Inspiriert von Flughörnchen verwandelt der moderne Wingsuit einen Fallschirmspringer in einen menschlichen Gleiter. Wie ermöglichen ein paar Quadratmeter Stoff einen kontrollierten Flug?
Das Wingsuit-Fliegen ist eine der extremsten Formen des menschlichen Fliegens. Durch das Tragen eines speziell entwickelten Anzugs, der sich zwischen Armen und Beinen spannt und ihm den Spitznamen „Squirrel Suit“ einbringt, können Piloten einen vertikalen freien Fall in einen kontrollierten Gleitflug durch die Lüfte mit Geschwindigkeiten von mehr als 250 km/h verwandeln.
Teils Fallschirmspringen, teils Flugakrobatik – dieser Sport ermöglicht es den Aerial-Athlet:innen, unzählige Kilometer actionreich durch die Luft zurückzulegen, bevor sie ihren Fallschirm öffnen.
Der Mont Blanc ist ein atemberaubender Ort für Wingsuit-Sprünge
Aber was genau ist ein Wingsuit, wie funktioniert er, wer hat ihn erfunden und warum können Menschen überhaupt wie Flughörnchen durch die Luft gleiten? Um das herauszufinden, hilft es, die Wissenschaft und das Design hinter dem Anzug zu verstehen.
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Wie funktioniert ein Wingsuit?
Sebastián Álvarez fliegt zu drei neuen Wingsuit-Flugrekorden
Ein Wingsuit ist ein speziell entwickelter Anzug, der beim Fallschirmspringen getragen wird und den vertikalen Fall in einen kontrollierten Gleitflug durch die Luft verwandelt. Er wird zusammen mit einem Fallschirm verwendet, der am Ende des Fluges zur Landung eingesetzt wird.
Der Anzug besteht aus robustem Material wie Nylon und hat drei flügelartige Teile: zwei zwischen den Armen und dem Körper und einen zwischen den Beinen. Wenn ein Pilot aus einem Flugzeug oder von einem Berg springt, strömt Luft in diese Teile und bläst sie auf, wodurch Form und Oberfläche entstehen.
8 Min
Sebastián Álvarez' Flug in einen Vulkan
Der Wingsuit-Pilot Sebastián Álvarez wagt sich in einen Vulkan in Chile. Die Geschichte dahinter erlebst du hier.
Während sich der/die Wingsuit-Pilot:in durch die Luft bewegt, wirkt der Anzug mit dem Luftstrom zusammen, um Auftrieb zu erzeugen und die Fallgeschwindigkeit zu verringern. Damit kann der/die Pilot:in zwar nicht wie ein Flugzeug nach oben fliegen, aber er kann sich vorwärts bewegen, während er allmählich absinkt.
Einfach ausgedrückt: Anstatt senkrecht nach unten zu fallen, lässt ein Wingsuit den Körper in einem kontrollierten Gleitflug durch die Luft vorwärtsbewegen. Erfahrene Wingsuit-Pilot:innen können pro Meter, den sie absinken, mehrere Meter vorwärtskommen.
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Was ist der Unterschied zwischen Wingsuit-Fliegen und Fallschirmspringen?
Der Hauptunterschied zwischen Wingsuit-Fliegen und Fallschirmspringen besteht darin, dass Wingsuit-Piloten nicht einfach nur fallen, sondern gleiten. Während man beim traditionellen Fallschirmspringen vor dem Öffnen des Fallschirms meist senkrecht nach unten fällt, ermöglicht ein Wingsuit dem/der Pilot:in, sich vorwärts durch die Luft zu bewegen, während er/sie langsam an Höhe verliert.
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Die Anfänge des Wingsuit-Fliegens
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Wingsuit-Flug in den Schweizer Alpen
Begleite die Red Bull Air Force auf ihrem Weg in die Schweiz, wo sie einige der atemberaubendsten Wingsuit-Flüge der Welt vorführen werden.
Die ersten Ideen zum Wingsuit-Fliegen reichen bis ins Jahr 1912 zurück, als der in Österreich geborene Schneider Franz Reichelt einen selbstgebauten, fallschirmähnlichen Anzug testete, indem er vom Eiffelturm sprang. Das Vorhaben war zwar nicht erfolgreich, markierte aber einen der ersten dokumentierten Versuche, einen menschlichen Gleitflug zu realisieren.
In den folgenden Jahrzehnten experimentierten andere Erfinder weiter mit frühen Wingsuit-Konstruktionen. In den 1930er Jahren entwickelten die amerikanischen Pioniere Rex G. Finney und Clem Sohn („The Bird Man“) Anzüge aus Segeltuch und Segelstoff. In den 1950er Jahren führte der französische Fallschirmspringer Léo Valentin starre Flügelkonstruktionen aus Holz ein, um die Gleitleistung zu verbessern. Diese frühen Versionen waren jedoch nach wie vor äußerst gefährlich und schwer zu steuern.
Ein großer Fortschritt gelang in den 1990er Jahren, als der französische Fallschirmspringer Patrick de Gayardon ein stabileres Design entwickelte, bei dem Stoffbänder zwischen Armen und Beinen zum Einsatz kamen. Dieser Ansatz ermöglichte einen kontrollierteren Vorwärtsgleitflug im freien Fall.
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Ein Wingsuit-Flug durch die Tower Bridge
Marco Fürst und Marco Waltenspiel sind die ersten Wingsuiters, die die Tower Bridge durchquert haben.
1999 stellten der Finne Jari Kuosma und der kroatische Designer Robert Pečnik den ersten serienmäßig hergestellten Wingsuit vor und machten den Sport damit zugänglicher. Sie trieben dessen Entwicklung weiter voran, indem sie ein Ausbilderprogramm ins Leben riefen.
Elite-Wingsuit-Piloten treffen sich, um ihre Technik zu verfeinern
Ein Wingsuit-Flug lässt sich in der Regel in vier Phasen unterteilen: Planung und Vorbereitung, der Sprung, der Flug und die Landung. Jede Phase erfordert präzise Kontrolle und sorgfältige Entscheidungen.
Die Planungsphase
Wingsuit-Pilot Sebastián Álvarez bereitet sich auf einen Flug vor
Die Vorbereitung ist die wichtigste Phase eines Wingsuit-Flugs. Wetterbedingungen, Windrichtung, Höhe und Gelände spielen eine entscheidende Rolle für Sicherheit und Leistung. Viele Pilot:innen planen ihren Flug vor dem Absprung bis ins Detail und legen dabei die Absprunghöhe, die Flugbahn, die horizontale Distanz und den genauen Zeitpunkt für das Auslösen des Fallschirms fest.
Der Sprung
3 Min
Flug neben den Pyramiden
Schau zu, wie Fred Fugen näher an die antiken Pyramiden von Gizeh fliegt als jeder Wingsuit-Pilot zuvor.
Es gibt zwei Hauptarten von Wingsuit-Sprüngen. Airborne-Sprünge finden aus Luftfahrzeugen wie Flugzeugen, Hubschraubern, Heißluftballons oder Gleitschirmen statt. BASE-Sprünge erfolgen von festen Standorten wie Gebäuden, Antennen, Brücken oder Klippen. Jede Art erfordert unterschiedliche Techniken und Erfahrungsstufen.
Der Sprung markiert den Übergang in den freien Fall. Egal, ob man aus einem Flugzeug oder von einem festen Punkt abspringt, muss der Pilot sofort seine Körperhaltung stabilisieren, um sicherzustellen, dass sich der Wingsuit richtig aufbläst und die Flugbahn von Anfang an kontrolliert wird.
Der Flug
Nach 20 Sekunden erreichte Peter Salzmann den Topspeed von 347 km/h
Während des Fluges vergrößert der Wingsuit die Körperoberfläche, erzeugt Auftrieb und verringert die Sinkgeschwindigkeit. Das ermöglicht eine Vorwärtsbewegung durch die Luft statt eines geraden Falls. Unter idealen Bedingungen können Pilot:innen pro Meter vertikalem Sinkflug etwa drei Meter horizontal zurücklegen. Um die Kontrolle zu behalten, sind ständige Anpassungen mit Armen, Beinen und der Körperhaltung erforderlich.
Die Landung
Ein Wingsuit kann nicht von selbst so stark abbremsen, dass er sicher landet. Bevor er den Boden erreicht, löst der/die Pilot:in einen Fallschirm aus und geht dann in einen kontrollierten Gleitflug über, um sicher in einem dafür vorgesehenen Bereich zu landen.
Das Wingsuit-Fliegen entwickelt sich weiterhin rasant weiter, und in den letzten Jahren wurden neue Rekorde in den Bereichen Geschwindigkeit, Distanz und Flugdauer aufgestellt.
Álvarez nutzte die Kraft eines Jetstreams, um diese Rekorde zu brechen
Auch Sportlerinnen haben in diesem Sport bedeutende Meilensteine gesetzt. Einer der bemerkenswertesten geht auf die britische Wingsuit-Pilotin Amber Forte zurück, die den Geschwindigkeitsrekord für Frauen im Wingsuit hält.
Rekord für die schnellste Kombination aus Geschwindigkeit, Distanz und Dauer: Erreicht von Sebastián Álvarez während eines Wingsuit-Flugs in großer Höhe, bei dem er über 50 km mit extremer Geschwindigkeit zurücklegte.
Längster Formationsflug über Gelände: Über dem Mont-Blanc-Massiv von Fred Fugen und sieben Wingsuit-Piloten absolviert, die in einer koordinierten Linie flogen.
Geschwindigkeitsrekord beim BASE-Sprung (347 km/h): Aufgestellt von Peter Salzmann bei einem Sprung aus 3.713 m Höhe mit einem speziell entwickelten Wingsuit.
Schnellste Wingsuit-Pilotin (283,7 km/h): Erreicht von Amber Forte beim FAI-Weltcup im Wingsuit-Fliegen in Nevada im Jahr 2017, womit sie den Geschwindigkeitsweltrekord für Frauen aufstellte.