Einzelgänger: Noel Gallagher

„Ich gehöre fucking niemand“

© Lawrence Watson

NOEL GALLAGHER erzählt, wofür man nach einem Vierteljahrhundert in der Musikbranche noch brennt, warum es keine echten Rockstars mehr gibt und was man niemals, niemals auf einem Festival tun sollte.

THE RED BULLETIN: Sie veröffentlichen seit einem Vierteljahrhundert Musik. Was tun Sie, damit Ihnen dabei nicht fad wird?
Noel Gallagher: Sie haben ja keine Ahnung, wie fad mir war. Im September 2016 kam ich mit den High Flying Birds von der „Chasing Yesterday“-Tour heim. Ich hatte die Musik geschrieben, produziert, aufgenommen, performt und finanziert. Sogar das scheiß Merchandise hatte ich selber designt! Und da überkam es mich plötzlich. Ich sagte: „Mir reicht’s. Ich halte diesen Sound nicht mehr aus.“
Und was taten Sie dann?
Ich begann mit David Holmes (einem britischen Musiker und Produzenten; Anm.) zu arbeiten. Und er sagte: „Du warst mal der König des Britpop oder wie man dieses Ding nennen soll. Hak die Kacke mal ab. Es ist höchste Zeit, neu anzufangen.“
Was bedeutete das im Studio?
Immer, wenn ich zu spielen begann und es wie Oasis klang, brach er ab und sagte: „Das ist Oasis. Mach was anderes.“ Und dann kamen diese Inspirations­momente. Ich spielte vor mich hin, einfach so, bis er sagte: „Ja, das wird der Song werden.“ Und an diesem Punkt begannen wir dann zu arbeiten.
Ich wollte nicht berühmt werden. Ich wollte reich werden. Ruhm? Pah.
Klingt ja total harmonisch. Berichten zufolge sollen Sie ihn aber im Studio gewürgt haben. 
David? Nein. Nur zweimal. Ich schrieb den Chorus von „The Man Who Built the Moon“ (vom dritten, im letzten November erschienenen Album der High Flying Birds, „Who Built the Moon“; Anm.) und fand ihn klasse. Aber was sagte er? „Nein.“ Er sagte nein! Also schrieb ich einen anderen, noch besser als der erste. Er schmiss ihn mir wieder zurück. Die dritte Version war dann aber wirklich einer der fucking besten Songs, die ich je geschrieben habe. Und er wieder: „Nein!“ Der Refrain, der es aufs Album geschafft hat, war schlussendlich die achte Version. Die achte! Ich war schon kurz davor, alles hinzuschmeißen. Aber ich muss leider zugeben: Er hatte siebenmal recht, als er sagte: „Du kannst das besser.“
„Who Built the Moon?“ klingt ziemlich untypisch für Sie, ich meine: optimistisch. Wieso denn das? 
Da gab es keinen Masterplan oder so was. Aber wenn die Arbeit fertig ist, hörst du dir alles noch mal an, erst da fiel uns dieses Gefühl von Freude und Optimis­mus auf. Heute ist so was ja revolutionär! Jeder, der eine Gitarre halten kann, singt über Dinge, die in den Nachrichten laufen, weil uns die Rockkritiker sagen, dass wir tiefgründige, zum Nachdenken anregende Musik hören wollen. Ich sage: scheißlangweilig! Wenn ich wissen will, was in der Welt vor sich geht, drehe ich den Fernseher auf! Ich möchte Schönheit und Wahrheit in der Musik hören. Nicht die Nach­ richten. Nachrichten sind langweilig.
Es ist fast neun Jahre her, dass Noel Gallagher Oasis aufgelöst hat.
Es ist fast neun Jahre her, dass Noel Gallagher Oasis aufgelöst hat.
Wovon soll gute Rockmusik denn dann handeln?
Früher ging es um Frauen. Wie man sie abschleppt, wie man sie zum Sex überredet, wie man mit ihnen Drogen nimmt, wie man sie heiratet und wie man mit ihnen tanzt, während man mit ihnen Drogen nimmt. So war Musik mal. Heute ist alles scheißlangweilig. Rockmusik? Alle gleich angezogen, alle tätowiert, Scheiß­Ohrringe und gefärbte Haare. Dave Grohl? Soll bitte aufhören, so rumzubrüllen. Green Day? Sollen bitte aufhören, immer so rumzujammern.
Was hat der Rock ’n’ Roll im Lauf der Zeit verloren, Ihrer Meinung nach?
Rock ’n’ Roll drehte sich mal um Klamotten, um Arroganz und Sex und Frauen. Heute ist alles eine große Stöhnerei, auf die hin jeder mit bewundernd verdrehten Augen „Boah!“ macht. Rock ’n’ Roll ist dahin. Für mich war Rock ’n’ Roll Freiheit: Gedanken­freiheit, Meinungsfreiheit. Ich bin hier reingeraten, weil ich tun will, was ich fucking noch mal tun will.
Können Sie sich an das letzte Mal erinnern, als Sie bei einem Song eines Ihrer Musikerkollegen „Wow! Das ist Rock ’n’ Roll!“ dachten?
Bei Charlotte Marionneau aus meiner Band (einer französischen Singer-Songwriterin, bekannt als Le Volume Courbe; Anm.). Als sie bei den Proben eine Schere aus der Tasche zog, um darauf zu spielen, dachte ich: Ich habe noch nie in meinem Leben etwas gesehen, was so Rock ’n’ Roll ist. Ohne Scheiß.
Sie haben ein Bandmitglied, das Schere spielt?
Eigentlich ist sie für die Background Vocals zuständig. Ich fragte sie: „Kannst du Tamburin spielen?“ Und sie antwortete in diesem typisch herablassenden Ton französischer Frauen: „Isch kann nischt Tamburin spielen.“ Drauf ich: „Okay, kannst du irgendetwas anderes?“ Und sie: „Isch kann die Schere spielen.“ Ich erstaunt: „Die was?“ Und sie, sehr bestimmt: „Die Schere.“ Und ich so: „Kannst du sie morgen zur Pro­be mitnehmen?“ Also brachte sie die Schere mit, und ich dachte nur noch (lacht): „Sie trägt ein Cape und spielt Schere. Ich hau mich weg.“
Früher ging es um Frauen und Drogen. Heutzutage ist Rockmusik doch scheiss langweilig geworden.
Sie sagen also: Der Rockmusik von heute fehlt das Abwegige, das Überraschende, das Irre.
Und wie! Die Bands sind Eigentum ihrer Fans, weil sie durch die sozialen Medien in so engem Kontakt mit ihnen stehen. Die Fans kommandieren sie rum, die Plattenfirmen kommandieren sie rum. Tut mir leid, aber ich gehöre fucking niemandem. Niemand bestimmt über meine Gedanken, meinen Kleidungs­stil oder wen ich in meine Band lasse. Die Leute wissen doch sowieso nicht, was sie wollen, bevor sie es bekommen, nicht wahr? Hat irgendjemand nach Oasis verlangt, bevor wir daher spazierten? Nein!
Was ist denn falsch daran, dass die Rockstars von heute näher an ihren Fans dran sind? 
Rockstars von heute? Wovon reden Sie? Es gibt keine Rockstars mehr!
Nun ja ...
In England? Rockstars? Von heute? Die sind ent­weder Mist oder auf der falschen Seite der vierzig. Oder sie schreiben ihre Musik nicht selbst und haben nichts zu sagen. Oder sie haben hässliche Haare und noch hässlichere Schuhe. Es gibt zwar tolle Bands. Kasabian zum Beispiel: großartig! Jungle: auch großartig! Aber richtige Rockstars? Nope, Fehlanzeige.
Und warum, meinen Sie, ist das so?
Es ist ganz einfach. Ende der Neunziger hörten die Plattenfirmen auf, für die Bands zu arbeiten. Stattdessen begannen die Bands, für die Plattenfirmen zu arbeiten. Heute ist jeder so fucking glücklich über einen Plattenvertrag, dass er alles dafür tut. Ich weiß, wovon ich rede, ich führe ein Label. Plattenfirmen sehen eine Band im Club, geben ihr einen Vertrag und sagen: „Ihr seid toll. Wir lassen euch jetzt einen Hit schreiben.“ Die Bands sind so glücklich, einen Vertrag in der Tasche zu haben, dass sie sagen: „Okay, cool!“ Das ist alles, was du über die Musikindustrie wissen musst. Als Oasis anfing, war es noch umgekehrt. Wir taten einem Label einen Gefallen, wenn wir unterschrieben. So waren wir. Das ist der Unterschied.
Aber damals kauften die Menschen noch Alben. Heutzutage ist es für die jungen Bands doch viel, viel schwieriger, Geld zu verdienen, oder?
Und wie! Den Plattenfirmen gehört Spotify. Die Bands sehen keinen Cent, wenn sie auf Spotify sind. Ihre einzige Rettung sind die Auftritte. Mit denen kannst du Kohle machen, solange du aufrecht stehen kannst. Aber wenn du heute einen Plattenvertrag unterzeichnest, hat dein Scheißlabel sogar da schon die Finger drin. Es ist ein dreckiges Geschäft. Aber die Leute wollen um alles in der Welt berühmt werden!
Es ist ein dreckiges Geschäft. Ich weiss das. Ich habe selbst ein Label.
Mr. Gallagher, das wollten Sie am Anfang doch auch!
Als ich mit dem Musikmachen begonnen habe, wollte ich nicht berühmt werden. Ich wollte reich werden. Ruhm? Pah!
Das kann man leicht sagen, wenn man selbst ein Rockstar ist.
Ich habe mich nie als Rockstar gesehen. Technisch gesehen bin ich aber wohl einer. Und habe bestimmt auch das entsprechende Mundwerk.
Apropos Mundwerk: Gibt es eine Aussage, die Sie bereuen? Die Sie zurücknehmen würden?
Habe ich irgendwas Falsches gesagt? Ich?! (Lacht.) Nun ja, wahrscheinlich habe ich ein paar persönliche Dinge über gewisse Menschen gesagt, da habe ich vielleicht mal ein bisschen über die Stränge geschlagen. Aber ich bereue keine meiner künstlerischen Entscheidungen. Man lebt doch im Augenblick, oder? Angenommen, du baust eine Rakete. Ist dir lieber, sie steigt auf und geht in Flammen auf? Oder sie macht Pfff! und kippt auf der Startrampe um? Ich sage dir: Mir wäre die Flammenversion lieber. Da wäre wenigstens was los.

Noel Gallaghers Dos und Dont´s auf Festivals

Durch jahrelange Erfahrung untermauert: wie man ein Festival mit Stil übersteht
Diesen Monat beginnt Ihre Sommer-Festival-Saison mit Shows in ganz Europa. Waren Sie in Ihrer Jugend selbst begeisterter Festival-Besucher?
Als ich jung war, konnte ich mir die großen Festivals kaum leis­ten. Aber ich war natürlich bei „Spike Island“ (dem legendären Konzert von The Stone Roses im Mai 1990; Anm.). Wenn du aus der Gegend von Manchester warst, musstest du dabei sein. The Stone Roses spielten wohl auf einem Haufen Giftmüll (am Veranstaltungsort hatten sich chemische Fabriken befunden; Anm.). Gott sei Dank habe ich an diesem Tag nicht viel ge­gessen oder getrunken. Ich hab nur Ecstasy genommen, wie die 30.000 Idioten um mich herum. Es war verdammt verrückt und machte sehr viel Spaß. Seitdem bin ich Sondermüll (lacht).
The Stone Roses
The Stone Roses
Was sind Ihre goldenen Regeln, ein Festival zu überleben? 
Wichtigster Punkt: genug Was­ser trinken. Zweitens: so oft wie möglich in den Schatten. Und man sollte sich nicht prügeln, auch nicht, wenn die Leute pampig, laut und dumm sind. Sieh dir auch die Bands auf den kleiner Bühnen an, denn sie haben es verdient – und die Acts auf den Hauptbüh­nen sind nicht zwangsläufig die besseren. Bleib nicht den ganzen Tag im Moshpit, geh auch am Gelände spazieren und genieß die Atmosphäre. Mach Pausen, chill ein wenig.
Ihre Festival-Essentials?
Naja, leider kann man nicht seine eigenen Getränke mit­ nehmen, was schade ist, weil man teuren Scheiß kaufen und dafür ewig anstehen muss. Ich hasse das. Ein weiteres Must­have ist Sonnencreme, die darf man niemals verges­sen. Sonnenbrille und ein Band­ T-­Shirt sind essenziell, man ist sonst nicht cool. Achte drauf, dass du genug Zigaretten und ein funktionierendes Feuerzeug dabei hast und dein Gras, deine Pillen oder worauf immer du so stehst, am richtigen Platz sind. Jetzt kannst du dich richtig in der Musik fallen lassen, mit­ singen, tanzen oder was auch immer. Ich tanze nicht, habe ich nie und werde ich nie, aber ich bin gut im Fallenlassen.
Was sollte man in jedem Fall vermeiden?
Die falschen Schuhe. Trag keine Sandalen, wenn alles voller Schlamm und Dreck ist. Komm nicht im T-­Shirt, wenn Regen angesagt wurde, und zieh keine Winterjacke an, wenn es ein Sommer ­Festival unter blauem Himmel ist. Sei vernünftig.
Hör auf deinen Kopf, bevor du ihn abschaltest. Iss nichts, was wie Müll aussieht, denn wahrscheinlich ist es Müll. Am besten isst du leichte, frische Sachen, nicht das Würstel oder die Pizza, die schon viel zu lang in der Sonne liegen. Trinke nur, was aus verschlossenen Be­hältern kommt, denn du magst nicht den Rest des Festivals in der Schlange vor den Dixi­-Klos verbringen. Die sind ekelhaft.
Was wäre das Festival-Line-up Ihrer Träume?
U2, Neil Young, Coldplay, Sex Pistols und ich. Das wäre ein cooles Line­up. Wäre ich der Headliner? Ich weiß es nicht. Es wäre mir auch egal. Es wäre ein schöner Tag mit alten Freun­den, anständigem Catering und kühlen Getränken. Das würde mir richtig gut gefallen.