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Rap aus Genf: 11 Künstler, die du kennen musst

© Alan Sahin
Vom Phänomen Di-Meh über Nachwuchshoffnungen wie Gio Dallas bis zur Ozadya-Crew: Ein Überblick über die Genfer Rap-Künstler, die du auf jeden Fall auf dem Schirm haben solltest.
Autor: François Grazveröffentlicht am
Vor nicht allzu langer Zeit war es noch eher unwahrscheinlich, dass Genf eines Tages eine Rolle in der Welt des Hip-Hop spielen würde. Doch Talent und das Streben nach Höherem waren hier schon immer vorhanden, wie der Titel "Genève" von Marekage Street zeigt, einem Kollektiv aus den 2000er Jahren, das Di-Meh gerne als Einfluss anführt. Doch gerade dank ihm und seinen Gefährten von der SuperWak Clique hat Hip-Hop in der Schweiz während der letzten fünf Jahre eine echte Renaissance erlebt.
Neben dem Erfolgstrio Di-Meh/Slimka/Makala haben viele andere Künstler den Weg nach oben geschafft, seien es Varnish La Piscine, Dewolph und Daejmiy vom Label Colors Records oder Künstler wie Ozadya, Sawmal oder Gio Dallas, die sich selbst bis an die Spitze arbeiteten. Genauso wie vor einiger Zeit im belgischen Rap, so hat auch die französischsprachige Szene im Schweizer Hip-Hop ihr Selbstvertrauen gefunden. Und das ist auch gut so, denn die Stadt mit der Wasserfontäne ist voller Talente.
Ein Überblick über die neue Welle des Rap Made in Geneva.

Di-Meh

"Sie dachte, ich wäre ein Mythos, denn ich rappe, seit ich ein Kind bin." Man neigt dazu, zu vergessen, doch Di-Meh hat im Alter von 24 schon mindestens zehn Jahre im Rap-Game auf dem Buckel. Am 10. Mai 2013 veröffentlicht er sein allererstes Mixtape "Comme sur les roulettes" in Zusammenarbeit mit DJ Vidy. Seit diesem mittlerweile symbolträchtigen Datum werden nicht weniger als sechs weitere EPs veröffentlicht (darunter "Dimeh Hendrix" im Februar 2015), das letzte davon, die EP "Fake Love" mit 15 Songs.
Egal ob mit Tricks auf dem Skateboard oder damit, dass er so gut wie jedes Instrument spielen kann, MC Dimelo begeistert mit seiner Bühnenpräsenz und trägt damit auch zum Ruf der Xtrm Boyz als sensationeller Live-Act bei, welcher jede Stage abfackelt. Mit seiner aussergewöhnlichen Stellung in der französischsprachigen Rap-Szene und besten Verbindungen nach Paris (Lomepal, Sheldon, Nepal...), Brüssel (Caba und JJ, Krisy...) und sogar Barcelona (MC Buzzz), scheint Di-Meh nicht mehr zu bremsen zu sein. Nächster Schritt auf seinem unaufhaltsamen Weg nach oben: Ein Album. Und auch wenn noch nichts darüber bekannt ist: Die Chancen stehen gut, dass der 10. Mai 2020 ein weiterer historischer Tag für die Schweizer Rap-Szene wird.

Makala

"Genf schenkt mir sein Vertrauen", skandiert Makala 2013. Vier EPs, eine Compilation und ein Album später, ist es nicht mehr nur die Stadt mit dem Wasserstrahl, die an ihn glaubt, sondern die ganze Schweiz. Mit viel Selbstvertrauen gelingt es dem Rapper, den Standard im Rap-Game neu zu definieren und seine künstlerische Note zu setzen, unterstützt von seinem langjährigen Freund Varnish la Piscine. Tatsächlich, wenn die beiden Freunde zusammen abreissen, ist es ein bisschen wie eine Gogeta-Fusion. Beweis ist das ausgezeichnete "Radio Suicide".
Wie der Titel schon sagt, sind die Songs seines ersten Albums meilenweit von klassischen Radio-Liedern entfernt und genau das macht sie so stark. Mit einer Mischung aus anspruchsvollen Titeln wie "Big Boy Mak" und intimeren Songs wie "Goatier" trifft Makala genau ins Schwarze. Für die Promotion des neuen Albums kreiert er sogar seine eigene, völlig absurde Radiosendung, die Radio Suicide Show, eine unkonventionelle Mischung aus The Eric Andre Show und Loiter Squad von Tyler the Creator. Mit seinem verrückten Universum, macht der unvorhersehbare Makala also weiter von sich Reden.

Slimka

Cassim aka Slimka aka Slim Kunta aka George de la Dew: Der 24-Jährige aus Genf entfacht mit jedem Projekt einen neuen Flächenbrand. "No Bad Vol. 1" und 2, welche er im Abstand von weniger als einem Jahr veröffentlich, zeigen die fast grenzenlose Produktivität des Rappers. Slimkas erster großer Erfolg, das faszinierende "Wes Anderson", zeigt dem Publikum schnell sein künstlerisches Potential - und das wird schnell bestätigt durch Songs wie "Dynastie", seinem Hit "George de la Dew" oder dem Banger "Supsup".
Im Februar 2019, nach fast einem Jahr Pause, startet Slimka sein Comeback: Mit "Boryngo", einer Serie von wöchentlichen Freestyles, erinnert der XTRM Boy seine Fans daran, dass er das Game noch nicht verlassen hat. Nach dieser gefeierten Rückkehr macht sich Slimka für den Rest des Jahres wieder rar - weil etwas bevorstehe, wie er seinen Fans mitteilt: "Ich bereite jedenfalls keine EP vor". Ist da etwas ein Album in Sicht? Die Antwort gibt`s wohl 2020.

Danitsa

Seit 10 Jahren in Genf bekannt, ist Danitsa nun auch drauf und dran sich auch in der Gesamtschweizer Szene einen Namen zu machen. Während sie sich schnell von der Newcomerin zur angesehenen Künstlerin entwickelt, arbeitet Danitsa im Laufe der Jahre immer mehr mit anderen Künstlern zusammen. Nach zwei EPs erscheint 2017 ihr erstes Album "Ego" beim Label Evidence Music. Das Album klingt durch eine raffinierte Mischung aus Reggae-, Funk- und Hip-Hop-Sounds so, als würde man Gregory Isaacs, George Clinton und Lauryn Hill bei einer gemeinsamen Jam-Session belauschen.
Allein im Song "Captain" zeigt sich eine Verdichtung dieser verschiedenen Einflüsse. "Captain" ist es auch, der wesentlich dazu beiträgt, dass Danitsa über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt wird. Nach einer Tournee mit mehr als hundert Stationen verbringt die Künstlerin den größten Teil des Jahres 2019 im Studio - und das nicht irgendwo: Danitsa reist nach Los Angeles. Nach 6 Monaten in den USA verfeinert sie derzeit ihr lang erwartetes zweites Album, mit dem sie ihren musikalischen Aufstieg fortsetzen will.

DeWolph

Der britischste unter den Schweizer Rappern beeindruckt nach wie vor mit seinen unterschiedlichen EPs. DeWolph, der seit mehreren Jahren in Genf lebt, unterscheidet sich von den anderen Mitgliedern der SuperWak Clique durch seine ausschliesslich in englischer Sprache gehaltenen Texte, die seine tiefe Stimmfarbe unterstreichen. Der gebürtige Bradforder, der spielerisch zwischen zwischen reinem Westküsten- und Londoner Grime-Sound variiert, orientiert seinen Sound an einer Vielzahl von Einflüssen.
Mit seiner 2017 veröffentlichten EP "Hours" zelebriert DeWolph einen durchweg düstereren Stil, sowohl in Bezug auf seine Texte als auch seine Beats, welche vollständig vom Schweizer Beatmaker LEX kreiert werden. Zwei Jahre später kommt der MC mit einem lebensbejahenderen Projekt zurück, das passenderweise "Peep Show" heisst. Mit deutlich vielseitigeren Klängen und mehr Risikobereitschaft, hebt sich die EP deutlich vom Vorgänger ab.

Daejmiy

"Phantom, Phantom, Phantom, Phantom". Diesen Slogan stimmt Daejmiygerne an, bevor er zu seinen bösen Taten ansetzt. Seit einigen Jahren in der Rap-Szene als Teil der SuperWak Clique aktiv, wird er dank seines wütenden Parts auf dem Di-Mehs Rap-Banger "Big Foot" auch endgültig einem breiteren Publikum bekannt. Man muss sagen, dass der Rapper kongolesischer Herkunft unbestreitbar viel Charisma hat und sein Flow aussergewöhnlich ist, wie er es bereits in der Vergangenheit bewiesen hat.
Sehnsüchtig erwartet, erscheint in Kürze seine erste EP und während der Wartezeit, releast das Phantom Daejmiy die Songs Stück für Stück und setzt dabei Qualität über Quantität. Mit "Sorry Daej", produziert von Beatmaker Klench Poko, lädt er seine Hater sein, sich bei ihm zu entschuldigen - und lässt mit jeder Punchline spüren, wie gross sein Ego ist. Es ist zu erwarten, dass in den nächsten Monaten einigen Leuten der Atem stocken wird.

Varnish la Piscine

Vielseitig. Dieses Adjektiv beschreibt wohl am besten den Mann, der sich wie ein Chamäleon in einen Producer, Rapper, Sänger oder Regisseur verwandeln kann. Varnish La Piscine, Künstler mit vielen Facetten, bezieht seine musikalischen Einflüsse vom Producer-Duo The Neptunes, aka Pharrell Williams und Chad Hugo, die mit ihrem Namen für viele US-Hits der 2000-er Jahre stehen. Tatsächlich fällt es schwer Vergleiche zwischen dem Schaffen des Genfer Producers und dem seines Mentors, Skateboard P., zu vermeiden.
Varnish, der normalerweise die Songs für seinen Kumpel Makala produziert, arbeitet auch mit Künstlern wie Isha, Roméo Elvis oder auch Deen Burbigo zusammen, und erweitert so sein Universum auch über die Schweizer Grenzen hinaus. Jephté, so sein bürgerlicher Name, ist grosser Fan des Vintage-Kinos (wie ein Blick auf seinen Instagram-Account beweist) und liebt es in seinen Projekten ganze Geschichten zu erzählen. Drei Jahre nach "Escape (F+R Prelude)", erblickt sein zweites Projekt "Le Regard qui tue", das vielmehr ein Audiofilm ist, das Licht der Welt. Die EP, produziert zusammen mit Rico TK und Bonnie Banane, ist inspiriert von Kriminalsendungen im Stil der Sechziger Jahre. Varnish ist aussergewöhnlich und gerade deswegen ist auch in Zukunft mit ihm zu rechnen.

Ozadya

2016 wurde in der Calvin-Stadt ein Team von Superhelden gegründet: Ozadya. Das aus sechs Beatmakern (YT Prod, Zalvf, Pekodjinn, Neya, Nnnurah und _Lazzyliffe) und einem Rapper (Voodoo) bestehende Kollektiv von musikalischen Avengern fand schnell eine eigene musikalische Identität: Tropical Trap. Die Combo, eine clevere Mischung aus brasilianischer Musik, Baile Funk und Prod' Trap, sorgte in Genf schnell für Begeisterung und ermöglichte es den sieben Künstlern, ihre Live-Auftritte innerhalb der Schweizer Szene in Kürze zu vervielfachen.
Das vom Label Evidence Music produzierte "OZ Life" erscheint Ende Mai 2018 und bringt zusätzliche Frische in die ohnehin schon vielseitige Schweizer Hip-Hop-Landschaft. "Der Scheiss ist wavy", wie es Voodoo auf "Waves", dem Main Track der EP, so prägnant wie passend formuliert. Kurz vor der Fertigstellung ihres ersten Albums verstehen es die Jungs des Kollektivs, den um sie entstandenen Hype aufrecht zu erhalten und kündigen schonmal das nächste Projekt für den Beginn 2020 an.

Sawmal

In seinen wenigen Jahren im Rap-Game kombiniert Sawmal Originalität und Produktivität und wird so letztlich eine der grossen Figuren in der Genfer Szene. Als eine Säule des Kollektivs Rive Magenta, das er 2015 mitbegründete, vervielfacht der MC die Anzahl seiner Collabs mit anderen Künstlern. So ist Sawmal auf DeWolphs erstem Projekt "The Adventures of Huile Smith & FatMan Blue: SUPERMAGENTA" zu hören, einer Fusion zwischen Superwak und Rive Magenta. Und auch die Verbindung nach Frankreich ist von wesentlicher Bedeutung, wie die Features mit der Annecy-Crew Francis Tra$h und den Lyonern von Nouvelle Conscience zeigen.
Und was ist mit der Solo-Karriere? Sawmal arbeitet auch daran mit Volldampf weiter, wie eine Vielzahl von gedroppten Songs zeigt. Von seiner Spliff-Hymne "Big Sdar", über den Banger "Khalifa Mia 2.0", dem eher sphärigen "Sawphie", bis hin zu härteren "100% PV" - Rapper Sawmal zeigt sich proaktiv. Offensichtlich stellt sich bei jedem Release schon die Frage: Wann kommt die nächste Single? Er arbeitet daran, also gedulde dich gefälligst ein bisschen!

Gio Dallas

Gio Dallas, ein neues Gesicht in der Schweizer Rap-Szene, beginnt bereits früh damit, seine ersten Takte zu komponieren... im Alter von 11. Dank seines musikalischen Vater zunächst mit Rock-Musik aufgezogen, entscheidet sich der 19-jährige Genfer letztlich doch für Hip-Hop. Seine EP "Young Teenager" zeigt eine ungewöhnliche Reife für ein Debüt, ersichtlich nicht zuletzt im Song "Coucher de lune".
À propos Reife: Die Single, die seine junge Karriere wohl am meisten beeinflusst, ist "Migros", mit dieser Metapher, deren Geheimnis wohl nur er selbst kennt: "Ihre Beine sind immer offen wie der Migros am Bahnhof". Es ist nicht bekannt, ob diese Zeilen den Umsatz angekurbelt haben. Was man aber sagen kann: Gio Dallas hat nicht nur einen guten Flow, sondern auch gute Pointen. Seit Juni 2019, veröffentlich er pro Monat einen Song, darunter "Les Robes", eine Hommage an sein Herkunftsland Kosovo. Ein Rhythmus, den er bis Dezember beibehalten will, um das Jahr somit in seinem Stil abzuschliessen.

Rounhaa

Nicht nur in den USA verhilft Soundcloud jungen, vielversprechenden Rappern zu Bekanntheit, wie Rounhaa, 19 Jahre und bald mit seiner zweiten EP auf dem Markt, beweist. 2017 beschliesst der Rookie, einige selbstgemachte Songs auf der Plattform zu droppen und startet damit direkt durch. Die Klickzahlen steigen schnell, die Aufmerksamkeit auch. So sehr, dass im November 2018 "Multivert" erscheint, sein Debüt, dessen Songs an einen gewissen Travi$ Scott erinnern.
Bei Rounhaa bringen einen nicht nur die Songs zum Staunen, es sind auch die Clips. Vollständig von ihm selbst produziert, ist "Galaxie" so etwas wie eine Begegnung der dritten Art. Gleiches gilt für "SMS", einen echten Banger, mit ruckeligen Visuals produziert von Adrien Absolonne und Stefan Schumann. Doch damit nicht genug: Der MC arbeitet aktuell an seiner zweiten EP, die er für den 22. November angekündigt hat. Mit der Single "Pare Balle" kündigt Rounhaa ein eher introvertiertes Projekt an und bestätigt seine stetige künstlerische Weiterentwicklung.