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Vlad Dascălu im Interview: Das ist sein Weg in die MTB-Elite

© Olaf Pignataro/Red Bull Content Pool
Nachdem er die U23 dominierte, steht dem rumänischen XCO-Fahrer in der World Cup-Elite eine glorreiche Zukunft bevor. Hier erfährst du alles über Dascălu und seine Geschichte als Pro-Athlet.
Autor: Andreea Vasileveröffentlicht am
Wer im Cross-Country-Mountainbike-Racing (XCO) immer wieder ein Auge auf die Zukunft wirft, der kommt an Vlad Dascălu nicht vorbei. Er ist das nächste große Talent, der alle Möglichkeiten mitbringt, die Disziplin in den kommen Jahren zu dominieren.
Diese Einschätzung ist nicht ohne Grundlage getroffen. Dascălu gelang es, in der U23 beeindruckende Erfolge einzufahren. 2017, dem ersten Jahr im World Cup-Racing, stand er regelmäßig am Podium - und das mit nur 19 Jahren. Der erste Sieg ließ da nicht lange auf sich warten: 2018 war es in Nové Město dann soweit, gefolgt von einem fabelhaften Jahr 2019, wo er vier Siege in Folge einfuhr und sich damit den U23-World Cup-Titel sicherte.
Das war aber längst nicht alles: Am Ende machte er eine großartige Saison mit dem U23 Weltmeistertitel in Monte-Sainte-Anne noch perfekt, die nun auch unmittelbare Auswirkungen auf seine persönliche Zukunft aber auch auf sein Land Rumänien hat. Mit seiner Leistung qualifizierte er sich für die kommenden Olympischen Spiele - ein stolzer Moment für sich, seine Familie und seine Heimat.
Vlad Dascălu ist XCO-Welt- und Europameister in der U23-Klasse.
Vlad Dascălu ist XCO-Welt- und Europameister in der U23-Klasse.
Alle Augen sind nun auf den in Spanien lebenden Rider gerichtet, der sich in der kommenden Saison mit den Giganten Nino Schurter, Mathieu Van der Poel und Henrique Avancini messen wird. Eine Frage stellt sich aber unweigerlich: Wie gelang es einem Athleten, der erst vor sechs Jahren mit dem Mountainbiken begonnen hat, in so kurzer Zeit so einzuschlagen? Im Interview unten findest du es heraus.
Du stammst aus Rumänien, hast aber die meiste Zeit deines Lebens in Spanien gelebt. Wie ist es dazu gekommen?
Als ich neun Jahre alt war, habe ich Rumänien mit meiner Familie verlassen. Wie die meisten begaben wir uns auf die Suche nach einem besseren Leben und einer besseren Zukunft. Weder meine Schwester Marta, die damals 12 war, noch ich wussten, wie man Spanisch spricht. Zunächst fiel es uns schwer, dort Fuß zu fassen. Langsam lernten wir aber mehr über das spanische Leben, was sich von dem in Rumänien sehr unterschied. In unserer alten Heimat lebten wir in Wohnblöcken und hatten nicht so viel Freiheit.
Nach unserem Umzug kannte ich keinen und es dauerte eine Weile, bis sich Freundschaften entwickelten und ich die Sprache beherrschte. Es ist schon so lange her, dass ich mir ein anderes Leben gar nicht vorstellen kann. Wir leben im Norden Spaniens, in einer Stadt namens Entrena, die zur Provinz La Rioja gehört. Das Spannende daran ist, dass "Entrena" übersetzt Zug bedeutet. Wir waren dazu bestimmt, dort zu landen.
In Rumänien gemacht, in Spanien geformt...
In Rumänien gemacht, in Spanien geformt...
Welche Rolle spielte der Sport in den ersten spanischen Jahren?
In dieser Zeit hatte der Sport keinen wirklich großen Stellenwert. Ich begann damit, Fußball zu spielen, wie die meisten Jungs. Das Mountainbike habe ich erst später in meinen Teenager-Jahren kennengelernt. Mit anderen einen Sport auszuüben gestaltete sich aufgrund der sprachlichen Barriere schwierig.
Wann hat dich die Mountainbike-Euphorie gepackt?
Das erste Bike bekam ich, als wir nach Spanien zogen. Ich mochte es wie jedes Kind, in unserer Umgebung herumzufahren und Sprünge zu wagen. Um 2012 herum erkundete ich die Welt des Fahrrads etwas ausgiebiger. Eines Tages traf ich mich mit zwei Freunden, Marco und Victor, um einen Downhill-Trail zu fahren. Mein Bike war dafür nicht unbedingt gemacht, aber ich versuchte es und mir machte es Spaß. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich mit diesem Bike den Trail runtergerast bin, dann stellt es mir die Nackenhaare auf.
Dascălu begann mit dem Downhill-Riding.
Dascălu begann mit dem Downhill-Riding.
Wie lief deine Entwicklung ab? Entwickelten sich deine Ambitionen, Rennen zu fahren, ganz organisch?
Im Jahr 2014 bin ich auf dem Bike eines Freundes ein Cross-Country-Event gefahren. Ich wurde Zweiter. Das war ein wichtiger Moment für mich. Ich habe nie für ein Rennen trainiert und plötzlich stehe ich zum ersten Mal auf einem Podium - Das war unglaublich. 2015 stieg ich dann so richtig ein, ich bereitete mich für mehr Cross-Country-Rennen vor. Downhill stellte ich hintan. Es war das Jahr, als ich und andere mein Potential erkannten, dass ich etwas in diesem Sport erreichen könnte.
Ich wurde ausgewählt, um bei der Europameisterschaft 2015 in Italien in der XCO-Junioren-Kategorie anzutreten. Es war das erste Mal, dass ich Spanien verließ, um im Ausland zu fahren. Ich überquerte die Ziellinie als Sechster. Nach diesem Rennen wusste ich, dass ich, wenn ich diesen Sport weiterhin verfolge und gut trainiere, erfolgreich sein kann.
Für Rumänien zu fahren, macht Dascălu stolz.
Für Rumänien zu fahren, macht Dascălu stolz.
Damit war der erste Meilenstein erreicht und du wurdest zum Profi-Athleten. Erzähl uns von deiner Reise an diesen Punkt. Wie hat alles seinen Lauf gefunden?
Zunächst verlief das Ganze nicht so toll. Gesundheitliche Probleme bestimmten meine Performances im Jahr 2016. Nichtsdestotrotz gewann ich meinen ersten rumänischen Nationaltitel in der U23. Mit Beginn des Jahres 2017 unterschrieb ich bei Dinamo-BikeXpert Racing, meinem ersten rumänischen Profi-Team. Danach wechselte ich zum spanischen Brujula Bike Racing Team. Seit Jänner 2020 bin ich für Trek-Pirelli aus Italien auf der Strecke. Dieser Start war wichtig, da ich nun zu den Elite-Athleten gehöre. Das ist ein großer Schritt und mich erwarten unzählige Veränderungen.
Dascălu glaubt daran, dass sich harte Arbeit bezahlt macht.
Dascălu glaubt daran, dass sich harte Arbeit bezahlt macht.
Gibt es irgendetwas, das du rückblickend auf deinen gewählten Weg ändern würdest?
Als ich mit 15 Jahren ernsthaft mit dem Mountainbiking begann, wusste ich, dass ich all meine Leidenschaft in diesen Sport stecken möchte. Ich wollte jeden einzelnen Tag auf dem Bike verbringen und die Opfer bringen, um bei den ganz Großen mitzumischen. Ich konnte deshalb nicht mit Freunden losziehen - ich musste auf vieles verzichten, was Jungs in meinem damaligen Alter jeden Tag machten. Ich wollte die besten Ergebnisse einfahren und musste für dieses Ziel trainieren.
Aber ich bedauere nichts. Ich blicke zurück und sehe, was mir diese Opfer letztendlich gebracht habe und ich weiß, dass sie es alle wert waren. Es erwarten mich auch in Zukunft noch einige Einbußen, um der beste Athlet zu werden, der ich werden kann. Ich liebe es, mein Bike zu fahren und die Workouts zu absolvieren, die mir mein Coach gibt. Ich liebe es an allen Aspekten dieses "Athlet-Seins" zu arbeiten - und damit meine ich nicht nur die physischen. Seit Anfang 2019 arbeite ich mit einem Psychologen zusammen, das hat mir dabei geholfen, ein noch besserer Athlet zu werden.
Aber ich bedauere nichts. Ich blicke zurück und sehe, was mir diese Opfer letztendlich gebracht habe und ich weiß, dass sie es alle wert waren.
Vlad Dascălu poses for a portrait during a photoshoot in Barcelona, Spain, on July 1, 2020.
Vlad Dascălu
Mountainbike Cross Country
Inwiefern hat dir die Arbeit mit dem Psychologen geholfen?
Mein Personal-Trainer und Coach Paulo de la Fuente erzählte mir von dieser Möglichkeit, mit einem Sport-Psychologen zu sprechen, um die Dinge besser anzugehen. In manchen Rennen habe ich gelernt, flexibler zu werden. Selbst wenn du gut trainierst und du alles für ein Rennen getan hast, könnte es, sobald es ernst wird, zu Situationen kommen, die du nicht kontrollieren kannst. Du musst wissen, wie du negative Gefühle kontrollierst und in der Lage sein, dich auf das Rennen zu konzentrieren - auch wenn die Dinge nicht zu deinem Gunsten stehen.
Ist deine Familie stolz auf deine Erfolge?
Sie sind glücklich für mich und für alles, was ich erreicht habe. Zu Beginn betrachteten meine Eltern diesen Sport nicht wirklich als Job, von dem ich leben konnte. Sie bestanden immer auf eine gute Ausbildung. Ich aber wusste, dass ich alles dafür tun musste, wenn ich ein Bike-Athlet werden wollte. Ich führte einige Diskussionen mit meinen Eltern darüber. Jetzt, wo sie sehen, dass man davon durchaus leben kann, und dass ich in dem, was ich tue, gut bin, sind sie zufrieden mit der Situation.
Vlad Dascălu will an die Spitze...
Vlad Dascălu will an die Spitze...
Dein Weltmeisterschaftstitel bedeutet, dass sich Rumänien für einen Antritt im XCO bei den Olympischen Spielen qualifiziert. Was bedeutet das für dich?
Es ist der Traum eines jeden Athleten, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Es wird außergewöhnlich werden! Ich werde mich gut vorbereiten und alles geben, so bereit zu sein wie möglich! Diese Teilnahme wird zu einem der wichtigsten Momente in meiner Karriere.
Erzähle uns abschließend davon, wo du dich in den kommenden Jahren siehst...
Zunächst habe ich in diesem Sport noch einiges zu lernen, ganz besonders jetzt, wo ich zur Elite gehöre. Ich muss als Athlet wachsen. Ich weiß, welche Schritte notwendig sind, um an die Spitze zu kommen - und genau das werde ich auch umsetzen!