Patrick von Känel - Landwasserviadukt
© Sidario Balzarini
Paragleiten

"Es war wie Lotterie"

Mit fast 60 km/h durch drei Viaduktbögen, nur wenige Meter von den Pfeilern entfernt – und über ihm fährt ein Zug der Rhätischen Bahn. Profi-Gleitschirmpilot Patrick von Känel über sein Projekt.
Autor: Sebastian Lavoyer
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Patrick, du bist im Slalom durch das Landwasserviadukt in Filisur, Graubünden geflogen. Wie kommst du auf eine solche Idee?

Patrick von Känel: (Schmunzelt) Inspiriert hat mich ein Einspieler des Schweizer Fernsehens. Bei diesem fliegt das rote SRF-Logo durch das Landwasserviadukt, während ein Zug der Rhätischen Bahn über das Viadukt fährt. Irgendwann nach meinem Tunnelflug im Jahr 2024 kam mir die Idee.

Wie bereitet man sich auf einen solchen Flug vor, einen Flug, den noch niemand gemacht hat?

Patrick von Känel: Wir hatten vier Tage, an denen ich zwischen 15 und 19 Testflüge machte. Am ersten Tag nahm ich drei unterschiedlich grosse Schirme mit. Mit dem kleinsten verlor ich in den Kurven zu aggressiv an Höhe. Der mittlere gab mir mehr Reserve für die Landung. Danach tastete ich mich Schritt für Schritt heran: zuerst durch einen Bogen, dann durch zwei. Beim siebten oder achten Versuch schaffte ich erstmals drei.

Patrick von Känel - Viaduc de Landwasser

Patrick von Känel - Viaduc de Landwasser

© Gabriele Seghizzi

Warum brauchtest du dann noch einmal so viele Flüge, bis du bereit warst?

Patrick von Känel: Weil ich kurz darauf in den Weiden landete – also ich kurz vor den Weiden, mein Schirm mitten in den Bäumen. Das gute Gefühl, das ich mir in all den Flügen zuvor sorgfältig aufgebaut hatte, war schlagartig weg. Gedanklich war ich nicht mehr beim Slalom, sondern bei der Landung und den Bäumen. Ich musste mich Flug für Flug wieder herantasten. Bis das Bauchgefühl wieder stimmte.

Erklär einem Laien, wie man Slalom durch ein Viadukt fliegt. Was erwartet einen da?

Patrick von Känel: Die Bögen sind rund 20 Meter breit, der Schirm hat eine Spannweite von rund vier Metern. Das klingt nach viel Platz. Aber du musst die Kurve bereits vor dem Bogen einleiten – wie ein Skifahrer, der vor dem Tor zu drehen beginnt. Nur darf ich nicht einfädeln.

Wie schnell warst du unterwegs?

Patrick von Känel: Ich flog mit etwa 55 km/h durch den Bogen, bremste in der Kurve auf rund 20 km/h ab und beschleunigte dann wieder.

Drei Kurven, dann die Landung. Kein Problem, oder?

Patrick von Känel: Ja, wenn man Platz hat. Aber ich hatte in Filisur bloss circa 10 auf 50 Meter Landefläche. Umgeben von Bäumen, Sträuchern und Hindernissen. Direkt nach einem Fluss. Ich hatte nur ein paar Zehntelsekunden, um mich darauf vorzubereiten. Eigentlich musste ich die Landung bereits vor der Brücke einteilen.

Was geschieht im Kopf, wenn es endlich aufgeht?

Patrick von Känel: Während des Fluges bist du so krass fokussiert, weil jeder Handgriff sitzen muss. Es geht um Hundertstelsekunden. Alles muss stimmen: Höhe, Kurve, Zug und Landung. Als ich gelandet war, zitterte ich. Wenn es vorbei ist, merkst du erst, wie müde du bist. Ich hatte einen richtig schweren Kopf.

Du hast eingangs den Tunnelflug erwähnt. Im Val di Fiemme (IT) bist du mit fast 60 km/h durch einen mehr als 150 Meter langen Tunnel geflogen. Das war ein Weltrekord. Ist das nicht anspruchsvoller als der Viadukt-Slalom

Patrick von Känel: Am Drehtag beim Viadukt wäre ich lieber noch einmal durch den Tunnel geflogen. Dort war alles gerade und gleichmässig. Beim Viadukt musste ich zentimetergenau um die Brückenpfeiler kurven, den Zug beobachten und gleichzeitig die Landung im Auge behalten. Es ging bam, bam, bam: eine Herausforderung nach der anderen. Und ich bin wirklich schlecht im Multitasking.

Kannst du den Viadukt-Slalom mit irgendwas vergleichen?

Patrick von Känel: Das war, als würdest du aus 50 Metern einen Basketball in den Korb werfen. Genau in dem Moment, in dem der Ball durchs Netz fällt, willst du ein Foto machen – und im Hintergrund soll gleichzeitig ein Flugzeug vorbeifliegen. Du weisst aber nicht genau, wann es kommt.

Patrick von Känel - Landwasserviadukt

Patrick von Känel - Landwasserviadukt

© Gabriele Seghizzi

Warum? Der Zug fährt doch nach Fahrplan.

Patrick von Känel: Das schon. Aber je nachdem, ob er eher spät dran war oder zu früh, fuhr er schneller oder langsamer durch den Tunnel. Für den Dreh hatten wir eigentlich drei Zeitfenster, also drei Züge. Beim zweiten war ich noch weit weg, als ich bemerkte: Der Zug ist schon auf dem Viadukt. Ich musste abbrechen. Beim dritten war ich bei der Brücke, aber der Zug noch lange nicht. Es fühlte sich an wie Lotterie.

Ihr hattet doch nur drei Versuche.

Patrick von Känel: Aber wir erhielten noch einen vierten – und der passte (lacht).