Da konnte ich es noch weniger glauben
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MTB

Vali Höll Blog: Ich bin Downhill Weltmeisterin 2022!

...und kann es immer noch nicht glauben 😅
Autor: Vali Höll
5 min readveröffentlicht am
Wo soll ich anfangen? Ich bin immer noch so gestoked und auch ein bisschen durcheinander, dass ich gar nicht so recht weiß, wie das alles passieren konnte!
Die World Champs-Woche hat eigentlich sehr entspannt angefangen. Ich hab meinen Team-Kollegen Tegan am Weg nach Les Gets vom Flughafen in Zürich abgeholt und wir waren bei Camille Balanche auf Besuch. Es ist einfach nett wenn man im Welt-Cup-Zirkus Freunde hat und Cami ist im letzten Jahr definitiv eine Freundin geworden. 😊
Angekommen in Les Gets sind wir dort gleich am nächsten Tag die berühmt berüchtigten (nicht ganz legalen) Steep-Tracks gefahren. Das sind extrem steile, eigentlich fast nur geradeaus verlaufende Freeride-Trails bei denen man so gut wie keine Kontrolle mehr über sein Bike hat. Es war extrem lustig und gnarly – ein Riesenspaß sozusagen. Das brauchts unbedingt vor so einem Rennen, das macht den Kopf ein bisschen frei. Es war wirklich ein cooler Radltag ganz ohne Druck, einfach mit Freunden ballern gehen! Am nächsten Tag ist dann eh schon Matt gekommen und ich musste Intervalle pedalieren gehen.
Weltmeisterschaften sind generell sehr speziell, nicht nur der ganze Druck sondern auch weil man einmal alles neu bekommt: Neues Bike mit neuen Komponenten und Suspension. Klar ist man total gespannt wie das Rad ausschaut, denn man bekommt meistens auch einen speziell für die Worlds lackierten und personalisierten Rahmen. Mein Trek wurde heuer in einem superschicken Metallik-Rot mit meinem Namen drauf gemacht. Unsere Race-Kits kamen dafür echt Last-Minute. Kurz vor der Quali waren sie dann aber da - auch sehr schick, in komplett weiß und pinken Flammen auf den Ärmeln. Optisch konnte also für die Qualifikation schon nichts mehr schief gehen. Ich hatte letztes Jahr beim Weltcup in Les Gets aber doch einige Probleme mit dem Racetrack. Ich bin ja im Rennen in der letzten Kurve gestürzt und hab eine Gehirnerschütterung gehabt. Darum waren meine Erinnerungen auch nicht die schönsten, aber ich hab mir gedacht neues Jahr neues Glück – vor allem weil es mir im Training sehr gut gegangen ist. Ich hab mir mit meiner Trainerin Cécile Ravanel die Strecke extrem gut angeschaut und bin auch so gut wie jede mögliche Line mindestens zweimal gefahren. Das Problem war nur, dass ich mich nicht auf jeder Linie gut gefühlt habe und auch nicht sicher war, ob es die schnellste ist - im Timed Training hat es auch keinen wirklichen Unterschied gemacht.
Ich hab mich dann aber in meinem Quali-Run echt gut gefühlt und fand mich selber auch verhältnismäßig schnell. Als ich dann aber durchs Ziel gefahren bin und gesehen hab, dass ich siebeneinhalb Sekunden hinter Myriam Nicole und auf Platz vier gelandet bin, war das schon so ein "Aha-Moment" und ich hab mir echt gedacht, warum ich nicht schneller war. Ehrlich gesagt hat mich das ein bisschen genervt und fertig gemacht.
Bei den Weltmeisterschaften hat man dann aber immer noch einen Trainingstag zwischen Quali- und Renntag und ich hab versucht, so viele Runs wie möglich zu machen. Es hat dann zu Regnen angefangen und meine Trainerin Cécile hat gemeint, dass ich aufhören kann. Aber ich wollte noch eine Fahrt machen und da hats mich dann gut zerlegt. Klassischer Rookie-Fehler: Obwohl es nass ist, keinen Speed rauszunehmen! Ich bin in einer Wurzelsektion echt brutal und sinnlos aufgegangen und bin mit meinem Steißbein auf einer Wurzel eingeschlagen - ein klassischer, sinnloser Vali-Moment! Es war aber mein erstes Crash an dem Wochenende und ich hab mir gedacht "was solls!" Klar ist es nicht cool, wenn einem sein ganzer Körper weh tut, aber es macht einen selbst ein bisschen aufmerksamer. Generell war die Woche für mich ein bisschen schräg. Ich war so gut wie nicht nervös - ich weiß aber, dass zu gechillt auch nicht das perfekte Mindset für mich ist. Am besten fühl ich mich, wenn ich eine Mischung aus "genervt und fokussiert" hab. Dann bin ich dort, wo ich sein soll. Die zwei nicht guten Trainingsruns am Race-Tag waren dann gut für meine Einstellung am Start. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, dass ich mit einem dritten Platz zufrieden wäre. Das hatte ich noch nie.
... gefühlt hab ich mich schnell in der Quali
... gefühlt hab ich mich schnell in der Quali
Mein Team-Kollege Jamie hat mir dann aber ein Video von mir gezeigt, dass ich in Mont Sainte-Anne auf seinem Handy an mich selber aufgenommen hab. In dem sag ich mir selber, dass ich mich nicht stressen soll, alles ruhig mehr genießen darf und eh alles so kommt, wie es kommen muss! Ich musste dann fast ein bisschen weinen. An solche Dinge denk ich normal nie in den wichtigen Momente!
Ich bin dann mit Matt rauf zum Start und hab mich aufgewärmt und eigentlich hat sich in meinem Kopf erst zehn Sekunden vor dem Start der Schalter umgelegt und auf einmal konnte ich biken wie ich sonst auch bike. Alles lief gut und ich bin gefühlt auch ganz gut gefahren und war mich sicher, dass ich Dritte geworden bin. Als ich dann aber im Ziel auf die Anzeigetafel geschaut hab und gesehen hab, dass ich vor Myriam führe konnte ich es gar nicht mehr glauben. Am Start war dann nur noch Cami, von der wir alle wissen, dass sie zaubern kann. Es wäre einfach zu arg gewesen, wenn sie zwei Wochen nach ihrer Schlüsselbein-OP gewinnen würde. Aber meine Zeit war auch nachdem sie im Ziel war immer noch die schnellste und auf einmal war ich - die kleine Vali - Weltmeisterin!
Gerade jetzt bin ich schon in Val die Sole für den letzten Weltcup-Stopp, bin vorher meine Intervalle gefahren und schreib grad die Zeilen und pack es immer noch nicht, dass ich Weltmeisterin bin! 😍 🌈
Danke an alle die mit mir mitgefiebert haben – da waren sicher viele Good-Vibes mit im Spiel! Ich freu mich auf meinen letzten Weltcup-Stopp diese Saison! Bis bald, eure Vali