Ski
Marcel Hirschers Kolumne: Was mich der Skisport über Ziele gelehrt hat
Hier schreibt unser Kolumnist Marcel Hirscher über sein ganz persönliches Sport-Jahr.
Sie stärken und stressen. Tragen, ziehen, beflügeln – bremsen oder lähmen. Unsere großen Ziele im Leben sind der Personalausweis der Sehnsucht: Benennen wir sie, geben wir preis, wer wir sein wollen – und werden daran gemessen. Wie lassen sich Ziele verfolgen, ohne sich von ihnen verfolgt zu fühlen? Hier, was mich der Skisport darüber gelehrt hat:
Kein Zielraum ohne das Starthaus Kindheit. Die ersten großen Ziele – Drehen, Krabbeln, Stehen, Sprechen, Gehen – erreichen wir im freien Spiel aus Hingabe und Bestärkung. Wir werden alle als Weltmeister geboren: probieren, scheitern, lernen, wieder probieren. So meistern wir unsere Welt. Über Zielsetzungen denken wir nicht nach: Entwicklung reicht als Ziel. Aller Anfang ist leicht, auch wenn er schwierig ist. Das bleibt nicht ewig so.
„Das kannst du nicht“ war ein Satz, den ich in meiner Kindheit auf der Stuhlalm, wo meine Eltern Hüttenwirte waren, dankenswerterweise nie hörte. Sondern: „Probier’s!“ Mein erstes SMART-Ziel (spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert) war ein im Almboden verwachsener Felsbrocken, über den ich schmerzhaft gestürzt war. Also beschloss ich mit fünf Jahren, den Stolperstein auszugraben. Einen Tag buddelte ich. In der Dämmerung rollte ich den Stein aus seinem Loch und war mit mir zufrieden. Ziel gesetzt, Ziel erreicht, Problem gelöst.
Im letzten Schuljahr sagte ich, ich wolle einmal Weltmeister und Olympiasieger werden. Die Klasse lachte. In Wahrheit gilt: show, don’t tell.
Man kann auch ein Ziel erreichen, das man sich nicht gesetzt hat. So entstand der Streckenrekord auf meiner ersten Slackline, dem alten Liftseil, das uns Papa bei der Hütte für Balanceakte gespannt hatte. Antrieb Neugier: Wie weit kann ich auf dieser Linie gehen? Am Tag X waren es drei Kilometer am Stück hin und her, ohne Runtersteigen. Gut genug, fand ich. Und unternahm nie wieder einen Versuch, den Rekord zu verbessern. Ziele verlieren ihre Strahlkraft, sobald sie erreicht sind.
Im letzten Schuljahr sollten wir die Frage „Was will ich einmal werden?“ beantworten. Alle gängigen Berufe waren genannt, als ich an der Reihe war. Ich sagte: „Ich will einmal Weltmeister und Olympiasieger werden.“ Die ganze Klasse lachte.
Damals habe ich ein Prinzip verinnerlicht, das ich bis heute beherzige: show, don’t tell. Wer große Herzensziele ausspricht, entblößt Wünsche und Sehnsüchte – und wird fortan daran gemessen. Das erklärt, warum die Interviewfrage „Was ist Ihr Ziel?“ mit „Werde mein Bestes geben“ oder Varianten von „Schau ma, dann seh ma’s“ beantwortet wird. Fad, aber smart: Erwartungshaltung führt zu Haltungsproblemen. Die willst du als Athlet nicht haben. Deshalb ist der „Sieg mit Ansage“ als Schlagzeile eine Rarität.
Wenn es eine allgemeingültige Zielformel gibt, kenne ich sie nicht. Dabei scheint die Sache für Skifahrer so einfach: Unser Ziel steht immer vor den Tribünen, praktisch nicht zu verfehlen. Doch ohne den Weg dorthin und die mitlaufende Zeit wäre es ein sinnloses rotes Viereck in weißer Landschaft. Gibt also der Weg dem Ziel seinen Wert – oder das Ziel dem Weg?
Fragen wir das Gehirn. Aus dem Material des Erlebten bastelt es Collagen der Zukunft. Manche leuchten so farbenfroh, dass unser inneres Auge nicht mehr wegschauen kann: die Sternengeburt dessen, was wir im Leben erstreben. Ein Wunsch wird zur Vision, die Vision zu einer Richtung. An deren fernstem Horizont gewinnt ein Ziel aus einem Gedankengebilde heraus Kontur.
Unser inneres Navi dorthin ist das Dopaminsystem. Es reagiert nicht erst beim Erreichen eines Ziels, nein, es kalibriert 24/7 die Routenführung. Chancen, Fortschritt, Teilerfolge fließen ebenso in die Routenberechnung ein wie Rückschläge, Staus und Umleitungen. Dopamin beeinflusst Antrieb, Motivation und Frustrationstoleranz. So bahnen wir uns in unendlich vielen Schritten unseren Weg zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Oder auch nicht. Dann lohnt die Prüfung, ob das Ziel auch wirklich das Ziel ist – also: das eigene Ziel, das man im Herzen pulsieren spürt.
Wenn ich schon keine Formel habe, dann wenigstens drei Herangehensweisen, die mir der Skisport beigebracht hat:
1. Nicht verkopfen. Große Ziele brauchen alle Sinne. Vor einem Rennen besichtigen wir den Lauf, geben der visualisierten Ideallinie Rhythmus, Stimme und Bewegung und speichern den inneren Film in jede Zelle. Darauf zu vertrauen, ist Übungssache. Je lebendiger, desto besser: Das orientiert, sortiert und priorisiert, was unterwegs wichtig ist. Ohne drüber nachzudenken. Auch abseits der Rennstrecke.
2. Der Rundumblick. Ist das Zielbild scharf genug, versuche ich zwei Dinge zu vermeiden – ständig draufzustarren und überhaupt nicht hinzuschauen. Der Rundumblick kreist: Wie weit bin ich schon gekommen? Wo befindet sich der große Horizont? Und was ist unmittelbar jetzt vor mir und im Moment das Wichtigste?
3. Vertrauter Kreis. Typsache: Es gibt Menschen, die sich mit mutigen Ansagen pushen. Und andere, die niemanden in ihre wahren Ziele einweihen. Ich bin in der Mitte: Welches Ziel ich erreichen und wer ich künftig sein möchte, teile ich im vertrauten Kreis – nicht zuerst auf Instagram. Show, don’t tell.
Im Slalom des Lebens ist die Linie zwischen Start und Ziel nie eine Gerade. Oft hilft Rückbesinnung auf Momente, in denen wir die Idee von Scheitern noch nicht hatten. Weil wir Weltmeister im Ausprobieren waren. Und Ziele verfolgt haben, ohne uns von ihnen verfolgt zu fühlen.