Marcel Hirscher bittet in Grosseck-Speiereck seinen Ski zum Härtetest.
© Christoph Oberschneider
Ski

Van Deer: So macht Marcel den Winter schnell

Wir blicken hinter die Kulissen von Marcel Hirschers Ski-Traumfabrik Van Deer-Red Bull Sports. Wie entstehen die Bretter, die ihm die Welt bedeuten? Und was ist sein neues Speed-Geheimnis?
Autor: Michael Holzer
8 min readveröffentlicht am
Marcel Hirscher, der Ski-Titan, beginnt das Gespräch über sein neues Leben als Ski-Fabrikant mit einem vorauseilenden Lächeln. Weil die neue Weltcupsaison losgeht. Und weil ihn amüsiert, was gleich kommen wird: Der zu Interviewende stellt die erste Frage – und gibt auch gleich selbst die Antwort: „Weißt, was ich mich immer gefragt habe: Warum entstehen im Skisport nie neue Unternehmen? Jetzt weiß ich’s.“ Ein starker Start, diese selbstironisch-vieldeutige Einordnung bei der ersten Zwischenzeit vor der nächsten Schlüsselstelle.
Die Welt der Zehntelmillimeter: Für Marcel Hirscher arbeiten die Besten.

Die Welt der Zehntelmillimeter: Für Marcel Hirscher arbeiten die Besten.

© Dietmar Körbler

Der erfolgreichste Skirennläufer der Welt in neuer Rolle: Es ist Saison Nummer zwei, der Winter der Bewährung, für sein Race-Start-up VAN DEER-Red Bull Sports. Die 888 Tage, die zwischen der Stunde null und diesem Gespräch liegen, haben ihn bewegt und verändert. Höhen, Tiefen, Durchbrüche, Rückschläge, Siege und Stress. Ein Winter wie damals – und doch ganz anders.
Finaler Check: Ferdinand Hirscher kennt das perfekte Material.

Finaler Check: Ferdinand Hirscher kennt das perfekte Material.

© Dietmar Koerbler

Die Stunde null: Sie fällt auf den 12. Juni 2021. Weltgeschichtlich unauffällig, möglicherweise aber trotzdem ein gutes Datum für Senkrechtstarter – aufgrund einer unscheinbaren Koinzidenz: Ein Mann ersteigerte am besagten Samstag für 28 Millionen Dollar eine Mitfahrgelegenheit in der Raumkapsel von Amazon-Gründer Jeff Bezos, war allerdings beim Weltraumflug beruflich verhindert. Also trat ein 18-jähriger Holländer die Reise an und wird so zum jüngsten Raumfahrer aller Zeiten. Verrückte Geschichte. Zur selben Zeit dachte im Salzburger Land der achtfache Gesamtweltcupsieger, siebenfache Weltmeister und Doppel-Olympiasieger a. D. Marcel Hirscher, immerhin ein halber Holländer, erstmals laut darüber nach, Ski zu bauen. „Wir wollten gerade einmal 50 Paar für uns und für Freunde“, beschreibt er das firmenhistorisch erste Brainstorming mit Kumpel und Kompagnon Dominic Tritscher. „Bis zum Abend waren wir nach ein paar Telefonaten dann schon bei 1000 Paar Ski, die wir liefern sollten – na ja, und dann konnten wir nicht mehr zurück.“ Verrückte Geschichte. Wie ein Flug in unendliche Weiten.

19 Min

Gekommen, um zu bleiben

Begleite VAN DEER-Red Bull Sports auf seiner Reise durch die erste Weltcup-Saison. Erlebe spannende Rennen, sensationelle Siege und unvergessliche Momente mit Marcel Hirscher.

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Aus Marcel Hirschers Bubentraum formten sich erste Ideen. Aus den Ideen nach einigen Gesprächen ein Garagen-Start-up. Aus dem Garagen-Start-up nach einer magischen Serie glücklicher Fügungen Hirschers Traumfabrik: VAN DEER-Red Bull Sports. Doch der Reihe nach und im Zeitraffer, was in der sehenswerten 18-Minu­ten-Doku mit dem Titel „Gekommen, um zu bleiben“ auch filmisch bearbeitet wurde (verfügbar bei Red Bull TV).

Der Material-Mastermind

Nach ihrem Heureka-Moment gewannen die beiden Skibauer in spe zunächst Marcels Vater Ferdinand für ihren Plan. Ein entscheidender Schritt. Seit Hirscher senior die Jahrhundertkarriere seines Sohnes als Material-Mastermind ermöglicht und begleitet hat, gilt er mit seinem besonderen Gespür für Ski, Stil, Statur und Schnee in der Szene als eine Art Medium. Der Sporthändler Christoph Bründl sicherte zu, den Exklusiv-Vertrieb für Serie eins der neuen Skimarke zu übernehmen, bei der die Ski-Pioniere teilweise noch selbst die Bindungen montierten. Die Limited Edition war binnen 14 Tagen ausverkauft.
Marcel Hirscher, der weltbeste Skifahrer, ist oberster Qualitätswächter.

Marcel Hirscher, der weltbeste Skifahrer, ist oberster Qualitätswächter.

© Jörg Mitter

Nach dem vielversprechenden Trainingslauf folgte 2022 ein „Best of Brilliant“ dem Ruf und der Vision Marcel Hirschers: Den Anfang machte Toni Giger, damals noch erfolgreicher Sportdirektor beim ÖSV, der ohne viel Grübeln nach 33 Jahren seinen Topjob kündigte. Koryphäen wie die Ski-Tuning-Legende Edi Unterberger und ein Dutzend anderer Ski-Experten folgten. Das sagt viel über das Erfolgscharisma Marcel Hirschers. Auch über die stille Sehnsucht der besten Köpfe nach einer Mission, den Skirennsport aus den tiefen Spurrillen von Tradition und Zirbenstuben-Attitüde zu heben.
Ski-Legende Marcel Hirscher

Ski-Legende Marcel Hirscher

© Mia Maria Knoll

Unser Erfolg ist ein Zusammenspiel aus Spirit, Vision und Anspruch.
Eine Idee, deren Zeit gekommen ist, erzeugt ein mächtiges Momentum: Erstmals war Skifahren in der toten Saison mit Transfergeschichten in den Medien, die man bislang nur aus Fußball oder Formel 1 kannte. Wobei die heißeste Story über vier Monate nicht nach außen drang: Schon am 2. Mai 2022 hatte sich Hirschers einst härtester Konkurrent um die Ski-Weltherrschaft, der Norweger Henrik Kristoffersen, ge­meldet. „Marcel, mein Vertrag ist ausgelaufen. Kann ich VAN DEER testen?“ Was für Hirscher wie ein später Aprilscherz klang, war Kris­toffersens voller Ernst. Schon die ersten geheimen Tests zeigten: Da werden zwei harte Gegner zu echten Freunden. Im Sommer stieg schließlich Red Bull als lang­jähriger Partner beider Skiheroen in das Ski-Start-up ein, und seither steht VAN DEER-Red Bull Sports im Firmenbuch.
VAN DEER-Red Bull Sports nahm Anleihen bei den Kollegen in der Formel 1.

VAN DEER-Red Bull Sports nahm Anleihen bei den Kollegen in der Formel 1.

© Jörg Mitter

Wie es ab da weiterging, ist bereits jetzt Skigeschichte. Sie passierte sogar mit Ansage: Hirscher, in 4554 Tagen seiner Karriere stets Meister des Understatements, wuchtete bei einer Medienpräsentation den dauer­zitierten Sager „Dieser Ski wird Weltcuprennen gewinnen!“ raus. Würde er so heute nicht mehr machen, war aber auch egal, denn Henrik Kristoffersen, dessen Servicemann Raphael Hudler und all die anderen lieferten. Im Debütrennen carvte der rasende Norweger aufs Stockerl, in Garmisch zum ersten Sieg, und bei den Skiweltmeisterschaften in Courchevel drehte er das Rennen des Jahres von Platz 16 in einer einzigen Passage noch auf Slalom-Gold. Was für eine Story! Da klingt die oft gedroschene Sportreporter-Plattitüde vom wahr gewordenen Skimärchen fast ein wenig tiefgestapelt.

Logos und Funktionärs-Logik

Doch wer die Skiwelt von innen kennt, der weiß: Sie applaudiert nicht immer, wenn es passend wäre. Dass der Weltverband FIS Hirschers Race-Start-up trotz seiner vitalisierenden Wirkung für den Zirkus seit dem ersten Tag nötigt, Logos auf Rennskiern zu überpicken, ist zum Beispiel etwas, was man nur mit der Neurologie eines Funktionärs verstehen kann. Solche Possen nimmt man im Hirscher-Team aber mit Humor: Zur neuesten VAN DEER-Kollektion gibt’s auch gleich das passende Abklebe-Set.
Toni Giger ist seit 35 Jahren das Hirn hinter Ski-Erfolgen.

Toni Giger ist seit 35 Jahren das Hirn hinter Ski-Erfolgen.

© Jörg Mitter

„Wir haben selbst noch nicht restlos verstanden, wie diese Performance im ersten Jahr möglich war. Expertise allein erklärt es nicht. Es war dieses Zusammenspiel aus offener Kultur, Spirit, Vision und Anspruch“, bilanziert Marcel Hirscher, der es ja schließlich am besten wissen muss.
Ski-Tuning ist Handarbeit, nein, Handwerkskunst. Das läuft ohne KI.
Toni Giger
Okay, und jetzt? „Neuer Winter, neue Bewährungsproben, gewohnte Unwägbarkeiten.“ Die VAN DEER-Red Bull Sports-Pilo­ten Henrik Kristoffersen, Timon Haugan, Charlie Raposo und Neuzugang Fabian Ax Swartz gehen in Saison zwei mit dem „RB02“, einem neuen Race Boot aus eigener Manufaktur, an den Start. Was ihren prominenten Team-Mentor einigermaßen nervös macht: „Einen Skischuh komplett neu zu entwickeln ist ärger als einen Rennski. Dann testet Henrik den allerersten Prototyp und ist auf Anhieb schnell: surreal! Ehrlich? In meiner aktiven Zeit hätte ich mich weder getraut, auf eine unbekannte Skimarke zu wechseln, noch hätte ich so ein Schuh-Experiment mitgemacht. Er schon, Respekt!“
So erfreulich der erfolgreiche Senkrechtstart als Start-up-Gründer für Hirscher ist: Selbstzweck ist der Rennsport für ihn nicht (mehr). Das Projekt VAN DEER-Red Bull Sports ist für ihn mehr als Rennstall und Skifabrik: ein Medium der eigenen Vision, ein Rennski für alle! „In meiner Karriere ist wenig offengeblieben. Was nie gelungen ist: Meine Emotionen zu beschreiben, die ich beim Skifahren spüre. Das funktioniert über unsere Ski. Darin steckt alles, was ich gelernt und entwickelt habe, alles, was ich kann. Mein Know-how, das vom Henrik und von den anderen. Oft denk ich: Hey, draußen fahren Leut’ mit deinen Skiern, vielleicht sogar mit deinem G’wand Ski und sammeln gute Momente. Ein gutes Gefühl, das allem, was ich in den Sport investiert habe, eine neue Bedeutung gibt.“
Norweger Henrik Kristoffersen wurde im 1. Jahr am neuen Ski Weltmeister.

Norweger Henrik Kristoffersen wurde im 1. Jahr am neuen Ski Weltmeister.

© Jörg Mitter

Marcel, ich bin vertragslos, kann ich deinen Ski testen?
Henrik Kristoffersen
Hirscher tickt anders. VAN DEER-Red Bull Sports tickt anders. Die Manufaktur als Alleinstellungsmerkmal. Große, etablierte Skifirmen führen ihre Produktionen von Renn- und Publikumsskiern separat, während die Trennung zwischen Spitzensport und Breitensport bei VAN DEER-Red Bull Sports / Augment nicht existiert. Die Firmenphilosophie: „Wir bauen nur Rennski – für unsere Athleten und in freien Kapazitäten für Freizeitskifahrer. Rennski ist eine Qualitätsbezeichnung, keine Zweckwidmung. Es geht um die Bauweise, die Art, wie wir Hightech und Handwerk, Wissenschaft und Intuition zu einem Produkt kombinieren.“ Die Kapazitäten werden erhöht, zu­lasten des Qualitätsanspruchs dürfen sie aber nicht gehen. Für die Internationalisierung wurde mit dem ehemaligen Völkl-­Präsidenten Jonathan Wiant ein Profi als Chief Executive Officer ins Boot geholt.

Gekippte Eislaufplätze

Aber wie entsteht nun ein Hirscher-Ski? Mathematiker Toni Giger, in seinem Element: „Aus 30 Einzelkomponenten, 60 pro Paar. Holzkerne, Laminate, Gummiteile, Carbon- und Aluminium-Elemente, Stahlkanten.“ Die Konstruktion wird über Rechenmodelle ermittelt, die Giger entwickelt hat. „Idealisierte Formeln“, nennt er sie, und es folgt ein Exkurs über Cosinus-Funktionen, theo­retische Radien, Fliehkraft und Eindringtiefe. Letztgenannte macht den Unterschied zwischen Rennski für Weltcup-Helden und unsereins – den einzigen: Wir fahren auf Pisten, die Profis auf gekippten Eislaufplätzen.
V.l.: Hirscher, Kristoffersen & Giger präsentieren VAN DEER-Red Bull Sports

V.l.: Hirscher, Kristoffersen & Giger präsentieren VAN DEER-Red Bull Sports

© Jörg Mitter

Für seinen Maschinenpark unternahm der Ski-Rennstall eine Lernreise zu den Kollegen in der Formel 1. „In puncto Präzision und Wiederholgenauigkeit haben wir sicher den Goldstandard an aktueller Technik“, sagt Giger. Betont aber, dass die industrielle Fertigung nur die Hälfte des Ganzen sei: „Keine Robotik-Line, keine KI kann einem Skibauer wie Franz Angerer, der seit Jahrzehnten Rennski baut, das Wasser reichen, wenn er Holzkerne auswählt, Faserungen prüft, die Feuchtigkeit ermittelt. Das Gros unseres Jobs – und beim Tuning alles – ist Handarbeit, nein, Handwerkskunst. Je näher Ski dem Schnee kommen, desto wichtiger wird sie.“
Wenn alle ihr Bestes tun, zeigt keiner mit dem Finger auf den anderen.
Ferdinand Hirscher
In 888 Tagen ist ein stolzes Stück Ski-Zukunft entstanden, vielleicht sogar mehr: eine soziale Grammatik, wie Männer ihrer Mission folgen, Konkurrenten und Kameraden sein, zwischen Generationen tragfähige Brücken bauen können. Wie Ferdinand und Marcel Hirscher. Wie Lars und Henrik Kris­toffersen. Väter und Söhne, Enthusiasten des Skisports, grundverschieden, aber mit demselben Ziel. „Wenn alle ihr Bestes tun, zeigt niemand mit dem Finger auf andere, wenn es einmal nicht läuft“, sagt Ferdinand Hirscher. Diversität im Team, gesehen, gehört und geschätzt werden: Eine Idee, deren Zeit gekommen ist, erzeugt ein mächti­ges Momentum – das wissen sie bei VAN DEER-Red Bull Sports. Auch wenn es erst ihr zweiter Winter ist.

Teil dieser Story

Marcel Hirscher

Achtfacher Gesamtweltcupsieger, sechsfacher Slalom- und RTL-Gesamtweltcupsieger, siebenfacher Weltmeister, zweifacher Olympiasieger, 3-facher Junioren-Weltmeister und österreichischer Meister.

ÖsterreichÖsterreich

Henrik Kristoffersen

Henrik Kristoffersen is the most successful slalom skier Norway has ever produced, and his impressive record makes that clear.

NorwayNorway

Gekommen, um zu bleiben

Begleite VAN DEER-Red Bull Sports auf seiner Reise durch die erste Weltcup-Saison. Erlebe spannende Rennen, sensationelle Siege und unvergessliche Momente mit Marcel Hirscher.

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