Seit Anfang 2009 arbeitet Wolfgang Illek bei Wings for Life.
© Philipp Horak

Wolfgang Illek: Abenteuer Alltag

Wolfgang Illek, 39, ist Tetraplegiker. Bedeutet: Seit einem Radunfall vor 17 Jahren ist er vom Hals abwärts gelähmt. Davon lässt er sich aber nicht unterkriegen. Wie sein Tagesablauf aussieht? So!
Autor: Werner Jessner
4 min readPublished on
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6.00 Uhr

Mein Handy weckt mich. Gleich wird mein Assistent vor der Tür stehen – ich öffne sie über eine App. Ich brauche fremde Hilfe, um aus dem Bett zu kommen. Joe und Flo, das sind die beiden, die mich betreuen, kennen die richtigen Griffe, um meine 80 Kilo auch für sie möglichst rückenschonend zur Morgentoilette zu hieven.
Via App auf einem modifizierten Handy öffnet Wolfi z.B. die Haustür.

Via App auf einem modifizierten Handy öffnet Wolfi z.B. die Haustür.

© Philipp Horak

7.00 Uhr

Die produktivste Stunde des Tages: In meinem Fitnessraum bewege ich meinen Körper mit eigens auf Quer­schnittsgelähmte abgestimmten Maschinen, um beweglich zu bleiben und auch um die Verdauung anzuregen. Danach schnallt mich mein Assistent auf ein Stehbrett und fixiert mich bei Knien, Hüfte und Brust. So mache ich mein Stehtraining. Das halte ich bis zu vierzig Minuten durch – für meinen Kreislauf eine echte Herausforderung – und nutze die Zeit, um parallel am Laptop zu arbeiten.

8.00 Uhr

Inzwischen sind auch meine Frau Lena und meine Tochter Marie auf den Beinen und bereiten das Frühstück zu. Ich trinke aus einem Strohhalm, weil ich mit mei­nen Händen keine Tasse zum Mund füh­ren kann. Auch ein Brot zu streichen ist mir unmöglich. Diese alltäglichen Hand­griffe vermisse ich sehr. Aber meine drei­jährige Tochter ist mir bereits eine große Hilfe. Heute zum Beispiel hat sie ein We­ckerl mit gleich drei Lagen Käse für mich umwickelt.
Ziel des Stehtrainings: u.a. eine Verkürzung der Muskeln vermeiden

Ziel des Stehtrainings: u.a. eine Verkürzung der Muskeln vermeiden

© Philipp Horak

Meine dreijährige Tochter ist mir eine große Hilfe: Heute hat sie ein Weckerl für mich gemacht.
Wolfgang Illek über seine Unterstützer im Alltag

8.30 Uhr

Termin in Salzburg. Zwei Stunden, zehn Minuten mit dem Auto. Ich lenke meinen umgebauten VW-Bus mit der Linken mit einem Dreizack am Lenkrad, mit der Rechten gebe ich Gas und bremse. Hebel zurück heißt beschleunigen, Hebel nach vorn bremsen. Automatikgetriebe. Funktioniert super, sogar meinen Anhänger-Führerschein durfte ich behalten. Ich starte das Auto via Touchscreen, blinken muss ich mit dem Kopf über Taster an der Kopfstütze. Mein Betreuer sitzt am Beifahrersitz. Über 300.000 unfallfreie Kilometer habe ich so bereits absolviert.
Mit seinem umgebauten VW-Bus fährt Wolfgang Illek ins Wings for Life Büro.

Mit seinem umgebauten VW-Bus fährt Wolfgang Illek ins Wings for Life Büro.

© Philipp Horak

12.00 Uhr

Geschäftsessen. Mein Assistent schiebt mich durch die City ins Lokal. Kopfsteinpflaster ist mühsam, weil ich den Rollstuhl nicht mit den Fingern greifend antreiben kann, sondern bloß mit der Reibung der Handschuhe. Bei der Wahl des Essens muss ich darauf achten, dass es mundgerecht serviert wird, damit ich die Stücke mit der Gabel, die ich zwischen Handfläche und Handschuh einklemme, aufspießen kann.
Ich fahre mit einem umgebauten VW-Bus. Blinken muss ich mit dem Kopf.
Wolfgang Illek erklärt, wie er sogar ohne fremde Hilfe Auto fahren kann.

14.00 Uhr

Computerarbeit im Büro: Mit der linken Hand bediene ich eine Maus, die auf dem Kopf steht. So kann ich die Taste mit dem kleinen Fingerknöchel bedienen – muss aber umdenken, weil die Mausbewegungen spiegelverkehrt sind. Mit meiner Rechten bediene ich den Track­ball, dessen vier Tasten mit Kurzbefehlen belegt sind. Der Rest: Sprachsteuerung, Nachbessern von Rechtschreibfehlern.

18.00 Uhr

Ich halte einen Vortrag über die Heraus­forderungen Querschnittsgelähmter. Meine Rumpfmuskulatur endet beim Schlüsselbein, das bedeutet, dass ich rein übers Zwerchfell atmen muss. Anstren­gend! Wenn ich beim Sprechen darauf nicht aufpasse, wird mir schwindlig.
Mit einem hydraulischen Lift kann Wolfgang im Rollstuhl auf Fahrerposition.

Mit einem hydraulischen Lift kann Wolfgang im Rollstuhl auf Fahrerposition.

© Philipp Horak

21.00 Uhr

Bei Abendterminen wäge ich immer ab: Nach Hause fahren oder ein Zimmer vor Ort nehmen? Das Problem ist die Haut. Druckstellen können zu langwierigen Komplikationen führen. Außerdem habe ich einen Dauerkatheter. Selbst wenn ich in einen Stau geraten sollte, muss ich den Weg nach Hause schaffen. Meine Lieben schlafen bereits. Der Assistent hilft mir, mich möglichst leise ins Bett zu begeben. Gute Nacht!
Familienbande: Die dreijährige Marie unterstützt ihren Papa, wo sie kann.

Familienbande: Die dreijährige Marie unterstützt ihren Papa, wo sie kann.

© Philipp Horak

Unser Weg zur Heilung

Wie Wings for Life hilft, wo die Stiftung ansetzt und was mit deiner Spende passiert.
  • Die Situation: Millionen Menschen weltweit sind nach einer Verletzung des Rückenmarks auf den Rollstuhl angewiesen. Alljährlich wird mindestens 250.000 Mal die fatale Diagnose Querschnittslähmung gestellt.
  • Unsere Mission: Die gemeinnützige Stiftung will Querschnittslähmung heilbar machen. Dafür fördert Wings for Life weltweit aussichts­reiche Forschungsprojekte.
  • So machen wir es:Seit ihrer Gründung 2004 hat die Stiftung 239 (Stand: März 2021) Projekte geför­dert: von Grundlagenforschung (Labor­arbeit) bis hin zu klinischen Studien mit Querschnittspatienten.
  • Die Herausforderung: Eine Rückenmarksverletzung ist komplex: Millionen Nervenfasern werden zerstört und bilden sich zurück. Um das zu repa­rieren, muss man erst die Zelltrümmer entfernen, also die „Unfallstelle räumen“. Danach muss man die Nervenfasern dazu bewegen, wieder auszuwachsen und vor allem die richtige Verbindung zu finden.
  • Deine Hilfe: Je mehr Spenden Wings for Life bekommt, desto mehr Projekte können unterstützt werden. 100 Prozent der Wings for Life World Run Startgelder und Spenden gehen direkt in die Forschung. Das ist möglich, weil die Firma Red Bull sämtliche administrativen Kosten der Stiftung trägt.