht hat: nämlich alles, was sie sich vorgenommen hatte. Was nun komme, sagt er, sei die Zugabe. „Er hat gesagt, dass es egal ist, wenn es nicht funktioniert. Dass mich das als Mensch nicht definiert“, so Julia. Als sie das hört, fällt eine Last von ihr ab. Und sie erkennt, dass sie sich nie Zeit genommen hat, ihre Erfolge zu genießen. Oder ihre Leistungen anzuerkennen. So, als wäre es nie gut genug. Das habe sie irgendwann überfordert. Und deshalb geht sie es nun langsamer an. Nicht beim Laufen, aber sie drosselt ihre Erwartungshaltung ein wenig. Es dauert insgesamt ein halbes Jahr, bis März 2025, bis sie als Läuferin wieder ganz zurück ist. Die Panikattacken sind zum Glück nie wieder gekommen. Immer und immer wieder über ihre Gefühle zu reden, habe geholfen. „Ich bin gelassener und akzeptiere, dass ich gerade nur so gut bin, wie ich eben bin“, sagt Julia. Eine Perfektionistin ist sie trotzdem geblieben.
Kenne deinen Körper
Was Julia gut macht: Sie überlässt nichts dem Zufall. Schon gar nicht die Dinge, die sie selbst beeinflussen kann. Also eigentlich alles außer dem Wetter. Ihr Trainer und sie sammeln haufenweise Daten zu ihrer Performance, um daraus zu lernen. Bei den bis zu 240 Kilometern, die sie pro Woche abspult, kommt einiges zusammen. Das sind zum Beispiel Werte zu Herzfrequenz und Laktat. Oder Informationen, wie unterschiedliches Essen ihren Blutzucker beeinflusst – Julia hat jahrelang einen Sensor getragen, um das herauszufinden. Oder Zahlen, die zeigen, welche Auswirkungen Außentemperaturen oder Wind auf ihre Leistung haben.
Auch ihren Zyklus trackt sie genau, um ihre Leistungsfähigkeit besser einschätzen zu können. Julia wird auch nicht müde, in Interviews darauf aufmerksam zu machen, welchen Einfluss Hormone auf den Körper von Frauen haben können, weil sie es selbst Monat für Monat erlebt. In der Woche vor ihrer Periode sind Herzfrequenz und Gewicht automatisch höher. „Das sind Tage“, sagt Julia, „wo Trainings absurd in die Hose gehen können.“ Zwar kann sie den Zyklus nicht steuern, aber sie kann darauf reagieren. Schlauer ist es dann, Intensität rauszunehmen. Das ist Julias große Stärke: Sie hört auf ihren Körper. Sie kennt ihn ja auch gut genug. Und sie spürt: Sie hat ihr Tempolimit noch nicht erreicht.
Zwei Stunden, 19 Minuten. Das ist Julias Traum-Marathon-Zeit. Den Kilometer müsste sie dann in durchschnittlich drei Minuten und 17 Sekunden laufen. Zehn Sekunden schneller als die Pace bei ihrem Rekord in Valencia. Anders ausgedrückt: Sie müsste statt 17 über 18 km/h rennen. Wenig Unterschied, könnte man meinen. Welten im Profisport. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham im August 2026, dem Highlight der Saison, wird sich das wohl noch nicht ausgehen. Aber Julia hat keinen Stress mehr. Sie weiß, ihre Zeit wird kommen. Wenn sie dann unter zwei Stunden zwanzig liegt, umso besser.