Alexander Wurz mit dem früheren Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene
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F1

„Bei einer Teamorder wird Vettel plötzlich Funkprobleme haben...“

Formel 1-Insider Alexander Wurz im Interview: Hamilton ohne Vertrag, Vettel ohne Cockpit, Verstappen noch ohne Titel und Leclerc ohne Hoffnung – was bedeutet das für die verrückte Saison 2020?
Autor: Eugen Waidhofer
5 min readveröffentlicht am
Benetton, McLaren und Williams… Alexander Wurz war zwischen 1997 und 2007 für große Teams in der F1 am Start. Heute ist er Präsident der Grand Prix Drivers’ Association, Streckendesigner, Berater und gemeinsam mit Ernst Hausleitner ORF-Kommentator. Im Interview verrät uns Alex, wie die Fahrer ticken – wir blicken hinter die Kulissen der Formel 1:
Mit dem Saisonstart der Formel 1 beginnt auch gleich die Silly Season mit wichtigen Vertragsverhandlungen, zum Beispiel von Lewis Hamilton oder Sebastian Vettel. Wieviel Show ist bei diesen Verhandlungen dabei?
Grundsätzlich ist bei der Formel 1 immer viel Show dabei. Aber bei Vertragsverhandlungen gibt es schwarz oder weiß. Das heißt, entweder passieren die Verhandlungen komplett hinter den Kulissen, ganz still und heimlich und dann meistens extrem schnell. Oder es wird in aller Öffentlichkeit verhandelt, mit dem Zweck über Medien und manchmal auch über Fake-News Druck aufzubauen. Das ist typisch Formel 1. Das gilt übrigens für alle Verträge, also für Fahrer, Teams, Sponsoren oder Promoter.
Wer definiert die Schmerzgrenzen bei den Verhandlungen? Haben die Fahrer ganz konkrete Vorstellungen bei Gehalt und Laufzeit oder verlassen sie sich eher auf ihre Manager, dass sie das Beste rausholen?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt einige Fahrer, die den Ton vorgeben, die ganz genau wissen, was sie wollen und die sich teilweise auch mit den rechtlichen Details auskennen. Sebastian Vettel zum Beispiel hat seine Verträge bis zum Komma immer selbst gemacht und ausverhandelt. Um das zu schaffen, muss man als Fahrer mitdenken und auf Zack sein. Du musst dabei immer auch wissen, wo die Konkurrenz steht. Denn wenn du zur falschen Zeit am Markt stehst, dann hast du keine Chance, zu einem guten Deal zu kommen. Wenn man eine Option nur um einen Monat falsch gesetzt hat, dann kann das die Karriere kosten. Weil das alles sehr komplex ist, gibt es auch einige Fahrer, die sich zu 100 Prozent auf den Manager verlassen.
Alexander Wurz mit Ernst Hausleitner

Alexander Wurz mit Ernst Hausleitner

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Gerade bei Sebastian Vettel hat man das Gefühl, dass die Teams am Ende des Tages in der stärkeren Position sind. Ferrari kann es sich leisten, einen vierfachen Weltmeister vor die Tür zu setzen...
Die Stärkeverhältnisse in der Formel 1 ändern sich wie eine Fahne im Wind im Aprilwetter. Bei Sebastian ist es jetzt so, dass er zum ersten Mal in seiner Karriere ein Pech gehabt hat. Sein Vertragsverhältnis wurde sehr spät nicht verlängert und es hat sich in keinem anderen Team ein guter Platz aufgetan. Als Profi musst du aus einem schlechten Start das Beste machen. Sebastian muss jetzt sagen: Okay, ich habe jetzt eine schlechte Verhandlungsposition, aber vielleicht ändert sich das in einigen Wochen. Wir wissen ja nicht, was passiert, wenn 2 oder 3 Teams Probleme bekommen und die großen Teams mit 3 Autos an den Start gehen. Dann ist Sebastian wieder in Pole Position, weil er der begehrteste Fahrer wäre. Vettel ist ein ganz cleverer Mensch, der das genau versteht und erkennt.
Max Verstappen kommt als Doppelsieger zum Red Bull Ring und soll 2020 jüngster Weltmeister werden. Wie groß ist der Druck auf den Nummer 1-Fahrer von Red Bull Racing?
Als Doppelsieger zum Red Bull Ring zu kommen wird Max und seinen Charakter beflügeln. Er weiß, dass er seine Leistung nur wieder so bringen muss, wie er es bereits getan hat. Und er weiß auch, dass er im richtigen Auto sitzt, um am Spielberg gewinnen zu können. Max will unbedingt Weltmeister werden – ob er dabei auch der jüngste Weltmeister in der Formel 1-Geschichte ist, ist ihm meiner Meinung nach völlig egal.
Kann sich Lewis Hamilton auch nach 6 WM-Titeln und ohne Vertrag für die Zukunft noch voll motivieren?
Da bin ich mir zu 100 Prozent sicher. Der Lewis brennt nach wie vor, er hat noch immer seine volle Motivation.
Carlos Sainz wechselt nächste Saison zu Ferrari. Ist ein Fahrer mit diesem Ausblick vorsichtiger unterwegs, damit nur ja kein Unfall mit Verletzungen passiert?
Nein! Ganz im Gegenteil, Carlos Sainz wird entfesselter antreten als jemals zuvor, weil er beweisen will, dass er die richtige Wahl von Ferrari war.
Wie wird Sebastian Vettel mit einer Teamorder umgehen, dass er Charles Leclerc vorbeilassen sollen?
Sebastian wird plötzlich Funkprobleme haben und die Anweisung nicht hören...
Der Ferrari hat bei den Wintertests nicht gut performt. Was bedeutet das mental für Charles Leclerc, auf den ein großer Erwartungsdruck lastet?
In der Position von Charles Leclerc ist das noch kein Problem. Als junger Fahrer steckt man das eher weg, weil man ja weiß, dass eh noch 10 gute Jahre vor einem liegen. In der Situation von Sebastian Vettel ist das nicht so einfach. Er weiß schon jetzt, dass er wieder ein schwieriges Jahr vor sich hat.
Lance Stroll soll 2021 vom „hauptberuflichen Sohn“ zum Sieganwärter im neuen Team seines Vaters werden. Kann er das schaffen?
Die Erwartungshaltung ist tatsächlich sehr hoch. Ich bin schon sehr gespannt, wie Lance mit diesem Druck umgeht. Aber wenn das Auto zu seinem Fahrstil passt, dann kann er uns alle überraschen. Davon bin ich überzeugt.
Wir erleben am Spielberg das erste Doppelrennen in der F1-Geschichte. Was bedeutet das für einen Fahrer, der den ersten Grand Prix verpatzt: Ist für ihn das zweite Rennen auch gleich gelaufen?
Das hängt vom Charakter der Fahrer ab. Es wird manche geben, die nach einem schlechten Rennen komplett abschließen. Aber die meisten Fahrer werden sich in so einer Situation aufraffen, sie werden analysieren und Rückschlüssen ziehen. Aufgeben ist für einen echten Rennfahrer keine Option, sonst wäre er ja kein Rennfahrer geworden.