Einst Vegetarierin, jagt Miriam heute ihr Essen mit Pfeil und Bogen.

"Ich lebe wie in der Steinzeit"

© Julie Glassberg

Job, Wohnung, Handy, Sicherheiten: MIRIAM LANCEWOOD, hat alles aufgegeben und ihr Leben auf einen 25-Kilo-Rucksack reduziert. Seit acht Jahren lebt die Niederländerin mit ihrem Mann in der Wildnis.

Sie kann in Sekunden von der Bildfläche verschwinden. Als wäre sie vom Wald und seinen grünen Riesen verschluckt worden. Sogar mit Helikopter und Suchscheinwerfern wäre es schwierig, sie hier in den Rhodopen, dem südbulgarischen Gebirgsmassiv, zu finden, vier Stunden von Sofia entfernt. Miriam Lancewood legt es zwar nicht darauf an – „Warum auch? Ich habe nichts zu verbergen!“ –, aber die 1,66 Meter große Niederländerin weiß genau, wie sie sich zu bewegen hat, ohne Spuren zu hinterlassen. Natur und Tiere haben ihr das beigebracht. 
„Wenn ich im Wasser wate, bleiben keine Fußabdrücke oder Duftspuren zurück.“ Wildtiere, die ihre Witterung aufnehmen, trickst sie aus, indem sie in eine Baumkrone klettert. „Über den Wind können sie mich dann nicht mehr riechen, ich aber kann von oben auf sie zielen.“ Und fürs tägliche Feuermachen sammelt sie trockene Weiden- oder Pinien- äste. „Die sind dichter als andere Hölzer. Mit ihnen lässt sich über offener Flamme kochen, ohne dass es viel qualmt und jemand meint, ein Großaufgebot der Brandschutzwache rufen zu müssen.“
Seit acht Jahren lebt Miriam Lancewood, 34, in der Wildnis. Immer an ihrer Seite: ein Jagdbogen – und ihr 30 Jahre älterer Ehemann Peter, der mit seinen langen grauen Haaren und der wettergegerbten Haut locker als Gandalf aus „Der Herr der Ringe“ durchgehen würde. Lange hält es die beiden nie an einem Ort. Sie sind immer in Bewegung, in den Bergen, weil in gottverlassenen Höhen selten jemand nach einer Campingerlaubnis fragt. Rund 5000 Kilometer hat das Duo bisher zurückgelegt. Sie, eine ehemalige Sportlehrerin aus einem kleinen Ort im Osten Hollands; er, Neuseeländer, aufgewachsen auf einer Schaffarm, gelernter Koch, Weltenbummler, Querdenker und Universitätslektor für Philosophie. Aus einer Reisebekanntschaft in Indien wurde mehr. Gemeinsam trekkten sie durch das Himalaya-Gebiet. Miriam folgte Peter in seine Heimat Neuseeland, versuchte dort, ein Leben aufzubauen.
Im grünen Gebirgsmassiv in Südbulgarien, jagt sie vor allem Hasen.
Im grünen Gebirgsmassiv in Südbulgarien, jagt sie vor allem Hasen.
Nach außen hin passte alles: Lehrjob, Freunde, Wohnung. Innen drin herrschte Chaos: „Da hatte ich also vier Jahre studiert, nur um zu merken: Weder das Unterrichten noch die Arbeit mit Kindern machten mir Spaß“, erzählt sie. „Wenn ich ehrlich war, mochte ich nicht einmal Leistungssport, obwohl ich im Stabhochsprung auf die Olympischen Spiele hintrainiert hatte. Ich fühlte mich wie eine Versagerin, so viel Zeit und Energie in etwas gesteckt zu haben, was offenbar überhaupt nicht zu mir passte.“
Der Druck, einen Alltag aufrechtzuerhalten, der sich nicht richtig anfühlte? Unerträglich groß. Die Sehnsucht nach Freiheit ebenso. „Dabei konnte ich nicht einmal festmachen, was Freiheit war. Woher auch? Wir wachsen ja alle nicht in Freiheit auf – wir sind wie Wellensittiche im Käfig, nicht wie Adler in der Luft. Ich wusste nur: Als Folge des ganzen Komforts, der mich umgab, hatte ich offenbar mein Rückgrat verloren. Ich fühlte mich unzufrieden, war aber zu bequem geworden, um etwas daran zu ändern.“ Peter dachte ähnlich. 2010 schmissen sie alles hin, verkauften, was sie besaßen, und zogen sich sieben Jahre in die Berge auf Neuseelands Südinsel zurück. Nun erkunden sie Europa, im Herbst soll es nach Australien gehen.
Kein Job, keine feste Wohnung, kein fließendes Wasser, keine Toilette, kein Bett, kein Auto, keine Kranken- oder Pensionsversicherung, kein Smartphone, kein Computer, keine Sicherheiten: Miriam hat alles aufgegeben und für jedes Teil, das sie hinter sich gelassen hat, etwas zurückbekommen. Die Uhr kam weg. Dafür erhielt sie Zeit. Der Verkauf des Autos mobilisierte ungeahnte Willenskraft, es überallhin zu Fuß zu schaffen. Die eigenen vier Wände wurden gegen ein grünes Wohnzimmer eingetauscht, so groß, dass man nicht erkennen kann, wo es anfängt und wo es aufhört. Miriam schultert 25 Kilo. „Ich bin die Jüngere und Fittere“, so ihr trockener Kommentar. Peter, der seine 64 Jahre in den Hüften und Knien spürt, schleppt einen 15-Kilo-Rucksack.
Das große Jagdmesser ist ein Fundstück aus dem Wald.
Das große Jagdmesser ist ein Fundstück aus dem Wald.
Kochgeschirr, ein Taschenmesser, Wechselkleidung, Zelt, Schlafsack. Wenn es tagelang regnet oder eiskalt wird, suchen sie Unterschlupf in leer stehenden Hütten, Ratten und Mäuse inklusive. „Aber lange halte ich es in geschlossenen Räumen nicht aus. Man hört weder die Vögel noch den Wind.“ Feste Schuhe besitzt das Duo nicht. Miriam und Peter tragen winters wie sommers offene Trekkingsandalen. „Socken oder Wanderschuhe würden bei uns ständig nass sein: durch den Morgentau, durch Schlamm und sumpfartige Landstriche. In Sandalen trocknen die Füße schneller.“ Sollte es im Winter wirklich kalt werden, steigt Miriam einfach in einen Bach. In fließenden Gewässern herrschen zumindest Temperaturen über null.
Wer Miriams Geschichte hört, erwartet verfilzte Haare, ordentlich Dreck unter den Fingernägeln, den einen oder anderen fehlenden Zahn. Doch obwohl ihre letzte Dusche gut sechs Monate her ist und sie sich in kalten Quellen wäscht, riecht die 34-Jährige frisch wie der junge Morgen. Mehr noch: Lancewood könnte gut als Postergirl für einen Sportartikelhersteller werben. Hellwache grüne Augen. Glatt rasierte Beine, ein perlweißes Gebiss. Ist die Zahnpasta aufgebraucht, behilft sie sich mit Asche. Und als in den ersten Wochen in der Wildnis die verhassten Schuppen nicht verschwinden wollten, wusch sie die Haare mit Eigenurin. Die Natur sei noch immer die beste Apotheke. „In einem alten Heilkundebuch hatte ich entdeckt, dass man Urin auf die Kopfhaut einwirken lassen muss. “ Grinsender Nachtsatz: „Es war ekelhaft. Ich schätze, damals habe ich auch die letzten sozialen Regeln über Bord geworfen.“ Die Schuppen kamen übrigens nie wieder.
Miriam Lancewoods Körperhaltung verrät, dass sie nicht einknickt, wenn das Leben ihr Prügel vor die Füße wirft. Sie strotzt förmlich vor Gesundheit und Kraft. Nicht nur deswegen fühlt man sich neben ihr schnell blass, schwach und degeneriert. „Die Reduktion des Besitzes und das Jagen haben mich verändert“, meint sie und legt ihren Jagdbogen ins Gras, um einen Pfeil aus ihrem Rucksack zu fischen. „Ich bin durch das Leben draußen körperlich stärker geworden.“ Sie spannt den Bogen, kneift die Augen konzentriert zusammen, der Bizeps zittert vor Anspannung. „Ich denke, genau das ist der Schlüssel zum Glück: Mit physischer Stärke verschwindet die Angst – und das Fehlen von Angst wiederum schafft Platz für Freude und Freiheit.“
Taschenmesser, Pfanne, Becher: Mit dem Messer zerlegt Miriam Hasen
Taschenmesser, Pfanne, Becher: Mit dem Messer zerlegt Miriam Hasen
Das Jagen hat übrigens nicht nur ihre Muskeln gestärkt und Sinne geschärft – Miriam kann mittlerweile Regen riechen und den leisesten Flügelschlag von Vögeln hören – es hat vor allem ihre Essgewohnheiten verändert. Denn Miriam Lancewood war Vegetarierin, sie wuchs gänzlich fleischlos auf. Als sie sich in die neuseeländische Wildnis zurückzog und der erste Winter an ihren Kräften und Vorräten zehrte, schmiss sie, getrieben von Hunger, ihre Prinzipien über Bord. Erst das Fressen, dann die Moral. Ein Opossum, eine Beutelratte, in Neuseeland eine Landplage, musste dran glauben. Es dauerte Wochen, bis sie überhaupt eine zu fassen bekam. „Die Viecher laufen einem ja nicht einfach so vor die Füße.“ Miriam brachte sich selbst bei, Spuren zu lesen und Brunftgeräusche nachzuahmen. Sie schaute sich von Tieren ab, sich immer nur entlang des Waldrandes zu bewegen, nie querfeldein.
„Letztlich habe ich dem Opossum eine Falle gestellt, mit einem Pfeil oder meiner Jagdbüchse hätte ich anfangs nie getroffen. Der Versuch, meinen Fang mit einer Axt zu köpfen, ging schrecklich schief. Ich weinte stundenlang, weil das Tier so leiden musste. Und als das Opossum endlich tot war, kam das Häuten – es wurde ein blutiges, haariges Chaos.“ Nachsatz: „Jedem normalen Menschen hätte es nicht geschmeckt – zu zäh, zu intensiv im Geschmack. Aber ich kannte ja nichts anderes. Ich habe mittlerweile ein regelrechtes Verlangen nach wildem Fleisch, es enthält so viel mehr Energie als dieses wässrige Zeug aus dem Supermarkt, das wir in den Dörfern kaufen, in denen wir vorbeikommen.“
In völliger Abgeschiedenheit ohne Menschen sind wir immer kerngesund.Miriam Lancewood
Miriam jagt, Peter kocht. So sieht die Arbeitsteilung in der Wildnis aus. Hasen, Wildziegen, Vögel werden mit der Minisäge und der ausklappbaren Klinge ihres zwanzig Jahre alten Schweizer Taschenmessers zerlegt. Sie besitzt kein Spezialwerkzeug, ein einfaches Jagdmesser, das sie zufällig im Wald gefunden hat, hilft bei größeren Aktionen. Knochenmark wird für Suppe verwendet, das Fleisch gekocht, nichts verschwendet. Am Ende entsteht daraus im verrußten Campingkochtopf meist ein Curry. Peter schwört auf die verdauungsfördernde Kraft indischer Gewürze.
Wie sie erkennt, ob das gejagte Wild parasitenfrei war? „Fleisch, das komisch aussieht, essen wir nicht“, stellt Miriam klar. Und dass man auch ohne Anatomiebuch oder YouTube-Anleitung schnell ein Gefühl dafür entwickle, wie ein gesundes Herz, Leber und Lunge beschaffen sein müssen. „Von dem, was ich jage, habe ich mir jedenfalls noch nie eine Krankheit eingefangen“, meint sie. Sie selbst habe Typhus in Indien überlebt. Und einmal sei Peter fast an Malaria gestorben, der Schreck steckt ihr noch heute tief in den Knochen. Eine befreundete Ärztin stockt regelmäßig die Reiseapotheke auf. „In Europa, wo wir ja alle zwei Tage auf Menschen treffen, bekommen wir öfter Schnupfen. In der völligen Abgeschiedenheit Neuseelands hingegen waren wir stets kerngesund“, erzählt sie lachend.
Das Lagerfeuer ist Heizung, Herd und Lichtquelle zugleich.
Das Lagerfeuer ist Heizung, Herd und Lichtquelle zugleich.
Was Miriam am schnellsten in der Wildnis gelernt hat: die Dinge so anzunehmen, wie sie kommen, sich ihnen hinzugeben. Der ständige Rauch der Lagerfeuer reizt die Atemwege, doch bei einem Hustenanfall denkt sie nicht an Lungenkrebs, sondern beruhigt sich achselzuckend damit, dass der Mensch seit Jahrtausenden damit lebt. Findet sie ihren Löffel nicht, isst sie mit der Hand. Vermisst sie Musik, dann singt sie. Nur mit einer Sache hatte sie lange Zeit zu kämpfen: mit der Langeweile. „Ich vermisste die Stadt nicht. Aber einfach dazusitzen, nichts zu tun und bewusst wahrzunehmen – das konnte ich nicht.“
In die Wildnis mitgebrachte Bücher wurden zigmal gelesen. Der Schlafplatz von Steinen und Ästen befreit, Miriam suchte krampfhaft nach Aufgaben, wollte effektiv sein, sich nützlich machen. „Obwohl man in der Wildnis ständig zu tun hat – man muss bis zu fünfmal täglich Feuerholz sammeln, ich wasche Geschirr und Kleidung in Flüssen, begradige mit bloßen Händen das Erdreich für unser Zelt –, fühlte ich mich gelangweilt und unausgeglichen. Das Problem war: Ich hatte nach herkömmlichen Gesichtspunkten keine Ziele und keine Zukunft. Es war, als würde ich durch diesen undurchsichtigen Nebel gehen – und das war furchteinflößend.“
Ich bin kein Hippie. Mein Leben gleicht eher dem einer Hochleistungssportlerin.Miriam Lancewood
Der Nebel lichtete sich, als sich die Sinne langsam schärften: „Wenn ich heute die Berge betrachtete, ist mir das nicht mehr langweilig – ich nehme nicht mehr nur ihre äußere Form wahr, sondern auch ihre Farben und Stimmungen. Ich rieche, wenn Regen aufzieht, ich spüre, wenn ein Wildtier mich beobachtet, ich höre den Wind in den Bäumen.“ Das mag nach Hippie klingen, doch das Wort mag Miriam nicht. Hippies sind ihr zu idealistisch, zu wenig diszipliniert. „Das nomadenhafte Dasein gleicht eher dem eines Hochleistungssportlers, es ist darauf ausgelegt, dass der Körper fit bleibt, sonst hält man diese Existenz gar nicht aus.“
Mobiles Zuhause
Mobiles Zuhause
Ohne Ruhe schaut es überlebenstechnisch ebenfalls schlecht aus. „Schlaf ist ein unterschätztes Allheilmittel“, sagt Miriam, und ihre Augen, von Natur aus weit aufgerissen, wirken plötzlich noch wacher. Sie habe es selbst nicht glauben wollen. Bis sie nach Wochen in der Wildnis und täglich zehn, zwölf Stunden Schlaf bemerkte, wie ihre Energie sich zu potenzieren begann. „Ich wundere mich immer, wie viel Geld Leute für sogenannte Superfoods ausgeben. Sie schlafen fünf Stunden, übertünchen die Müdigkeit mit Koffein und glauben dann, dass gesundes Essen alles richten kann. Mein Rat ist: Leg dich zeitig schlafen, und schau, was passiert. Du wirst staunen. Oft liegen deine Probleme nur an chronischem Schlafmangel.“ Einen Arzt habe sie jedenfalls seit Jahren nicht aufsuchen müssen. Ihre Batterien seien zu 100 Prozent aufgeladen, sagt sie. „Ich mag zwar wie eine primitive Wilde leben, aber ich bin nicht verrückt. Würden wir krank werden, gingen wir natürlich zum Arzt. Dafür haben wir Rücklagen, wir sind ja nicht mittellos.“
Alle paar Wochen steigen Miriam und Peter ins Tal hinab, fischen ihre Bankkarte aus dem Rucksack, kaufen Vorräte ein und schicken der Familie über Computer in Bibliotheken und Internetcafés ein Lebenszeichen. Rund 3.000 Euro pro Jahr geben sie gemeinsam für Essen, Kleidung und Wanderausrüstung aus. Kosten für Busse oder Züge fallen selten an, Miriam ist überzeugte Autostopperin. Genau genommen sind die 3.000 Euro ein Nullsummenspiel, denn ihr Leben bestreiten sie von den Zinsen ihres Ersparten. „In Neuseeland lassen sich Rücklagen noch mit drei bis vier Prozent anlegen“, so Miriam. Vor Jahren habe Peter sein Hab und Gut verkauft und umgerechnet rund 60.000 Euro gebunkert. Die Summe, so sagen sie, sei bisher relativ konstant geblieben.
Miriam schleppt 25 Kilo, ihr jüngerer Ehemann Peter 15 Kilo.
Miriam schleppt 25 Kilo, ihr jüngerer Ehemann Peter 15 Kilo.
„Wenn wir in der Zivilisation sind, mache ich zudem Straßenmusik, und ein Verlag hat unsere Erlebnisse als Buch herausgebracht. Wir haben Geld. Wir wollen nur so wenig wie möglich davon ausgeben.“ Denn für Miriam bedeutet Geld vor allem eines: Lebenszeit. „Leiste ich mir ein teures Auto, dann muss mir bewusst sein: Um das Gefährt abzubezahlen, muss ich mich fünf oder zehn Jahre in einem Job abstrampeln. Gebe ich das Geld aber gar nicht erst aus, bleibt es mir für andere Dinge – Leben zum Beispiel“. Dafür verzichtet sie gern auf den Komfort einer heißen Dusche oder einer sauberen Toilette.
Körperwäsche. Die letzte Dusche hatte Miriam vor sechs Monaten.
Körperwäsche. Die letzte Dusche hatte Miriam vor sechs Monaten.
Damit ist Miriam auch schon beim eigentlichen Thema. Dem Thema, das sie und Peter treibt. „Man muss kein Millionär sein, um mit dem Arbeiten aufhören zu können“, sagt sie. „Sicherheit kann auch den gegenteiligen Effekt haben. Ich sehe oft wunderschöne Häuser, wenn ich durch Ortschaften wandere. Viele sind den ganzen Tag verwaist, weil die Besitzer in der Arbeit sind, um sich das leisten zu können. Wenn ich einen Kredit abstottern müsste, wäre ich nervös, ob ich das Geld stets zusammenbekomme.“ Wer aufhöre, nach Sicherheit zu suchen, bekomme zumindest die Chance, herauszufinden, was Freiheit ist.
In ihrem Fall bedeutet Freiheit: alle Zeit der Welt zu haben und die Natur zu spüren. Der Wald ist für sie ein Zuhause mit grünem Dach, fließendem Wasser aus Bächen, kein Schauplatz aus Grimms Märchen. „Dieses Leben geht aber nur, weil wir uns bewusst gegen Kinder entschieden haben“, stellt Miriam klar. „Mit Kindern musst du zwangsweise zurück in die Zivilisation. Der Nachwuchs kann ja nichts dafür, dass ich diese Lebensweise für mich gewählt habe.“
Peter und Miriam sind rund 5000 Kilometer gemeinsam gewandert.
Peter und Miriam sind rund 5000 Kilometer gemeinsam gewandert.
Sollte Peter bettlägerig werden oder das Alter mehr in den Knochen spüren als jetzt, wäre ebenfalls Schluss mit dem jetzigen Leben. In einem sterilen Krankenzimmer ihren Mann zu pflegen, das sieht Miriam nicht. „Wir würden dann etwas suchen, wo wir ein, zwei Jahre Station machen. Das wäre aber nach wie vor ein Platz in der Natur.“ Peter nickt. Und erzählt, dass er fürs Erste die Anschaffung eines Esels überlege, damit er auf langen Märschen sein Gepäck nicht mehr tragen müsse. Sorgen nicht zulassen. Sich um das Problem kümmern, wenn es da ist, aber keine Sekunde früher. So lautet Miriams Motto.
„Angst ist ansteckend. Das kann jeder selbst austesten: Ist jemand in unmittelbarer Nähe nervös, wird man es plötzlich auch.“ Mitunter würden sich sogar Menschen auf die Couch beim Psychologen legen, um über Ängste zu sprechen, die gar nicht ihre sind, sondern nur auf sie übertragen wurden. „Natürlich habe ich auch manchmal Angst, zum Beispiel bei schlimmen Unwettern, wenn neben mir jederzeit der Blitz einschlagen kann“, erklärt sie. „Aber mir ist mittlerweile auch bewusst: Angst vergeht so schnell, wie sie kommt – außer du fütterst sie mit deinen Gedanken, die nähren das Feuer.“
Lebt ihr überhaupt richtig, oder ist es nur blankes Überleben?“, fragen manchmal Wanderer, die ihren Weg kreuzen. „Beides“, sagt Miriam dann. Manchmal reiche es schon, durch den Tag zu kommen. Manchmal sei es mehr. „Wenn du einen schlimmen Sturm überlebst, dann fühlst du dich am nächsten Morgen unbeschreiblich lebendig.“ Die Ohnmacht, den Elementen ausgesetzt zu sein, weicht einem kurzen Gefühl der Macht, auch diese Herausforderung bestanden zu haben.
Nachts im Wald. Keine Bücher, kein Handy, nur eine Solarlampe
Nachts im Wald. Keine Bücher, kein Handy, nur eine Solarlampe
Miriam glaubt nicht an die Apokalypse. Sie findet auch nicht, dass ihr Lebensentwurf automatisch der Bessere ist. Sie lebt mit einem Fuß in der Steinzeit, mit dem anderen im Jetzt. Man kann mit ihr über das Gerben von Tierhäuten, aber genauso über Elon Musk oder Artificial Intelligence diskutieren. Sie trainiert ihre Überlebenstechniken nicht für den Katastrophenfall. „Das wäre eine traurige Existenz.“ Dennoch gibt es ihr ein gutes Gefühl, zu wissen: Falls etwas passiert, kann sie sich den Rucksack umschnallen und losmarschieren. Sie wird zurechtkommen. „Vor vielen Jahren hatte ich das Gefühl, dass alles seinen Platz hatte – nur ich selbst nicht“, sagt sie. „Jetzt habe ich einen Platz, und der ist hier in der Natur. Es ist so, als ob aus meinen Fußsohlen lange Wurzeln wachsen.“
Dann geht sie wieder los. Fast lautlos durchs Gras, den Bogen geschultert. Sekunden später ist sie weg, vom Wald verschluckt. Die Bewegung eines Zweiges verrät, dass sie eben noch da war. Vielleicht war es aber auch nur der Wind.
Jagdtrophäe: die Hörner eines erlegten Zickleins.
Jagdtrophäe: die Hörner eines erlegten Zickleins.

So fühlst du dich sofort freier

Wild Woman Miriam Lancewood gibt Tipps.
  • Zwölfmonatsregel: Entsorge alles, was du im vergangenen Jahr nicht benutzt hast. Es wird dir nicht fehlen. Jedes Teil, das man weniger besitzt, macht Speicherplatz im Gehirn frei, weil man nicht mehr daran denken muss, es zu warten oder sicher zu verstauen.
  • Finde das Grün: Nimm die Natur täglich bewusst wahr und nicht nur am Wochenende. Das geht auch in der Stadt.
  • Keine Selfies. Man sucht ja doch nur nach etwas, was einen stört. Idealerweise verhängst du auch noch die Spiegel. Du wirst einen Unterschied bemerken.
  • Umarme die Langeweile. Sie schärft deine Sinne. Wann hast du zum letzten Mal den Flügelschlag eines Vogels gehört? Eben.
  • Trainiere deinen Körper. Physisch stark fühlt man sich weniger ohnmächtig. Auch schlafen macht stark, weil der Körper sich so regeneriert.
Miriam Lancewoods Leben als Buch: „In der Wildnis bin ich frei“, 408 Seiten
Miriam Lancewoods Leben als Buch: „In der Wildnis bin ich frei“, 408 Seiten