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Cro: "Nur wer eine Maske trägt, zeigt sein wahres Gesicht"

© Matthias Heschl/Red Bull Content Pool
Autor: Stefan NiederwieserThe Red Bulletin
Mit einer Panda-Maske verwandelte sich Carlo in den Rapper Cro – und damit in eine Kunstfigur, die nur ein Ziel hat: authentisch sein.
Easy. Ganz easy mischte Cro vor acht Jahren den deutschen Rap auf. „Easy“, so hieß seine erste Single, die geschmeidige Wortspiele in entspannte Beats bettete. 21 Jahre war dieser Junge aus Stuttgart alt, als sie rauskam. Kurz zuvor hatte Carlo – so sein bürgerlicher Name – noch Cartoons für eine Zeitung gezeichnet, der musikalische Unterricht lag in der Vergangenheit, war aber nicht in Vergessenheit geraten. Er setzte sich eine Panda-Maske auf und wurde zu Cro. Und dann steppte, Pardon, rappte der Bär.
Kraftwerk und Ziggy Stardust und Kiss – die Leute glaubten, die Helme seien Marketing oder so etwas, aber für uns war es Sci-Fi-Glam.
Daft Punk
Das Video schlug über Nacht ein, der Song räumte Platin (Schweiz und Österreich) und dreifach Gold (Deutschland) ab. Und das in einer Zeit, als Deutsch-Rap in künstlerischen Seichtgewässern dahindümpelte. Mit Cro kam eine neue Welle. Er war kein Kleinganove aus dem Plattenbau, aber auch kein weichgespülter Weltverbesserer. Cro war anders. Er war unbeschwert und lässig. Und er kannte die hübschesten Frauen.
Außerdem hatte er ein Geheimnis. Natürlich wollten die Leute wissen, wer Cro ist. Wer verbirgt sich hier? Warum tut er das? Und wann taucht vielleicht auch das erste Bild ohne Maske auf? Ein Geheimnis erhöht immer die Spannung. Und ein Geheimnis bietet auch Schutz. Beides hilft Cro, so zu sein, wie er ist.
Ich spiele schon so lange, aber niemand erkennt mich, und ich kann so sein, wie ich bin.
Sbtrkt
„Ich bin immer echt“, sagt Cro im Interview. „Die Maske dient dazu, meine Fans auf meine Musik und Kunst zu lenken und sie nicht mit meinem Aussehen abzulenken.“ Und warum ausgerechnet ein Panda? „Das war einfach die coolste Maske, die es auf dieser Internetseite gab, und deswegen habe ich sie völlig hirnlos bestellt.“ Neu ist die Taktik freilich nicht. Bereits seit Jahrtausenden nutzen Menschen Anonymität und Narrenfreiheit einer Maske, um sich gesellschaftlichen Konventionen zu entziehen, im Amphitheater, bei Maskenbällen, im Karneval. Wenn die Person in den Hintergrund tritt, tritt ihr Handeln in den Vordergrund.
Und genau das wollte Cro: fokussieren. Bei ihm sind es die Musik und seine Texte, in denen er ausdrückt, was ihn beschäftigt. Weil seine Fans sein Gesicht oder seine Mimik auf der Bühne nicht beurteilen können, müssen sie ihm tatsächlich zuhören. Das schafft Freiheit. So kann er sich einfacher treu bleiben. Sich treu zu bleiben, das ist nicht immer einfach. Cro ist heute keine 21 mehr, er hat sich künstlerisch verändert, sein letztes Album heißt „Tru“.
Ich mache das nicht, weil ich denke, dass ich hässlich bin. Ich versuche ein wenig Kontrolle über mein Image zu haben. Und es erlaubt mir einen Funken Privatsphäre.
Sia
Darauf probiert er mehr aus, echte Instrumente statt Loops aus dem Pult, nostalgische Sounds und Effekte. Die Songs erstrecken sich teilweise weit über fünf Minuten, man spürt die hitzige Atmosphäre förmlich aus den Boxen tropfen. Seine Stimme klingt ab geklärter.
Das Video zu „Computiful“ ist voll mit Palmen, Kassetten, Bikinis, hübschen Mädchen mit Schmollmund, pink-violetten Farben und Bildern, die an VHS-Ästhetik und frühes Internet erinnern. Sie wechseln in rasend schnellen Schnitten. „Ich hab auf Tinder kein’n Bock“, singt er dort immer wieder. Dennoch swipt sich der Protagonist des Songs durch die Dating-App, sucht „computed love“. Aber eine falsche Nachricht, und schon ist er von Maria abgeturnt. So lange, bis die nächste Maria kommt ...
Wir gehen mit Maske auf die Bühne und sind anschließend ohne Maske die Jungs, die wir immer waren. Die Masken schützen uns auch davor, dass wir unsere Egos zu sehr aufblasen
Genetikk
Cro untersucht Liebe im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit. „Scheiß auf Hype und auf Fame, mach das Internet kaputt“, singt Cro. Dass Liebe heute nicht einfacher geworden ist, wenn Algorithmen sie verwalten. Diese Liebe mit ihren Widersprüchen zu beschreiben ist eigentlich viel mehr, als man von einem Popsong erwarten kann. Cro komponiert eine Collage des modernen Lebens. Der Albumtitel „Tru“ ist weniger Hand aufs Herz als Faust aufs Auge.
Tru sein, echt sein, das bedeutet im Hip-Hop oftmals, dass man nicht den gleichen Weg geht, den die meisten gehen. Rapper erzählen ganz gerne von ihren Autos, Alkohol und grünen Knollen, die sie auf dem Weg nach ganz oben verbrennen. Credibility wird zur Marke, die Marke zur Trademark. Die Sweater von Supreme oder Palace, Sneaker von Balenciaga und Yeezy.
Make-up schien der perfekte Weg für jeden von uns, sich einen Charakter zu geben, der uns als Individuen definiert und versinnbildlicht.
Kiss
Cro tickte früher nicht anders. Er erzählte von vier Mercedes-Benz, die auf ihn angemeldet waren, und Fünf-Sterne-Hotels, in die er laufend eincheckt. Die übliche Angeberei. Mittlerweile braucht er das nicht mehr, und er braucht auch keine Leute, die andere nur kopieren. Ob seine Fans auch so fühlen wie er? „Ich hoffe, dass ich denen das wenigstens mitgeben konnte und sie darüber nachdenken, was sie wirklich benötigen, um glücklich zu sein“, sagt Cro.
Ich habe sie für meinen ersten offiziellen Deadmau5-Gig getragen, und alle haben mich angesehen in der Art ‚Was zur Hölle?‘. Ich habe sie aufgesetzt – und los! Ja, ich bin Deadmau5, hier ist mein Mäusekopf.
Deadmau5
„Ich mach immer das, was mir Spaß macht und was ich zu hundert Prozent fühle. Das wirtschaftliche Ergebnis ist erst einmal egal“, so Cro weiter. Seine ersten beiden Alben brachten Pop und Rap zusammen, easy Refrains, Zeilen über das gute Leben, coole Beats. In Österreich brachte ihm das zweimal Platin. Cro brach Rekorde, er musste immer weiter, lief und lief wie Forrest Gump. Im gleichnamigen Song „Forrest Gump“ schildert er seinen Weg. Sein Vater meinte früh zu ihm, er solle lieber etwas Solides machen. Aber statt im Hamsterrad des Lebens anzutreten, hat Cro alles auf Risiko gesetzt. Und wie bei Forrest Gump liefen hinter ihm bald mehr und mehr Fans ein Stückchen seines Weges mit.
Und plötzlich blieb Cro stehen. Blieb stehen und ging nach Hause. Er fragte sich, was wichtig ist, was echt ist und was fake. Das Ergebnis war „Tru“. Wenn man sich überlegt, was echt ist und was fake, was richtig und was falsch, kann einem leicht schwindlig werden. Denn es ist ja so: Ich bin immer ich. Insofern bin ich immer echt. Aber in echt vielleicht noch auf dem Weg. Im Englischen gibt es den Spruch „Fake it till you make it“, salopp übersetzt „Tu so lange, als ob, bis du es geschafft hast“. Diese Spielwiese zwischen Sein und Schein ist der fruchtbare Nährboden für Social Media.
Ich hatte einfach diese Idee davon, im Bus zu sitzen, von niemandem erkannt zu werden und zu lauschen, wie Leute über mich reden.
Sido
Und Cro hat sich seinen ganz eigenen Reim darauf gemacht. Im Video zu „Unendlichkeit“ stürzt er aus einem Fenster, das aussieht wie ein Instagram-Post, er fällt an einem Feed von Fotos entlang ins Leere. Cro spricht aus, was sich andere nur denken: „Viele Leute auf Instagram sind fake.“ Die Villa, das Boot, der Urlaub und die Partys, alles nur getrickst.
Cro ist ein Phänomen. In einer Zeit, in der es so viele Bilder gibt wie noch nie, ist er ein Star geworden, weil er sein Gesicht eben nicht herzeigt, weil er das Spiel nicht mitspielt und stattdessen lieber Dinge postet, die ihm wichtig sind und die ihn inspirieren. Natürlich kündigt er auch neues Material an oder Konzerttermine. Seine Maske gibt ihm dennoch eine Freiheit, sich auszudrücken, die außergewöhnlich ist. Und Cro scheint einen gesunden Umgang mit modernen Kommunikationsplattformen zu haben. Er verteufelt sie nicht, Verbote oder strikte Auszeiten vom Smartphone machen das Leben nur unentspannt, sagt er. Aber wenn etwas Spannendes passiert, lässt er das Handy links liegen.
Wenn du eine Maske aufsetzt, verlässt du deine eigene Zeit, und du lässt die Welt hinter dir, in der man sich über Aufrichtigkeit lustig macht, du bewegst dich in eine Welt von Superhelden, wo Sailor Moon und Spider-Man, die vollkommenen modernen Role Models, zu finden sind.
Pussy Riot
Von Batman bis Spider-Man – auch Superhelden tragen Masken. Zum Schutz ihrer wahren Identität. Das findet auch Cro super. „Ich laufe durch die Straßen und werde null erkannt, einmal im Monat vielleicht. Das ist gut für meinen Charakter. Hätte ich die Maske nicht, wäre ich, glaube ich, anders zu fremden Menschen. Dann hätte ich wahrscheinlich Starallüren. Wenn ich den Schutzschild Maske nicht hätte, brauchte ich den Schutzschild des Arschlochseins.“ Allerdings existieren diese zwei Welten nicht ohne Konflikte, bei Superhelden nicht und auch nicht bei Cro.
Im Video zu „Baum“ fährt er einen weißen Lotus Esprit, wie ihn einst auch James Bond gefahren hat. Plötzlich steht sein Alter Ego vor ihm. Carlo und Cro auf Kollisionskurs. Im Video finden Fiktion und Traum, virtuelle Realität und das echte Leben mit atemberaubenden Bildern zueinander. „Easy“ ist schon lange her. Das hier ist große Kunst. Und gleichzeitig ist es tru.
Livekonzert-Spezialist Cro ist Headliner beim Red Bull & Ö3 Konzertspektakel am 19. 10.
Das alles entscheidende Voting ist beendet – Cro & Co. kommen nach Hard!
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