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Dontnod: Indie-Studio mit hohen Ambitionen

Die Entwickler von Life Is Strange arbeiten an einem Vampirdrama mit großer spielerischer Freiheit.
Autor: Ulrich Wimmeroth
4 min readPublished on
Das hypermoderne Studio von Dontnod in Paris

Das hypermoderne Studio von Dontnod in Paris

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Zeitmanipulation, Erinnerungsdiebstahl und jetzt ein blutsaugendes Monster mit Moral: Die französische Softwareschmiede Dontnod setzt auf ungewöhnliche Themen und höchstmögliche Freiheit für den Spieler. Jede Entscheidung im Spiel hat auch unweigerlich eine Konsequenz. Und die lässt sich, wie auch im wirklichen Leben, nicht immer abschätzen und sorgt für oftmals unangenehme Überraschungen. Wir haben die Entwickler in Paris besucht und einen ersten Blick auf "Vampyr" geworfen. Einem Blutsauger-Abenteuer, das euch in die Rolle eines Vampirs wider Willen versetzt. Auch hier wird der Spieler angehalten selber zu agieren und nachzudenken, nicht einfach nur auf Spielvorgaben zu reagieren. Ein Prinzip, dass sich bei den bisherigen Produktionen des Studios bereits bewährt hat.
Remember Me (2013)

Remember Me (2013)

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Remember Me

Obschon Dontnod bereits 2008, unter anderem von ehemaligen Ubisoft-, Criterion- und Electronic Arts-Mitarbeitern, gegründet wurde, erschien erst 2013 das Debutspiel "Remember Me". Ein Actionabenteuer mit "Assassin's Creed" und "Mirror's Edge"-Anleihen, sowie einer Handlung, die stark an den Film "Total Recall" erinnert. Zur Story: Im Jahr 2084 ist es in Mode gekommen, seine Erinnerungen mittels eines Gehirnimplantats in die Cloud zu laden und mit anderen zu teilen. Keine besonders gute Idee, denn die Herstellerfirma Memorize verschafft sich damit einen Zugang zu den Gedanken der Menschen und übernimmt die Kontrolle über die, in Scheinwelten dahinvegetierenden, Einwohner von Neo-Paris. Jetzt ist es an der Heldin Nilin, den fiesen Konzernschergen das Handwerk zu legen. An der Oberfläche ein Actionspiel mit reichlich Prügeleinlagen, blitzt schon beim Erstling ein spieltechnischer Geniestreich im Hintergrund auf. Nilin hat die Fähigkeit die Gedanken von Menschen zu manipulieren und kann so falsche Erinnerungen in die Köpfe von Zielpersonen einpflanzen. Stück für Stück kann man die Gedankenwelt eintauchen, die Erinnerungen vor- und zurückspulen und an entscheidenden Stellen für die eigene Zwecke einfach ändern.
Life Is Strange (2015)

Life Is Strange (2015)

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Zwei Jahre später erscheint der interaktiven Mystery-Thriller " Life Is Strange" und wird auf Anhieb ein internationaler Erflog. Die Geschichte der jungen Studentin Max Caulfield, die über die Macht der Zeitmanipulation verfügt und einem dunklen Geheimnis in ihrer Heimatstadt auf der Spur ist, wird in einem eher ungewöhnlichen Serienformat veröffentlicht. Jeden Monat erscheint eine Episode, die den Spieler nicht nur vor schwerwiegende Entscheidungen stellt, sondern auch immer mit einem fiesen Cliffhanger endet. Die Besonderheit: Zwar kann Max in brenzligen Situationen die Zeit ein Stück zurückdrehen und Dinge somit ungeschehen machen, aber jede Handlung hat eine nicht vorhersehbare Auswirkung auf die Zukunft. Es bleibt also immer ein Gefühl der Unsicherheit, ob man sich auch wirklich auf dem richtigen Weg befindet. Die Wendungen der Geschichte sind absolut nicht vorhersehbar und das macht den besonderen Reiz des Spiels aus.
Vampyr (2017)

Vampyr (2017)

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Während unseres Besuchs in den ultramodernen und stylischen Räumen von Dontnod, wurde bereits fleißig an dem Folgetitel "Vampyr" gearbeitet. Das Action-Rollenspiel mit Tiefgang, spielt in dem noch unverbrauchten Setting der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Genau gesagt: In London des Jahres 1918. Kurz nach dem Ende des schrecklichen Krieges und mitten im katastrophalen Ausbruch der Spanischen Grippe, die Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Jonathan Reed, ein Chirurg und Spezialist für Bluttransfusionen, wird unter mysteriösen Umständen in einen Vampir verwandelt und muss herausfinden wer ihm das angetan hat, bevor er seinen letzten kläglichen Rest an Menschlichkeit verliert.
Das extrem düstere Szenario von Gewalt, Armut und Krankheit bildet das ideale Umfeld für die ebenso düstere Geschichte. Reed streift nachts durch die nebligen Straßen und trifft auf seiner Suche nach dem Schuldigen auf menschliche und nicht menschliche Monster. Zum einen ein Action-RPG, bei dem der Spieler mit einem ganzen Arsenal aus Feuerwaffen, Messern und Holzpflöcken gegen Höllenbrutantritt. Zum anderen ein Drama, um das Dilemma anderen Menschen das Leben nehmen zu müssen, um selber überleben zu können.
Denn, auch wenn es Reed zuwider ist, er braucht das Blut um stärker zu werden und wichtige Vampirfähigkeiten, beispielsweise das Teleportieren durch Schatten, zu meistern. Aber jeder Mensch, dem er den Lebenssaft raubt, hatte vorher ein Eigenleben im Spiel. Tötet er diesen, ändert sich der Verlauf der Geschichte, weil ein Teil der Gemeinschaft jetzt fehlt. Alles was der Spieler auch macht (oder unterlässt), wird weitreichende Auswirkungen auf die Handlung haben.
Im Gespräch mit den Entwicklern wird deutlich: Die Franzosen werden den Spieler nicht schonen und immer wieder Entscheidungen verlangen, die den eigenen Moralvorstellungen widersprechen. Alternativen vorgeben, von denen keine klar als gut oder schlecht zu erkennen ist. Es wird kein Schwarz oder Weiß in dem Spiel geben, nur eine ganze Reihe von Grautönen. Wie im richtigen Leben, wie man uns versichert.