Kabarettistin Marina Lacković aka Malarina
© Nathan Murrell

Kabarettistin Malarina: Schlagfertigkeit schlägt Stottern

Malarina machte aus ihrer größten Schwäche ihre größte Stärke: Wie aus dem stotternden Gastarbeiterkind Marina Lacković die preisgekrönte Kabarettistin Malarina wurde.
Autor: Isabella Großschopf
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On Point

Bürgerlich

Marina Lacković

Geboren

1990 in Serbien

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Heute gibt’s Soja-Bolognese. Mit Spaghetti. Diese köcheln gerade. Denn Marina hat ­unser Telefon-Date schlichtweg verschwitzt. Aber wir können gerne auch später … „Nein, nein“, sagt sie lachend. „Geht schon. Ess ich halt nachher.“ Bei den vielen Auftritten im TV und auf heimischen, mittlerweile auch deutschen Kabarettbühnen kann man die Termine schon einmal durcheinanderbringen. Das Rezept zum heutigen Mittagessen stammt übrigens noch aus ihrer fleischlosen Zeit. „Ich war elf Jahre lang Vegetarierin. Aber irgendwann hab ich dann sogar Futterneid auf Hunde entwickelt. Und das war wirklich erbärmlich.“
Im Gegensatz zu dem zelebrierten ser­bischen Akzent, mit dem sie das Publikum mit ihrem Programm „Serben sterben langsam“ auf der Bühne begeistert, spricht die Ka­barettistin privat astreines Hochdeutsch – und das enorm schnell. Was aus heutiger Sicht ge­sehen einem kleinen Wunder gleicht. Nicht etwa, weil ­Marina kein Wort Deutsch konnte, als sie mit fünf Jahren als Gastarbeiterkind gemeinsam mit ihrer Familie aus Serbien nach Innsbruck emigrierte – nein, sie stotterte auch noch.
Das laute Vorlesen in der Schule wurde zum täglichen Albtraum, doch die Eltern hatten nicht die Zeit, mit der Kleinen zu üben. „Meine Mama arbeitete im Schichtdienst als Zimmermädchen und mein Papa am Bau.“ Also blieb der damals Siebenjährigen nichts anderes übrig, als selbst eine Lösung zu finden. „Ich musste die Sätze, die ich sagen wollte, konkret in meinem Kopf fertig gedacht haben – bevor ich zu sprechen begann. Da ich in meiner Muttersprache aber sehr schnell gesprochen habe, musste ich die deutschen Sätze also noch viel schneller denken als danach sprechen. Außerdem hab ich irgendwann das Schema der Lehrerin gecheckt. Also, welche Texte zum Lautlesen kamen und welche nicht. Und die hab ich dann stundenlang auswendig gelernt.“

Ein stotternder Motor startet durch

Diese enorme Anstrengung schlug sich damals mit der Deutschnote Gut im Zeugnis nieder und gipfelte sehr viel später in zahlreichen Preisen für ihre – wenig überraschend enorm temporeich vorgetragene – Darbietung auf der Bühne, die sie erstmals vor fünf Jahren als „Malarina“ betrat: mit ihrem politisch wohltuend unkorrekten und spitz­züngigen Programm „Serben sterben langsam“, in dem sie gleichermaßen die „Tschuschn“ („Ja, was?! Wir wurden damals so genannt. War völlig normal für uns.“) und die „Schwabos“ (wie alle Deutschsprachigen von Migranten aus dem Balkan nonchalant genannt werden) auf ironische, bitterböse, aber dennoch charmante Weise aufs Korn nimmt.
Klar fällst du damit öfter mal auf die Goschn, aber ich sag halt immer, was ich mir denke.
Kabarettistin Malarina, 33, trägt ihr Herz am liebsten auf der Zunge.
Damit eroberte sie nicht nur ein großes Publikum im Sturm, sondern recht rasant auch die Fachwelt. Es folgten TV-Auftritte in sämtlichen Comedy-Sendungen des Landes, oft mit namhaften Kollegen wie Thomas Stipsits oder Alex Kristan. 2022 gab’s im Rahmen des Österreichischen Kabarettpreises den Förderpreis für Malarinas Programm, darauf den Salzburger Stier und dieser Tage sogar den Deutschen Kleinkunstpreis. Das alles freut sie sehr, wie sie sagt. „Es hat etwas von Verstanden-worden-Sein. Ich stell mir die Statuetten in meinem Büro auf und staube sie regelmäßig ab.“

Wer sind die eigentlich?

Von all dem war damals in Innsbruck freilich keine Rede. Marina wurde als Gast­arbeiterkind immer wieder gemobbt. „Einmal hat mich ein Bub in der Pause gewürgt. Fand ich nicht cool.“ Sie ging dar­aufhin zum Religionslehrer und erzählte ihm davon. „Er so zu dem Buben: Du würgst sie nicht mehr. Und dann zu mir: Und du verpetzt deine Mitschüler nicht mehr.“ Als Kind fand sie diese Art der Lösung eines gravierenden Problems „irgendwie inkompetent“, wie sie sagt.
„Heute als Erwachsene weiß ich, dass es nicht irgendwie inkompetent, sondern defi­nitiv sehr inkompetent war.“ Ihren Eltern vertraute sich Marina damals nicht an. „Wir waren Ausländerkinder! Wenn der Lehrer nicht zufrieden mit dir war, hättest du zu Hause Ärger bekommen. Wir haben also versucht, unsere Eltern von der Schule fernzuhalten, so gut wir konnten.“ Die Derbheiten, die ihr als Kind oft widerfahren sind, hat Marina über die Jahre für sich selbst ins Gegenteil verkehrt. „Ich mag Menschen und bin nett zu ihnen. Was ich aber nicht mag, sind Menschen, die einem von Beginn an sehr unsympathisch und reserviert begeg­nen. Deren Gunst man sich sozusagen erarbeiten muss. Und ich frag mich dann immer, wer sind die eigentlich?“ Genau dann kommt ihr ihre Impulsivität halt doch einmal in die Quere. „Ich sag immer, was ich mir denke und falle schon öfters auf die Goschn damit. Aber das ist mir wurscht.“