Im Jahr 2004 verschob Pierre Frolla die Grenzen des Apnoetauchens – und zwar nach unten: Der gebürtige Monegasse tauchte mit nur einem einzigen Atemzug 123 Meter ab und brach damit den damaligen Tiefenweltrekord in der Disziplin Variable Weight (Abstieg mithilfe eines Gewichts, dessen Masse der Taucher selbst bestimmt).
Apnoetaucher kommen ohne Atemgeräte aus, sie arbeiten mit speziellen Atemtechniken, um während des Tauchens wenig Sauerstoff zu verbrauchen. Das erfordert höchste Konzentration und Körperbeherrschung. Frolla ist ein Pionier dieses Extremsports – und setzte dabei neue Standards für die Sicherheit im Wasser:
Der heute 47-Jährige teilt seine Erfahrungen in Filmen wie seinem jüngsten Dokumentarfilm „On a Long Breath“ oder seinem Buch „Océans: face à face“, für das er unter Wasser Wale, Haie und Krokodile besuchte, um Bewusstsein für Naturschutz zu schaffen. Heute leitet Frolla in seiner Heimat Monaco eine der größten Tauchschulen der Welt und gibt seine Philosophie an andere weiter. „In die tiefsten Ozeane hinabzusteigen half mir zu verstehen, wer ich war, wer ich werden konnte – und mir selbst zu beweisen, dass ich zu viel mehr fähig war“, sagt er. Hier die Lebensgeschichte eines Mannes mit Tiefgang – erzählt von ihm selbst.
Der Anfang – Warum ich meinen Körper umprogrammierte
„Es war wunderbar, in Monaco aufzuwachsen. Dort gibt es das Meer und die Möglichkeit, jeden Tag zu schwimmen, und es gibt die Berge, man kann also am Morgen hundert Meter tief tauchen und ein paar Stunden später aus 2000 Meter Höhe die Skipisten hinunterbrettern.
Als ich das erste Mal bewusst geschwommen bin, war ich knapp fünf Jahre alt, an einem wilden Strand an der Ostgrenze Monacos namens Cabbé. Aber erst mit zwanzig habe ich Apnoe zu meinem Lieblingssport gemacht – nachdem ich mir 1995 bei den Judo-Weltmeisterschaften in Chiba, östlich von Tokio, die Schulter gebrochen hatte. Ich hatte zuvor hart trainiert und war sehr enttäuscht. Doch anstatt mich operieren zu lassen, entschied ich mich für ein Training mit Apnoetauchen und vor allem mit Schwimmen, um meine Schulter zu kurieren.
Damals war mein Körper auf Kämpfen programmiert – aber beim Freitauchen darf man sich nicht wehren, man muss eins mit dem Wasser werden. Es bringt nichts, gegen das Element anzukämpfen. Beim Apnoetauchen kann man nicht wie beim Schwimmen aufhören, wenn man zu schnell war, oder wie beim Radfahren absteigen, wenn die Oberschenkel schmerzen. Wenn wir auf dem Meeresgrund zurückbleiben, sind wir tot. Es gibt keine Möglichkeit zu entkommen. Wenn wir atmen wollen, müssen wir nach oben kommen.
Ich wollte immer über meine Grenzen hinausgehen. Um mir selbst stets aufs Neue zu beweisen, dass ich zu viel mehr fähig bin, als ich mir noch am selben Morgen beim Aufstehen vorgestellt habe. Ich will immer besser ins Bett gehen, als ich am Morgen aufgestanden bin.“
Die Angst – Aber dann zog der Raubfisch die Flossen ein
„Als ich klein war, hatte ich schreckliche Angst vor Haien. Gleichzeitig war ich davon überzeugt, eines Tages Tauch-Champion zu werden, also lebte ich lange einen täglichen Widerspruch: Ich tauchte jeden Tag beglückt in die Tiefen der Ozeane – immer mit der Befürchtung, einem Hai zu begegnen. Mit sechzehn flog ich dann ans andere Ende der Welt, um mit Haien zu schwimmen.
Als ich meinen ersten Hai sah, einen riesigen gelben Zitronenhai, war ich verblüfft – als das Tier mich sah, drehte es um und floh. Er war es, der sich fürchtete, nicht ich. Da verstand ich, dass wir nur vor einer Sache Angst haben: vor dem Unbekannten. Wenn das Unbekannte zum Bekannten wird, haben wir keine Angst mehr davor. Und ich verstand, dass der Hai keine bedrohliche, sondern eine bedrohte Spezies ist.“
(Im Jahr 2012 schwamm Frolla im Rahmen einer Ausstellung mit dem Titel „Die Haie sollen leben!“ gemeinsam mit 25 Haien eine Dreiviertelstunde lang in einem Becken. Er wollte auf die Friedfertigkeit der Tiere und ihre Bedrohung vor dem Aussterben aufmerksam machen; Anm.) „Beim Apnoetauchen darf man keine Angst haben. Angst nährt Zweifel, Zweifel nähren Fehler, und Fehler nähren das Versagen. Ein Fehler in mehr als 100 Meter Tiefe ist kein Misserfolg, sondern das todsichere Ende.“
Die Tiefe – Ein Rausch zwischen Demut und Akzeptanz
„Es ist schon sehr speziell, am Grund des Meeres zu sein. Wenn ich tauche, Meter für Meter, spüre ich die Dinge auf eine immer extremere Weise. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber es entwickelt sich echtes Wissen über unsere Empfindungen: Wie viele Sekunden du schon unter Wasser bist, wie viel Akkulaufzeit du noch hast – ein Apnoetauchgang in großer Tiefe bedeutet, sich enormem Druck auszusetzen. Er bedeutet Demut, Selbstaufopferung und Akzeptanz. Es besteht ein Unterschied zwischen einer Apnoe, bei der wir den Atem so lange wie möglich anhalten, und einem Sauerstoffmangel.
Das ist ein chemischer Vorgang. Wenn nicht genug Sauerstoff im Körper vorhanden ist, stirbt man. Doch bevor das passiert, kann man die Luft lange anhalten und den Sauerstoff verbrauchen, den man in die Lungen geatmet hat. Damit können wir länger überleben, als wir denken.
2003 wollte ich auf 114 Meter tauchen, um meinen Körper an den Druck zu gewöhnen. Das Echolot zeigte bei 120 Metern einen flachen Grund an, sodass scheinbar keine Gefahr bestand – aber dann, bei 104 Metern, versank ich in einem Schlammhügel. Das Wasser war schwarz, ich konnte nichts sehen, steckte bis zu den Knien fest und brauchte fast 20 Sekunden, um mich zu befreien. Ich dachte, ich würde auf dem Grund bleiben. In der Zeit danach haben wir neue Sicherheitsvorkehrungen eingeführt und unsere Überwachung verbessert.“
Die Rekorde – Im Moment des Triumphs bist du völlig alleine
„Mein inoffiziell tiefster Tauchgang war 132 Meter, mein offizieller Rekord liegt bei 123 Meter Tiefe. Wenn man zum ersten Mal einen Rekord bricht, ist das ein ganz besonderes Gefühl. Man bereitet sich intensiv darauf vor; jede Sekunde, jede Minute, jeden Meter im Training denkt man daran. Die Vorbereitung eines Rekords dauert zwischen sechs und neun Monate, zwei bis drei Trainingseinheiten pro Tag, sechsmal pro Woche.
Pierre Frolla
Mein Trainer hat einmal zu mir gesagt: ‚Wenn du eines Tages Weltmeister bist, wirst du auf dem Gipfel eines Berges stehen und die ganze Welt sehen. Aber du wirst allein sein. Das ist der Moment, in dem du entscheiden musst, was du tun willst und wie du es tun willst.‘ Wobei – meine Gipfel, meine Höhepunkte liegen in der Tiefe. Die größte Motivation während eines Wettkampfs ist, meine eigenen Grenzen zu erreichen, ohne sie zu überschreiten.
Ich schaffe so neue Grenzen und ein neues Ziel, das ich danach erreichen will – aber Sicherheit ist das Wichtigste. Es gibt das Sprichwort: ‚Es geht runter, wer will, es geht wieder hoch, wer kann.‘ Am Ende ist es einfacher, abzusteigen, als aufzusteigen. Jeder kann bis auf den Grund gehen, aber ist man schlecht vorbereitet, kommt man vielleicht nie wieder lebend hinauf.“
Die Liebe – Erst als ihr Druck weg war, heirateten wir unter Wasser
„Meine Frau und ich haben 2015 unter Wasser geheiratet. Es war wunderschön, 70 Gäste, alle an unserer Seite – einfach verrückt. Meine Frau war stolz, weil sie ein Jahr zuvor noch nicht in der Lage war, einen sogenannten Ausgleich zu schaffen, also Luft aus dem Rachen in das Mittelohr zu drücken, um den schmerzhaften Druck zu verringern. Sie hat hart gearbeitet, um tauchen zu lernen – und als sie es geschafft hatte, habe ich sie gebeten, mich unter Wasser zu heiraten.
Fürst Albert II. von Monaco war Trauzeuge bei der Hochzeit. Er ist ein sehr guter Taucher – und ein bemerkenswerter Schüler. Ich habe praktisch jeden Ozean der Welt bereist, und ich bin an die entlegensten Orte gekommen. Jede Expedition bietet unglaubliche Möglichkeiten und unvergessliche Begegnungen. Am wichtigsten sind für mich Reisen, die Begegnungen mit Meer und Menschen verbinden. Mit Krokodilen zu schwimmen ist einmalig, Weiße Haie zu streicheln fast unwirklich, mit einer Gruppe von Pottwalen zu tanzen unbeschreiblich – aber wenn es keinen menschlichen Wert darin gibt, haben die Dinge weniger Würze.“