Atemnot, extreme Kräfte und unglaubliche Hitze – Formel 1-Legende Jean Alesi und ein Wissenschaftler erklären, wie der Körper von F1-Piloten bei 300 km/h und mehr reagiert.
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F1

Was passiert im Körper von Formel 1-Piloten?

Formel-1-Piloten sind Extremsportler. Erfahre, welchen körperlichen Belastungen und G-Kräften die Fahrer während eines Rennens ausgesetzt sind.
Autor: Mathieu Fageot
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„Viele Leute denken, dass man in der Formel 1 gemütlich im Auto sitzt und einfach seine Runden dreht. Dabei sind Rennen in einem solchen Einsitzer körperlich extrem anstrengend. Die Power des Boliden ist erbarmungslos. Das fühlt sich an wie ein Boxkampf.“ Doch was durchleben Formel 1-Piloten wirklich, wenn sich der große Jean Alesi noch so gut daran erinnern kann?
Da zu dieser Thematik bisher nur wenige Studien veröffentlicht wurden (was auch an gewissen Branchengeheimnissen liegt), haben wir uns an Jean Alesi, früherer F1-Fahrer und aktueller Leiter des französischen Automobilsportdachverbandes FFSA, sowie an Dr. Fabrice Joulia gewandt, der sich als Wissenschaftler mit der Physiologie unter Extrembedingungen beschäftigt.

Die dunkle Seite der Macht

„Wie bei vielen anderen Sportarten ist der Körper von Formel 1-Piloten zwei verschiedenen Arten von Beanspruchung ausgesetzt“, so Joulia. Dabei meint er eine mechanische Beanspruchung und eine physiologische. Beide gehen auf die berühmten G- und Fliehkräfte zurück, die beim Beschleunigen, Bremsen und in den Kurven auf die Fahrer einwirken. „Ein überwältigendes Gefühl“, wie Jean Alesi sagt, das mehrere direkte Auswirkungen hat.
Im Rennen sind F1-Fahrer Kräften von bis zu 5G ausgesetzt. Das Gewicht von Kopf, Helm und HANS-System – zusammen immerhin gut 10 Kilo – verfünffacht sich bei diesen Kräften. „Dieses Gefühl ist überaus unangenehm“, erklärt Jean Alesi. „Wenn dein Kopf in einer Rechtskurve nach links zieht, ist das für einen Piloten extrem anstrengend.“ Keine Frage. Um in Topform und auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, trainieren Formel 1-Piloten ihre Nackenmuskulatur intensiv.
„Man muss körperlich topfit sein, da ansonsten der Kopf mit jeder Runde stärker ermüdet“, berichtete Max Verstappen kurz vor seinem WM-Titelgewinn dem Magazin GQ. „Das Gefühl lässt sich nur schwer beschreiben. Ich kenne nichts, was ähnlich intensiv ist. Egal, wie gut sich die Fahrer im Winter vorbereiten – wenn sie das erste Mal wieder ins Auto steigen, werden sie am nächsten Tag mit ziemlicher Sicherheit Nackenschmerzen haben.“
Max beim Boxtraining

Max beim Boxtraining

© Rodrigo Jardón

Auch die Lenden- und Bauchmuskulatur muss intensiv trainiert werden, da sie in den F1-Boliden trotz der verschiedenen Sicherungssysteme stark beansprucht wird. Welche Übungen favorisieren die Piloten? „Das ist von Fahrer zu Fahrer unterschiedlich“, meint Alesi. „Im Winter habe ich immer viel Skilanglauf und Krafttraining gemacht.“
Max Verstappen ergänzt: „In der Saisonvorbereitung kommt es für mich vor allem darauf an, den Oberkörper zu stärken, insbesondere die Schultern und den Nacken. Ich konzentriere mich auch auf den Rücken und die Bauchmuskulatur, weil sie im Rennwagen stark beansprucht werden. Das sind für mich die wichtigsten Trainingsaspekte in der Vorbereitung.“
Für Fabrice Joulia könnte Apnoe-Tauchen interessant sein: „Es entspannt, und schließlich ist es ja so, dass es den F1-Piloten während des Rennens sprichwörtlich die Luft zum Atmen nimmt“, was im Übrigen eine weitere Folge der starken Fliehkräfte ist. „Bei jedem Bremsvorgang schnürt es den Fahrern die Luft ab. In jeder schnellen Kurve können die Piloten nicht atmen. Das lässt sich vielleicht mit einem Boxer vergleichen, der seine Muskeln anspannt, weil er einen Schlag in den Bauch erwartet. Genauso halten Formel 1-Fahrer vor jeder schnellen Kurve die Luft an. In der Formel 1 besteht die große Kunst darin, die richtige Balance zwischen Luftanhalten und Luftholen zu finden, ohne dabei zu ermüden.“
„Das ist jetzt kein Zuckerschlecken“, erklärte Daniel Ricciardo, ehemaliger Pilot bei Red Bull Racing, gegenüber dem Magazin Sport & Style. „Auf der Geraden kann ich ein wenig durchatmen. Da erreiche ich auch meine Maximalgeschwindigkeit. Und so komisch das klingt, in diesen Passagen kann ich am ehesten entspannen. In anderen Streckenabschnitten wie Kurven, Schikanen, Kehren usw. atme ich praktisch kaum. Das ist ein Gefühl von totalem Stress und Anspannung. Beim Anbremsen auf eine Kurve ist mein Körper gespannt wie ein Bogen, extrem beansprucht und komplett steif. Deshalb mache ich viele Visualisierungs- und Meditationsübungen.“
Jean Alesi im Sauber C14

Jean Alesi im Sauber C14

© GEPA/Harald Steiner

Eine weitere Folge der G-Kräfte, die auf den Körper der Piloten wirken: das Blut verteilt sich anders im Organismus. „Beim Beschleunigen versackt das Blut im Unterkörper und in den Beinen. Daher muss das Herz der Fahrer, das dabei auch so schon 150 Schläge pro Minute erreicht, ganz schön pumpen, um das Gehirn und die beanspruchten Muskeln wieder zu versorgen“, erläutert Fabrice Joulia.

Hitzemanagement

In einem Formel 1-Wagen kann die Temperatur gut und gerne 10–20 Grad über der Außentemperatur liegen. Unter normalen Rennbedingungen schwitzen die Piloten ungefähr genauso viel Wasser aus wie beim Laufen, d. h. etwa 1,5 Liter pro Stunde. Auch wenn warme Temperaturen für Jean Alesi nichts Ungewöhnliches sind, gibt er zu bedenken, dass einige Grands Prix wie Singapur oder Malaysia wegen der hohen Luftfeuchtigkeit bei ohnehin schon großer Hitze besonders anspruchsvoll sind. „Nach meinem ersten Rennen in Kuala Lumpur habe ich Sterne gesehen. Da musste ich mich erstmal hinsetzen“, so der frühere F1-Pilot.
Seiner Erfahrung nach sind die Fahrer heutzutage viel besser vorbereitet als zu seiner Zeit. „Damals hörten wir einfach auf unsere Körper. Heute kümmern sich Wissenschaftler ununterbrochen um die Piloten. Dadurch gibt es kaum noch böse Überraschungen. Wenn ich im aktuellen F1-Boliden von Hamilton oder Verstappen sitzen würde, würde ich keine Runde durchhalten.“ Warum so pessimistisch, Jean?
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