Marcel Hirscher läuft alle Jahre wieder beim Wings for Life World Run mit.
© Tomislav Moze, Sebastian Marko, Christoph Handl and Philip Platzter for Wings for Life World Run/Ben Tallon
Running

Marcel Hirschers Kolumne: Bewegung, die Herzen verbindet

Hier schreibt der The Red Bulletin-Kolumnist Marcel Hirscher über sein ganz persönliches Sport-Jahr. Heute über den Wings for Life World Run – und warum es dabei um mehr als Laufen geht.
Autor: Marcel Hirscher
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Mein inspirierendstes Sport-Groß­event weltweit? Der Wings for Life World Run – dort gewinnen immer alle. Der Welttag der Hoffnung bei Querschnittslähmung fällt diesmal auf den Muttertag. Wenn am 10. Mai, Punkt 13 Uhr MESZ, rund um den Globus der Startschuss für den Wings for Life World Run fällt, dann laufen, gehen und rollen zeitgleich hunderttausende Menschen aus Freude an Solidarität – für alle, die nicht laufen können. Der Charity-Run für die Rückenmarksforschung ist Schrittmacher einer Bewegung, die Herzen verbindet.
Wir gehen durchs Leben. Machen Schritte. Und halten es für das Selbstverständlichste der Welt. Doch was es für ein Privileg ist, jederzeit und überall aufstehen und gehen zu können, ­wissen die weltweit 15 Millionen Menschen am besten, die im Rollstuhl sitzen. Und nein, es sind nicht vor allem Extremsportler. Querschnitts­lähmung kann jeden von uns treffen. Jederzeit und überall: Im Straßenverkehr. Beim Wandern. ­Daheim beim Glühbirnenwechseln. Oft reicht ein falscher Schritt für die Schockdiagnose, die das Leben in einer Millisekunde verändert. Pro Jahr kommt eine Viertelmillion neuer Fälle dazu. Und: Je weiter oben an der Wirbelsäule Rückenmarksverletzungen auftreten, desto dramatischer sind die gesundheitlichen Langzeitfolgen für Betroffene. Das menschliche Rückenmark, die verbindende Lebensader zwischen Kopf und Körper, ist leicht verwundbar, aber kaum heilbar. Noch!
Die größte Hoffnung, dass sich das ändert, ist Inspiration made in Austria. Die Geschichte ist bekannt: 2004 gründeten Dietrich Mateschitz und Heinz Kinigadner die Wings for Life Stiftung, um der internationalen Rückenmarksforschung Flügel zu verleihen. Exakt ein Jahrzehnt später fand der erste Wings for Life World Run statt. Anita Gerhardter hat ihn mit Unter­stützung von Red Bull zum globalen Maßstab für Fundraising durch Sport gemacht. Die Bilanz ist beeindruckend: Mehr als 1,8 Millionen Menschen aus
Quotation
Für die integrative Kraft des Wings for Life World Runs bin ich ein gutes Beispiel: Gäbe es ihn nicht, hätte ich noch nie an einem Laufevent teilgenommen.
170 Ländern haben beim Wings for Life World Run für den guten Zweck inzwischen 16,5 Millionen Kilometer abgespult. Mit anderen Worten – sie haben die Erde mehr als 410 Mal zu Fuß um­rundet. Dank dieses Engagements sind inzwischen 60,5 Millionen Euro eins zu eins in Forschungsprojekte geflossen, um die größte Sehnsucht von Menschen mit Querschnittslähmung zu erfüllen – dass sie irgendwann aus ihrem Rollstuhl einfach aufstehen und gehen können.
Der Horizont der Heilung naht. Im Moment laufen 72 Forschungsprojekte, die von Wings for Life weltweit gefördert werden. Dabei geht es um Interventionen, um Entzündungs- und „Recycling“-Prozesse im verletzten Gewebe in Gang zu setzen. An Elektro-Stimulation für verbliebene Nervenbahnen. An Molekülen, die den Schalter für neues Nervenzellwachstum umlegen sollen. KI‑gestützte Datenanalyse beschleunigt den ­Erkenntnisgewinn; neue Kombinations­therapien aus Rehabilitation und Medikamenten zeigen selbst bei chronischen Rückenmarksverletzungen deutliche Verbesserungen der Arm- und Handfunktionen.
Forschung und Fortschritt helfen Betroffenen. Betretenes Mitleid allein tut das nicht. Der Wings for Life World Run setzt woanders an: statt stummen Bedauerns aktive Beteiligung aus Freude an Solidarität. Mich inspiriert der Mix aus großen Live-Events, den Flagship Runs, und dem App Run, an dem weltweit jeder mit Handyempfang teilnehmen kann. Für einen Tag hebt der Wings for Life World Run nicht nur die Zeitverschiebung auf, sondern auch die Illusion von Getrenntheit zwischen Kontinenten, Ländern und Menschen; zwischen analoger und digitaler Welt. Auf der richtigen Seite zu sein, ist in diesem Fall einfach: anmelden, mitlaufen, mitgehen oder mitrollen. In Tokio wird um 4 Uhr früh gestartet, in Sydney um 21 Uhr abends, bei uns in Europa zu Mittag. Und trotzdem sind alle, die es können, gemeinsam zeitgleich nur für dieses eine große Ziel auf den Beinen. 190 Nationen, eine gemeinsame Mission, ein positives Mindset: Wie oft passiert das in unserer Welt?
Für die integrative Kraft des Wings for Life World Runs bin ich ein gutes Beispiel: Gäbe es ihn nicht, hätte ich bis heute noch nie an einem Laufevent teilgenommen – Skirennläufer sind meist keine Volksläufer. Was mich gecatcht hat? Die große Mission, die Kreativität und der unvergleichliche Spirit der Community. Wir alle laufen ständig Zielen hinterher. Ist es da nicht schön, wenn das Ziel wenigstens einmal im Jahr von hinten nachkommt und einen unterwegs gemütlich einholt? Ein hupender Audi voll freundlicher Menschen, die applaudieren: Das Catcher Car startet 30 Minuten nach dem Feld und folgt ihm als rollende Ziellinie. Wen es erreicht, der weiß, dass er seines zur guten Sache beigetragen hat.
Nicht zuletzt deshalb ist der Wings for Life World Run längst eine Bewegung, die Herzen verbindet. Beim für mich inspirierendsten Sport-Großevent weltweit geht es nämlich nicht ums Bessersein, sondern ums Dabeisein. Sieger?! Sind alle, die mitmachen. Und unter ihnen gibt es noch besondere Siegerinnen und Sieger.
Läuferinnen und Läufer, die 60, 70 Kilometer weit kommen – und mit dem Applaus zufrieden sind. Apropos Dabeisein: Ich habe auch heuer die Ehre, Captain unseres VAN DEER-Red Bull Sports Teams beim App Run zu sein. Und wir freuen uns über alle, die mit uns laufen, gehen oder rollen wollen, um der Rückenmarksforschung Flügel zu verleihen.

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Wings for Life World Run

Wings for Life World Run - das größte Laufereignis der Welt - ist 2026 wieder da, wo Hunderttausende für diejenigen laufen, die es nicht können.

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Marcel Hirscher

Achtfacher Gesamtweltcupsieger, sechsfacher Slalom- und RTL-Gesamtweltcupsieger, siebenfacher Weltmeister, zweifacher Olympiasieger. Dann der Rücktritt, bald folgt das Comeback - für die Niederlande.

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