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Uncharted 4: Mehr Evolution oder Revolution?
Schöner, grösser, offener, taktischer: Ist Uncharted 4 die erhoffte spielerische Revolution?
Erinnert ihr euch noch an die Roger Moores und Pierce Brosnans dieser Welt? James Bonds, deren Gesichter härter waren als Titan. Völlig egal, ob sich ihr gepanzertes Auto überschlug, ihre Wangen von den Schlägen des Feindes malträtiert oder ihnen ein halber unterirdischer Bunker um die Ohren flog, die Frisur hielt, die Wange auch. Keine Delle, kein Anschwellen, immer nur ein Cut an der Oberlippe. So war auch Nathan Drake. Er blutete zwar und verletzte sich in den Zwischenszenen in Uncharted 1 – 3, doch im klassischen Nahkampf Mann gegen Mann konnte kein Faustschlag ihm je etwas ausmachen. Das ändert sich jetzt in Uncharted 4: Wenn seine Gegenspielerin Nadine Ross, ehemalige Berufskillerin und mittlerweile CEO eines Söldnerkonzerns, ihm ihre harte Rechte reindrückt, dann bildet sich auf seinen Schläfen ein langgezogener Cut und sein Auge wird erst knallrot, läuft später blau an. Trifft die drahtige Schwarzhaarige seine Lippen, bildet sich dort ein Riss, weil Nadine einen scharfkantigen Saphirring trägt. Doch nicht nur visuell und inszenatorisch verändert sich Uncharted 4 gegenüber seinem direkten Vorgänger, auch spielerisch eröffnet euch Naughty Dog sehr viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten.
Der Faustkampf: Härter, taktischer und dynamischer
Ihr erinnert euch vielleicht noch an die Kneipenschlägerei im Pelican Inn, einem verruchten Pub in London. Nathan und Sully trafen sich im Intro von Uncharted 3 im Obergeschoss mit Talbot, einem schmierigen Anzugträger und der rechten Hand von Hauptantagonistin Katherine Marlowe, um den Ring von Sir Francis Drake zu verkaufen. Doch das Geld war gefälscht, der Deal platzte, Talbots Schläger umzingelten Sully und unseren Lieblings-Abenteurer. Die Keilerei fühlte sich gut an, wirkte aber sehr geführt. Das Spiel gab euch regelrecht vor, welche Taste ihr in welcher Sekunde drücken solltet, spielerische Freiheit sieht anders aus. Uncharted 4 spielt sich da schon deutlich befreiter, die Reise geht in Richtung The Last of Us. Ihr müsst auf eure Beinarbeit achten, Schlägen ausweichen oder blocken. Ihr könnt Angriffe in Konter verwandeln und die Umgebung stark einbeziehen. Ein Feature, das allerdings auch die künstliche Intelligenz zu nutzen vermag, Nadine drückt euch erst gegen die Tür, was euren Bewegungsspielraum einschränkt. Und kickt euch dann mit einem gekonnten Tritt gegen das Bücherregal in Nathans Hotelzimmer, woraufhin nicht nur die Werke großer italienischer Autoren aus dem Regal kippen, sondern auch Nathan selbst zusammenklappt.
Die Level: Größer und offener, aber so intensiv wie ein Uncharted sein muss
„Unsere Level sind bis zu zehn Mal größer als sonst“, erzählt Naughty Dogs Chefautor und Creative Director Neil Druckmann. „Für uns war es die große Frage, wie wir euch mehr spielerische Freiheiten bieten, aber gleichzeitig die Intensität und den Adrenalin-Pegel so hochhalten können, wie von der Serie gewohnt.“ Die Antwort fand Naughty Dog in einem signifikant erweiterten Bewegungsmuster seines Protagonisten. In Uncharted 4 wird Nathan wirklich zu Indiana Jones Junior, wenn ihr euch mit der Peitsche über einen reißenden Wasserfall schwingt, im richtigen Moment loslasst und aus der Luft eure Faust auf den nächsten Soldaten von Nadines Armee herabsausen lasst, der euch gerade mit seiner Kalashnikov durchlöchern will. Der Charme von Uncharted 4 liegt sicherlich auch in seinem Widerspielwert: Ihr könnt euch durchs dichte Gras schleichen, an Mauern drücken, an Gegnern vorbeipirschen oder das offene Gefecht suchen.
Es gibt keinen Leerlauf, dennoch wirkt das Spiel nicht überhastet. „Ihr müsst ja immer noch von Punkt A nach B gelangen, es gibt nur eben drei oder vier Möglichkeiten die einzelnen Teilstrecken zu erreichen“, erklärt Art Director Roph Ruppel im sehr sehenswerten Making-of-Trailer, „aber jeder Weg muss Spaß machen, Spannung und Herausforderungen bieten.“ Schwierig für die Entwickler, weil sie euch bei einer Verfolgungsjagd in einem Jeep nicht einfach durch einen spielbaren Hollywood-Film durchjagen können, sondern ihr selbst entscheidet, wo ihr abbiegt. Und während ihr so schießt und ballert, schaut euch ruhig ein bisschen öfter um, denn wenn wir Art Director Roph zitieren dürfen, „gehört es zur Naughy-Dog-DNA jedes Objekt mit der Hand zu designen und zu platzieren.“
Die Technik: Brauchen wir überhaupt noch einen Uncharted-Film?
Ohnehin werdet ihr oft staunend stehen bleiben, ob der Schönheit dieses Spiels. Es gab schon in Uncharted 3 Szenen, in denen wir uns fragten, ob das wirklich noch ein Videospiel oder schon ein Hollywood-Film ist. Uncharted 4 treibt diese Frage auf die Spitze, denn nicht nur haben wir mit Nolan North (Nathan), Troy Baker (Sam) und Emily Rose (Elena) einen Cast, der sich qualitativ nicht vor Robert Downey Jr., Chris Evans und Scarlett Johansson verstecken muss, sondern auch eine Detailtiefe, die am Fotorealismus nagt. „Der Level an Detail, den wir auf der Playstation 4 technisch erreichen können, erfordert sehr viel mehr Zeit und Arbeit als noch bei Uncharted 3“, erörtert Roph, der als künstlerischer Leiter verantwortlich ist für die Gesamtkomposition dieses virtuellen Kunstwerks. „Wir fragen uns und berechnen für das Spiel, wie nass der Schlamm ist und wie hoch er spritzt, wenn Nathan reintritt. Wie er das Gewebe seiner Hose beeinflusst, wie Regen sein Shirt durchnäss und wie sich seine Haare krauseln, wenn sie wieder trocknen.“ War Uncharted 3 noch eine recht saubere Angelegenheit, könnt ihr in Uncharted 4 einen matschigen Hügel runterrutschen um den Gegner zu überraschen und saut euch so richtig herrlich ein. Auch wie sich die Sonne in der Retina seiner Protagonisten spiegelt, wie ihr Kehlkopf beim Schreien hervorsticht und wie emotional sich einige Schauspielszenen anfühlen, beantwortet eigentlich die Frage nach einem Uncharted-Film ohne die Originaldarsteller.





